Zwischen den Jahren

 

Im Jahr 2016 geschah viel Schlimmes, es hat uns allen zugesetzt, Hoffnungen geschwächt und treuen Glauben gekränkt. Man forscht nach ähnlich frustrierenden Zeiten, findet sie aber schwerlich, da uns die Erinnerung Zurückliegendes vergoldet - Gott sei Dank, sonst würden die Rucksäcke zu schwer, die wir mit uns durchs Leben tragen.

 

Was mussten wir alles erfahren? Unter anderem Verunsicherung der um Sicherheit Besorgten, aufkommende Zweifel an demokratischen Prozeduren, Entlarvung der europäischen Idee als täuschendes Polit-Blabla, Rückzugswahn auf Nationalstaaten und deren selbst zu verantwortende Hilflosigkeit angesichts vorhersehbarer Flüchtlings- und Armutskatastrophen, Sichtbarkeit obszön klaffender Vermögensunterschiede, Abwertung menschlicher Arbeit als etwas Ersetzbares, nicht endender Raubbau an der Natur, träge Unbekümmertheit um das globale Klima...

 

All dies erzeugt eine ungewohnte Fassungslosigkeit bei denjenigen, die für Vernunft sensibel gebliebenen sind und/oder sich auf christliche Werte rückbesinnen wollen, die so leichthin propagiert werden. Nur wenigen gelingt es noch, auf gewohnten Wegen im Alltag, in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft Spur zu halten. Wird denn überhaupt noch für Übermorgen politisch gestaltet oder nur noch wild herumgerudert, wenn sich für Morgen ein Schaden abzeichnet?

 

Etwas hat sich grundlegend geändert. Es ist nicht klar zu fassen, das Gespenst, das umgeht. Es mit dem vorhergesagten Totlaufen des Raubtierkapitalismus zu beschreiben, wäre andererseits nichtssagend abstrakt. Zu sagen, es wäre schon immer so gewesen und es handle sich auch um eine bild- und massenmedial bedingte Einengung auf das Leid in der Welt, kann nicht beruhigen. Ebenso wenig, es sei nur der Abgesang der Alten, die sich für die Angebote und Herausforderungen der Zukunft nicht mehr umstellen wollen oder können.

 

Wie helfen wir uns nun in dieser neuen, ungewohnten Lage der Verunsicherung? Die gewählten Politiker, denen wir indirekt Mandate erteilt haben, sahen sich offenbar außer Stande, unsere grundlegenden Interessen zu wahren. Manche erwiesen sich aus Eigeninteresse blind gegen das schon lange fühlbare, aufziehende Gewitter, andere fanden aber einfach keine Mehrheiten und Koalitionen für ein Haltmachen, für Besinnung und rechtzeitige Reformen oder gar Umwälzungen, die unsere bisherige Lebensart beeinflussten.

 

Vieles an der großmäuligen Anti-Diplomatie des kommenden US-amerikanischen Präsidenten, an der rachegeprägten Alleinherrschaft des Türken und den anti-republikanischen Umtriebigkeiten der polnischen und ungarischen Potentaten erinnert an die Machtergreifung 1932/33 und die nachfolgende Schreckensherrschaft und Weltverwüstung durch die Nazis. Wer wie ich 1941 geboren wurde und die Zerstörungen in Stadt und Land, sowie die Verstörung von Eltern und Verwandten hautnah mitbekommen hat, sollte heute aufstehen und warnend Zeugnis ablegen vom damaligen Wahnsinn. Doch wir haben uns in Jahrzehnten relativer Geborgenheit und Wohlhabenheit einlullen lassen, bei den wohlfeilen Parolen von Recht und Sicherheit, Frieden und Wohlstand gewähnt, man könne hinter diese Erfolgsmarken nicht mehr zurückschreiten, doch wir werden nun eines Schlechteren belehrt.

 

Auch der Kriegswinter 1944/45 war schlimm, brach sich doch die Einsicht Bahn, dass der Traum vom Großdeutschen Reich ausgeträumt war. Viel Leid, Demütigung und Beschämung musste noch bewältigt werden, bis beim endgültigen Kollaps im darauffolgenden Frühjahr von den Siegermächten ein wirklicher "Paradigmenwechsel" erzwungen wurde. Nie wieder Krieg, Wandel durch Handel und Einbetten statt Ausgrenzen waren wirksame Parolen für ein Gleichgewicht der europäischen Nationen, die sich zuvor bekriegt hatten. Krieg - das bezeugen der Balkan, der Nahe Osten und Irak /Syrien - alle vor unserer Haustüre gelegen - ist heute nicht mehr nur eine theoretische Option, sondern zu einer mit einer bezifferbaren Wahrscheinlichkeit geworden. Hass und Vorurteile, über "unsoziale" Netzwerke verbreitet, erniedrigen die Schwelle zur geübten Aggression - erst in Worten, dann in Taten. Können die alten Erzählungen dagegen halten?

 

Das familiäre Glucken um die Weihnachtszeit, angetrieben von der frommen Legende um die ärmliche Geburt eines globalen Heilsbringers, der später einmal die Nächsten- und sogar Feindesliebe predigen sollte, verschwindet zum Jahresende wieder im geschäftigen Geschenketausch und -um­tausch und im Januar in der Truhe der saisonal verfügbaren christlich-bürgerlichen Tröstungen. Glauben wir wirklich noch an Herzenswärme und Seelenadel als zivilisierende Kräfte gegen die Kälte und Dummheit der Welt oder sind sie - wie schon immer - nur an sich etwas Schönes? Sehen wir nicht auch die seelischen und kommunikativen Verelendungen und Verrohungen, zu denen in erster Linie mangelnde Bildungsanstrengungen (v.a. bei sozial Benachteiligten) und vorgegaukelte Kunstwelten der AV-Medien (v.a. bei Jugendlichen) gehören. 

 

Noch reicht die Kraft der Einsichtigen und noch erlauben es die Umstände bei uns, das Wort zu ergreifen und aufzustehen, wenn Fakten verleugnet werden und Übles schöngeredet wird. Doch geht allmählich die kritische Masse verloren, von der ab gesellschaftspolitischer Einfluss gewonnen werden kann. Am deutlichsten ist dies abzulesen am Abflauen der gefühlten Hilfsbereitschaft gegenüber Asylbewerbern und Migranten angesichts von Terror, gewöhnlichen Gewalttaten und Delikten durch dieselben und der unter uns schon lebenden Ausländern.

 

Es wird bitter ernst um unsere Gesellschaft und unsere Welt, die wir ein Leben lang menschgemäß aufzubauen versucht haben. Angesichts der destruktiven Kräfte heißt es, eine humanistische Haltung zu bewahren und Gesicht zu zeigen. Doch ich stehe damit umso sichtbarer verquer in dieser sich anbahnenden neuen Welt und dieser mutige Gestus allein wird allein kaum helfen; auch Weltflucht ist keine gute Option - von der Vertiefung in ein gutes Buch mal abgesehen.

 

Was aber hilft weiter? Zunächst sollten wir noch in den letzten Tagen dieses Jahres aufhören, uns vom Tumult um ärgerliches und delinquentes Verhalten von Ausländern ablenken zu lassen; ein unaufgeregter, nüchterner Gebrauch rechtsstaatlicher und juristischer Mittel allein hilft schon weiter. Die pseudodramatische Handhabung dieses Problems (zum Beispiel durch die CSU) und die Fixierung auf Ausländer/Inländer lenken ab von den strukturellen Problemen in unserer Gesellschaft (Klima, Ressourcenver­brauch, soziale Schere), zu deren Lösung - auch über eine Wahlperiode hinweg - fast allen Parteien der Mut fehlt.

 

Aufhören könnten wir auch damit, uns von außenpolitischen Problemen, auf die wir nun wirklich keinen Einfluss haben, in Beschlag nehmen zu lassen und darüber die Gestaltung unserer Innenpolitik zu vernachlässigen. Im nächsten Jahr sind Wahlen zum Bundestag. Wer ein Abgleiten in die Hände von angemaßten Populisten ("Wir sind das Volk!") verhindern möchte, sollte unbedingt zur Wahl gehen und zehn andere Bekannte davon überzeugen, dies auch zu tun. Denken wir nur an die britische Jugend, die am Wahltag lieber auf Festivals tanzte, um danach den Brexit der Alten beweinen zu müssen...

 

Zu sagen, man wüsste nicht, was zu wählen ist, ist kein Grund, nicht zu Wahl zu gehen. Wer zum Beispiel die AfD verhindern möchte, hat zwei Optionen. Ist man eher konservativ gesinnt, CDU oder GRÜNE, steht man eher links in der Mitte, SPD, LINKE oder GRÜNE. Nur in Bayern, wo wir leben, stehen die CDU mit der in ihr umstrittenen Frau Merkel nicht zur Wahl. Nachdem die CSU zum Musterschüler der AfD gewor­den ist, wählt man hier eben SPD, LINKE oder GRÜNE. Nur eins geht nicht, wie 1932/33 durch Nichtwählen oder Falschwählen dem anti-europäischen und anti-republikani­schen Gespenst zu einer Wiederbelebung zu verhelfen.

 

 

April 2015/Mai 2016

Das Wiedersehn mit dem Blumenflor im algarvischen Frühjahr (nördlich von Vila do Bispo, ausgehend vom Feriendorf Pedralva) ist uns heute noch in lebendiger Erinnerung. Einen prächtigeren Zungenstendel haben wir noch nie gesehen!

Ähnliches erhofften wir uns von der Kanareninsel La Palma, doch war das Wetter garstig und meine Erkrankung zwang uns zu einem vorzeitigen Rückzug. Dies hat die alte Liebe zum Algarve und zum Alentejo nur noch verstärkt. Und mit dem Älterwerden kommen einem Ziele im Nahraum wieder näher, denn der übliche Tourismus bedrückt uns und die Umstände beim Fliegen werden  immer mehr entwürdigend...

 

07. 04. 2015

Endlich bin ich auf einen Naturreiseführer gestoßen, der meinen eigenen von 1997, den ich nicht mehr auflegen wollte, allenfalls ersetzen kann ("Im Algarve sein..."). Er beschreibt neben dem Algarve auch den südlichen Alentejo, was für mich zusammen gehört, und ist von wirklich Fach- und Sachkundigen geschrieben worden. Reich bebildert und zum Nachschlagen vor Ort bestens geeignet. Man wird nicht am Gängelband geführt, wie das oft so erwartet wird. Konnte nur nicht herausfinden, ob es seit 2005, dem Erscheinungsjahr, eine aktualisierte Auflage gibt. Inzwischen ging Portugal ja durch eine Durststrecke, was der Natur nicht unbedingt gut tut. ISBN 978-3-931587-88-8 24,80 Euro 



27. 01. 15

Heute war ich von einer Bürgerinitiative in Verbindung mit dem Landratsamt eingeladen, zum Holocaust-Gedenktag am Fürstenfeldbrucker Todesmarsch-Denkmal eine Ansprache zu halten. Da sie Anklang fand, sehe ich mich ermutigt, sie bei "Judengräber in Schwabhausen" unter Punkt 12 einzustellen. Auf das Bild links wird dabei Bezug genommen.

25. 05. 14

Wahl zum Europäischen Parlament!

Dafür kommt meine neue Seite zu spät; ich darf mir aber auch nicht einbilden, sie hätte Nennensweretes bewirken können. Ich bin schon seit einem Jahr für Europa engagiert, als alle noch geschlafen haben und ihren nationalen (Alp-)Träumen nachhingen. Nun merkt allmählich jeder, dass die Wahlen Gewicht haben und das mit neuen Rechten ausgestattete Parlament viel für uns Bürger tun kann. Es ist das erste europäische Gebilde mit supranationalem und zugleich demokratischem Charakter. Neben zwei Aktionen für NOGs habe ich vor allem einen Vortrag ausgearbeitet, dessen Ziel die historische Rückbesinnung auf eine europäische Wertgrundlage war und eine Orientierung, wie es in gutem Geiste weitergehen könnte. Den Vortrag kann man hier nachlesen.

Die anstehende Wahl zum Europäischen Parlament ist ein Kulminationspunkt für öffentliche Auseinandersetzung um die wirklich wichtigen Themen: Wie wird es uns in Zukunft noch gelingen, unsere Werte und Menschenrechte gegen die globalisierten Finanz- und Wirtschaftsmächte zu wahren? Wie vermittelt man das dem europäischen "Volk", dass es im Leben um mehr geht als um Erwerbsarbeit, Konsum und Vergnügen? Dazu möchte ich hier gerne meine Stimme erheben. Eine Stimme, meine Stimme. Zusammen mit deiner und noch einer anderen sind es schon drei. Und es heißt ja, wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind...

23. 05. 14

Heute ist meine neue Webseite unter dem alten Domäne-Namen www.sotavent.de frei geschaltet worden. Wer so etwas auch mal anpacken möchte, dem empfehle ich den Webseiten-Baukasten von www.jimdo.com. Klasse, wie man von dort aus zeitnah und verständlich unterstützt wird.

Fürs erste habe ich einige Textmassen ins neue, übersichtliche Format hinüber geschaufelt. Jetzt kann ich mir Zeit für Verfeinerungen und Aktualisierungen lassen. Gespannt bin ich, bis ich eine erste Rückmeldung von Lesern bekomme.

20. 05. 14

Mit Freude und Eifer bin ich seit einer Woche dabei, mir eine völlig neue Internetseite aufzubauen, sie schöner zu gestalten als die alte. Auf die verirrt sich kaum noch jemand. Statt dem Vertrieb meiner Portugal- und sonstigen Schriften steht nun mein Bedürfnis an, in die Welt hinein wirken zu können und sie besser zu machen. Und dies trotz aller Selbstzweifel, ob es noch viel Sinn macht, die Welt besser machen zu wollen. Über den Nahbereich hinaus, in dem man Vorbild sein kann, möchte ich immer noch Impulse geben für den Fortbestand von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, sozialer Gerechtigkeit usw. Auch für die Kinder, die bei ihrem erschöpfenden Multitasking kaum noch über ihren Tellerrand hinausblicken können und für die Enkel, in denen noch Lebenslust gegen Verbildungen aufleuchtet, die jedoch in eine andere Kultur "abwandern" als die, aus der ihre Großeltern kommen.