Die europäischen Krisen lenkten die Blicke auf beschönigend so genannte „global players“, die, von keinem Staat mehr kontrolliert, finanzstärker wurden als jede einzelne Nation oder auch ein Nationenzusammenschluss (aber wohl kaum potenter als die EU). Sie können direkt die Menschen-, Geld- und Waren-Märkte und indirekt die Sozialpolitik dominieren. Momentan misstrauen die meisten Europäer der bisherigen, "neoliberal" geprägten Globalisierung, denn sie geht zu Lasten der regionalen Verwurzelung, einer gewissen sozialen Absicherung und des Wohlfahrtsversprechens, das von demokratisch gewählten Regierungen immer gerne abgegeben wird. So erfährt man, dass die Kommission auf Betreiben des Rats bei wichtigen Fragen einseitige Interessenpolitik für einzelne Nationen betreibt (so in der Fischerei- oder Asylpolitik, bei Agrarsubventionen, Privatisierungen und beim Sozialabbau). Darunter droht die Vision eines anderen Europa zu verderben und es entstehen kritische Fragen zu einem demokratisch verpflichteten Politik-Management der EU. Im Misslingen des Europabildens wächst auch die Gefahr der Renationalisierung; aber wurde das Nachkriegs-Europa und die EU nicht gegen den zerstörerischen Geist des Nationalismus geschaffen?

 

Europäer wären gut beraten, ihre Gesamtgeschichte - wie hier ansatzweise vorgetragen - gegenüber nationalen Einzelgeschichten in Erinnerung zu behalten, weil sie Ideen abwirft, wie man mit neuen, globalen Herausforderungen auf eine gute Art umgehen kann: Begangene Verbrechen und Fehler vermeiden und mühsam erprobte, wünschenswerte Traditionen europaweit pflegen. Eine von diesen Traditionen, so schreibt Le Goff, war die auf die antiken Griechen zurückgehende offene Geisteshaltung. Dualistische oder pluralistische Verhältnisse und Problemlagen zwangen immer wieder dazu, diese offene Geisteshaltung einer Bewährungsprobe zu unterziehen und sie zu einer Lebensform auszubilden. Aus dieser in wechselvoller Geschichte erzeugten Ressource ließen sich auch Lösungen finden bei der Suche nach einem neuen, nicht-ausgrenzenden spirituell-religiösen Halt und als notwendiges Gegengewicht zum global grassierenden materialistischen Konsumismus. Der lässt uns als europäische Menschen in Bezug auf unsere behaupteten Ideale nämlich hässlich aussehen. Nur reich werden und das eigene Ego befriedigen ist eine recht unbeholfene Art, Lebenssinn und Zwischenmenschlichkeit zu organisieren. In diesem Sinne  griffen die Reagonomics und der Thatcherism völlig daneben. Und auch Schrö­der und Blair - davon infiziert - verloren ihre Anhängerschaften. 

 

Den gebürtigen Ägypter und Sohn eines Imams, Hamed Abdel Samad, inzwischen deutscher Staatsbürger, fasziniert die Freiheitskultur hierzulande, die aber keine rein-deutsche sei, sondern eine "europäische Freiheitskultur". Er verweist darauf, dass sich in ihr geistige Errungenschaften vieler verschiedener Landsleute vermischt haben. Kopernikus war Pole, Leonardo da Vinci Italiener, Goethe Deutscher, Mozart Österreicher bzw. Bayer, Voltaire Franzose, John Stuart Mill Engländer. Europa kommt unserem Gewährsmann wie ein "begabtes Kind" vor, "das sehr wenig aus seinem Potential macht." Dass bisher versäumt wurde, diese zwingende Einsicht in eine europäische Öffentlichkeit einzubringen, ist ein großer Fehler, der jetzt erst bemerkt wird, nachdem klar wird, dass das einseitig aus ökonomischen Interessen angegangene Europa-Projekt auch scheitern und zersplittern könnte.

 

Abschließend: Breit genug ist das Fundament, auf dem Europa heute seine mentale Stärke und seine emotionale Anziehungskraft entfalten könnte: Das Erbe der Antike, eine lange Geschichte fruchtbarer Auseinandersetzungen, auch wenn sie meist leidvoll erfahren werden mussten. Die Grundideen der Aufklärung, die Menschenrechtsethik und die attraktive Errungenschaft einer modernen Rechtsstaatlichkeit - freiheitsverpflichtet und demokratisch gefasst. Es ist aber auch absehbar, dass das Herrschaftsmodell der Demokratie selbst noch einer Überarbeitung unterzogen werden muss, soll es über seine Geburtsstube Polis und die überkommenen Nationalstaaten hinaus erfolgreich sein. Voraussetzung dafür wäre ein in den beteiligten Völkerschaften systematisch ausgebildetes, europäisches Bewusstsein, das über den Tellerrand der nationalen Ökonomie hinaus reicht.

 

Dem umwerfend realistischen Clinton'schen "It's economy, stupid!" könnten wir ein beherzt optimistisches "It's culture, my dear!" entgegen halten. In dieses ureigen europäische Bewusstsein wurde bisher sträflich wenig investiert. Die tragenden Ideen Europas sind im Dialog mit unserer Geschichte und Angehörigen anderer Kulturen noch weiter zu erkunden. Wir müssen nicht unbedingt stolz auf sie sein, aber wir dürfen uns der Ergebnisse spezifisch europäischer Kulturleistungen erfreuen und wollen sie gerne untereinander kommunizieren und ins Konzert der Weltkulturen einbringen.