Kontrolle Kretas, Auszeichnungen und etwas Inseltourismus

Nach der militärischen Eroberung wird das Land, wie vorher abgesprochen, in drei Besatzungszonen geteilt: Bulgarien erhält zur Kompensation landwirtschaftlich wertvolle Gebiete im Norden, die etwa 15 Prozent der Fläche Griechenlands ausmachen; diese Gebiete werden annektiert und bulgarisiert, doch hatte sich Deutschland die wirtschaftliche Nutzung dieser Zone zuvor vertraglich gesichert. Die deutschen Truppen ziehen sich in zwei kleinere, für die Nachschub- und Absprungfunktion aber militärgeographisch wichtige Zonen zurück: das Gebiet um Thessaloniki, ein Streifen an der türkischen Grenze sowie einige Inseln in der Nordägäis; sie werden zum Befehlsbereich Saloniki-Ägäis zusammengefasst. Der Landstreifen Athen-Piräus mit Hafen, zwei Drittel Kretas sowie einige Inseln unterstehen dem Befehlshaber Südgriechenland. Die beiden Befehlshaber wiederum sind dem »Wehrmachtbefehlshaber im Südosten« in Saloniki untergeordnet, der alle deutschen Streitkräfte auf dem Balkan befehligt – darunter auch die SS-Einheiten.

 

0602: Als Reaktion auf den bewaffneten Widerstand der kretischen Zivil-Bevölkerung gegen die deutsche Invasion erließ Generaloberst Student schon am 31.Mai 1941 einen Befehl zu Vergeltungsmaßnahmen: Im Dorf Kondomari (Platanias) werden nun männliche Bewohner erschossen, der Ort wird zerstört. Die Erschießungen werden vom Militär-Photographen Peter Weixler aufgenommen und sind bis auf unsere Tage überkommen und klar bewiesen.

 

0603: Das Dorf Kandanos wird zur Vergeltung der Ermordung eines Zuges Fallschirmjäger und Pioniere ganz zerstört und viele Einwohner werden erschossen, eine alte Frau, die in Ohnmacht fiel, gar ins Feuer geworfen. Auf einer Tafel, die heute noch dort steht, wird bekannt gegeben, das Dorf dürfe niemals wieder aufgebaut werden. Zusammen mit den Opfern in Kakopetro und Floria sind dies schon 180 auf diese Weise umgebrachte Kreter.

 

0604: Der Befehl besteht weiter, für jeden gefallenen oder verwundeten Deutschen zehn Kreter zu erschießen und Gehöfte und Dörfer niederzubrennen, aus denen bewaffneter Widerstand hervorging und in allen Orten auch Geiseln sicherzustellen. Im weiteren Verlauf des Monats Juni kommt es deshalb noch zur Zerstörung von Skines/Kydonia und zur Exekution von 147 Personen aus Skines, Phournes und Alikianou. Insgesamt werden - nach deutschen Angaben - 700 Personen als Freischärler erschossen. Im Lagebericht des Generalsekretärs von Kreta wird allerdings zweifelsfrei festgestellt, dass unter den Erschossenen Personen gewesen seien, die nie etwas gegen die Deutschen unternommen hätten, die im Gegenteil sogar als Freunde Deutschlands gegolten hätten.

 

Gegen dieses nachtragend-empörte deutsche Besatzungsregime in Griechenland bilden sich wiederum spontan Widerstandsgruppen im Untergrund, die in den folgenden Jahren einen für beide Seiten verlustreichen Partisanenkrieg führen werden. „Dabei hatten die Kreter zunächst der deutschen Kampfführung und der Einsatzbereitschaft der Soldaten Anerkennung und Achtung gezollt. Nach der Einnahme der Insel erwarteten sie, dass auch die Sieger ihrerseits den Mut und die Tapferkeit der Inselverteidiger zu würdigen wüssten.“ (Xylander, M. v., S. 67). Doch darin wurden Sie durch die überzogenen kollektiven Strafmaßnahmen der Deutschen bitter enttäuscht. Generalmajor Ringel allerdings wird in seinem Buch „Hurra, die Gams!“ 1956 feststellen, „dass es während unserer gesamten Besatzungszeit auf Kreta weder Überfälle auf Angehörige der deutsche Besatzung noch Sabotageanschläge oder sonstige Reibereien gegeben hat.“ (203) Er bekommt im Juni das Ritterkreuz verliehen und wohnt den Sommer über in der „Villa Knossos“ südlich von Iraklion in idyllischer Landschaft.

 

0609: Die sehr rasch gebildete Besatzungsbehörde sucht „im ersten Zugriff“ eigene Wirtschaftsinteressen vor den Italienern und Bulgaren zu sichern. Das reicht von Gold in Form von Schmuck und Münzen, aber auch von Goldgruben (Kilkis) über die gesamte Seiden- und Baumwollernte bis hin zu Brot, Öl und Fleisch, den Grundnahrungsmitteln. Diese Ausbeutung ist so offensichtlich, dass Mussolini klagt, die Deutschen würden den Griechen auch noch ihre Schnürsenkel abnehmen. Die Folgen für die Bevölkerung im darauffolgenden Winterhalbjahr werden fatal sein: Tausende sterben direkt an Hunger oder Krankheiten durch Mangelernährung.

 

Auf Kreta stößt die Wehrmacht auf nicht für möglich gehaltenen Widerstand und erleidet unerwartet hohe Verluste. Zum ersten Male im Zweiten Weltkrieg werden deutsche Truppen mit einem Volkskrieg und dessen speziellen Kampfformen konfrontiert. Entgegen der Haager Landkriegsordnung vom 18. Oktober 1907 sehen die deutschen Militärs im Widerstand der Kreter an der Seite der griechischen und britischen Truppen eine kriminelle, todeswürdige Handlung. Noch während der Kämpfe ordneten deshalb Kommandeure Massenerschießungen an. Generalmajor Ringel befahl bekanntlich, »für jeden Verwundeten oder Gefallenen 10 Kreter zu erschießen, Gehöfte und Dörfer, in denen deutsche Truppen beschossen werden, niederzubrennen, in allen Orten Geiseln sicherzustellen«.

 

Er führt damit einen Grundsatzbefehl des Kommandierenden Generals des XI. Fliegerkorps, Student, vom 31. Mai 1941 für die Handhabung des Terrors gegen die Bevölkerung von Kreta aus. Die während der Kämpfe begangenen Massenmorde an Zivilisten legalisiert er nachträglich als Notwehr. Für künftige Erschießungen bis zur »Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete« schafft er die Obergrenzen ab. Eine Anrufung der Wehrmachtjustiz verbietet Student ausdrücklich. Nach diesem Terrorbefehl kommt es zu den genannten furchtbaren Massakern und zur Zerstörung zahlreicher Dörfer. Nach griechischen Erhebungen werden binnen weniger weiterer Wochen - bis August 1941 - mehr als 2000 Zivilisten umgebracht.

 

Am 9. Juni 1941 dekretiert Hitler in der »Weisung Nr. 31«, dass die Niederwerfung innerer Unruhen Hauptaufgabe der Territorialbefehlshaber sei. In den deutschen Zonen wird der verschärfte Ausnahmezustand verkündet und für die Dauer der Besetzung beibehalten. Die Befehlshaber erhalten die vollziehende Gewalt und die deutschen Zonen werden zum Operationsgebiet erklärt. Denn auch auf dem Festland regt sich Widerstand. Schon im Mai 1941 verhängten Gerichte der 12. Armee gegen Griechen Todesstrafen wegen »Freischärlerei«. Die Unruhen werden hauptsächlich durch Hunger ausgelöst - eine Folge der ungeheuren deutschen Ausbeutung des Landes. Sie wird ab Herbst 1941 zu einer Hungersnot mit mehreren hunderttausend Toten führen - Opfer deutscher Okkupation, über die kaum gesprochen wird. Die Säuglingssterblichkeit erreicht über achtzig Prozent. Die allgemeine Sterberate beträgt zeitweise das Siebenfache des Vorkriegsstandes. Allein im Großraum Athen werden fast 100.000 Menschen verhungern. Kommunistische Aufstände bekommen dadurch erst Nahrung…

 

0614: Andreas Papadakis gründet mit einigen anderen Honoratioren den „Andartiko“, das Oberste Kampfkomitee für Kreta“ (AEAK). Zuvor hatte schon ein anderer Führer, Bandouvas, den Eid zur Fortführung des Kampfes geleistet.

 

0617: Um die Insel zu befestigen, wird die Zivilbevölkerung "unabhängig von Beruf, Alter und Geschlecht ... zu jeder beliebigen Arbeit" herangezogen. Bezahlt werden diese Arbeiten teilweise mit Geld, teilweise mit Naturalien oder auch überhaupt nicht. Da die Arbeitskräfte für diese Arbeiten und gleichzeitig fortgeführte Landwirtschaft nicht ausreichen - und da viele Kreter ihre Arbeitsverpflichtung unterlaufen - werden von den Kriegsgefangenen auf dem Festland vor allem die Landwirte nach Hause entlassen, im Spätherbst 1941 auch gezielt Landwirte, Bauarbeiter und Handwerker angeworben, die sich zu Wehrmachtsdiensten auf Kreta verpflichten müssen. „Arbeitsämter“ sollen dies kontrollieren.

Die Gebirgsjäger haben Freizeit und können sich vor ihrem Rückflug bei Iraklion und in Chania ein wenig umsehen. Die Bilder im Fotoalbum unter der Rubrik „Leben und Erholung auf Kreta“ zeigen Straßenszenen in Chania und Badeszenen mit den Oberleutnants Engel und Kimmerle in der Nähe der Strandpro¬menade (ge¬gen¬über dem Leuchtturm). Noch größeres Interesse findet bei den Soldaten der „Palast“ von Knossos, eigentlich eine zentrale Anlage für kultische Zwecke in der Minoischen Kultur, ca. 1.000 vor Chr. Linus G. erstaunt die „Malerei, die Jahrtau¬sende überstanden hat!“ Andere geben eher ihren Bauchgefühlen nach…

 

0622: Beginn des Einmarsches in Sowjet-Russland – Operation „Barbarossa“, die wg. des Balkan-Griechenland-Kreta-Feldzuges fatalerweise etwas verzögert startet. Jeder weiß nun, dass die Tage auf Kreta gezählt sind, weil man dringend an der Ostfront benötigt wird. Der Feldzug von Kreta verliert augenblicklich seine politisch-strategische Bedeutung. Die Kreta-Helden schauen etwas säuerlich drein… Der General bedauert diese Entwicklung für seine Soldaten und beschreibt das zurückliegende Unternehmen als „… ein Heldenlied, das seinen letzten Sinn nicht gefunden hatte.“ (205)

0622: Bekanntmachung der „Verordnung über die Abgabe von Schusswaffen aller Art einschließlich Jagdschusswaffen“. Diese werden unterlaufen, indem die Kreter ihre Museumsstücke abgeben, die neuen, funktionstüchtigen Waffen jedoch aus dem Versteck holen.

 

0626: Klara G. schreibt an ihre Schwägerin. „Feldpost ist eingestellt, bin somit ohne jede Nachricht von Linus. Ja, in Athen ist er wieder gelandet.“ Ansonsten beteiligt sie sich bei der Heuernte. Nach einer Kälteperiode tut ihr die Wärme jetzt gut, „aber diesen Sommer kann es für mich schon noch recht unleidig werden. Dann muss ich eben den Schatten aufsuchen.“

 

0630: Verleihung des Eisernen Kreuzes 2. Klasse mit Unterschrift „Ringel“ auf der Urkunde an Linus G. und der vieler anderer.

 

0701: Erster Kommandant der „Festung Kreta“ wird der Fliegergeneral Alexander Andrae (also nicht Student). Das Verhältnis zwischen den deutschen und den italienischen Besatzern sollte sich als grundsätzlich angespannt erweisen, wenn auch oberflächlich kameradschaftlich.

 

Die Militärverwaltung auf Kreta stützt sich auf einen Ministergouverneur (als erster: Loulakakis), einen Generalsekretär (als ersten den ausgleichenden Daskalakis) und die vier Präfekten der jeweiligen Verwaltungseinheiten Chanion, Rethymnis, Heraklion und Lasithion.

 

Linus G. ist im Monat Juli auf Heimaturlaub in Oberschwaben und in der Ostalb. Die Fahrten per Bahn und Bus durch verbündete oder eroberte Länder dauern jeweils fünf Tage. Danach genießt er nochmals „schöne Tage in Athen Phaleron“ im Hause Papastratos und in der Villa Logotetopulos mit den Kameraden Fritz von Kaufmann, Gombart, Luz, einem eigenen Koch, der Tochter Iris, einer klassischen Schönheit, und Freundinnen des Hauses - wirklich „sonnige Tage“.

 

Es ist nicht mehr zu ermitteln, was aus diesen netten Leuten, die sich dem deutschen Besatzungswesen freundlich angepasst haben, später geschah, als die Fremden 1945 abgezogen waren und ein in sich gespaltenes Volk im Mitte 1946 ausbrechenden Bürgerkrieg zurückließen. Im Album von Linus G. befindet sich ein Photo der Strand-Villa von Logotetopulos aus dem Jahre 1952; offenbar hat zumindest dieser oder jemand aus seiner Familie die internen Wirren überstanden.