Unter solchen Eindrücken wurden (von Grotius 1625) erstmals Vorstellungen zu einem europäischen Recht (Völkerrecht) auf der Grundlage des Vertragsgedankens vorgetragen; eine moralische Berechtigung habe außerdem nur der Verteidigungskrieg. Andererseits trug – auf der Ebene eines dichten, persönlichen Beziehungsnetzes – die Heiratspolitik des europäischen Hochadels teilweise zum Entstehen eines europäischen Verbundenheitsgefühls bei. Mit der glücklichen Verteidigung Wiens gegen die Osmanen 1683, bei derPolens gewählter König Jan III. Sobieski maßgeblich Anteil hatte, brandete gar eine Woge europäischen Stolzes auf. Ungarn und der nördliche Balkan bis Belgrad konnten dem westlichen Einflussbereich wieder zugeführt werden.

 

In den nachfolgenden sogenannten "Kabinettskriegen" gingen die europäischen Königshäuser wechselnde Koalitionen ein, mit dem immer gleichbleibenden Ziel, die Vorherrschaft einer einzigen Nation in Europa zu verhindern. So gelang es beispielsweise, den "Sonnenkönig" Ludwig XIV. in seinem Hegemonialstreben durch eine "Große Allianz" (1689) vorübergehend einzugrenzen. Nur vorübergehend, denn 12 Jahre später gelang es dem Bourbonen, mit Hilfe der Wittelsbacher über eine unklare Erbfolge einen weiteren Krieg anzuzetteln, der sich auf ganz Europa und auf die Kolonien ausweitete und somit als erster Weltkrieg der Neuzeit angesehen werden kann. Diesmal profitierte England vom Erfolg seiner europäischen Gleichgewichtspolitik.

 

In England war ja einem absolutistischen Königtum vom Parlament schon länger ein Riegel vorgeschoben. Aufklärer wie John Locke hatten sich Gehör verschafft mit der These, das Naturrecht stünde über dem Staat, also auch über dem König. Die Würde des Menschen als autonomem Subjekt sei letztlich davon abzuleiten, dass er einer angemessenen und selbst verantworteten Arbeit nachgehen kann, die ihn (neben oder entgegen dem Adel) zu rechtmäßigem Eigentum kommen lässt, der Verfügung Dritter entzogen. Ab 1700 wurde die Idee eines allein über die Religion definierten Europa weitgehend aufgegeben. Stattdessen feierte in den europäischen Hauptstädten aufgeklärtes Denken gegen vorherrschenden Aberglauben Triumphe. Die Naturwissenschaften (Erfahrungs­wissen vor Glauben) wie auch eine auf Zweckrationalität begründete Wirtschaftswissenschaft (Adam Smith) breiteten sich in gebildeten Kreisen (auch im neuen Bürger- und Unternehmertum) aus. Einen gewaltigen Stoß erhielt Europa in seinem Vernunftdenken hingegen durch das Erdbeben von Lissabon 1755; die Zeitgenossen hatten mit dem Einbruch eines solchen Chaos in eine von ihnen doch so vernünftig geordnete Welt nicht mehr gerechnet. Ganz Europa war erschüttert, nachdem die ersten Nachrichten eingetroffen waren.

 

Auch die Philosophie David Humes verunsicherte den strengen Rationalismus. In seiner Psychologie menschlicher Erkenntnis gibt es keinen Wahrheitsanspruch sondern nur Wahrscheinlichkeitsaussagen. So wurden im europäischen Denken irrationalistische Strömungen begünstigt, z.B. die romantische Idee vom Glücksanspruch aller Menschen. Dem Franzosen Rousseau genügte es dann auch, „sich als Europäer zu fühlen“. "Es gibt nur noch Europäer. Alle haben dieselben Neigungen, Leidenschaften und Sitten, denn alle sind sie durch keine besonderen Eigenschaften geformt worden."

 

Doch wurden humanistische Ideen auch weiterhin von religiösen, politischen und ökonomischen Macht-Konservativen bekämpft. Zudem gab es ab Mitte des 18. Jahrhunderts gute Voraussetzungen für Kapitalinvestitionen; große Manufakturen entstanden und eine fortgesetzte Dynamik für materielle Entwicklung mit Rückwirkungen auf die Wissenschaften, die Technologie und (ein wenig auch) auf die menschliche Kultur. In der späteren romantischen Dichtung spiegelt sich dies in Trauer um Verlorenes und Sehnsucht nach vergoldetem Vergangenem.

 

Die absolutistischen und volksvergessenen europäischen Herrscher hingegen führten ihre maroden Regimes unbeirrt weiter - im Inneren wie in Kriegen gegen Nachbarn und in den Kolonien - so lange, bis Hunger, Elend und Überdruss zuerst in den englischen Kolonien in Nord-Amerika (1776), zur Unabhängigkeit führten, 13 Jahre später (1789) in die Französische Revolution mündeten. George Washington konnte sich gut vorstellen, dass sich auch in Europa Vereinigte Staaten bilden würden. Drüben wie hierzulande wurde die Idee universell gültiger Menschenrechte formuliert, die Forderung nach Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz ausgerufen. Ebenso wurden neue politische Verfahren in Gang gesetzt, zu denen (nach John Locke und Montesquieu) geheime Wahlen und demokratische, rechtsstaatliche Regierungsformen nach dem Prinzip der Gewaltenteilung gehören. In dieser Entwicklung zu Ungunsten des Gottesgnadentums der Könige wurden – England und die Niederlande vorneweg – in Europa relativ stabile Nationen als konstitutionelle Monarchien geformt. Wenig bekannt ist, dass sich das polnische Parlament zwischen der ersten und zweiten polnischen Teilung 1791 die erste demokratische Verfassung in Europa gab, nach Vorgaben der Französischen Revolution und Prinzipien der Gewaltenteilung.

 

Noch 1800 kursierten Vorschläge, namentlich auch von Immanuel Kant, wie souveräne Staaten zum gegenseitigen Vorteil zusammenarbeiten könnten. Sie schlugen eine Föderation freier Staaten auf der Grundlage des Völkerrechts oder eine Körperschaft der europäischen Völker vor, ohne Verlust der eigenen nationalen Unabhängigkeit. - Doch der korsische Emporkömmling Napoleon Bonaparte, von militärischen Siegen und der Zustimmung des Volkes getragen, hatte seine eigenen Vorstellungen und Machtansprüche. Denen zufolge blieb nach etlichen Kriegen in Europa kein Königreich oder Fürstentum unverändert. Auch die alte Reichsidee - heilig, römisch, deutscher Nation - wurde für immer zunichte gemacht. Doch am Ende war es wieder eine europäische Militär-Allianz, die Vorherrschafts- und Weltmachtpläne eines Despoten vereitelte. Von Napoleon blieb uns bis heute nicht viel mehr als der "code civil", das Bürgerliche Gesetzbuch. Man sollte an dieser Stelle aber auch Jacob Grimm erwähnen, der nach dem Ende Napoleons die Zukunft Europas hellsichtig im Einverständnis zwischen Frankreich und Deutschland unter Einschluss Polens sah.

 

Leider, möchte man sagen, obsiegten für viele Dekaden die von Metternich angeführten restaurativen Kräfte beim Wiener Kongress, 1815, der das entstandene Durcheinander ordnen sollte. Der Gedanke der Solidargemeinschaft des Volkes als Nationalitätsprinzip musste gegenüber der Sorge um friedenssichernde Stabilität zurücktreten. Nationale Freiheitsbewegungen und demokratische Fortpflanzungen wurden regelrecht verfolgt und unterdrückt. Eine vom Wunsch nach nationaler Einheit und Selbständigkeit getragene, revolutionäre Bewegung im fraktionierten Deutschland - im Ziel einig, in der Vorgehensweise zerstritten - scheiterte 1849 zwar ehrenvoll, zog danach aber Jahrzehnte der finstersten Reaktion nach sich. Darunter wurde die schon begrabene Idee des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) nochmals romantisiert, z.B. in dem kunstvollen Liedtext von Friedrich Rückert: "Der alte Barbarosse, der Kaiser Friederich, / im unterird'schen Schlosse hält er verzaubert sich. / Er ist niemals gestorben, er lebt darin noch jetzt; / er hat im Schloss verborgen zum Schlaf sich hingesetzt. / Er hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit / und wird einst wiederkommen mit ihr, zu seiner Zeit." 

 

Viele Männer, die voraus denken konnten, machten ernst zu nehmende Vorschläge für eine Art von Europäischer Union (Mazzini, Proudhon). Victor Hugo hielt auf einem Friedenskongress eine flammende "I-have-a-dream"-Rede, für die er aber ausgelacht wurde.

Unter solchen Eindrücken wurden (von Grotius 1625) erstmals Vorstellungen zu einem europäischen Recht (Völkerrecht) auf der Grundlage des Vertragsgedankens vorgetragen; eine moralische Berechtigung habe außerdem nur der Verteidigungskrieg. Andererseits trug – auf der Ebene eines dichten, persönlichen Beziehungsnetzes – die Heiratspolitik des europäischen Hochadels teilweise zum Entstehen eines europäischen Verbundenheitsgefühls bei. Mit der glücklichen Verteidigung Wiens gegen die Osmanen 1683, bei derPolens gewählter König Jan III. Sobieski maßgeblich Anteil hatte, brandete gar eine Woge europäischen Stolzes auf. Ungarn und der nördliche Balkan bis Belgrad konnten dem westlichen Einflussbereich wieder zugeführt werden.

 

In den nachfolgenden sogenannten "Kabinettskriegen" gingen die europäischen Königshäuser wechselnde Koalitionen ein, mit dem immer gleichbleibenden Ziel, die Vorherrschaft einer einzigen Nation in Europa zu verhindern. So gelang es beispielsweise, den "Sonnenkönig" Ludwig XIV. in seinem Hegemonialstreben durch eine "Große Allianz" (1689) vorübergehend einzugrenzen. Nur vorübergehend, denn 12 Jahre später gelang es dem Bourbonen, mit Hilfe der Wittelsbacher über eine unklare Erbfolge einen weiteren Krieg anzuzetteln, der sich auf ganz Europa und auf die Kolonien ausweitete und somit als erster Weltkrieg der Neuzeit angesehen werden kann. Diesmal profitierte England vom Erfolg seiner europäischen Gleichgewichtspolitik.

 

In England war ja einem absolutistischen Königtum vom Parlament schon länger ein Riegel vorgeschoben. Aufklärer wie John Locke hatten sich Gehör verschafft mit der These, das Naturrecht stünde über dem Staat, also auch über dem König. Die Würde des Menschen als autonomem Subjekt sei letztlich davon abzuleiten, dass er einer angemessenen und selbst verantworteten Arbeit nachgehen kann, die ihn (neben oder entgegen dem Adel) zu rechtmäßigem Eigentum kommen lässt, der Verfügung Dritter entzogen. Ab 1700 wurde die Idee eines allein über die Religion definierten Europa weitgehend aufgegeben. Stattdessen feierte in den europäischen Hauptstädten aufgeklärtes Denken gegen vorherrschenden Aberglauben Triumphe. Die Naturwissenschaften (Erfahrungs­wissen vor Glauben) wie auch eine auf Zweckrationalität begründete Wirtschaftswissenschaft (Adam Smith) breiteten sich in gebildeten Kreisen (auch im neuen Bürger- und Unternehmertum) aus. Einen gewaltigen Stoß erhielt Europa in seinem Vernunftdenken hingegen durch das Erdbeben von Lissabon 1755; die Zeitgenossen hatten mit dem Einbruch eines solchen Chaos in eine von ihnen doch so vernünftig geordnete Welt nicht mehr gerechnet. Ganz Europa war erschüttert, nachdem die ersten Nachrichten eingetroffen waren.

 

Auch die Philosophie David Humes verunsicherte den strengen Rationalismus. In seiner Psychologie menschlicher Erkenntnis gibt es keinen Wahrheitsanspruch sondern nur Wahrscheinlichkeitsaussagen. So wurden im europäischen Denken irrationalistische Strömungen begünstigt, z.B. die romantische Idee vom Glücksanspruch aller Menschen. Dem Franzosen Rousseau genügte es dann auch, „sich als Europäer zu fühlen“. "Es gibt nur noch Europäer. Alle haben dieselben Neigungen, Leidenschaften und Sitten, denn alle sind sie durch keine besonderen Eigenschaften geformt worden."

 

 Doch wurden humanistische Ideen auch weiterhin von religiösen, politischen und ökonomischen Macht-Konservativen bekämpft. Zudem gab es ab Mitte des 18. Jahrhunderts gute Voraussetzungen für Kapitalinvestitionen; große Manufakturen entstanden und eine fortgesetzte Dynamik für materielle Entwicklung mit Rückwirkungen auf die Wissenschaften, die Technologie und (ein wenig auch) auf die menschliche Kultur. In der späteren romantischen Dichtung spiegelt sich dies in Trauer um Verlorenes und Sehnsucht nach vergoldetem Vergangenem.

 

 Die absolutistischen und volksvergessenen europäischen Herrscher hingegen führten ihre maroden Regimes unbeirrt weiter - im Inneren wie in Kriegen gegen Nachbarn und in den Kolonien - so lange, bis Hunger, Elend und Überdruss zuerst in den englischen Kolonien in Nord-Amerika (1776), zur Unabhängigkeit führten, 13 Jahre später (1789) in die Französische Revolution mündeten. George Washington konnte sich gut vorstellen, dass sich auch in Europa Vereinigte Staaten bilden würden. Drüben wie hierzulande wurde die Idee universell gültiger Menschenrechte formuliert, die Forderung nach Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz ausgerufen. Ebenso wurden neue politische Verfahren in Gang gesetzt, zu denen (nach John Locke und Montesquieu) geheime Wahlen und demokratische, rechtsstaatliche Regierungsformen nach dem Prinzip der Gewaltenteilung gehören. In dieser Entwicklung zu Ungunsten des Gottesgnadentums der Könige wurden – England und die Niederlande vorneweg – in Europa relativ stabile Nationen als konstitutionelle Monarchien geformt. Wenig bekannt ist, dass sich das polnische Parlament zwischen der ersten und zweiten polnischen Teilung 1791 die erste demokratische Verfassung in Europa gab, nach Vorgaben der Französischen Revolution und Prinzipien der Gewaltenteilung.

 

Noch 1800 kursierten Vorschläge, namentlich auch von Immanuel Kant, wie souveräne Staaten zum gegenseitigen Vorteil zusammenarbeiten könnten. Sie schlugen eine Föderation freier Staaten auf der Grundlage des Völkerrechts oder eine Körperschaft der europäischen Völker vor, ohne Verlust der eigenen nationalen Unabhängigkeit. - Doch der korsische Emporkömmling Napoleon Bonaparte, von militärischen Siegen und der Zustimmung des Volkes getragen, hatte seine eigenen Vorstellungen und Machtansprüche. Denen zufolge blieb nach etlichen Kriegen in Europa kein Königreich oder Fürstentum unverändert. Auch die alte Reichsidee - heilig, römisch, deutscher Nation - wurde für immer zunichte gemacht. Doch am Ende war es wieder eine europäische Militär-Allianz, die Vorherrschafts- und Weltmachtpläne eines Despoten vereitelte. Von Napoleon blieb uns bis heute nicht viel mehr als der "code civil", das Bürgerliche Gesetzbuch. Man sollte an dieser Stelle aber auch Jacob Grimm erwähnen, der nach dem Ende Napoleons die Zukunft Europas hellsichtig im Einverständnis zwischen Frankreich und Deutschland unter Einschluss Polens sah.

 

 Leider, möchte man sagen, obsiegten für viele Dekaden die von Metternich angeführten restaurativen Kräfte beim Wiener Kongress, 1815, der das entstandene Durcheinander ordnen sollte. Der Gedanke der Solidargemeinschaft des Volkes als Nationalitätsprinzip musste gegenüber der Sorge um friedenssichernde Stabilität zurücktreten. Nationale Freiheitsbewegungen und demokratische Fortpflanzungen wurden regelrecht verfolgt und unterdrückt. Eine vom Wunsch nach nationaler Einheit und Selbständigkeit getragene, revolutionäre Bewegung im fraktionierten Deutschland - im Ziel einig, in der Vorgehensweise zerstritten - scheiterte 1849 zwar ehrenvoll, zog danach aber Jahrzehnte der finstersten Reaktion nach sich. Darunter wurde die schon begrabene Idee des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) nochmals romantisiert, z.B. in dem kunstvollen Liedtext von Friedrich Rückert: "Der alte Barbarosse, der Kaiser Friederich, / im unterird'schen Schlosse hält er verzaubert sich. / Er ist niemals gestorben, er lebt darin noch jetzt; / er hat im Schloss verborgen zum Schlaf sich hingesetzt. / Er hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit / und wird einst wiederkommen mit ihr, zu seiner Zeit."

 

Viele Männer, die voraus denken konnten, machten ernst zu nehmende Vorschläge für eine Art von Europäischer Union (Mazzini, Proudhon). Victor Hugo hielt auf einem Friedenskongress eine flammende "I-have-a-dream"-Rede, für die er aber ausgelacht wurde.

 

"Ein Tag wird kommen, wo Ihr Frankreich, Ihr Russland, Ihr Italien, Ihr England, Ihr Deutschland, all ihr Nationen des Kontinents, ohne Eure jeweiligen Unterschiede und Eure ruhmreiche Individualität zu verlieren, Euch einer höheren Einheit einordnen und die europäische Brüderschaft begründen werdet (...) Ein Tag wird kommen, wo das universelle Wahlrecht der Völker Kugeln und Bomben durch Wahlzettel zur gewissenhaften Vermittlung in einem großen souveränen Senat ersetzen wird, der für Europa das sein wird, was für England das Parlament, für Deutschland der Reichstag, die gesetzgebende Versammlung für Frankreich ist."