Mit der Pest um 1350 erlitt die gesamte europäische Population mit ihrer vielversprechenden Kultur einen herben Rückschlag. Je nach Region fielen dem vom Rattenfloh übertragenen Bakterium ein Zehntel bis vier Fünftel der Bevölkerung zum Opfer und es dauerte ein Jahrhundert, sich davon wieder zu erholen. Unter den Fittichen der spätmittelalterlichen christlichen Kirche und bei ihrer dogmatischen Engführung waren die antiken Schriftsteller mit ihren "heidnischen" Ideen außerhalb der Klöster verborgen geblieben. Nun kam es aber - vor allem in unabhängigen Stadtstaaten wie Florenz oder Venedig -  zu einer Wiederbelebung humanistischen Gedankenguts, zur sogenannten Renaissance. Vor allem Platons Ideen breiteten sich in der Gelehrtenwelt Europas und eben auch Oberitaliens aus, darunter auch Spekulationen über den idealen Staat.  

 

Zur Entstehung der Stadtstaaten und des neuen Standes der Bürger und der Zünfte (als Vertretungen der Kaufleute und Handwerker) musste vieles zusammenkommen: Befreiung von äußerer Bedrohung und Befriedung geistlicher und weltlicher Gewalt in einem gewissen Gleichgewicht. Städtegründungen konnten den Fürsten nur Recht sein, sicherten sie doch ihre Einkünfte und man konnte sie auch als Verbündete in Auseinandersetzungen mit anderen Fürsten, Königen oder Papst einsetzen; nur zu mächtig durften sie eben nicht werden. Dies aber geschah zum Beispiel in Oberitalien, das wegen des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich von letzterem nicht mehr genügend kontrolliert werden konnte. Florenz, Siena und Mailand blühten auf, Venedig, Genua und Pisa entwickelten sich zu mächtigen Seerepubliken. Republikanische Verfassungen und ein großer Reichtum waren für die Ausbildung der Wissenschaften und Künste förderlich. Statt feudalistischem Druck herrschte etwas freiere "Stadtluft". In den dort geschaffenen Statuen und Fresken begegneten den Betrachtern selbstbewusste und nicht nur sündige Menschen.

 

Paneuropäische Militärbündnisse waren bisher gegen Ungarn, Hunnen und Mongolen erfolgreich. Gegen die osmanische Expansion, die 1453 in die Einnahme von Konstantinopel mündete, versagte nun aber die militärische Abwehr. Griechische Gelehrte aus dem Balkan wanderten folglich nach Italien aus und das orthodoxe Christentum fand seinen neuen Mittelpunkt in Moskau, das sich gar schon als "drittes Rom" dünkte. Andererseits trug diese Niederlage erstmals sehr deutlich zum Binnenbewusstsein und zur weiteren Festigung der Idee Europas bei. In anschließenden Aufrufen zum "Kreuzzug" gegen die Türken verzichtete man auf die Einheitsbezeichnung "cristianitas", weil sie in Orthodoxe und Römische aufgeteilt war und man nahm immer mehr "Europa" in den Mund. Die fortdauernde türkische Bedrohung, 1529 erreichte sie Wien, wirkte zudem wie ein Katalysator in Richtung Einheitlichkeit trotz dynastischer Konflikte und der großen Glaubensspaltung in den eigenen Reihen - freilich zu Lasten eines fürchterlichen Feinbildes vom Osmanen bzw. dem Türken.

 

Nicht zu unterschätzen ist natürlich der Schub, den europäisches Selbstbewusstsein erfuhr, als die überseeischen Entdeckungen gemacht wurden (1444 Westafrika, 1492 Amerika). Die neuen Ländereien wurden den Eingeborenen gewaltsam oder hinterhältig abgenommen und den jeweiligen europäischen Königreichen unterworfen und von ihnen ausgebeutet. Dem Papst kam dabei die Aufgabe zu, Süd-Amerika zwischen Spaniern und Portugiesen aufzuteilen. Diese Expansionserfolge erzeugten anfangs eine hochfahrende Haltung und den Dünkel ethnischer und zivilisatorischer Überlegenheit, der in nennenswerter Weise erst viel später selbstkritisch-reflexiven Haltungen weichen wollte - wenn überhaupt.

 

Um 1500 gab es noch das supra-nationale Netz miteinander verbundener Universitäten, eine Art Gelehrtenrepublik, die in der Folgezeit nationalstaatlich zerrissen wurde. Einer dieser Gelehrten, Erasmus von Rotterdam, legte in dieser Zeit, in der die Papst-Kirche sich in teurer Prunksucht erging und ihre Hand über die weltlichen Herrscher hielt, 1516 das Neue Testament im griechischen Urtext vor. Auf dieser Grundlage verfasste Martin Luther seine mutigen Schriften und fand ab 1520 breite Anerkennung. Dank ihm setzte sich einerseits die Überzeugung durch, dass der Glaube eine ganz persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen sein sollte und er sich auf sein Gewissen berufen darf. Andererseits versuchten sich Landesherren - wie schon immer - so darzustellen, als ob ihre Macht direkt von Gott abgeleitet sei und sie entscheiden könnten, welche Glaubensrichtung in ihrem Machtbereich toleriert werden kann und welche nicht. So steht es im "Augsburger Religionsfrieden" von 1555. Mehr noch: In Teilen Europas, wo sich protestantische Glaubensströmungen ausbreiteten, entstand ein neuer Begriff von Fleiß, Arbeit, Ordnung und Verantwortung im Gemeinwesen; im Süden war dies wegen der von Jesuiten erfolgreich durchgeführten Gegenreformation weniger ausgeprägt; dort hielt sich bis heute im allgemeinen ein eher - sagen wir mal - unbefangener Lebensstil. Daraus saugen heute noch Nord- und Südvölkerschaften Europas gewisse Vorurteile gegeneinander bezüglich ihrer Lebensstile. - Auch Der Dreißigjährige Krieg begann 1618 in Prag als innerhabsburgisches Religionsscharmützel, endete jedoch nach entsetzlichem Leid für die Völkerschaften, mit einer Neuverteilung der Mächte in Europa. Die Habsburger büßten Ländereien ein, Frankreichs Bourbonen, Schweden und die Niederlande legten sich welche zu. Die verloren gegangene Perspektive einer Einigung im Reich auf eine gemeinsame Religion ließ die moderne Idee des autarken Staates entstehen: "cuius regio eius religio". Nicht mehr Papst oder Kaiser garantieren den Frieden oder eine gesicherte Reise in Europa, sondern die jeweiligen souveränen Staaten im europäischen Staatenbund.