Winston Churchill, kein wirklicher Freund der Deutschen, aber hellsichtig genug, erkannte gleich nach dem Krieg, dass sich angesichts der neuen sowjetischen Bedrohung ein vereintes Europa formieren müsse, von dem keine Nation ausgeschlossen werden dürfe, also auch Deutschland nicht. Er forderte einen Europäischen Rat, natürlich auch, um zu verhindern, dass Frankreich Gebietsforderungen an Rhein und Ruhr stellte. Auch Coudenhove Kalergi, wollte weiterhin nicht, dass man Westeuropa auf nationalstaatlicher Grundlage restaurierte. Vielmehr war er bemüht, einen europäischen Parlamentarismus zu gründen. Er warnte außerdem vor einem einseitig wirtschaftspolitisch orientierten europäischen Zusammenschluss. Dennoch teilten die Siegermächte Europa untereinander in Einflusszonen auf und stellten das alte Nationalstaatssystem wieder her.

 

Überspringen wir die Aufbau- und Einigungsleistungen in den folgenden Jahren bis 1990, da diese schulbuchmäßig nachgelesen werden können. Kommen wir gleich  zu dem Punkt, an dem Europa letztendlich in Schwierigkeiten und gleich auch auf innovative Lösungswege gezwungen wurde. Nach Habermas haben wir "die Konflikte nicht etwa aufgelöst, sondern durch Ritualisierung auf Dauer gestellt und zur Quelle von innovativen Ideen gemacht". Die in den 80er-Jahren einsetzende Kosmopolitisierung verlangte nach mehr als nur dem alten Ruf "Nie wieder Krieg!", sie unterlag dem Imperativ "Kooperieren oder scheitern!". Doch das Volk tat und tut sich hart bei der eingeforderten, ethnofugalen Entwicklungslinie: Deutscher - Europäer - Weltbürger.

 

Die Grundlage zur heutigen  Europäischen Union (EU) konnte erst - nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" in Ungarn, Prag und Berlin (1989) - im Maastricht-Vertrag von 1992 gelegt werden. Willy Brandts Diktum „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ war nicht nur auf die beiden deutschen Teilstaaten gemünzt, sondern schon damals europäisch gemeint. In der Fortschreibung des Grundgesetzes aus diesem Anlass wurde ein Zukunftsbild für die EU verbindlich gemacht; sie sollte demokratischen, rechtsstaatlichen und sozialen Grundsätzen entsprechen und sie soll dem Prinzip der Subsidiarität und den Grundrechten verpflichtet sein. Damals erfolgte also schon eine erste Bewegung weg vom Nationalstaat mit seinem fragwürdigen Rückgriff auf gemeinsame, ethnische Herkunft und hin zu den Errungenschaften des modernen Verfassungsstaates und seiner Anziehungskraft für Menschen unterschiedlicher Herkunft.

 

Der Weg der EU bis zur Jahrtausendwende ist durch Erweiterung, durch weitere Ausdifferenzierungen und die dann wiederum nötigen Integrationsbemühungen bestimmt. Die rauschhafte Aufnahme ost- und südeuropäischer Staaten führte allerdings auch zu Ungleichgewichten, die heute noch nicht politisch-institutionell angepasst werden konnten. Die EU gleicht immer noch einer Baustelle, einem nur mit Mühe durchschaubaren Konglomerat von immer wieder ergänzten Verträgen. Doch liegt gerade darin vielleicht auch eine Fortbewegungschance, dass nicht der rationale Staatenlenker am Ruder steht, sonder eher versierte Chaos-Piloten gefragt sind, die ganze Crew einzubeziehen ist. Europa im Schiff der EU segelt zwar geahnten, aber noch nie betretenen Gestaden entgegen. "Abenteuer" ist der durchaus treffende Ausdruck für dieses welthistorisch einmalige Experiment.

 

Mitentscheidend für den starken Europagedanken gleich nach 1945 waren die Vermeidung eines weiteren europäischen Krieges und die Stärkung des Bewusstseins - ungeachtet mancher Unterschiede - in vergleichbarer Vergangenheit, Tradition und Wertordnung zu wurzeln. Andere "worst case" Szenarien kamen den Europa-Gründern noch nicht in den Sinn. Vielmehr wurden alte Symbole bemüht (z.B. die Kaiserpfalz in Aachen und der Karlspreis, das Sternenbanner auf blauem Grund und die Europa-Hymne). Der Papst erklärte (1964) Benedikt v. Nursia zum "Hl. Patron Europas"; er hatte 529 das erste Kloster in Monte Cassino gegründet. Auf des Apostels Paulus "Hohem Lied der Liebe" basiert außerdem ein eindrucksvoller "Song for the Unification of Europe" des Polen Z. Preisner in Kieslowski's Film "Blue" aus dem Jahre 1993.

 

Ob nun gläubig oder ungläubig ausgeprägt, gefragt ist eine "zivilisierende Vision". George Steiner beklagte 1994 bei den Salzburger Festspielen, dass ein Europa, das "ins Sein hätte treten können, bestenfalls in eine aufgeblasene Bürokratie verwandelt worden ist". Er fragt sich, was für ein neuer Mythos unserem europäischen Sein einen lebenden Spiegel vorhalten könne. Nur eine neue, große poetische Erzählung könne uns beflügeln. Doch eignen wir uns noch für "große Erzählungen", sind wir nicht schon zu nüchtern geworden? Gegenfrage: Wollen wir uns mit der bloßen Ordnung eines gemeinsamen Marktes zufrieden geben?