Evakuierung der KZ-Außenlager in Kaufering

Als die US-Armee über Frankfurt hinaus nach Süddeutschland vorgedrungen war und es sehr schnell schaffte, um den 25. April herum zwischen Ulm und Dillingen über die Donau zu setzen, kam es zu drei Bewegungen, von denen der Raum Landsberg stark betroffen war:

 

a. Truppen, Munition und Verpflegung wurden zusammengezogen und, soweit es ging, auf Schienen in Richtung München und die sogenannte Tiroler "Alpenfe­stung" (bei Wörgl) zurückgenommen. Diese Transporte wurden verschiedentlich von US-amerikanischen Jagdbombern erfolgreich angegriffen.

 

Der Koch einer Flak-Einheit (3) berichtet z.B. von zwei Flak-Zügen, die von Frei­burg her auf dem Rückzug waren und die erstmals bei Sigmaringen unter Beschuss gerieten. Die Lebensmittel kamen auf den Zug, der noch fahren konnte und dieser gelangte noch bis Buchloe. Dort wurde auf Lkw umgeladen, da auch nur noch wenige Züge über die Lechbrücke bei Kaufering gelassen wurden. Eine Flak-Kompanie kam noch bis zur Dampfsäge bei Schwabhausen. Die Munition wurde in den "Un­teren Hölzern" gegenüber der Dampfsäge versteckt, wo sich schon eine Flakstellung auf 1,72 ha Wald verschanzt hatte. Die Flakgeräte und elektrischen Leitungen mussten nach dem Krieg noch abgebaut werden.

 

Die genannten Lebensmittelvorräte mussten vom Koch in einem Stadel bewacht werden. Dort wurde er aber vergessen, so dass dieser, nach kurzem Schlaf mit einem einge­handelten Fahrrad (Gegenleistung war das Erschießen einer Sau!) am Morgen des 28. April sich auf und davon machte. Man kann sich das Durcheinander, das zu diesem Zeitpunkt in dieser Gegend herrschte, nicht groß genug vorstellen. Es wimmelte nur so von Truppenteilen ohne klare Anweisungen, Fahrzeugen, die keinen Anschluss mehr fanden und einzelnen Soldaten und Leuten, die - wenn sie Glück hatten - niemand mehr nach dem Woher und Wohin fragte oder die - wenn sie Pech hatten - doch noch in eine Kontrolle der "Kettenhunde" (Feldgendarmerie) gerieten.

 

b. Vor Eintreffen der alliierten Streitkräfte marschierte noch die sogenannten Wlassow-Armee durch den Raum Landsberg, General Wlassow selbst machte ein paar Kilometer südwestlich von Landsberg Quartier. Dabei handelte es sich um zwei Divisionen, die der 1942 gefangen-genommene russische General auf dem Heu­berg für die Wehrmacht aus russischen Kriegs-gefangenen zur "Befreiung der Völker Russlands" zusammenstellen durfte. Für den Marsch in die Tschechei gab es aber keine geregelte Versorgung, so dass die Bevölkerung unter Plün-derungen zu leiden hatte. Die Aufklärung der Alliierten hatte aber natürlich herausbekom­men, was es da an größeren Bewegungen auf Straße und Schiene an der Grenze zum Landkreis Fürstenfeldbruck gab. Dies sorgte vermutlich nochmals für einige Nervosität bei den ansonsten siegreich vordringenden Amerikanern und Franzo­sen. Es wurde aus diesem Grund in diesen Tagen auf alles geschossen, was sich auf Verkehrswegen ab einer bestimmten Größe bewegte. Teile einer Wlassow-Division trafen bei Eresing auf die Elendszüge der KZ-Häftlinge, es kam zu Sympathiekundgebungen und Verbrüderungsszenen, in die die verunsicherten SS-Wachen hineinschossen; es gab Tote auf beiden Seiten. Gleichzeitig gerieten diese Armeeteile unter den Beschuss der Alliierten. So beschloss man, sie im Raum Landsberg-Fürstenfeldbruck zu sammeln und gegen den Widerstand der Eisenbahnvorsteher per Bahn nach Linz zu trans-portieren, auch zur Vermeidung weiteren selbstversorgenden Plünderns. (25)

 

c. Zur selben Zeit begann auch die Räumung des KZ-Außenlagers Kaufering. Zusammenhänge und Einzelheiten des Aufbaus und der Räumung dieses Lagers lassen sich aus einem Aufsatz von Edith Raim entnehmen (20). Hier nur so viel, dass diese Zwangsarbeiter-Lager auf den Wunsch Görings und Hitlers zurückgingen, die Me 262 und Do 335 in riesigen, unterirdischen Fabrikationshallen zu fertigen. Ende Mai 1944 wurde mit diesen Baumaßnahmen bei Landsberg/Lech und Mühldorf/Inn begonnen. Für die aus den Vernichtungslagern abgezogenen Häftlinge begann ein Leidensweg besonderer Art als Arbeitssklaven (21).

 

Man kann sich die Verunsicherung der Häftlinge vorstellen, die über ihr weiteres Schicksal bewusst im Unklaren gelassen wurden. Sollten sie im Lager bleiben oder sich für eine Gruppe melden, die zu Fuß an einen anderen Ort verlegt wurde? Wie gelangte man schneller und sicherer in die Freiheit? Es gab in diesen lebensent-scheidenden Fragen einfach keine Sicherheit. Der Häftling Dr. Grinberg schildert diese Situation sehr eindringlich (30, S. 50) Ein Teil derer, die voller Angst blieben, wurde binnen weniger Tage befreit, einem anderen Teil aber drohte, eingeschlossen, beschossen und verbrannt zu werden. Denen, die sich auf den Fußmarsch machten, ging es miserabel unterwegs und viele wurden erst spät in der Gegend von Wolf-ratshausen befreit. Samuel Pisar berichtet in „Das Blut der Hoffnung“ (S. 141), dass eine Fußmarsch-Kolonne am dritten Tag noch in einen Tieffliegerangriff geriet.

 

Ein Augenzeuge (3) sah, wie SS-bewachte Häftlingstrupps auf der Kreisstraße von Landsberg nach Fürstenfeldbruck an der Dampfsäge vorbeizogen. Einem dieser Trupps fuhr ein mit Häftlingen randvoll beladener, von Pferden gezogener, hölzerner Heuwagen voraus. Auch durch das Dorf Schwabhausen (und durch Machelberg) wurden – eindrucksgemäß – tausende von Juden durchgetrieben. Jeder im Dorf musste diesen Elendszug sehen, da die Kreisstraße damals noch längs durchs Dorf verlief. Die Juden in diesen Kolonnen boten den Dorfbewohnern ein unbeschreiblich erbärmliches Bild: Dünne Sträflingskleidung, Holzpantoffeln, keine oder kaum mehr Haare auf dem Kopf, abgemagert bis auf Haut und Knochen. Wenn jemand Durst hatte und sich Wasser geben lassen wollte, wurde er von den Wachen geschlagen und zum Weitergehen getrieben. Darüber erschraken viele im Dorf und dachten bei sich „Wenn die Unseren so mit diesen Leuten umgehen, wie wird es da am Ende uns noch ergehen, wenn der Feind da ist?“ Man weiß aus anderen Quellen, dass dieser Elendszug noch bis Emmering getrieben wurde und dass für die Überlebenden die Befreiung in Allach kam, nachdem Dachau überfüllt war.

 

Wäre der Krieg nicht zuvor zu Ende gegangen, hätte die aus den Außenlagern evakuierten Häftlinge in Dachau die Aktion „Wolkenbrand“ erwartet. Es war vorgesehen, dass die deutsche Luftwaffe die in KZ Zusammengepferchten durch Bombardements vollends vernichtet.

 

Bei der Verfolgung des Schicksals derer, die nicht mehr laufen konnten, können wir dem zuverlässigen Bericht folgen, den der überlebende Arzt Dr. Zalman Grinberg am 31. 5. 45 dem Jüdischen Weltkongress in Genf abgegeben hat (22):

 

„Am 26. April 1945 wurden die kranken Häftlinge aus der Außenstelle des Lagers Dachau (...) in Güterwaggons verfrachtet, angeblich um evakuiert zu werden, in Wirklichkeit einer Vernichtungsstelle zuzuführen. Es handelte sich um Schwerkranke, Erschöpfte, Abgemagerte und kaum noch lebendige Kreaturen. Ein Teil waren Flecktyphuskranke, die anderen Tuberkulöse und der Rest akut fieberhafte Krankheiten. Es waren Kranke, die eigentlich nicht transportabel waren, und schon gar nicht in Güterwagen 70-80 Mann in einem Waggon. Die Kranken wurden wie leblose Wesen verfrachtet und sie lagen in einem jämmerlichen Zustand in den Waggons auf einer Rampe der Arbeitsstelle der Baufirma Holzmann, welche zwischen den Städten Landsberg und Kaufering in Oberbayern sich befand. Bei diesem Transport waren einige Juden, die im Konzentrationslager als Ärzte und Schreiber beschäftigt waren, auch vorhanden. Der Zug setzte sich um 12 Uhr nachts am 26. April in Bewegung, er schleppte sich durch die ganze Nacht und blieb öfters stundenlang stehen. Die ganze Nacht waren Luftalarme, wir hörten die schwere Artillerie näher rücken, wir wussten, dass wir uns unweit der kämpfenden Front befanden. Am 28. morgens (Anm. d. Verf.: Es muss der 27. gewesen sein!) waren wir nur ca. 12 km weiter gekommen. Wir befanden uns vor dem Dörfchen Schwabhausen, welches eine Bahnstation hatte.“

 

Aus einer anschaulichen Aufzeichnung des entkommenen KZ-Häftlings Charles Baron lässt sich die Verladung der Häftlinge aus Lager III auf einen Güterwagen-Zug bis zu dessen Beschuss ergänzend rekonstruieren:

 

Unter dem Druck der rasch herannahenden US-amerikanischen Truppen, zwangen die nervös gewordenen Lagerkapos gegen Abend des 26. April mit Schlägen und Geschrei die bis dahin überlebenden und gerade noch arbeitsfähigen Männer, die nicht mehr bewegungsfähigen, aber noch atmenden (Typhus-)Kranken auf Pritschenwagen zu verladen, die dann mit Traktoren zu dem bereitstehenden Evakuierungszug gefahren wurden. Als diese Arbeit bei Anbruch der Dunkelheit beendet war, ließ der Lagerführer die noch steh- und gehfähigen Lagerinsassen in einer dreigliedrigen Marschkolonne antreten und unter strengster Bewachung durch den an einer Stelle geöffneten elektrischen Zaun zu den einige hundert Meter entfernten Bahngleisen abführen.

 

Charles B. überlegte sich mit seinem Freund Fred S. sehr wohl, ob man das Durcheinander nicht nutzen könnte, um zu fliehen. Doch waren die Amerikaner bisher nur durch ihre Flieger, aber noch nicht persönlich in Erscheinung getreten und sie wagten auch nicht, auf Hilfe bei den Deutschen zu hoffen. Die Verladung in die bereitstehenden, verdreckten Vieh- und verstaubten Zementwagen verlief dann sehr schnell. Auf jedem zweiten Waggon saß ein SS-Wachmann; der mitgeführte Proviant-Waggon hinter dem Waggon von Charles und Fred wurde doppelt bewacht. Am Ende waren drei Personenwagen mit den Lagerkapos und den Wachsoldaten angehängt worden.

 

Als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, versuchten die beiden Häftlinge sich aneinander zu wärmen; die löchrige Decke, die zur Verfügung stand, war voller Läuse. Trotz ihres Erschöpfungszustandes konnten sie lange nicht einschlafen. Der Morgen dämmerte schon fast, als die beiden, steif gefroren, vom Regen durchnässt und hungrig aufwachten. Andere hatten die Fahrt bis hierher, kurz vor der Bahnstation Schwabhausen, nicht überlebt und lagen tot daneben; sie wurden gemeinsam in eine Ecke verräumt. Auch auf dem anderen Gleis war ein Zug zum Stehen gekommen, dessen Waggons versiegelt waren und aus dem kein Laut kam; er war vorn und hinten mit Flak bestückt.

 

Zum Schutz der Bahnhöfe vor Bombenangriffen durften bei Fliegeralarm keine Züge mehr einfahren. Es sei im Übrigen vermutlich (13) dem Schwabhausener Bahnvorstand Dischel zu verdanken, dass die Kauferinger Lechbrücke nicht mehr gesprengt werden konnte, da dieser durchtelegraphierte, „Ich bring noch ein paar Züge, die müssen hinüber!“ Man kann an dieser Begebenheit, sollte sie sich denn so zugetragen haben, erkennen, wie differenziert Reichsbahn und Wehrmacht zueinander in Beziehung standen.