Familie Willstätter in der Vorderen Mühlgasse 191

 

Louis Willstätter, am 20.06.1884 in Lörrach/Baden als Sohn der Viehhändlerseheleute Jakob und Elise Willstätter, geb. Maier, geboren (1983 in den USA gestorben), war ebenfalls Viehhändler, als er im Juli 1923 von Fürstenfeldbruck nach Landsberg zuzog. Er betätigte sich später wohl auch als Immobilienhändler, doch wurde er in den Akten immer als finanziell „minderbemittelt" geführt. Verheiratet war er mit Luzia/Luzie geb. Cahn, am 11.03.1896 in Rülzheim/Germersheim als Tochter der Viehhändlerseheleute Bartholomäus und Rebekka, geb. Volmer geboren (gest. ist Luzia 1971 in den USA). Aus ihrer Ehe stammten die beiden Söhne Alfred und Helmut Josef (später: Herbert), die beide schon anderthalb Jahre vor ihren Eltern in die USA verschickt wurden. Mutter Willstätter war täglich bei den Westheimers „als Stütze“ im Haushalt.

 

Im Herbst 1939, als seine Söhne über eine Teilbürgschaft schon in den USA waren, hatte Vater Willstätter weiterhin alle Hände voll zu tun, um die Ausreise für sich und seine Frau und auch seinen Bruder Gusti (s.u.) vorzubereiten. Dafür musste er Konsulate in Hamburg, Bremen und Stuttgart aufsuchen und all dies von Lörrach aus, denn in Landsberg, das mit dem Prädikat „judenfrei“ prunkte, durften sich die Willstätters nicht mehr aufhalten. Es heißt, dass sich der Mittellose derweil mit Tabakhandel über Wasser gehalten habe. Weilte er mit seiner Frau in Landsberg, musste er sich versteckt halten; Fahrkarten, Nahrungsmittel u.a. mussten ihm von den Landersdorfers besorgt werden.

 

Die erzwungene Auswanderung dieser Familie war ja auch insofern problematisch, als sie über die Mittel für die Reise schlicht nicht verfügte. Nur durch eine Sammlung der Landsberger Familien Landersdorfer , Weißhaupt und Doll kam am 04.03.1940 eine Ausreise der Eheleute nach Genua (sie reiste einige Tage später ab) und von dort am 09.03. mit dem Dampfer nach St. Paul/USA überhaupt zustande . Dort kamen sie erst mal bei Salomon Geismar unter, dem Ehemann von Schwester Helene. In Deutschland war dies bekanntlich höchste Zeit für jüdische Bürger, um aus der nicht mehr nur sehr ungemütlichen und demütigenden, sondern nun auch tödlichen Gefahrenzone zu entkommen.

 

Dass die Landsberger Juden schon immer, so auch nach ihrer Austreibung in ihre neuen Heimatländer untereinander so gut es ging Kontakt hielten, zeigen einige überlieferte Dokumente. So schreiben die beiden Weimanns im April 1940 aus Habana/Cuba an die gerade angekommenen Willstätter-Eltern. Sie erkundigen sich u.a. nach Frau Fischel (evtl. in Orlando/Florida) und wollen erfahren, ob die Pläne zum Erwerb einer Farm gelungen seien. Offenbar hatten die Willstätters auch Pelzjacken und andere Sachen für die Weimanns mitgenommen. Sie gaben sich gegenseitig Hinweise, z.B. auf eine Fabrik in Hoboken und es heißt in diesem Zusammenhang „sind wir Emigranten froh um ein Paar $ Provision“. Und am Rande vermerkt Frau Babette Weimann „Also auch glücklich entkommen“. Andererseits verloren sich die Willstetters und die Schlessingers später völlig aus den Augen.

 

Alfred (Fredl) Willstätter, geb. am 17.10.1925 ging in Landsberg zur Schule. Besonders angenehm und nett war für Alfred und Helmut Josef der Lehrer Micheler, der den beiden Buben 1936 und 1937 auch sehr ansprechenden Unterricht in Natur- und Heimatkunde gab. Andere Lehrer demütigten jüdische Kinder in ihren Klassen, riefen sie z.B. nie auf oder nahmen ihnen morgens in der Eingangshalle der Knabenschule den Hitler-Gruß ab (wie z.B. der Lehrer Greiner, der auch sonst offenkundig äußerst autoritär bis sadistisch seines Rektorenamtes waltete).

 

Den Auswanderungsantrag für seine beiden Söhne stellte der Vater im März 1938, doch im August waren sie immer noch nicht weg. Auch bei diesen unmündigen Söhnen eines Mittellosen musste der Verdacht auf „Steuer- und Kapitalflucht“ fein säuberlich geprüft werden. 1938 konnte es mit einer Bürgschaft (die sich leider nicht auch auf ihre Eltern erstreckte) endlich losgehen; der Vater brachte sie noch bis Hamburg, von wo sie die Schiffspassage ohne elterliche Begleitung antreten mussten. In den USA erwartete sie ihr Onkel Leo, der sie erst mal versorgte und an Tante Helene und Salomon Geismar in St. Paul/Minnesota weiterleitete, eine Reise, die sie wiederum alleine machen mussten. Noch nicht lange dort, wird „Fredl“ zur jüdischen Konfirmation reichlich beschenkt („bessere Sachen wie in Landsberg“). Sein Freund Oskar Kern fragte öfters nach ihm und auch „Sitty“ Schleßinger ließ grüßen. Die Willstätter-Buben waren recht beliebt und es gab viele Geschichten um sie. So habe einmal Frau Jocher, die Frau des Schlachthofverwalters, einen der Buben mit der Mistgabel aus dem reißenden Mühlbach gerettet. Ein andermal habe Alfred seinen jüngeren Bruder dazu animiert, bei einem vor ihnen fahrenden Odelfahrzeug den Verschluss zu öffnen – mit unangenehmen Folgen für den Jüngeren.

 

Alfred kam schon bald mit den US-Kampftruppen nach Deutschland zurück und war im Raum Salzburg und Rosenheim stationiert. Wegen seiner Deutschkenntnisse wurde er bei der Besatzungsbehörde für den Military Intelligence Service eingesetzt. 1946 kehrte er in die USA zurück, um gleich wieder in Korea eingesetzt zu werden. Erst danach und einer Zwischenstation in Salzburg konnte er an der University of Minnesota Political Sciences u.a. studieren. Viele Urlaube verbrachte er zuvor am Chiemsee, nun verweilte er in den Sommerwochen gerne am Pazifik.

 

Verheiratet ist Alfred Willstätter mit Edith geb. Krabunde, geb. 15.11.1929 und hat mit ihr drei Söhne, Kurt (geb. 1960), Carl (geb. 1962) und Steve (geb. 1963); letzterer hat 1986 schon einmal die Geburtsstadt seines Vaters besucht. Zuletzt wohnte Alfred in Ashland/Oregon, wo er mit dem Vertrieb von Schwimmbädern zu tun hatte und dort auch Stadtrat war. Im Juli 1999 besuchte er Landsberg wieder, traf dort seinen Schulfreund Max Doll und hatte einen Termin bei OB Rößle; das Landsberger Tagblatt berichtete darüber und zitierte ihn, dass er „immer ein Landsberger“ war und sein wird; er beeindruckte mit seinem Verständnis für die, die ihn vertrieben hatten: „Den meisten blieb doch gar nichts anderes übrig, als mitzumachen“.

 

Helmut Josef Willstätter, geb. am 29.03.1927, der jüngere der beiden Landsberger Schulbuben, wurde von seinem älteren Bruder auf der langen Reise begleitet. Von ihm ist ein diesbezüglicher authentischer „Erlebnisbericht“ überliefert. Darin heißt es, Alfred habe „einem Mann seinen schönen Anzug vollgekotzt“ und bei einem Spiel an Deck habe sein Mantel einen großen Riss bekommen. In den USA legte er sich den amerikanischeren Vornamen „Herbert“ und den glätteren Nachnamen „Willstatter“ zu. Er machte ab 1945 zunächst seinen eineinhalbjährigen Militärdienst als Infanterist und war in dieser Zeit auch kurz in Korea eingesetzt. Später im Koreakrieg wurde er nochmals eingezogen, ohne aber die Staaten verlassen zu müssen. Nun konnte Herbert studieren und schloss mit einem Diplom als Chemie-Ingenieur ab. Er heiratete seine Frau Kathryn, eine Grundschullehrerin mit einem akademischen Grad in Pädagogik; mit ihr hat er einen Sohn (geb. 1955) und zwei Töchter (geb. 1956 und 1960), die alle im Staat California studieren konnten, wo auch ihr Vater in der Waffenindustrie an Raketenantrieben arbeitete. Er zog sich 1989 vom Berufsleben zurück und wohnte zuletzt in Orangevale/California 95662. Zusammen mit einem anderen Ehepaar gingen sie 1985 auf Deutschlandtour, wobei sie auch einige Tage in Landsberg verbrachten. An seine Heimatstadt hatte er eigentlich nur erfreuliche Jugenderinnerungen.

 

Luzia "Sara" Willstätter, geb. Cahn, Ehefrau des Viehhändlers Louis Willstätter in ihrem Ausreisepassuis Willstätter
Luzia "Sara" Willstätter, geb. Cahn, Ehefrau des Viehhändlers Louis Willstätter in ihrem Ausreisepassuis Willstätter