5.1           Statistiken lesen – Hysterie dämpfen

Wie aufgeregt mutet die Diskussion um Ausländer an, wenn wir uns nur einmal ganz schlicht die Zahlen aus der neuesten einschlägigen Erhebung vorhalten: Der durchschnittliche Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung in Bayern betrug 1998 9,2% und 1999 9,2%. In der Großen Kreisstadt Landsberg verzeichnet der Bericht des Bayer. Arbeits- und Sozialministeriums im Oktober 2000 10,8%, ebenso viel hat beispielsweise die Gemeinde Bad Wiessee, Buchloe hat etwas weniger (9,3%), Füssen etwas mehr (14,8%). Erst ab 15% beginnt die „kritische Masse“ und sollte man sich dann auch explizit um Integrationsmaßnahmen bemühen. Zu den einfachsten zählen Ausländerbeiräte, Ausländerbeauftragte (wie hier in Landsberg) oder speziell besorgte Stadtratsmitglieder für Integrationsfragen. Sie kümmern sich zumeist um eine angemessene Wohnungspolitik, um Angebote zum Spracherwerb, um Jugendarbeit und um schulische Belange.

 

5.2           Migration als Dauerphänomen anerkennen

Es steht jetzt an und anständig wäre es, zunächst einmal die Problemsituation hierzulande genauer zu beschreiben, statt Ängste, die ja nicht ganz und gar unberechtigt erscheinen mögen, zu schüren oder sich gar eingegrabener Vorurteile zu bedienen, die gegen Tatsachen sowieso immun sind. Unsere in der Verfassung reklamierten Grundwerte sollten es uns verbieten, mit Ausländerproblemen parteipolitische Süppchen zu kochen und die eigenen Wähler damit abzuspeisen, abzulenken und damit zu beruhigen.

Auf den Tisch gehört, dass es weltweit, insbesondere auch in Europa, schon immer Bevölkerungsbewegungen, sogenannte Migration gab und auch weiterhin geben wird, ja, dass dieser Trend in modernen Gesellschaften im Zuge der nicht mehr aufhaltbaren Globalisierung noch zunehmen wird. Übersehen wird in diesem Zusammenhang aber auch gerne, dass Migration meist pendelförmig abläuft, also nicht nur Zuwanderung, sondern auch Abwanderung einschließt. Derzeit gibt es bei uns mehr Fortzüge als Zuzüge. Solche Zurückwanderer bewegt nicht in erster Linie Misserfolg hier oder Heimweh nach dort, wie so oft kolportiert wird. Sie sind vielmehr getragen von der Hoffnung auf weiteren sozialen Aufstieg, ein gut nachvollziehbares Motiv bei allen Menschen der westlich-zivilisierten Welt. Sie könnten – so meine ich – auch gut Botschafter für ihr bisheriges Aufnahmeland sein, wenn wir sie nur fair genug behandeln wollten.

Warum wird Migration jetzt aber als Bedrohung aufgefasst? Vielleicht spielen uns hier unsere eigenen Phantasien von der Wagenburg, von der Festung Europa, von einer Wohlstandsoase, von dem vollen Boot einen Streich? Je mehr wir uns abschotten wollen, um so großmächtige werden Vorstellungen möglicher Feinde. Haben wir ganz vergessen, dass halb Europa noch bis ins 19. Jahrhundert hinein an einer nicht enden wollenden Kette von Kriegen, an Hungersnöten und Willkür- und Gewaltherrschaften zu leiden hatten und dass viele unserer Vorfahren ihr Heil in anderen Kontinenten verzweifelt suchten? Wir müssen einfach einsehen, dass Mitteleuropa wieder zu dem zurück kehrt, was es vor der nur 50 Jahre währenden Erstarrung der Welt in zwei Blöcke schon immer war – eine Drehscheibe im internationalen Wanderungsgeschehen.

Wer allerdings nur Migration aus der „Dritten Welt“ nicht haben möchte, dem steht schon immer eine Vorsorgemaßnahme offen: Einstellung von Waffengeschäften mit wild gewordenen Stammeshäuptlingen, Fossilien verfehlter europäischer Kolonialpolitik, Einstellung auch von anderen zweifelhaften Geschäften der Agrarindustrie und der Pharmakonzerne, Bezahlung angemessener Preise für  primäre Energieträger, Metalle, Genussmittel wie Kaffee, Kakao, Bananen usw. usf. Damit wird nur strukturelle Armut dort erzeugt, um es hierzulande besser zu haben. Was hindert die Bewohner dort denn sonst daran, ihre Existenzen bei uns gründen zu wollen, wo man es besser hat? Würden wir uns an ihrer Stelle anders verhalten?

 

5.3           Niveauvoller Umgang mit Anderen und Minderheiten

Zurück zu uns und zu dem, was wir im Sinne friedlichen Zusammenwirkens günstiger gestalten könnten. Dazu gibt es nun zwei Minikurse. Der eine heißt „Mir san mir“, der zweite „Mir san die mehreren“. Dabei stütze ich mich wieder mehr auf mein Fachgebiet, die Psychologie.

 

5.3.1       „Mir san mir“ – ein sozialpsychologischer Grundkurs

Je größer der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe, um so unterschiedlicher sind die Wahrnehmungen von Angehörigen der beiden Gruppen. Selbst wenn klar ersichtlich ist, dass die Zuteilung zur einen oder anderen Gruppe rein willkürlich erfolgt, werden die Mitglieder der „eigenen“ Gruppe günstiger behandelt als die der „fremden“. Dazu müssen die Mitglieder nicht einmal in Kontakt zueinander treten oder gar einen Wettstreit austragen. Der Neigung, Fremdgruppen grundlos abzuwerten, unterliegen eher unzufriedene Personen mit geringem Selbstwertgefühl; ist letzteres bedroht, neigen solche Personen dazu, Fremdgruppen abzuwerten oder gar deren Mitglieder zu misshandeln.

Vollends zu Vorurteilen und diskriminierenden Handlungen kommt es immer dann, wenn bei den Betroffenen das Gefühl aufkommt, benachteiligt oder gar betrogen zu werden. Da lebensnotwendige oder begehrte Güter stets rar sind und bei den Kämpfen darum immer einige erfolgreicher als andere hervorgehen, Verteilungskämpfe in der Gesellschaft also an der Tagesordnung sind, gibt es immer „Verlierer“, neuerdings „Modernisierungsverlierer“, die enttäuscht werden und mit neidvollen Gefühlen reagieren.

Wenn auch Vorurteile wegen des bekannten Gruppenegoismus nie ganz ausgeräumt werden können, kann man üblen Diskriminierungen von Angehörigen anderer Gruppen doch entgegenwirken. Die älteste Überlegung dazu, Mitgliedern verschiedener Gruppen häufige Begegnungsmöglichkeiten zu eröffnen, recht nach neueren Erkenntnissen, z. B. bei der Aufhebung der Rassentrennung in den USA, jedoch nicht ganz aus. Auch Erfahrungen mit Städtepartnerschaften dürften dies lehren.

Hinzu kommen muss u.a. die Bedingung, dass sie sich als gleichwertige Menschen begegnen. Integrierend wirken lösbare Aufgaben, vor denen beide Gruppen stehen, die jedoch nur gemeinsam gelöst werden können und auch wirklich Erfolg haben, indem jeder Teilnehmer einen Beitrag leistet (gemeinsame Daseinsvorsorge, Bekämpfung eines gemeinsamen Notzustandes usw.)

 

5.3.2       „Mir san die mehreren“ – Ein Grundkurs in politischer Klugheit

Mehrheiten entscheiden im demokratischen Prozess. Neben den bekannten Vorteilen des Mehrheitsprinzips, dass Entscheidungen z.B. rascher fallen können, werden jedoch in der Ideologie der Mehrheitsparteien oft zwei Nachteile übersehen. Mehrheiten können ihren Angehörigen bisweilen die soziale Wirklichkeit falsch vordefinieren, sie können also ein Bild der sozialen Wirklichkeit suggerieren, das nicht ganz den Tatsachen entsprechen muss. Noch gravierender ist, dass die nützliche Rolle der Opposition, der Minderheiten oder auch der sog. „extremen“ Standpunkte nicht mehr gesehen wird, oft aus Unsicherheit über den eigenen Standpunkt. Man fürchtet, wenn man diese „Aufweichung“ zuließe, die bequeme Macht der Mehrheit zu verlieren.

Von daher sind Manöver verständlich, Außenseiter erst einmal zur Aufgabe ihres Standpunktes zu überreden. Erweist sich dies als aussichtslos, werden Außenseiter ignoriert oder gemieden. Von da ist der Weg nicht mehr weit, Außenseiter als unsympathisch abzulehnen. Je attraktiver die Mitglieder in der Mehrheitsgruppe sich untereinander finden (je mehr gegenseitiges Schulterklopfen vorherrscht), um so kleinere Meinungsunterschiede reichen aus, um den Anderen die Sympathie zu entziehen.

Wir brauchen aber abweichende Meinungen wie die Hefe im Brotteig oder im Brausud; jede Kultur würde erstarren, wenn sich die Menschen nur noch in dem bestätigten, was sie momentan annehmen und meinen. Deshalb ist die Frage so wichtig, wie Mehrheitsmeinungen von Außenseitern  oder Minderheitsgruppen verändert werden können. Viele Persönlichkeiten und Gruppen unserer Geschichte hatten den Mut, gegen Mehrheitsmeinungen aufzustehen. Zu ihrer Zeit erfreuten sie sich meist keiner großen Beliebtheit, doch erweist sich später oft, dass sie es waren, die die Entwicklung im Gemeinwesen voran gebracht haben.

Die verfassungsgeschichtliche Sondersituation, dass in Bayern eine Partei seit Jahrzehnten unangefochten im Regierungssattel sitzt, wirft entsprechend viele Beispiele dafür ab, dass Eingaben von Minderheiten besser beachtet worden wären. Nennen wir aus aktuellem Anlass die Biermösl-Blosn, die schon Anfang der 80er-Jahre das „Land der Baywa“ auf die Schippe genommen haben oder im „Erntedank“-Lied die Agrarchemie und Zuschüsse für „Benezilingöckal im Henakazett“ auf ihre Schippe nahmen.  Als Hias Kreuzeder aus Bayern, Abgeordneter der Grünen im Bundestag, 1990, fünf Jahre nach Aufkommen der BSE-Fälle in Großbritannien das Verfüttern von Tiermehl verbieten lassen wollte, die offene Deklaration von Tierfutter und ein BSE-Forschungsprogramm forderte, wurde dieser Antrag abgelehnt. Noch Ende 1999 wollte die Mehrheitspartei nichts von Gefahren und Gefahrenvorsorge wissen und im Jahr 2000, als es ringsum schon stark kriselte, war die Bayerische Gesundheitsministerin die eifrigste, andere für übertriebene Maßnahmenforderungen zu tadeln. Der Schwur eines jeden Ministers bei Amtsantritt enthält aber wesentlich den Satz, mit ganzen Kräften Schaden vom Volk abhalten zu wollen. Welche höherwertigen Interessen halten unsere gewählten Politiker bloß so nachhaltig davon ab, dies auch einfach zu tun?

Fragen wir uns nach solchen Erfahrungen also: Wie muss man vorgehen, um mit notwendiger Zivilcourage auch erfolgreich sein zu können? Minderheiten sollen, um wirksam werden zu können, einen bestimmten Verhaltensstil pflegen, sie müssen sich gut überlegen, wie sie etwas vorbringen, während die Macht der Mehrheit eben nur aus ihrer Überzahl besteht und argumentieren und agieren kann, wie es ihr gerade gefällt. Als erstes müssen sie sich Gehör verschaffen und zur Kenntnis genommen werden; dafür sollten offene parlamentarische Formen und letztlich auch hellhörige und sauber recherchierende, unabhängige Medien die Gewähr geben. Sodann muss die Mehrheit in ihrer Annahme erschüttert werden, eine allseits geteilte Auffassung zu vertreten; erst dadurch werden Mehrheiten motiviert, sich mit Minderheiten überhaupt zu beschäftigen. Eine Sollbruchstelle liegt darin, dass Mehrheiten ihre Mitglieder oft zu öffentlichen Bekenntnissen zwingen können, die jedoch nicht immer in Übereinstimmung mit persönlichen Überzeugungen stehen müssen. Der Fraktionszwang lässt grüßen.

Schließlich müssen Außenseiter Standpunkte konsequent und beharrlich vertreten, sie dürfen keinen Selbstzweifel erkennen lassen und sollten möglichst als Einheit auftreten. Sie dürfen allerdings auch nicht den Bogen überspannen, sonst wirken sie penetrant und stur; die Mehrheitspartei sollte von ihnen den Eindruck geistiger Beweglichkeit bekommen. Dann ist es wohl weniger ehrenrührig, auch einmal etwas Vernünftiges von der Oppositionsseite aufzugreifen.