Schwabhausener begraben die toten Juden

Der 29. April, ein Sonntag, begann mit einer kurzen Messfeier, bei der auch Pfar­rer Durer, der letzte eigene Pfarrer der Schwabhausener, der Gemeinde ein­dringlich ins Gewissen redete, nun die Toten zu beerdigen. Hauptsächlich rüstige Männer und Frauen (die anderen müssten ja arbeitsteilig die Verwundeten ver­sorgen und verpflegen) machten sich unter der Federführung ("der war damals sozusagen unser persönlicher Leiter") (1) von Dr. Arnold auf, um für die Toten an Ort und Stelle, nämlich dorfseitig am Bahndamm (auf der heutigen Flur-Nr. 300), drei große, tiefe Gruben auszuheben. Es ist dies die erste waldfreie Stelle vom Zug aus und dorthin hatten die Insassen selbst zum Teil noch die Toten aus den Waggons hinausgeworfen, die an Entkräftung oder durch Beschuss ums Leben kamen. (13)

 

Die nun folgende Arbeit muss schrecklich gewe­sen sein, denn viele Tote waren furchtbar entstellt; einigen waren zuvor die Ge­fangenenkleidungen weggenommen worden und nun lagen sie nackt und vom Ty­phus und Schusswunden verunstaltet da. Zwei Männer, Josef Vogt und Georg Böheim verrichteten die unangenehme Arbeit und trugen mit zwei Stangen und einer Zeltplane die Toten in die Gruben hinein. Hauptlehrer a.D. Kreitmayer stand unten und schichtete je zwei Leichname kreuzweise übereinander. Jüdische Be­stattungsgewohnheiten wurden dabei wohl nicht beachtet. Dr. Arnold organisierte noch Chlorkalk, der über die Toten geschüttet wurde und die Gräber wurden wieder zugeschaufelt.

 

Im ersten Grab (vom Bahnhof her gesehen) liegen ca. 60 Tote, in den weiteren zwei Gräbern nochmals zusammen 70 bis 80. Diese Toten konnten auch nicht mehr identifiziert werden, denn "Bei der Beerdigung wurden keine Beurkundungen vorgenommen. (28). Insgesamt - mit den in St. Ottilien noch Verstorbenen und im dortigen Friedhof Beerdigten - sind durch die Beschießung des Transportzuges am Tage der Be­freiung über 170 Tote zu beklagen.

 

Angehörige können nur rekonstruieren und ver­muten, dass einer der Ihren dort liegt. Am mittleren Grab wurde später eine privat erstellte Zusatztafel angebracht, auf der geschrieben steht: "Unter den 130 heiligen Menschen ist mein Bruder, der junge Mann Joshua, Sohn des Moshe Chaim Herczl aus der Gemeinde Soltvadkert in Ungarn. 14. Jiar des Jahres 5705. Ihr Blut soll nicht vergessen werden." Herr Herczl hatte große Schwierigkeiten, für den identifizierten toten Bruder die private Zusatztafel anbringen zu dürfen. Ironie des Schicksals oder typisch für deutsch-jüdische Verhältnisse nach dem Krieg? Er bestellte die Platte unwissentlich bei einem Steinmetz, der 1933 schon nationalsozialisti­scher Stadtrat in Landsberg war...

 

Josef Herczl, einziger Überlebender seiner Herkunftsfamilie, reiste fast jedes Jahr aus Antwer-pen/Belgien an, um die Gräber zu be­suchen. Eine Begegnung mit ihm ergab, dass seine Familie zuletzt in Szeged wohnte, von wo sie nach Auschwitz deportiert wurde; am 28. Juni 1944 kamen sie dort an. Josef hatte die Nummer 14523. Sie wurden voneinander getrennt, die beiden jungen Brüder, damals 19 und 17 Jahre alt, wurden (ab 28.01.45) zum Arbeiten in Außenlagern für rüstig befunden, Eltern und Schwestern wurden umgebracht. Sándor Joshuas Leben endete am 27. April 1945 in Schwabhausen, Josefs Odyssee endete am 31.08.1945 in Feldafing.

Dem Ziel, dem in Schwabhausen Begrabenen Gesicht und Namen zu geben, soll die Veröffentlichung eines Photos dienen, das die Familie Herczl im Jahre 1935 zeigt (v.l.n.r.): Einzig Überlebender Josef Jenö (geb. 1927), Mutter Frieda Laufer (geb. 1895), Sándor Joshua (geb. Oktober 1925), Irén (geb. 1924), Vater Joachim Herczl (geb. 1895), Judit (geb. 1928); vorne in der Mitte: Miksa (geb. 1932) (Weiterverwendung dieses Photos nur nach Rückfrage beim Verfasser: Volker.Gold@outlook.de)