Beschießung des Transportzuges mit schwerkranken Juden

Obwohl man meinen könnte, dass der Zug zwischen den damals beiderseitig vor-handenen Nutzwäldern geschützt stand, war er doch auf dem hier recht hohen Bahndamm den US-amerikanischen Flugzeugen schutzlos preisgegeben. Von der Dampfsäge aus konnte man seinen hinteren Teil noch aus dem Wald hervorstehen sehen. Tatsächlich muss die Aufklärung den Flak-Zug schon in der Nacht ausge-macht haben. Jedenfalls waren die Jagdbomber schon am Vormittag da, um den Zug im Tiefflug (aus etwa 40 m Höhe) zu beschießen.

 

Aus den noch vorhandenen Einsatzberichten des Historischen Dienstes der Französischen Luftwaffe (16) lässt sich folgendes herausar­beiten: Am 27.4.45. starten früh 12 Flugzeuge des Typs P 47-D der Jägergruppe I/4 "Navarre" (Mission AO 143) von deer Airbase Luxcuil (westl. von Belfort) unter Leitung des Capitain Boitelet. Der Auftrag war, drei stehengebliebene Züge zu bombardieren und Fahrzeuge auf den Straßen auszuschalten. Durch die Bombardements wurden fünf Waggons eines Zuges total zerstört, einer fing Feuer und 18 Waggons wurden mit Maschinengewehren beschossen. Alle Flugzeuge kehrten 12:05 Uhr wieder nach Luxeuil zurück ohne eigene Verluste beklagen zu müssen.Es waren also nicht "die Amerikaner", sondern französische Piloten in US-amerikanischen Maschinen, jedoch mit aufgemalten französischen Kokarden.

Maschinen der 86. Fighter Gruppe hingegen haben zu dieser Zeit auch auf Soldaten der Wlassow-Armee bei Eresing geschossen hat; zwanzig russische Opfer liegen in St. Ottilien begraben.

 

Die folgende Schilderung der Beschießung des Transportzuges - wiederum aus der Sicht des Augenzeugen Dr. Grinberg - darf nicht verwechselt werden mit der Beschießung, die sich schon zuvor beim Zwischentransport vom Krankenlager Hurlach zum Kauferinger Bahnhof ereignet hat und den weiteren Transport wohl verzögerte.

 

"Gegen 8 Uhr früh stand dort auf dem Geleise ein Flak- und Verpflegungszug der deutschen Luftwaffe. Um ½ 9Uhr waren amerikanische Beobachter in dieser Gegend und beobachteten den Flakzug. Daraufhin wurde der Flakzug ausrangiert und an dieser Stelle platzierte man den langen Häftlingszug mit nahezu 3.500 Häftlingen, von denen 95 Prozent Juden waren. Der Flakzug begab sich auf ein zweites Geleis und wurde durch den Häftlingszug gedeckt. Man hat also absichtlich den Flak- und Ver­pflegungszug der Luftwaffe durch den Häftlingszug abschirmen wollen. Gegen 10 Uhr bewiesen sich am Himmel die ersten amerikanischen Jagdbomber. Der Kommando­führer des Zuges, Obersturmführer Müller, gab den Befehl, den Zug nicht zu verlassen. "Wer den Zug verlässt, der wird erschossen, auch während eines Luftangriffs." Gegen 10 Uhr 15 ließen sich die Jagdbomber auf den Zug herunter und begannen die Lokomotive und die ersten Waggons zu beschießen. Es entstand ein großes Chaos und eine endlose Verwirrung. Die SS-Posten verließen als erste den Zug und flüchteten in das benachbarte Wäldchen. Die Häftlinge beobachteten dies und da die Kugeln von allen Seiten einhämmerten, versuchten auch sie in den Wald zu flüchten, die Kranken, die noch gehen konnten, suchten Deckung unter den Bäumen. Nach 10 Minuten war der Angriff vorüber. Wir hatten 136Tote und 80 Schwerverwundete. Die Verwundeten lagen in den Waggons zusammen mit den Toten. Wir, die einzigen Ärzte die dort waren, versuchten mit unseren spärlichen Mitteln, den Verwundeten die erste Hilfe zu leisten, es war jedoch ein vergebliches Bemühen, denn es handelte sich um Schwerverletzte, um Steck- und Durchschüsse mit komplizierten Frakturen, offene, blutende Wunden, und die nötigen Mittel, den Verwundeten Hilfe zu leisten, waren nicht vorhanden. Ein jämmerliches Bild war es, die Zeit erlaubt es mir jetzt nicht, dieses tragische, unfassbare Bild zu beschreiben. Nach dem Angriff fanden sich wieder die SS-Posten ein, sie um­zingelten das Wäldchen und schossen in die Menge, um wieder Disziplin und Ordnung hineinzubringen. Wir hatten weitere Opfer. Die Kranken und Verwundeten lagen teils in Waggons, teils im Wald krächzend und nach Wasser und Brot flehend. Wasser war nicht vorhanden, das Brot war bereits verzehrt. So lagen wir im Frontbereich den ganzen Tag, und trotzdem schien die SS ihre alte Taktik nicht geändert zu haben. Es hieß, am Abend werde der Zug weiterfahren. Und wirklich gegen Abend kam der plötzliche und schnelle Befehl "Einsteigen" und kaum ist der Befehl ergangen, so setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr fort.“ (22)

 

Eine weitere überlebende Augenzeugin, Frau Tilla Amstel (23) berichtet:

"Ganz früh horten wie eine große Schießerei. Wir horten viele Flugzeuge kommen und wollten aus den Güterzügen ausbrechen. Es ist uns gelungen, die Waggontüren zu öffnen und wir rannten in den Wald. Aber die Deutschen trieben uns wieder in die Wag­gone zurück. Wir sahen viele jüdische Frauen, welche zurückgetrieben wurden von deutschen Posten, blutend. Es stellte sich heraus, dass sie nachts aus den Waggonen ausgebrochen waren und die Posten sie einfingen und blutig schlugen. Wir hatten so Hunger, dass wir den nächsten Fliegeralarm nicht bemerkten. Plötzlich waren wieder wilde Bombardierungen und Schießereien um uns her. Die Deutschen schossen mit Maschinengewehr gegen die Amerikaner und wir waren in den verschlossenen Wag­gons. Unsere Überlebenschancen waren sehr gering. Es war furchtbar. In den Wag­gonen wurde geweint und geschrien und wir wollten aus den Waggonen ausbrechen. Wir schrien: "Wir wollen leben!" Ein jüdischer Kapo öffnete unsere Waggontür und in diesem Augenblick wurden die Waggone stark bombardiert. Wem esnicht gelang, schnell aus dem Waggon zu springen, wurde von Bomben schwer verletzt oder sogar getötet. Es war fürchterlich. Wir liefen in den Wald und die Posten wollten uns wieder in die Waggone treiben. Aber wir widersetzten uns. Wir hatten schon nichts mehr zu ver­lieren. Im Wald trafen wir auch jüdische Männer, welche von den Waggonen ent­kommen waren. Die deutschen Soldaten und Posten mit Gewehren jagten uns über die Felder. Trotzdem gelang es einigen von uns, in ein nahes Dorf zu entkommen. Nach ei­nigen Stunden wurden die Verwundeten und die Toten aus den Waggons entfernt und zu uns in den Wald gebracht. Der jüdische Doktor Grünberg kümmerte sich um die Verletzten. Die Lokomotive und mehrere Waggons brannten total aus. Abends brachten sie eine neue Lokomotive von Dachau. Nun wurden wir wieder in die restlichen Waggo­ne getrieben. Die meisten von uns kamen dann nach Dachau. Ein kleiner Teil von uns konnte fliehen in die Wälder, auch ich und 9Mädchen. Es regnete sehr stark und es war ein schreckliches Gewitter. Wir liefen die ganze Nacht in verschiedene Richtungen. Nach einigen Stunden Laufen im dichten Wald waren wir plötzlich in Schwabhausen. Dort versteckten wir uns mit großem Schrecken, immer mit der Angst, entdeckt zu werden. Wir hörten immer Schießereien um uns und manchmal dachten wir, die Bäume seien Menschen. Wir hatten einfach Angst vor ihnen. Diese Nacht werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen.“

 

Aus dieser und anderen Quellen kann noch ergänzt werden, dass es bei diesen Angriffen doch deutsche Gegenwehr gegeben haben muss. Verrostete 20mm­ Flak-Patronenhülsen, die noch im Dezember 1984 gefunden wurden, deuten auf Gegenwehr hin.(11) Es wäre zumindest verwunderlich, wenn ein gerüsteter Flakzug nicht wenigstens im Ansatz den Versuch einer Gegenwehr unternommen hätte. Eine Zeugin sah allerdings Soldaten und Flakhelferinnen fliehen. (13) Bezeugt ist auch, dass sich vom Transportzug Wachposten ins Dorf retteten; sie sagten dort aus, dass der Transport für Dachau bestimmt sei. (1)

 

Der von Edith Raim befragte Überlebende, Zdenek Taussig aus Prag erinnert sich:

"Wir sind schön langsam gefahren und sind in einem Wald stehen geblieben. Nach ein paar Minuten kommt ein Luftwaffenzug mit Kanonen, wie es im Krieg aussieht. Und dann sind die Amerikaner gekommen. Das war das Furchtbarste, was es gab. Die Amerikaner haben diesen deutschen Zug bombardiert, aber die Züge waren nur Meter voneinander entfernt. " (20, S. 211)

 

Vor seiner Flucht musste der Augenzeuge Thomas Mendel aus Rumänien zuvor noch angstvolle Augenblicke durchleben:

"Am Nachmittag hat man die Leute angefangen zu fliehen durch dieses Wald. Ich habe gesehen die Lagerkapos und Lagerälteste, welche haben eine Richtung gegangen und dann hab' ich geglaubt, vielleicht ist es das Beste .... So dann habe ich noch zwei Bekannte gehabt und ich hab gefragt "Sollen wir nicht auch mitgehen?" Aber sie haben, sie waren nach Typhus gewesen und er hat gesagt, ein ganz anständiger Mensch, haben gesagt "Ich hab keine Kraft, aber Du sollst weggehen!" Das habe ich gemacht, um ungefähr 5 Uhr nachmittags oder 6 Uhr. Das habe ich damals gemerkt, weil dort war nicht weit ein Dorf, wo der Turmuhr hat (geglockt?) die Stunden, wie viel Uhr es ist. Fünf oder sechs Uhr wars, sind gekommen zwei Lokomotiven diesen Züge zum Ab­schleppen und dann sind unsere Wachsoldaten nach uns gelauft, wieder zum Zurückbringen.“..."Bevorher ich weggelaufen von Zug ich bin hineingegangen in die Waggon, wo waren die Schäfer(dinge?). Sie haben Zivilbekleidung gehabt und ich habe gefunden ... sie waren auch herunter aus den Waggon wegen die Luftangriffe und dann habe ich einen ganz langen Lodenmantel genommen, welcher hat nur eine Streifen hier, also wenn war eine Zivilbekleidung, dann hier war ausgeschnitten und eine Streife von die Häftlinge (dazu). Aber das war nicht nur hineingeschneidet sondern nur genäht. Das habe ich heruntergenommen, mit das bin ich weg. Und das war bis hierher. Ich habe mich selbst genäht eine, wie sagt man, eine Manschette für meine Hose zum Stiefel und ich habe eine (Teufels-?)Mütze gehabt, also von dort man hat überhaupt keine Häftlingskleidung gesehen, weil der Lodenjacke war sehr lang. Natürlich, wenn ich das aufmachte dann hat man alles gesehen. Das war wahrscheinlich meine Glück, dass ich war eigentlich zivil ausgesehen?"

 

"Ich weiß genau, was ist mit mir geschehen: Hat man. ... ich war schon ganz weit und hat man geschossen nach mir und hat immer geschreit "Halt, schießen!" Ich hab gelaufen, war sehr schwer, weil ich hab solche Sohlen aus Holz und vorher war Regen und dann der Acker war sehr schwer. Ich hab gelaufen und sie haben auch gelaufen, aber wahrscheinlich, das war mein Glück, weil auch sie waren müde und konnten nicht ge­nau zielen. Und dann war ein Wald vor mich und ich hab, konnte in Wald gelaufen jetzt, kann ich Ihnen sagen, bis dahin hab ich nicht gewusst, dass nicht weit von mir sind die Geschosse gegangen, was ich habe gehört wie man pfeift, hehe (lacht) und dann bin ich hineingelaufen in Wald und nach paar zehn Metern heruntergefallen, weil in eine großes Loch. Dort bin ich heruntergefallen, war so müde dass ich bin dort geblieben. Die beiden sind hineingekommen, war schon 3/4 dunkel und waren so nahe von mir, dass ich habe gesehen die Stiefel und haben gesagt "Wir müssen schon zurück, der Kerl vielleicht ist weg und wir müssen zurück, schon zurück, weil der Zug fährt weg!“ Und dann sind weggegangen und ich bin dort geblieben vielleicht noch - noch eine Stunde, war ganz dunkel. Dann ich bin weitergegangen und habe noch zwei Häftlinge gefunden, war zwei Litauer Häftlinge, war, mir scheint Lagerschreiber oder etwas und er hat gesagt, dass ein anderer Mann hat gesagt, sie soll in diese Dorf gehen und verlangen ob jemand konnte uns verstecken. Ich habe keine Lust im Dorf zu gehen und ich bin weitergegangen in ein anderes Wald, welcher Wald war in eine, so eine steile Platz. Nächste Tag habe ich schon erfahren, dass oben ist eine Straße gegangen, weil näch­ste Tag habe ich gesehen deutsche Militär wie gekommen sind, durchgefahren.“ (4)

 

Auch der Bericht von Charles Baron (27) trägt dazu bei, die Grundzüge des Geschehens zu verstehen, trägt aber auch noch einige bezeichnende Details bei: Als der Regen gegen 8 oder 9 Uhr aufhörte und die elenden Häftlinge erschöpft herumlagen oder sich allenfalls um ihre Läuse kümmerten, kam rasch ein dumpfes Dröhnen näher und vier Flugzeuge mit großen Sternen am Rumpf und an den Flügeln flogen in zwei Wellen sehr nah über die Köpfe der Gefangenen und nahmen den Zug unter Beschuss. In die anschließende Stille hinein erhoben sich die Schreie der Verwundeten. Es stellte sich heraus, dass der Beschuss wohl dem nebenan stehenden Zug, einem Munitionszug, galt.

 

Nach diesem Schrecken wurde Essen ausgegeben, ein gutes Kilogramm Brot und drei 60g-Stücke Käse für je sechs Personen. Nach ganzen zwei Tagen ohne Versorgung stürzten sich alle mit Fingern auf diese pampige Nahrung. Danach wurden die Toten auf den immer höher werdenden Haufen gelegt, der inzwischen zu stinken begann. Viele dösten und träumten vor sich hin, als plötzlich die Hölle wieder los brach. Zuerst vernahm man die Einschüsse und sah Holzsplitter wegspritzen, ehe die Maschinen ohrenbetäubend über den Zug flogen und danach fast senkrecht nach oben zogen, um, hintereinander folgend, eine zweite Angriffswelle zu fliegen. In der Ferne war die Flak zu hören. In den Waggons herrschte Panik und Chaos.

 

Fred, ein aus Paris deportierter Arzt (Dr. Seydel, Mitglied der Resistance), war einer der wenigen, der seine Selbstkontrolle behalten hatte. Er bat einen etwas kräftiger aussehenden Litauer, ihm zu helfen, den Riegelverschluss an der Waggontür anzuheben. Die Wache darüber versuchte dies noch zu verhindern, doch mit gemeinsamer Anstrengung fiel der Eisenriegel, die Tür gab unter dem Druck der Insassen nach und die Vordersten stürzten, als die US-amerikanischen Flugzeuge zurückkamen und die Waggons beschossen, aus dem viele gerade entkommen waren. Unter denjenigen, die entkräftet drinnen liegen bleiben mussten, gab es weitere Todesopfer. Die Wachen waren vor dem Angriff abgesprungen und suchten in Gräben und hinter Bäumen Schutz.

 

Hunderte von Häftlingen hielten sich entlang des Zuges am Bahndamm auf. Einige begannen zu fliehen, so auch Charles und Fred, die sich öfters nur kriechend, dann wieder auf- und davonspringend wegbewegten. Um sie herum totales Durcheinan-der, überboten noch durch einen Bombenabwurf, der offenbar auf Munition traf und einen riesigen Rauchpilz erzeugte. Einige der Flüchtenden, die nahe Freiheit vor Augen und wie von Sinnen durch Hunger und Durst, näherten sich den ersten Häu-sern und drangen in die Obst- und Gemüsegärten ein. Die meisten dieser Armen wurden von den SS-Wachen, nachdem diese die Kontrolle wieder erlangt hatten, eingefangen und auf der Stelle hingerichtet.

 

Charles und sein Freund suchten in einem nahen Wäldchen vorübergehend Unter-schlupf. Davor war noch ein Bach zu überqueren; das Durchwaten verschaffte den zerschundenen Füßen etwas Erleichterung und gab etwas neuen Aufschwung. Um 11 Uhr, brennende Waggons und grobe SS-Wachen hinter sich lassend, realisierten sie erstmals, dass sie frei waren. Doch das Vorwärtskommen im Wald und durch die morastigen Äcker war anstrengend. Bei einer kurzen Rast fiel Fred niederkauernd sofort in Schlaf, Charles, zu aufgeregt, hielt Wache. Dreimal streiften SS-Männer nahe an ihnen vorbei und riefen: „Kommt heraus, ihr Schweine, oder wir erschießen Euch!“ Charles widerstand der Versuchung, sich zu ergeben, obwohl ihn der Stress der vergangenen drei Jahre dazu hätte verleiten können.

 

Die Situation am Abend des 27. April nach Weiterfahrt des Häftlings-Zuges beschreibt Dr. Grinberg:

"Eine große Zahl der Kranken blieb im benachbarten Wald liegen. Darunter war auch ich und mein Kollege Dr. Nochum Katz. Wir wussten nicht, wie viele Kranke wir hatten, denn indessen haben sich auch die Kranken auf eine größere Fläche verbreitet. Wir waren plötzlich im Niemandsland, es waren keine Deutschen da, auch Amerikaner waren nicht zu sehen. Ringsumher brannte alles. Wir hörten schwere Detonationen und Granaten und verschiedene andere Kugeln pfiffen durch die Luft. Die meisten Kranken lagen apathisch und bewegungslos auf dem Erdboden und erwarteten den befreienden Tod. Wir kümmerten uns um die Kranken, besorgten Wasser aus dem benachbarten Dorf, wo, wie wir uns überzeugten, noch deutsche Luftwaffenverbände lagen. Die ganze Nacht lagen wir im Wald. In der Nacht starben noch 18 Menschen."

Vor Sonnenuntergang hörte Charles Baron nochmals angreifende Flugzeuge in einer gewissen Distanz. Nach Abzug der Suchtrupps waren sie frei – aber hungrig. Sie begannen nun, ihr Versteck im Wald zu verlassen und die Nähe der Befreier aufzusuchen. Auf einem ungepflügten Feld legten sie sich hin, um ihre Kleider trocknen zu lassen, sich zu reinigen und ihre Wunden zu versorgen. Bei Gelegenheit sahen sie, wie in vielleicht 150 m Entfernung eine Gruppe von Deportierten einem Bauernhaus entgegen ging und wollten sich eigentlich ihnen anschließen, um Schutz zu finden. Doch kaum wollten sie sich dazu erheben, sahen sie schon, wie ihre Leidensgenossen von zwei SS-Wachen in einer Reihe wieder aus dem Gehöft herausgeführt wurden; die Bauern hatten sie verraten. Unterwegs beobachteten sie auch in Auflösung begriffenen Grüppchen von Wehrmachtsoldaten.

 

Dies brachte Charles und Fred dazu, ihren beschwerlichen Weg wieder aufzunehmen und dabei Straßen und Dörfer zu vermeiden. In der Nähe eines Weihers machen sie schließlich Halt, um sich mit einem Stück mitgeführter Kernseife zu waschen, was vor allem zu psychischer Erleichterung führte. Hunger und Durst trieben sie weiter und plötzlich stießen sie auf Soldaten in grüner Uniform. Als sie merkten, dass es sich um Russen handelte (von der Wlassow-Armee), riefen sie ihnen ein paar Worte in Lager-Deutsch, gespickt mit russischen Wörtern zu. Doch statt der erhofften freundlichen Antwort wurden sie mit Steinen beworfen. Wieder mussten sie Flucht und Suche fortsetzen, hinein in immer unwirtlicher werdendes Wetter. Ein stürmischer Wind zusammen mit kräftigem, eiskaltem Regen setzte ihnen bis auf die Knochen zu.

 

Nach kurzer Pause nehmen sie Orientierung in Richtung eines Wirtshauses auf, um dort jetzt doch um Hilfe nachzusuchen. Als sie sahen, dass dort drei Soldaten mit einem Auto vorfuhren und eintraten, gaben sie dieses Ziel wieder auf. Bei wieder einsetzendem Regen passierten sie einen Wegweiser nach Pestenacker und gelangten an ein etwas abseits stehendes Haus mit einer kleinen Scheune. Dort drangen sie ein und versteckten sich; es ging einfach nicht mehr weiter. Unter größten Bedenken klopfte Fred leise an eine Glastür, worauf eine junge Frau sofort öffnete und eine bestimmte Frage stellte. Er antwortete wahrheitsgemäß. Erst lehnte sie Hilfe ab, denn schon ein Dutzend andere seien hier gewesen und sie habe schon alles hergegeben. Doch dann gab sie nach und hieß sie, in die Scheune zurück zu gehen und keinen Lärm zu machen; wenn sie aufgespürt und danach gefragt würden, hätten sie mit ihr noch nie gesprochen.

 

Jetzt erst wurden die beiden bis aufs Skelett abgemagerten Menschen sich ihres Zustandes und ihrer vielfachen Wunden bewusst. Der eine steckte in Holzschuhen, der andere in Stiefeln, die er einem Toten abgenommen hatte. Hohlwangig und mit müden Augen schauten sie sich an und mussten über die erbärmliche Komik ihrer Gestalten unwillkürlich lachen. Erst als der Regen ganz aufgehört und der Himmel sich ganz aufgeklart hatte, traute sich Fred, nochmals zu klopfen und sich zumin-dest zu bedanken. Die junge Frau öffnete wieder und ein etwa 50-jähriger Mann stand mit dabei. Als die Bitte um Versorgung wieder zu scheitern drohte, brach Charles in seiner Verzweiflung – eher unabsichtlich – zusammen. Jetzt erschienen alle Hausbewohner, der Mann half Charles auf, eine andere junge Frau brachte eine Schüssel Milch und ein großes Stück Kuchen. Während sie alles gierig tranken und verschlangen beantworteten sie die Fragen der Familienmitglieder. Als sie hörten, dass die Flüchtlinge Franzosen waren, gaben sie ihre Zurückhaltung auf. Nach und nach konnten sie berichten, wie es ihnen in den vergangenen drei Jahren und in den letzten Tagen ging. Und auch die Deutschen erzählten, wie es ihnen schlecht ging, seit der Krieg sich in Richtung Niederlage entwickelte. Zum Schluss gab es die erste richtige Mahlzeit, eine wirkliche Suppe mit Gemüse und Fett aus einem Keramik-Teller.

 

Doch konnten sie in dem kleinen Haus nicht länger bleiben und wurden nach Pestenacker verwiesen, wo sie sicherlich bessere Hilfe erfahren würden. Mit einer Militärdecke und einem Leintuch versorgt standen sie wieder auf Straßen, auf denen es immer noch keine sicheren Gewissheiten gab. Irgendwie wurden sie in eine Scheune verwiesen, wo sie auf die Amerikaner warten könnten. Dort kümmerte sich ein ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter um sie. Erstmals konnten sie ihre Kleider wechseln und sich auf der obersten Etage in Heu einbetten und die Nacht über schlafen. Doch am Morgen merkten sie, dass eine Etage tiefer sich deutsche Soldaten eingerichtet hatten. So mussten sie nochmals 24 Stunden geräuschlos und ohne Nahrung verharren und erst am Morgen des dritten Tages traf die Vorhut der Amerikaner ein. Doch kamen diese nur, um sich gleich wieder zurückzuziehen, wobei sie den Platz wieder zurückweichend streunenden Wehrmachtseinheiten überließen. Erst als am vierten Tag die amerikanischen Soldaten wiederkamen, war für Charles und Fred der Krieg wirklich zu Ende.

 

Auch andere, die nicht in den Ort flüchteten (aus Angst, von den Deutschen und der SS erschlagen zu werden) schlugen sich einige Tage durchnässt, hungernd, frierend und schwerkrank durch die anliegenden Wälder. Verwundete schafften solche Ge-walttouren natürlich nicht. Ein 18jähriger Mann war verwundet und blieb im Wäld-chen zum Sterben liegen. Er wurde gefunden und offenbar an dieser Stelle von einigen Schwabhausenern begraben. Später wurde er wieder exhumiert und in Schwabstadel erneut bestattet. (1) Einige Opfer fand man viel später noch skelettiert im Walde. Thomas Mendel berichtet weiter:

 

"Zwei Tage bin ich dort gewesen, war sehr schwer, weil hat geregnet und ich war voll nass und sehr hungrig. No, als KZ ich wusste, was man kann machen und ich habe Gras gegessen und der, wie sagt man, der Harz von Tannenbäume, das habe ich auch im Lager gelernt... Und dann konnte ich nicht mehr (aushalten?) und ich habe gesagt, ich werde mich erfroren. Ich bin gegangen nach einer Richtung, was wahrscheinlich war eine nördliche Richtung zu einem Bauernhof, war ganz, ganz isoliert, allein. Dann, dort waren sehr viele Flüchtlinge. Ich habe gefragt ob lass mir irgendwo in Stall oder ein bisschen zu erwärmen und trocknen und die Frau hat gesagt "Schauen Sie, sind sehr viele“, waren vielleicht über 30 Leute dort, Flüchtlinge, aber hat mir zum Essen gegeben, Brot und Milchkaffee und dann ich bin wieder weg, vielleicht drei, vier Kilome­ter gegangen, auch eine isolierte Bauernhof war und ich bin hineingegangen, war dort ein Frau und ich hab mein Märchen angefangen zu erzählen und sie hat mit die Augen so ganz unordentlich gemacht und dann habe ich gesehen, dass der Hof war voll mit eine Militäreinheit, also militärisch (Maschinen?) und Soldaten.“... „Und dann ich war sofort weg, weil natürlich (lacht) und ich bin wieder gegangen und hab gesagt jetzt, ich hab schon keine Energie mehr, nur eine einzigen Bauernhof zu besuchen. Ich gehe in nächste Gemeinde und wird geschehen was wird geschehen, ich kann nicht mehr, vielleicht Lungenentzündung ist gekommen und Kraft habe ich nicht mehr. Und ich bin in eine Dorf hineingegangen, erste, ganz enge Straße war und am erstes Haus war eine alte Frau, hat in eine Schüssel solches trockenes Brot eingeweicht, war vielleicht für die Hühner und so durch(geknetet?) ist das, und ich hab gesagt "Erlauben Sie mir in Stall hineingehen, weil bin ganz nass und erfroren?" Na ja, sie hat gesagt "Dort!" Die Stalltür war zur Straße. Dann bin ich dort hineingegangen in die Heu... wokommt her­unter so eine aus Holz wie eine Lift. Und dort bin hineingegangen und hat man mir gegeben, oder wie mir scheint, hat mir Brot und Milchkaffee gegeben und dann habe ich geschlafen. Und im nächsten Morgen, war schon vormittags, sind schon die Amerikaner gekommen." (4)

 

Die Stimmung kurz vor der Rettung aus unsäglichere Not berichtet Tilla Amstel:

"Am nächsten Tag, mittags, trauten wir uns aus dem Wald und trafen mehrere jüdische Menschen. Sie trösteten uns und erzählten uns, die Amerikaner seien schon ganz nah. Wir gingen ins Dorf Schwabhausen. Wir trauten unseren Augen nicht. Die Deutschen nahmen uns auf mit offenen Händen. Sie merkten schon ihr nahes Ende. Sie gaben uns Militärkleidung von deutschen Soldaten, welche türmten, und Essen und Trinken. Sie haben gesagt, sie seien nicht schuldig, was auch passiert sei. Es war nur Hitler und die SS. Wir sagten gar nichts und warteten auf die Amerikaner. Für uns war es ein Traum, dass die Freiheit so nah war. Wir konnten es immer noch nicht glauben. Am 28. 4. wurde unser Traum wahr und in den schmalen Gässchen von Schwabhausen wurden wir von den Amerikanern befreit.“ (15)

 

Auch hier muss sich die Augenzeugin mit dem Datum vertan haben, denn die Amerikaner kamen nach Schwabhausen erst am 30. April.