Die "Judengräber" von Schwabhausen

Eines der drei Grabmale am Bahndamm bei Schwabhausen
Eines der drei Grabmale am Bahndamm bei Schwabhausen

Eine Tragödie aus den letzten Kriegstagen nach Augenzeugenberichten zusammengestellt in der 2011 überarbeiteten Fassungzur Einstellung ins Internet

(mit Dank an Herrn Rolf Carpentier)

 

Danksagung

 

Vorab möchte ich den vielen Augenzeugen und Interviewpartnern danken, die durch ihre Aussagewilligkeit diesen historischen Bericht ermöglicht haben. Einige davon sind inzwischen verstorben. Ein Verzeichnis der befragten Zeugen befindet sich im Anhang. Um so gut wie möglich Persönlichkeitsschutz zu gewährleisten, wurden deren Familiennamen nicht ausgeschrieben.

Danken möchte ich auch Frau Barbara Distel am Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau für ihre freundliche Unterstützung und ihr Interesse an dieser Arbeit. Dabei konnte ich erkennen, dass die Nachforschungen über die Beschießung des Transportzuges mit kranken jüdischen KZ-Häftlingen bei Schwabhausen seit dem Jahre 1950 nicht mehr wesentlich weiterbetrieben wurden. Mit der vorliegenden Schrift liegt nun das Ergebnis einer gründlicheren historischen Sichtung noch erfahrbarer Sachverhalte und von Augenzeugenberichten vor.

Diese Schrift entstand, als ich noch Schwabhausener Bürger und zugleich Mit­glied der Bürgervereinigung "Landsberg im 20. Jahrhundert e.V." war. Ohne die vielfältigen Anregungen aus diesen beiden Milieus wäre diese Schrift nicht ent­standen. In die vorliegende, verbesserte Fassung sind weitere Dokumente ein­geflossen, für deren Überlassung ich namentlich Frau Juliane Wetzel aus Mün­chen und den Herren Gernot Römer und Hans Grimminger aus Augsburg danken möchte.

 
Bitte und vorsorgliche Abbitte an den Leser

 

Sollten Sie beim aufmerksamen Lesen dieser mehrmals überarbeiteten Schrift immer noch auf sachliche Widersprüche stoßen oder sind Ihnen zusätzliche Einzelheiten bekannt, die diesen historischen Rekonstruktionsversuch verbessern könnten, so bitte ich, mich davon auch weiterhin in Kenntnis zu setzen. Sollten Sie an weiteren Informationen zu Problemen dieses Stücks Zeitgeschichte interessiert sein oder die Arbeit daran anderweitig unterstützen wollen, wenden Sie sich bitte an den Verfasser. Die Adresse befindet sich auf der letzten Seite.

Zeitgeschichtliche Studien dieser konkreten, ortsnahen und allgemeinverständlich geschriebenen Art lösen verständlicherweise Gefühle aus und fordern zu einer wertenden Stellungnahme heraus. Oft wird dazu geltend gemacht, man solle um des lieben Friedens willen nicht weiter "in alten Sachen rühren". Der vorgelegte Versuch einer Spurensicherung musste aber gewagt werden, um eine Grundlage für diejenigen zu schaffen, die sich erinnern wollen oder für diejenigen, die sich für die Lebenswurzeln und auch Bedrohungen unserer Gemeinschaft in der Vergangenheit interessieren, die sie aber nicht selbst bewusst erlebt haben. Sollte ich dabei jemandem zu nahe getreten sein, bitte ich um Verständnis und Nachsicht.

Diese Schrift ist keine allgemeine Dorfchronik, die allem Geschehen Rechnung tragen und jedermann gleich gerecht werden muss, der unter dem Krieg gelitten hat. Sie ist ausdrücklich den anonymen Toten in den "Judengräbern" gewidmet.

Einstimmung und Kurzfassung

 

Manchem wird es schon seltsam vorgekommen sein, wenn er, im Zug zwischen München und dem Allgäu sitzend, bei Bahnkilometer 47.0 drei große, dunkle Steinmonumente mit eingefassten Flächen davor an sich vorbei huschen sah. Er konnte gerade noch die Davidsterne am oberen Ende wahrnehmen und wird sich gefragt haben, was hier wohl geschehen sein mag. Eine jetzt erst vollständig entzifferte und übersetzte Inschrift vermittelt ihm, dass hier "die Gebeine von heiligen und reinen Menschen" ruhen, "die nach schweren Folterungen am Tage der Befreiung", am 27. April 1945 getötet wur­den.

In dieser Schrift wird näher ausgeführt, dass und wie an dieser Stelle bei Schwab­hausen 170 von über 3.000 zwangsevakuierten, kranken KZ-Häftlingen, fast durchwegs Juden, in oder bei ihren Güterwaggons durch Beschuss von Fliegern oder von Wachposten ums Leben gebracht wurden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die Bevölkerung eines kleinen, oberbayerischen Dorfes früher und heute mit dieser schrecklichen Tragödie umzugehen vermochte beziehungsweise vermag.

 

Inhaltsübersicht

. 2. 2

1. Schwabhausen galt als "Schwarzes Nest". 3

2. Die letzten Kriegstage im Dorf4

3. Die Beschießung des Transportzuges mit todkranken Juden. 7

3.1 Zur Vorgeschichte. 7

3.2 Rekonstruktion des Angriffs. 10

3.3 Weitere Schicksale einiger Flüchtender15

3.4 Plünderung des Materialzugs und erzwungene Hilfestellung für die Überlebenden. 17

3.5 Schwabhausener begraben die toten Juden. 19

4. Die Situation in Machelberg. 20

5. Die Situation in der Dampfsäge. 21

6. Dr. Grinberg und die Situation im Kloster St. Ottilien. 21

7. Reserve-Lazarett und KZ-Friedhof im Kloster St. Ottilien. 22

8. Die Umstellungen nach den Kriegshandlungen. 24

9. Zur Vergangenheitsbewältigung und zu den Grabmälern. 25

10. Gedenkansprache genau 40 Jahre danach. 27

11. Gedenkansprache genau 50 Jahre danach

12. Quellenangaben. 31

 

1. Schwabhausen galt als
"Schwarzes Nest"

Nachdem für das nationalsozialistisch beherrschte Deutschland ab 1942 an den verschiedenen Fronten keine Siege mehr heraussprangen, äußerte sich auch in unserem kleinen, kaum 400 Seelen zählenden Dorf (an der Bahnstrecke zwi­schen Geltendorf und Kaufering, jetzt der Gemeinde Weil zugehörend) der bisher zurückgehaltene Unmut, ja, es regte sich sogar mitunter Widerstand.

In jedem Wirtshaus musste seinerzeit ein Bild von Adolf Hitler hängen. Zu vorgerückter Stunde saß der Ortsgruppenleiter Otto Pfab mit einem anderen Bürger, Magnus Stad­ler, beim Bier zusammen und beide schimpften über den Hitler. Plötzlich packte der Stadler die Bildtafel Hitlers und rief laut "Du Blutshund, du verreckter!" Das war anno 1942. Dem Unbeherrschten passierte nichts, da sich der Ortsgruppenleiter (damals noch) gutmütig verhielt. (1)

Als zu einer Generalversammlung der Veteranen einmal der Vorsitzende des Be­zirksverbandes, Furtmaier, erschien, stand Pfab auf und klagte darüber, dass Schwab­hausen so ein schwarzes Nest sei. Darauf erwiderte Furtmaier, der beim Finanzamt Landsberg angestellt war, "Meine Kameraden, das stimmt nicht! Schwabhausen ist eine sehr nationalsozialistische Ortschaft. Die 44 Männer bringen zu 95 bis 99% ihre Steuern herein. Auch der Hitler braucht Geld. Mit "Heil Hitler!" allein ist nicht gedient. (1)

Gegen Kriegsende darf man sich die Stimmung im Dorf aber nicht so feuchtfröh­lich oder so bayerisch-deftig vorstellen, wie es die beiden Anekdoten vielleicht nahelegen. Man durfte nicht mehr laut aufmucken und musste "Gewehr bei Fuß" stehen - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Eine betroffene Mitbürgerin, die es wissen muss, äußerte dazu die Ansicht, dass ein Mitbürger sogar noch ins KZ gebracht worden wäre, wenn der Krieg nicht zu Ende gegangen wäre. Für diese veränderte Stimmungslage sprechen die beiden folgenden Begebenheiten:

Wegen des nationalsozialistischen Hetz- und Schmierblattes "Der Stürmer', der auch in Schwabhausen verkauft wurde, kam es zu einem offenen Streit zwischen Ignaz Klas und dem Ortsgruppenleiter. Dieser führt zur einzigen Verurteilung im Dorf während der NS-Zeit: Klas musste für 4 Monate ins Gefängnis. Für einen Strafnachlass setzte sich Pfab nicht ein.

Zu einem weiteren lautstarken Streit kam es Ende Februar 1945 am Lagerhaus zwi­schen dem Bauern Josef Vogt und dem Volkssturmführer Rudolf Jakob ("Kramer''). Es ging schon um die Frage, ob der Ort verteidigt oder kampflos übergeben werden sollte. Vogt musste zur Strafe am 10.3.45., zusammen mit Hohenauer, für zehn Tage nach WörgllTirol zum Volkssturmlager, wo Übungen stattfanden.

Gerade als der Untergang des "Dritten Reiches" in den letzten Tagen des April auch für die linientreuen Gehilfen des Führers unabwendbar schien, zeigte sich, wie tief sich die Nazi-Ideologie schon eingegraben und wie brutal sich die Un­tergangsmentalität des Führers auf einfach denkende Menschen, auf den kleinen Mann, übertragen hatte. Während nämlich die Schwarzsender (z. B. Radio Belgrad) die Bauern ständig dazu aufriefen, ihre Ställe und Scheunen nicht in Brand zu setzen, vernichtete der Schwabhausener Ortsgruppenleiter noch ein Lederlager östlich des Bahnhofs, dort, wo im heutigen Siedlungsteil die erste Häuserreihe beim Bahndamm beginnt.

Was hätte Schwabhausen noch erwartet, wenn der Krieg nicht verloren gegan­gen wäre? Im Ort waren vier Leute von der Organisation Todt (OT) einquartiert, die in der Höhe der Bahnunterführung, auf den Drexel-Wiesen in Richtung Schöf­felding ein kleines "Dorf' vorbereiteten, in das einmal die Arbeiter der unterir­dischen Flugzeugfabriken einziehen sollten. Man rechnete mit insgesamt 90.000 Beschäftigten, die die Me 262 und die 00 335 bauen sollten und die man alle um die Produktionsstätten herum ansiedeln wollte! In den Besprechungsprotokollen des Jägerstabes vom 03.08.44 heißt es: "Die ganze Frage der Unterbringung der Belegschaft in den Bunkerwerken ist gelöst, wenn wir acht Stunden arbeiten. Dann können geschlossene Züge 40 km weit wegfahren bis in entlegene Dörfer. .. Wir können die Leute auf Stationen aussteigen lassen, sie verteilen, wir können Zufriedenheit schaffen und ihnen auf die Dauer die Möglichkeit geben, ihren Gar­ten zu haben, um in der restlichen Freizeit ihre Ziege zu halten usw." (25) Es wa­ren schon Erdkabel für die elektrische Versorgung von Machelberg her verlegt und eine Rollbahn angelegt worden, und es wurden Kartoffelmieten zur Versor­gung der Bauarbeiter für die neue Dorfsiedlung geschaffen. (13) Be­zeugt wurde, dass dort schon drei halbfertige Baracken in Reihe standen, die später aber von der Bevölkerung zwecks Materialverwertung wieder abgetragen wurden. (18)

 

2. Die letzten Kriegstage im Dorf

Der Januar - das müsste auch die Schwabhausener Schulkinder gefreut haben - war schulfrei in Bayern, da die Weihnachtsferien als "Kohleferien" bis 29. 1. verlängert wurden. Auch danach gab es keinen geregelten Unterricht mehr, oder will man wöchentliche "Schulappelle" an Volksschulen dazu rechnen?

Die Eltern mussten aufgrund einer großangelegten "Volksopfer"-Werbung derweil ihre Schränke und Truhen durchsuchen. "Hast du nicht noch Sachen liegen? Opf’re sie! Sie helfen siegen!" Die Leute müssen das so missverstanden haben, dass sie nur entbehrliche Sachen hergeben brauchen. Anfang Februar, die Aktion wurde noch verlängert, wurde in der Landsberger Zeitung nachgelegt: "Jeder muss das opfern, was er nicht täglich in Gebrauch hat!" Vor allem Textilien, Teppiche und Faserstoffe sollten (ohne Quittung) abgeliefert werden. Tatsächlich sollen sogar Musikkapellen ihre traditionsreichen Uniformen geschlossen den Soldaten an der eisigen Front geopfert haben.

Über Schwabhausen (wie auch über andere Dörfer) ist in der Landsberger Zei­tung außer zwei "Heldenbestattungen" (H. Habersetzer, G. Mutter) und einige Tauschangebote ("Motorkabel gegen Ziehharmonika", "Zwei Läufer gegen Schlachtschwein") nichts zu entnehmen.

Dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, muss auch auf dem Dorf immer mehr Leuten zur Gewissheit geworden sein. Durchhalteappelle und Drohungen ("Schlagt Schwätzer aufs Maul!" Die LZ meinte, man solle Leute anzeigen, die nicht fraglos kämpften und arbeiteten) müssen ab einem Punkt ihre Glaubwür­digkeit verloren haben, von dem ab die sich die Realitäten offensichtlich ganz anders einstellten: Einstellung von Bahnfahrten über 75 km Entfernung, Beschränkung der Postbeförderung auf Karten, Flüchtlingsströme aus den Ostgauen des Reiches, Empfehlungen für Verdunkelungen und für das Verhalten bei Tieffliegerangriffen, immer neu Ermahnungen zum Einteilen und Rationieren ...

Für Schwabhausen entscheidend war der Aufbau des Volkssturms, eines pa­ramilitärischen Gebildes aus Jugendlichen, alten Männern und einsetzbaren Frauen. Seine Mitglieder waren in allem denen der Wehrmacht gleichgestellt, sie sollten als letztes Aufgebot heimatnah (im Umkreis von 10 km) gegen den ein­brechenden Feind eingesetzt werden. So fanden auch hier trotz vieler Einwen­dungen aus der Dorfbevölkerung Vorbereitungen statt, den Ort mit Hilfe des Volkssturms zu verteidigen. Es hieß sogar (6), dass eine Kampfeinheit der Waf­fen-SS in Schwabhausen ein Widerstandszentrum gegen die anrückenden alli­ierten Armeen aufbauen wollte. Als Josef Vogt am Samstag vor Palmsonntag von seiner Übung zurückkam, sollte er gleich wieder an einer Volkssturmübung teil­nehmen. Hingegangen ist er aber nicht mehr - eine riskante Weigerung. Rudolf Jakob, als Volkssturmführer, wollte den Ort zunächst noch unter Einsatz auch von Frauen (in Richtung Geltendorfer Wald) verteidigen und den anrückenden Ameri­kanern (am Bach) den Weg mit alten landwirtschaftlichen Maschinen versperren. In der darauffolgenden Karwoche ließ sich der Volkssturmführer aber umstimmen ("Ja Du, was wollen die da? Da kannst Du selber hingehen! Hast kein Wasser, kein Licht, keinen Teufel und keinen Herrgott!") Am Ostermontag, den 2. April hieß es, dass die Ortschaft nicht verteidigt und die Übungen dazu beendet würden.

Vor allem durch "Mundreklame" der zurückströmenden Truppen erfuhr die Bevöl­kerung Einzelheiten von der schon besiegelten Niederlage. Aber auch bei sol­chen Gesprächen war Vorsicht geboten und am ehesten konnte man in den Ein­ödhöfen (z.B. in der Dampfsäge) frei sprechen. Außerdem riskierten einige, beim Abhören von Feindsendern ertappt zu werden. Nachts um 23 Uhr breitete man ein Tuch über den Volksempfänger und stellte Radio Belgrad ein. Dort konnte man konkret erfahren, dass die Amerikaner und Franzosen den Landkreis erreicht hatten und dann die Stadt Landsberg eingenommen hatten. So war es nur zu ver­ständlich, dass man ab diesem Zeitpunkt weiße Tücher zum Zeichen der kampflo­sen Übergabe zu den Fenstern hinaushängte. In einigen Fällen geschah dies aber noch zu früh:

Als die drei in der Dampf säge allein zurückgebliebenen Frauen ihre Tücher schon draußen hatten, kam eine zurückweichende deutsche Flak-Kompanie herein und die weißen Tücher mussten wieder heruntergenommen werden. Am 26. 4. musste sich aber auch diese Einheit auflösen. Frau Hipp hörte mit: "So, Männer“, sprach der Leutnant in der Küche des Anwesens Fichtel, „Jetzt ist es aus, jetzt lösen wir uns auf. Es besteht kein Ausweg mehr. Jeder kann sich seiner Uniform entledigen und das Weite suchen“. (7)

Für Soldaten war es das Beste, ihre jeweilige Heimat aufzusuchen und sich dort erst den Siegermächten zu stellen. Aus diesem Grund bestand große Nachfrage nach neutraler Kleidung. Die meisten tarnten sich als Landarbeiter. Wer Glück hatte, kam zu einem Fahrrad (3), wer Pech hatte, wurde von linientreuen SS-Sol­daten gestellt. Noch in den letzten Kriegstagen wurden solche „Fahnenflüchtige“ einfach erschossen oder - wie mehrfach aus der Gegend in Richtung Utting be­richtet wird - am nächstbesten Baum erhängt.

Am 26. April erschien auch die Landsberger Zeitung mit ihren Beschwörungen eines Endsieges für Großdeutschland zum letzten Mal. Am Freitag, den 27. 4. drangen Teile der VII. US-Armee in den Landkreis ein, um 8.45 Uhr erreichen sie die Stadt Landsberg. Gleichzeitig war dies ein entscheidender Tag für die Ge­meinde Schwabhausen. Kurz vor der Ortschaft wurde auf den Bahngleisen von US-amerikanischen Jagdbombern ein Judentransport angegriffen, bei dem es viele Tote und Verletzte gab. Von den näheren Umstände speziell dieser Tragö­die handelt diese Schrift.

Die Situation im Ort war deswegen sehr bedrohlich, da immer noch ein gutes Dutzend fremde SS-Leute im Ort postiert war und mit Maschinengewehren die Amerikaner erwartete. Durch einen geschickten und listenreichen Einsatz des ortsansässigen Arztes, Dr. Philipp Arnold, soll es gelungen sein, diesen den Durchhaltewillen zu nehmen und sie am 28. 4. nachmittags, also einen Tag nach der Beschießung des Judentransports zum Verschwinden zu bewegen.

"Meine Herrn“, sagte Dr. Arnold in festem Ton, "ich komme soeben zurück von einer Dienstfahrt als Arzt. In Geltendorf stehen schon die Amerikaner. Die können in einer Stunde da sein. Was wollt Ihr denn hier noch?" Die haben einander angeschaut und waren so plötzlich verschwunden, als seien sie in den Erdboden versunken. Auch drei SS-Posten, die auf einer Heubühne lauerten, waren danach nicht mehr zu sehen. (1)

Dass die Amerikaner am 28.4. St. Ottilien besetzten, ist bezeugt (17). Am Tag darauf, die Amerikaner kamen immer noch nicht, wurde J. Vogt vom Bürgermei­ster Sedlmaier und Dr. Arnold auf den Kirchturm geschickt, um die weiße Flagge zum Zeichen der kampflosen Übergabe zu zeigen. Es war ihm aber zu kalt, so dass schließlich am 30. 4. der Bürgermeister selbst kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner, von dem man über Dr. Arnold wusste, die weiße Flagge zeigte.

Die amerikanischen Soldaten rückten von Geltendorf her in die Ortschaft ein. Nach ihrer Ankunft mussten alle Männer der Gemeinde sich beim Wirt im Hof versammeln. Otto Pfab, der bisher auch 2. Bürgermeister war, wurde seines Am­tes enthoben. Pfab und Jakob sollen noch durchaus richtig geäußert haben "Die ganze Macht ist uns genommen!" Stattdessen bestimmte nun Dr. Arnold (!) Josef Vogt für dieses Amt, damit der erste Bürgermeister eine Unterstützung haben sollte. Der US-Captain Otto B. Raymond, ein Deutsch-Amerikaner, nahm vorübergehend Quartier bei Dr. Arnold. Für die Bevölkerung bestand ab sofort Ausgangssperre von 19 Uhr bis 5 Uhr in der Frühe und Versammlungsverbot.

Am Nachmittag dieses 30. April erschoss sich der "Führer" Adolf Hitler in Berlin. Wann die Schwabhausener wohl die Nachricht aus Berlin vernommen haben?

 

3. Die Beschießung des Transportzuges mit todkranken Juden

3.1 Zur Vorgeschichte

Als die US-Armee über Frankfurt hinaus nach Süddeutschland vorgedrungen war und es sehr schnell schaffte, um den 25. April herum zwischen Ulm und Dillingen über die Donau zu setzen, kam es zu drei Bewegungen, von denen der Raum Landsberg stark betroffen war:

a. Truppen, Munition und Verpflegung wurden zusammengezogen und, soweit es ging, auf Schienen in Richtung München und die sogenannte Tiroler "Alpenfe­stung" (bei Wörgl) zurückgenommen. Diese Transporte wurden verschiedentlich von US-amerikanischen Jagdbombern erfolgreich angegriffen.

Der Koch einer Flak-Einheit (3) berichtet z.B. von zwei Flak-Zügen, die von Frei­burg her auf dem Rückzug waren und die erstmals bei Sigmaringen unter Beschuss gerieten. Die Lebensmittel kamen auf den Zug, der noch fahren konnte und dieser gelangte noch bis Buchloe. Dort wurde auf Lkw umgeladen, da auch nur noch wenige Züge über die Lechbrücke bei Kaufering gelassen wurden. Eine Flak-Kompanie kam noch bis zur Dampfsäge bei Schwabhausen. Die Munition wurde in den "Un­teren Hölzern" gegenüber der Dampfsäge versteckt, wo sich schon eine Flakstellung auf 1,72 ha Wald verschanzt hatte. Die Flakgeräte und elektrischen Leitungen mussten nach dem Krieg noch abgebaut werden.

Die genannten Lebensmittelvorräte mussten vom Koch in einem Stadel bewacht werden. Dort wurde er aber vergessen, so dass dieser, nach kurzem Schlaf mit einem einge­handelten Fahrrad (Gegenleistung war das Erschießen einer Sau!) am Morgen des 28. April sich auf und davon machte. Man kann sich das Durcheinander, das zu diesem Zeitpunkt in dieser Gegend herrschte, nicht groß genug vorstellen. Es wimmelte nur so von Truppenteilen ohne klare Anweisungen, Fahrzeugen, die keinen Anschluss mehr fanden und einzelnen Soldaten und Leuten, die - wenn sie Glück hatten - niemand mehr nach dem Woher und Wohin fragte oder die - wenn sie Pech hatten - doch noch in eine Kontrolle der "Kettenhunde" (Feldgendarmerie) gerieten.

b. Vor Eintreffen der alliierten Streitkräfte marschierte noch die sogenannten Wlassow-Armee durch den Raum Landsberg, General Wlassow selbst machte ein paar Kilometer südwestlich von Landsberg Quartier. Dabei handelte es sich um zwei Divisionen, die der 1942 gefangengenommene russische General auf dem Heu­berg für die Wehrmacht aus russischen Kriegsgefangenen zur "Befreiung der Völker Russlands" zusammenstellen durfte. Für den Marsch in die Tschechei gab es aber keine geregelte Versorgung, so dass die Bevölkerung unter Plünderungen zu leiden hatte. Die Aufklärung der Alliierten hatte aber natürlich herausbekom­men, was es da an größeren Bewegungen auf Straße und Schiene an der Grenze zum Landkreis Fürstenfeldbruck gab. Dies sorgte vermutlich nochmals für einige Nervosität bei den ansonsten siegreich vordringenden Amerikanern und Franzo­sen. Es wurde aus diesem Grund in diesen Tagen auf alles geschossen, was sich auf Verkehrswegen ab einer bestimmten Größe bewegte. Teile einer Wlassow-Division trafen bei Eresing auf die Elendszüge der KZ-Häftlinge, es kam zu Sympathiekundgebungen und Verbrüderungsszenen, in die die verunsicherten Wachen hineinschossen; es gab Tote auf beiden Seiten. Gleichzeitig gerieten diese Armeeteile unter den Beschuss der Alliierten. So beschloss man, sie im Raum Landsberg-Fürstenfeldbruck zu sammeln und gegen den Widerstand der Eisenbahnvorsteher per Bahn nach Linz zu transportieren. (25)

c. Zur selben Zeit begann auch die Räumung des KZ-Außenlagers Kaufering. Zusammenhänge und Einzelheiten des Aufbaus und der Räumung dieses Lagers lassen sich aus einem Aufsatz von Edith Raim entnehmen (20). Hier nur so viel, dass diese Zwangsarbeiter-Lager auf den Wunsch Görings und Hitlers zurückgingen, die Me 262 und Do 335 in riesigen, unterirdischen Fabrikationshallen zu fertigen. Ende Mai 1944 wurde mit diesen Baumaßnahmen bei Landsberg/Lech und Mühldorf/Inn begonnen. Für die aus den Vernichtungslagern abgezogenen Häftlinge begann ein Leidensweg besonderer Art als Arbeitssklaven (21).

Man kann sich die Verunsicherung der Häftlinge vorstellen, die über ihr weiteres Schicksal bewusst im Unklaren gelassen wurden. Sollten sie im Lager bleiben oder sich für eine Gruppe melden, die zu Fuß an einen anderen Ort verlegt wurde? Wie gelangte man schneller und sicherer in die Freiheit? Es gab in diesen lebensentscheidenden Fragen einfach keine Sicherheit. Ein Teil derer, die voller Angst blieben, wurde binnen weniger Tage befreit, einem anderen Teil aber drohte, eingeschlossen, beschossen und verbrannt zu werden. Denen, die sich auf den Fußmarsch machten, ging es miserabel unterwegs und viele wurden erst spät in der Gegend von Wolfratshausen befreit. Samuel Pisar berichtet in „Das Blut der Hoffnung“ (S. 141). dass eine Fußmarsch-Kolonne am dritten Tag noch in einen Tieffliegerangriff geriet.

Ein Augenzeuge (3) sah, wie SS-bewachte Häftlingstrupps auf der Kreisstraße von Landsberg nach Fürstenfeldbruck an der Dampfsäge vorbeizogen. Einem dieser Trupps fuhr ein mit Häftlingen randvoll beladener, von Pferden gezogener, hölzerner Heuwagen voraus. Auch durch das Dorf Schwabhausen (und durch Machelberg) wurden – eindrucksgemäß – tausende von Juden durchgetrieben. Jeder im Dorf musste diesen Elendszug sehen, da die Kreisstraße damals noch längs durchs Dorf verlief. Die Juden in diesen Kolonnen boten den Dorfbewohnern ein unbeschreiblich erbärmliches Bild: Dünne Sträflingskleidung, Holzpantoffeln, keine oder kaum mehr Haare auf dem Kopf, abgemagert bis auf Haut und Knochen. Wenn jemand Durst hatte und sich Wasser geben lassen wollte, wurde er von den Wachen geschlagen und zum Weitergehen getrieben. Darüber erschraken viele im Dorf und dachten bei sich „Wenn die Unseren so mit diesen Leuten umgehen, wie wird es da am Ende uns noch ergehen, wenn der Feind da ist?“ Man weiß aus anderen Quellen, dass dieser Elendszug noch bis Emmering getrieben wurde und dass für die Überlebenden die Befreiung in Allach kam, nachdem Dachau überfüllt war.

Wäre der Krieg nicht zuvor zu Ende gegangen, hätte die aus den Außenlagern evakuierten Häftlinge in Dachau die Aktion „Wolkenbrand“ erwartet. Es war vorgesehen, dass die deutsche Luftwaffe die in KZ Zusammengepferchten durch Bombardements vollends vernichtet.

Bei der Verfolgung des Schicksals derer, die nicht mehr laufen konnten, können wir dem zuverlässigen Bericht folgen, den der überlebende Arzt Dr. Zalman Grinberg am 31. 5. 45 dem Jüdischen Weltkongress in Genf abgegeben hat (22):

„Am 26. April 1945 wurden die kranken Häftlinge aus der Außenstelle des Lagers Dachau (...) in Güterwaggons verfrachtet, angeblich um evakuiert zu werden, in Wirklichkeit einer Vernichtungsstelle zuzuführen. Es handelte sich um Schwerkranke, Erschöpfte, Abgemagerte und kaum noch lebendige Kreaturen. Ein Teil waren Flecktyphuskranke, die anderen Tuberkulöse und der Rest akut fieberhafte Krankheiten. Es waren Kranke, die eigentlich nicht transportabel waren, und schon gar nicht in Güterwagen 70-80 Mann in einem Waggon. Die Kranken wurden wie leblose Wesen verfrachtet und sie lagen in einem jämmerlichen Zustand in den Waggons auf einer Rampe der Arbeitsstelle der Baufirma Holzmann, welche zwischen den Städten Landsberg und Kaufereing in Oberbayern sich befand. Bei diesem Transport waren einige Juden, die im Konzentrationslager als Ärzte und Schreiber beschäftigt waren, auch vorhanden. Der Zug setzte sich um 12 Uhr nachts am 26. April in Bewegung, er schleppte sich durch die ganze Nacht und blieb öfters stundenlang stehen. Die ganze Nacht waren Luftalarme, wir hörten die schwere Artillerie näher rücken, wir wussten, dass wir uns unweit der kämpfenden Front befanden. Am 28. morgens (Anm. d. Verf.: Es muss der 27. gewesen sein!) waren wir nur ca. 12 km weiter gekommen. Wir befanden uns vor dem Dörfchen Schwabhausen, welches eine Bahnstation hatte.“

Aus einer anschaulichen Aufzeichnung des entkommenen KZ-Häftlings Charles Baron lässt sich die Verladung der Häftlinge aus Lager III auf einen Güterwagen-Zug bis zu dessen Beschuss ergänzend rekonstruieren:

Unter dem Druck der rasch herannahenden US-amerikanischen Truppen, zwangen die nervös gewordenen Lagerkapos gegen Abend des 26. April mit Schlägen und Geschrei die bis dahin überlebenden und gerade noch arbeitsfähigen Männer, die nicht mehr bewegungsfähigen, aber noch atmenden (Typhus-)Kranken auf Pritschenwagen zu verladen, die dann mit Traktoren zu dem bereitstehenden Evakuierungszug gefahren wurden. Als diese Arbeit bei Anbruch der Dunkelheit beendet war, ließ der Lagerführer die noch steh- und gehfähigen Lagerinsassen in einer dreigliedrigen Marschkolonne antreten und unter strengster Bewachung durch den an einer Stelle geöffneten elektrischen Zaun zu den einige hundert Meter entfernten Bahngleisen abführen.

Charles B. überlegte sich mit seinem Freund Fred S. sehr wohl, ob man das Durcheinander nicht nutzen könnte, um zu fliehen. Doch waren die Amerikaner bisher nur durch ihre Flieger, aber noch nicht persönlich in Erscheinung getreten und sie wagten auch nicht, auf Hilfe bei den Deutschen zu hoffen. Die Verladung in die bereitstehenden, verdreckten Vieh- und verstaubten Zementwagen verlief dann sehr schnell. Auf jedem zweiten Waggon saß ein SS-Wachmann; der mitgeführte Proviant-Waggon hinter dem Waggon von Charles und Fred wurde doppelt bewacht. Am Ende waren drei Personenwagen mit den Lagerkapos und den Wachsoldaten angehängt worden.

Als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, versuchten die beiden Häftlinge sich aneinander zu wärmen; die löchrige Decke, die zur Verfügung stand, war voller Läuse. Trotz ihres Erschöpfungszustandes konnten sie lange nicht einschlafen. Der Morgen dämmerte schon fast, als die beiden, steif gefroren, vom Regen durchnässt und hungrig aufwachten. Andere hatten die Fahrt bis hierher, kurz vor der Bahnstation Schwabhausen, nicht überlebt und lagen tot daneben; sie wurden gemeinsam in eine Ecke verräumt. Auch auf dem anderen Gleis war ein Zug zum Stehen gekommen, dessen Waggons versiegelt waren und aus dem kein Laut kam; er war vorn und hinten mit Flak bestückt.

Zum Schutz der Bahnhöfe vor Bombenangriffen durften bei Fliegeralarm keine Züge mehr einfahren. Es sei im Übrigen vermutlich (13) dem Schwabhausener Bahnvorstand Dischel zu verdanken, dass die Kauferinger Lechbrücke nicht mehr gesprengt werden konnte, da dieser durchtelegraphierte, „Ich bring noch ein paar Züge, die müssen hinüber!“ Man kann an dieser Begebenheit, sollte sie sich denn so zugetragen haben, erkennen, wie differenziert Reichsbahn und Wehrmacht zueinander in Beziehung standen.

3.2 Rekonstruktion des Angriffs

Obwohl man meinen könnte, dass der Zug zwischen den damals beiderseitig vorhandenen Nutzwäldern geschützt stand, war er doch auf dem hier recht hohen Bahndamm den US-amerikanischen Flugzeugen schutzlos preisgegeben. Von der Dampfsäge aus konnte man seinen hinteren Teil noch aus dem Wald hervorstehen sehen. Tatsächlich muss die Aufklärung den Flak-Zug schon in der Nacht ausgemacht haben. Jedenfalls waren die Jagdbomber schon vormittags da, um den Zug im Tiefflug (aus etwa 40 m Höhe) zu beschießen.


Aus den noch vorhandenen Einsatzberichten (16) lässt sich folgendes herausar­beiten: Am 27.4.45. starten um 9.55 Uhr neun P-47D "Thunderbolt"-Jagdbomber der 525. Sqadron der 1. US-Tactical Air Force vom französischen Flugplatz "Tantonville". Sie haben den Auftrag, Bomben- und Tiefangriffe auf LKWs west­lich von Schwabmünchen sowie bewaffnete Aufklärung zu fliegen. Nachdem sie sich ihrer Bomben dort um 11.05 Uhr "mit Erfolg" entledigt haben, erscheinen in ihren Berichten über Tiefangriffe mit schwerem Bord-MG folgende Ergebnisse: "1 Lokomotive und 15 Eisenbahnwaggons beschädigt auf Position Y-440504" (das wäre 2 km östlich von Schwabhausen!). Ferner wurden zwischen Geltendorf und Kloster St. Ottilien 5 LKWs zerstört, 8 weitere und 2 Anhänger beschädigt. Bei den Tiefangriffen wurden 4.350 Schuss Munition vom Kaliber .50 Zoll (= 12.7mm) verbraucht. Gegnerisches Flakfeuer erhielten die Jabos nach eigenen Angaben aus dieser Gegend nicht. Die Amerikaner flogen an diesem Tag in dieser Gegend aber keine weiteren Einsätze; ob nicht auch die französische Luftwaffe beteiligt war oder ob sich der nachfolgende Zeuge mit seinen exakten Angaben nicht dochin der Uhrzeit um genau eine Stunde getäuscht hat, kann derzeit noch nicht abschließend geklärt werden. Jedenfalls sieht es so aus, dass die 86. Fighter Gruppe auch auf Soldaten der Wlassow-Armee bei Eresing geschossen hat; zwanzig russische Opfer liegen in St. Ottilien begraben.

Die folgende Schilderung der Beschießung des Transportzuges - wiederum aus der Sicht des Augenzeugen Dr. Grinberg - darf nicht verwechselt werden mit der Beschießung, die sich schon zuvor beim Zwischentransport vom Krankenlager Hurlach zum Kauferinger Bahnhof ereignet hat und den weiteren Transport wohl verzögerte.

"Gegen 8 Uhr früh stand dort auf dem Geleise ein Flak- und Verpflegungszug der deutschen Luftwaffe. Um ½ 9Uhr waren amerikanische Beobachter in dieser Gegend und beobachteten den Flakzug. Daraufhin wurde der Flakzug ausrangiert und an dieser Stelle platzierte man den langen Häftlingszug mit nahezu 3.500 Häftlingen, von denen 95 Prozent Juden waren. Der Flakzug begab sich auf ein zweites Geleis und wurde durch den Häftlingszug gedeckt. Man hat also absichtlich den Flak- und Ver­pflegungszug der Luftwaffe durch den Häftlingszug abschirmen wollen. Gegen 10 Uhr bewiesen sich am Himmel die ersten amerikanischen Jagdbomber. Der Kommando­führer des Zuges, Obersturmführer Müller, gab den Befehl, den Zug nicht zu verlassen. "Wer den Zug verlässt, der wird erschossen, auch während eines Luftangriffs." Gegen 10 Uhr 15ließen sich die Jagdbomber auf den Zug herunter und begannen die Lokomotive und die ersten Waggons zu beschießen. Es entstand ein großes Chaos und eine endlose Verwirrung. Die SS-Posten verließen als erste den Zug und flüchteten in das benachbarte Wäldchen. Die Häftlinge beobachteten dies und da die Kugeln von allen Seiten einhämmerten, versuchten auch sie in den Wald zu flüchten, die Kranken, die noch gehen konnten, suchten Deckung unter den Bäumen. Nach 10 Minuten war der Angriff vorüber. Wir hatten 136Tote und 80 Schwerverwundete. Die Verwundeten lagen in den Waggons zusammen mit den Toten. Wir, die einzigen Ärzte die dort waren, versuchten mit unseren spärlichen Mitteln, den Verwundeten die erste Hilfe zu leisten, es war jedoch ein vergebliches Bemühen, denn es handelte sich um Schwerverletzte, um Steck- und Durchschüsse mit komplizierten Frakturen, offene, blutende Wunden, und die nötigen Mittel, den Verwundeten Hilfe zu leisten, waren nicht vorhanden. Ein jämmerliches Bild war es, die Zeit erlaubt es mir jetzt nicht, dieses tragische, unfassbare Bild zu beschreiben. Nach dem Angriff fanden sich wieder die SS-Posten ein, sie um­zingelten das Wäldchen und schossen in die Menge, um wieder Disziplin und Ordnung hineinzubringen. Wir hatten weitere Opfer. Die Kranken und Verwundeten lagen teils in Waggons, teils im Wald krächzend und nach Wasser und Brot flehend. Wasser war nicht vorhanden, das Brot war bereits verzehrt. So lagen wir im Frontbereich den ganzen Tag, und trotzdem schien die SS ihre alte Taktik nicht geändert zu haben. Es hieß, am Abend werde der Zug weiterfahren. Und wirklich gegen Abend kam der plötzliche und schnelle Befehl "Einsteigen" und kaum ist der Befehl ergangen, so setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr fort.“ (22)

Eine weitere überlebende Augenzeugin, Frau Tilla Amstel (23) berichtet:

"Ganz früh horten wie eine große Schießerei. Wir horten viele Flugzeuge kommen und wollten aus den Güterzügen ausbrechen. Es ist uns gelungen, die Waggontüren zu öffnen und wir rannten in den Wald. Aber die Deutschen trieben uns wieder in die Wag­gone zurück. Wir sahen viele jüdische Frauen, welche zurückgetrieben wurden von deutschen Posten, blutend. Es stellte sich heraus, dass sie nachts aus den Waggonen ausgebrochen waren und die Posten sie einfingen und blutig schlugen. Wir hatten so Hunger, dass wir den nächsten Fliegeralarm nicht bemerkten. Plötzlich waren wieder wilde Bombardierungen und Schießereien um uns her. Die Deutschen schossen mit Maschinengewehr gegen die Amerikaner und wir waren in den verschlossenen Wag­gons. Unsere Überlebenschancen waren sehr gering. Es war furchtbar. In den Wag­gonen wurde geweint und geschrien und wir wollten aus den Waggonen ausbrechen. Wir schrien: "Wir wollen leben!" Ein jüdischer Kapo öffnete unsere Waggontür und in diesem Augenblick wurden die Waggone stark bombardiert. Wem esnicht gelang, schnell aus dem Waggon zu springen, wurde von Bomben schwer verletzt oder sogar getötet. Es war fürchterlich. Wir liefen in den Wald und die Posten wollten uns wieder in die Waggone treiben. Aber wir widersetzten uns. Wir hatten schon nichts mehr zu ver­lieren. Im Wald trafen wir auch jüdische Männer, welche von den Waggonen ent­kommen waren. Die deutschen Soldaten und Posten mit Gewehren jagten uns über die Felder. Trotzdem gelang es einigen von uns, in ein nahes Dorf zu entkommen. Nach ei­nigen Stunden wurden die Verwundeten und die Toten aus den Waggons entfernt und zu uns in den Wald gebracht. Der jüdische Doktor Grünberg kümmerte sich um die Verletzten. Die Lokomotive und mehrere Waggons brannten total aus. Abends brachten sie eine neue Lokomotive von Dachau. Nun wurden wir wieder in die restlichen Waggo­ne getrieben. Die meisten von uns kamen dann nach Dachau. Ein kleiner Teil von uns konnte fliehen in die Wälder, auch ich und 9Mädchen. Es regnete sehr stark und es war ein schreckliches Gewitter. Wir liefen die ganze Nacht in verschiedene Richtungen. Nach einigen Stunden Laufen im dichten Wald waren wir plötzlich in Schwabhausen. Dort versteckten wir uns mit großem Schrecken, immer mit der Angst, entdeckt zu werden. Wir hörten immer Schießereien um uns und manchmal dachten wir, die Bäume seien Menschen. Wir hatten einfach Angst vor ihnen. Diese Nacht werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen.“

Aus dieser und anderen Quellen kann noch ergänzt werden, dass es bei diesen Angriffen doch deutsche Gegenwehr gegeben haben muss. Verrostete 20mm­ Flak-Patronenhülsen, die noch im Dezember 1984 gefunden wurden, deuten auf Gegenwehr hin. (11) Es wäre zumindest verwunderlich, wenn ein gerüsteter Flakzug nicht wenigstens im Ansatz den Versuch einer Gegenwehr unternommen hätte. Eine Zeugin sah allerdings Soldaten und Flakhelferinnen fliehen. (13)

Der von Edith Raim befragte Überlebende, Zdenek Taussig aus Prag erinnert sich so:

"Wir sind schön langsam gefahren und sind in einem Wald stehen geblieben. Nach ein paar Minuten kommt ein Luftwaffenzug mit Kanonen, wie es im Krieg aussieht. Und dann sind die Amerikaner gekommen. Das war das Furchtbarste, was es gab. Die Amerikaner haben diesen deutschen Zug bombardiert, aber die Züge waren nur Meter voneinander entfernt. " (20, S. 211)

Vor seiner Flucht musste der Augenzeuge Thomas Mendel aus Rumänien zuvor noch angstvolle Augenblicke durchleben.

"Am Nachmittag hat man die Leute angefangen zu fliehen durch dieses Wald. Ich habe gesehen die Lagerkapos und Lagerälteste, welche haben eine Richtung gegangen und dann hab' ich geglaubt, vielleicht ist es das Beste .... So dann habe ich noch zwei Bekannte gehabt und ich hab gefragt "Sollen wir nicht auch mitgehen?"  Aber sie haben, sie waren nach Typhus gewesen und er hat gesagt, ein ganz anständiger Mensch, haben gesagt "Ich hab keine Kraft, aber Du sollst weggehen!" Das habe ich gemacht, um ungefähr 5 Uhr nachmittags oder 6 Uhr. Das habe ich damals gemerkt, weil dort war nicht weit ein Dorf, wo der Turmuhr hat (geglockt?) die Stunden, wie viel Uhr es ist. Fünf oder sechs Uhr wars, sind gekommen zwei Lokomotiven diesen Züge zum Ab­schleppen und dann sind unsere Wachsoldaten nach uns gelauft, wieder zum Zurückbringen.“..."Bevorher ich weggelaufen von Zug ich bin hineingegangen in die Waggon, wo waren die Schäfer(dinge?). Sie haben Zivilbekleidung gehabt und ich habe gefunden ... sie waren auch herunter aus den Waggon wegen die Luftangriffe und dann habe ich einen ganz langen Lodenmantel genommen, welcher hat nur eine Streifen hier, also wenn war eine Zivilbekleidung, dann hier war ausgeschnitten und eine Streife von die Häftlinge (dazu).  Aber das war nicht nur hineingeschneidet sondern nur genäht. Das habe ich heruntergenommen, mit das bin ich weg. Und das war bis hierher. Ich habe mich selbst genäht eine, wie sagt man, eine Manschette für meine Hose zum Stiefel und ich habe eine (Teufels-?)Mütze gehabt, also von dort man hat überhaupt keine Häftlingskleidung gesehen, weil der Lodenjacke war sehr lang. Natürlich, wenn ich das aufmachte dann hat man alles gesehen. Das war wahrscheinlich meine Glück, dass ich war eigentlich zivil ausgesehen?"

"Ich weiß genau, was ist mit mir geschehen: Hat man. ... ich war schon ganz weit und hat man geschossen nach mir und hat immer geschreit "Halt, schießen!" Ich hab gelaufen, war sehr schwer, weil ich hab solche Sohlen aus Holz und vorher war Regen und dann der Acker war sehr schwer. Ich hab gelaufen und sie haben auch gelaufen, aber wahrscheinlich, das war mein Glück, weil auch sie waren müde und konnten nicht ge­nau zielen. Und dann war ein Wald vor mich und ich hab, konnte in Wald gelaufen jetzt, kann ich Ihnen sagen, bis dahin hab ich nicht gewusst, dass nicht weit von mir sind die Geschosse gegangen, was ich habe gehört wie man pfeift, hehe (lacht) und dann bin ich hineingelaufen in Wald und nach paar zehn Metern heruntergefallen, weil in eine großes Loch. Dort bin ich heruntergefallen, war so müde dass ich bin dort geblieben. Die beiden sind hineingekommen, war schon 3/4 dunkel und waren so nahe von mir, dass ich habe gesehen die Stiefel und haben gesagt "Wir müssen schon zurück, der Kerl vielleicht ist weg und wir müssen zurück, schon zurück, weil der Zug fährt weg!“ Und dann sind weggegangen und ich bin dort geblieben vielleicht noch - noch eine Stunde, war ganz dunkel. Dann ich bin weitergegangen und habe noch zwei Häftlinge gefunden, war zwei Litauer Häftlinge, war, mir scheint Lagerschreiber oder etwas und er hat gesagt, dass ein anderer Mann hat gesagt, sie soll in diese Dorf gehen und verlangen ob jemand konnte uns verstecken. Ich habe keine Lust im Dorf zu gehen und ich bin weitergegangen in ein anderes Wald, welcher Wald war in eine, so eine steile Platz. Nächste Tag habe ich schon erfahren, dass oben ist eine Straße gegangen, weil näch­ste Tag habe ich gesehen deutsche Militär wie gekommen sind, durchgefahren.“ (4)

Auch der Bericht von Charles Baron trägt dazu bei, die Grundzüge des Geschehens zu verstehen, trägt aber auch noch einige bezeichnende Details bei: Als der Regen gegen 8 oder 9 Uhr aufhörte und die elenden Häftlinge erschöpft herumlagen oder sich allenfalls um ihre Läuse kümmerten, kam rasch ein dumpfes Dröhnen näher und vier Flugzeuge mit großen Sternen am Rumpf und an den Flügeln flogen in zwei Wellen sehr nah über die Köpfe der Gefangenen und nahmen den Zug unter Beschuss. In die anschließende Stille hinein erhoben sich die Schreie der Verwundeten. Es stellte sich heraus, dass der Beschuss wohl dem nebenan stehenden Zug, einem Munitionszug, galt.

Nach diesem Schrecken wurde Essen ausgegeben, ein gutes Kilogramm Brot und drei 60g-Stücke Käse für je sechs Personen. Nach ganzen zwei Tagen ohne Versorgung stürzten sich alle mit Fingern auf diese pampige Nahrung. Danach wurden die Toten auf den immer höher werdenden Haufen gelegt, der inzwischen zu stinken begann. Viele dösten und träumten vor sich hin, als plötzlich die Hölle wieder los brach. Zuerst vernahm man die Einschüsse und sah Holzsplitter wegspritzen, ehe die Maschinen ohrenbetäubend über den Zug flogen und danach fast senkrecht nach oben zogen, um, hintereinander folgend, eine zweite Angriffswelle zu fliegen. In der Ferne war die Flak zu hören. In den Waggons herrschte Panik und Chaos.

Fred, ein aus Paris deportierter Arzt, war einer der wenigen, der seine Selbstkontrolle behalten hatte. Er bat einen etwas kräftiger aussehenden Litauer, ihm zu helfen, den Riegelverschluss an der Waggontür anzuheben. Die Wache darüber versuchte dies noch zu verhindern, doch mit gemeinsamer Anstrengung fiel der Eisenriegel, die Tür gab unter dem Druck der Insassen nach und die Vordersten stürzten, als die US-amerikanischen Flugzeuge zurückkamen und die Waggons beschossen, aus dem viele gerade entkommen waren. Unter denjenigen, die entkräftet drinnen liegen bleiben mussten, gab es weitere Todesopfer. Die Wachen waren vor dem Angriff abgesprungen und suchten in Gräben und hinter Bäumen Schutz.

Hunderte von Häftlingen hielten sich entlang des Zuges am Bahndamm auf. Einige begannen zu fliehen, so auch Charles und Fred, die sich öfters nur kriechend, dann wieder auf- und davonspringend wegbewegten. Um sie herum totales Durcheinander, überboten noch durch einen Bombenabwurf, der offenbar auf Munition traf und einen riesigen Rauchpilz erzeugte. Einige der Flüchtenden, die nahe Freiheit vor Augen und wie von Sinnen durch Hunger und Durst, näherten sich den ersten Häusern und drangen in die Obst- und Gemüsegärten ein. Die meisten dieser Armen wurden von den SS-Wachen, nachdem diese die Kontrolle wieder erlangt hatten, eingefangen und auf der Stelle hingerichtet.

Charles und sein Freund suchten in einem nahen Wäldchen vorübergehend Unterschlupf. Davor war noch ein Bach zu überqueren; das Durchwaten verschaffte den zerschundenen Füßen etwas Erleichterung und gab etwas neuen Aufschwung.  Um 11 Uhr, brennende Waggons und grobe SS-Wachen hinter sich lassend, realisierten sie erstmals, dass sie frei waren. Doch das Vorwärtskommen im Wald und durch die morastigen Äcker war anstrengend. Bei einer kurzen Rast fiel Fred niederkauernd sofort in Schlaf, Charles, zu aufgeregt, hielt Wache. Dreimal streiften SS-Männer nahe an ihnen vorbei und riefen: „Kommt  heraus, ihr Schweine, oder wir erschießen Euch!“ Charles widerstand der Versuchung, sich zu ergeben, obwohl ihn der Stress der vergangenen drei Jahre dazu hätte verleiten können.

Die Situation am Abend des 27. April nach Weiterfahrt des Häftlings-Zuges beschreibt Dr. Grinberg:

"Eine große Zahl der Kranken blieb im benachbarten Wald liegen. Darunter war auch ich und mein Kollege Dr. Nochum Katz. Wir wussten nicht, wie viele Kranke wir hatten, denn indessen haben sich auch die Kranken auf eine größere Fläche verbreitet. Wir waren plötzlich im Niemandsland, es waren keine Deutschen da, auch Amerikaner waren nicht zu sehen. Ringsumher brannte alles. Wir hörten schwere Detonationen und Granaten und verschiedene andere Kugeln pfiffen durch die Luft. Die meisten Kranken lagen apathisch und bewegungslos auf dem Erdboden und erwarteten den befreienden Tod. Wir kümmerten uns um die Kranken, besorgten Wasser aus dem benachbarten Dorf, wo, wie wir uns überzeugten, noch deutsche Luftwaffenverbände lagen. Die ganze Nacht lagen wir im Wald. In der Nacht starben noch 18Menschen. "

3.3 Weitere Schicksale einiger Flüchtender

Vor Sonnenuntergang hörte Charles Baron nochmals angreifende Flugzeuge in einer gewissen Distanz. Nach Abzug der Suchtrupps waren sie frei – aber hungrig. Sie begannen nun, ihr Versteck im Wald zu verlassen und die Nähe der Befreier aufzusuchen. Auf einem ungepflügten Feld legten sie sich hin, um ihre Kleider trocknen zu lassen, sich zu reinigen und ihre Wunden zu versorgen. Bei Gelegenheit sahen sie, wie in vielleicht 150 m Entfernung eine Gruppe von Deportierten einem Bauernhaus entgegen ging und wollten sich eigentlich ihnen anschließen, um Schutz zu finden. Doch kaum wollten sie sich dazu erheben, sahen sie schon, wie ihre Leidensgenossen von zwei SS-Wachen in einer Reihe wieder aus dem Gehöft herausgeführt wurden; die Bauern hatten sie verraten. Unterwegs beobachteten sie auch in Auflösung begriffenen Grüppchen von Wehrmachtsoldaten.

Dies brachte Charles und Fred dazu, ihren beschwerlichen Weg wieder aufzunehmen und dabei Straßen und Dörfer zu vermeiden. In der Nähe eines Weihers machen sie schließlich Halt, um sich mit einem Stück mitgeführter Kernseife zu waschen, was vor allem zu psychischer Erleichterung führte. Hunger und Durst trieben sie weiter und plötzlich stießen sie auf Soldaten in grüner Uniform. Als sie merkten, dass es sich um Russen handelte (von der Wlassow-Armee), riefen sie ihnen ein paar Worte in Lager-Deutsch, gespickt mit russischen Wörtern zu. Doch statt der erhofften freundlichen Antwort wurden sie mit Steinen beworfen. Wieder mussten sie Flucht und Suche fortsetzen, hinein in immer unwirtlicher werdendes Wetter. Ein stürmischer Wind zusammen mit kräftigem, eiskaltem Regen setzte ihnen bis auf die Knochen zu.

Nach kurzer Pause nehmen sie Orientierung in Richtung eines Wirtshauses auf, um dort jetzt doch um Hilfe nachzusuchen. Als sie sahen, dass dort drei Soldaten mit einem Auto vorfuhren und eintraten, gaben sie dieses Ziel wieder auf. Bei wieder einsetzendem Regen passierten sie einen Wegweiser nach Pestenacker und gelangten an ein etwas abseits stehendes Haus mit einer kleinen Scheune. Dort drangen sie ein und versteckten sich; es ging einfach nicht mehr weiter. Unter größten Bedenken klopfte Fred leise an eine Glastür, worauf eine junge Frau sofort öffnete und eine bestimmte Frage stellte. Er antwortete wahrheitsgemäß. Erst lehnte sie Hilfe ab, denn schon ein Dutzend andere seien hier gewesen und sie habe schon alles hergegeben. Doch dann gab sie nach und hieß sie, in die Scheune zurück zu gehen und keinen Lärm zu machen; wenn sie aufgespürt und danach gefragt würden, hätten sie mit ihr noch nie gesprochen.

Jetzt erst wurden die beiden bis aufs Skelett abgemagerten Menschen sich ihres Zustandes und ihrer vielfachen Wunden bewusst. Der eine steckte in Holzschuhen, der andere in Stiefeln, die er einem Toten abgenommen hatte. Hohlwangig und mit müden Augen schauten sie sich an und mussten über die erbärmliche Komik ihrer Gestalten unwillkürlich lachen. Erst als der Regen ganz aufgehört und der Himmel sich ganz aufgeklart hatte, traute sich Fred, nochmals zu klopfen und sich zumindest zu bedanken. Die junge Frau öffnete wieder und ein etwa 50-jähriger Mann stand mit dabei. Als die Bitte um Versorgung wieder zu scheitern drohte, brach Charles in seiner Verzweiflung – eher unabsichtlich – zusammen. Jetzt erschienen alle Hausbewohner, der Mann half Charles auf, eine andere junge Frau brachte eine Schüssel Milch und ein großes Stück Kuchen. Während sie alles gierig tranken und verschlangen beantworteten sie die Fragen der Familienmitglieder. Als sie hörten, dass die Flüchtlinge Franzosen waren, gaben sie ihre Zurückhaltung auf. Nach und nach konnten sie berichten, wie es ihnen in den vergangenen drei Jahren und in den letzten Tagen ging.  Und auch die Deutschen erzählten, wie es ihnen schlecht ging, seit der Krieg sich in Richtung Niederlage entwickelte. Zum Schluss gab es die erste richtige Mahlzeit, eine wirkliche Suppe mit Gemüse und Fett aus einem Keramik-Teller.

Doch konnten sie in dem kleinen Haus nicht länger bleiben und wurden nach Pestenacker verwiesen, wo sie sicherlich bessere Hilfe erfahren würden. Mit einer Militärdecke und einem Leintuch versorgt standen sie wieder auf Straßen, auf denen es immer noch keine sicheren Gewissheiten gab. Irgendwie wurden sie in eine Scheune verwiesen, wo sie auf die Amerikaner warten könnten. Dort kümmerte sich ein ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter um sie. Erstmals konnten sie ihre Kleider wechseln und sich auf der obersten Etage in Heu einbetten und die Nacht über schlafen. Doch am Morgen merkten sie, dass eine Etage tiefer sich deutsche Soldaten eingerichtet hatten. So mussten sie nochmals 24 Stunden geräuschlos und ohne Nahrung verharren und erst am Morgen des dritten Tages traf die Vorhut der Amerikaner ein. Doch kamen diese nur, um sich gleich wieder zurückzuziehen, wobei sie den Platz wieder zurückweichend streunenden Wehrmachtseinheiten überließen. Erst als am vierten Tag die amerikanischen Soldaten wiederkamen, war für Charles und Fred der Krieg wirklich zu Ende.

Auch andere, die nicht in den Ort flüchteten (aus Angst, von den Deutschen und der SS erschlagen zu werden) schlugen sich einige Tage durchnässt, hungernd, frierend und schwerkrank durch die anliegenden Wälder. Verwundete schafften solche Gewalttouren natürlich nicht. Ein 18jähriger Mann war verwundet und blieb im Wäldchen zum Sterben liegen. Er wurde gefunden und offenbar an dieser Stelle von einigen Schwabhausenern begraben. Später wurde er wieder exhumiert und in Schwabstadel erneut bestattet. (1) Einige Opfer fand man viel später noch skelettiert im Walde.

"Zwei Tage bin ich dort gewesen, war sehr schwer, weil hat geregnet und ich war voll nass und sehr hungrig. No, als KZ ich wusste, was man kann machen und ich habe Gras gegessen und der, wie sagt man, der Harz von Tannenbäume, das habe ich auch im Lager gelernt... Und dann konnte ich nicht mehr (aushalten?) und ich habe gesagt, ich werde mich erfroren. Ich bin gegangen nach einer Richtung, was wahrscheinlich war eine nördliche Richtung zu einem Bauernhof, war ganz, ganz isoliert, allein. Dann, dort waren sehr viele Flüchtlinge. Ich habe gefragt ob lass mir irgendwo in Stall oder ein bisschen zu erwärmen und trocknen und die Frau hat gesagt "Schauen Sie, sind sehr viele“, waren vielleicht über 30 Leute dort, Flüchtlinge, aber hat mir zum Essen gegeben, Brot und Milchkaffee und dann ich bin wieder weg, vielleicht drei, vier Kilome­ter gegangen, auch eine isolierte Bauernhof war und ich bin hineingegangen, war dort ein Frau und ich hab mein Märchen angefangen zu erzählen und sie hat mit die Augen so ganz unordentlich gemacht und dann habe ich gesehen, dass der Hof war voll mit eine Militäreinheit, also militärisch (Maschinen?) und Soldaten.“...Und dann ich war sofort weg, weil natürlich (lacht) und ich bin wieder gegangen und hab gesagt jetzt, ich hab schon keine Energie mehr, nur eine einzigen Bauernhof zu besuchen. Ich gehe in nächste Gemeinde und wird geschehen was wird geschehen, ich kann nicht mehr, vielleicht Lungenentzündung ist gekommen und Kraft habe ich nicht mehr. Und ich bin in eine Dorf hineingegangen, erste, ganz enge Straße war und am erstes Haus war eine alte Frau, hat in eine Schüssel solches trockenes Brot eingeweicht, war vielleicht für die Hühner und so durch(geknetet?) ist das, und ich hab gesagt "Erlauben Sie mir in Stall hineingehen, weil bin ganz nass und erfroren?" Na ja, sie hat gesagt "Dort!" Die Stalltür war zur Straße. Dann bin ich dort hineingegangen in die Heu... wokommt her­unter so eine aus Holz wie eine Lift. Und dort bin hineingegangen und hat man mir gegeben, oder wie mir scheint, hat mir Brot und Milchkaffee gegeben und dann habe ich geschlafen. Und im nächsten Morgen, war schon vormittags, sind schon die Amerikaner gekommen." (4)

"Am nächsten Tag, mittags, trauten wir uns aus dem Wald und trafen mehrere jüdische Menschen. Sie trösteten uns und erzählten uns, die Amerikaner seien schon ganz nah. Wir gingen ins Dorf Schwabhausen. Wir trauten unseren Augen nicht. Die Deutschen nahmen uns auf mit offenen Händen. Siemerkten schon ihr nahes Ende. Sie gaben uns Militärkleidung von deutschen Soldaten, welche türmten, und Essen und Trinken. Sie haben gesagt, sie seien nicht schuldig, was auch passiert sei. Es war nur Hitler und die SS. Wir sagten gar nichts und warteten auf die Amerikaner. Für uns war es ein Traum, dass die Freiheit so nah war. Wir konnten es immer noch nicht glauben. Am 28. 4. wurde unser Traum wahr und in den schmalen Gässchen von Schwabhausen wurden wir von den Amerikanern befreit.“  (15)

Auch hier muss sich die Augenzeugin mit dem Datum vertan haben, denn die Amerikaner kamen nach Schwabhausen erst am 30. April.

3.4 Plünderung des Materialzugs und erzwungene Hilfestellung für die Überlebenden

In den Wirren dieser allerletzten Kriegstage bekam die Bevölkerung Schwab­hausens vom Unglück der Juden am Bahndamm angeblich erst gerüchteweise und dann dadurch Kunde, dass die ersten Flüchtenden eintrafen. Ein Teil bat offen um Versteckmöglichkeiten, andere ließen sich gar nicht erst blicken, sondern versteckten sich in ihrer Todesangst in Waschküchen und Heustadeln, wo man sie erst später fand.

Ist diese Aussage nicht seltsam? Freie Sicht vom westlichen Dorfrand zum etwa 500 m in Luftlinie entfernten Bahndamm. Tieffliegerangriffe in bis zu drei Wellen, Dampf auszischende Loks, brennende Eisenbahnwaggons, schreiende Menschen ... und nur indirekt wollen die Schwabhausener in ihrer Erinnerung Kunde vom Unglück bekommen haben. Was ist das Beschämende daran?

Es ist bezeugt (7), dass der beschossene "Materialzug" auf dem rechten Gleis Richtung München noch tagelang auf der Strecke liegenblieb. Das reichhaltige Material (unter dem sich auch Schreibmaschinen befanden) wurde bis zum Eintreffen der Amerikaner zumeist heimlich geplündert. Nur der "Kirchenbauer" von Epfennhau­sen habe sich getraut, seine Ochsen vorzuspannen und Matratzen und anderes Verwertbares ganz offen mit dem Wagen abzuholen. (7) Es erscheint völlig stimmig, dass dieselbe Zeugin im Materialzug noch einen schrecklich herunter­gekommenen Juden auf einem Feldbett mit einer rauen Decke bedeckt be­merkte und darüber sehr erschrak. Bemerkenswert ist aber, dass das Plündern gleich am nächsten Tag einsetzte, und in dieser ersten Phase der Plünderung des Materialzuges sich niemand um Tote und Verwundete gekümmert hat. Im Nachhinein kommt es einer Augenzeugin (12) furchtbar vor, wie man, von der eigenen Not getrieben, über die kreuz und quer liegenden, oft schrecklich zuge­richteten Leichen hinwegsteigen konnte, um zum Materialzug zu gelangen. Erst der Dorfarzt Dr. Arnold, der über seine ärztliche Tätigkeit bei den Patres des Klosters zu diesem Zeitpunkt auch schon Kontakt mit den Amerikanern im Lazarett hatte, soll der Bevölkerung mit großem Ernst aufgetragen haben, alle Verwundeten einzusammeln und zu verpflegen, sonst würde es ihnen insgesamt schlecht gehen, wenn die Amerikaner kämen und diese das Elend der Juden se­hen würden.

Dieser Version eines aufrechten Schwabhauseners, der über ein gutes Ge­dächtnis verfügte, ist der Bericht von Dr. Grinberg (22) gegenüberzustellen. Dabei wird sich zeigen, dass der wichtigste einheimische Augenzeuge die Rolle des Dorfarztes Dr. Arnold überschätzte und die des fremden Dr. Grinberg völlig verdrängte.

"Am Morgen ging ich zum Bürgermeister des Dorfes Schwabhausen, um mit ihm die entstandene Situation zu besprechen. Er sagte mir, als erstes müssen die Toten be­graben werden, und am Nachmittag wird wohl ein Zug kommen, um die noch lebenden Kranken weiter zu transportieren. Ich habe gleich das Gefühl gehabt, dass der Bürger­meister auf dem schnellsten Wege diese Menschenplage, die man ihm gestern vor der Türe seines Dorfes hinterlassen hat, loswerden will und dieses kranke Menschenmate­rial nach einer weiteren Station abschicken will. Wohlgemerkt, abschieben will ohne Transportführer, ohne Bewachung und ohne Verpflegung. Ich ging sodann zum Stationsvorsteher und bat ihn, es zu sabotieren, einen Zug bereit zu stellen, denn ich wusste, dass diese Fahrt die Todesfahrt sein würde. Der Stationsvorsteher hat mich ver­standen, doch konnte er, wie er mir sagte, meinen Wunsch nicht erfüllen. Indessen haben sich die Kranken in einem hinkenden, schleppenden Tempo über das Dorf ver­breitet, um bei den Bauern Lebensmittel zu betteln. Der Bürgermeister befahl dem Volkssturm des Dorfes, die Häftlinge am Bahnhof zusammenzutreiben, dies geschah auch. Um 2 Uhr sollte der Zug abgehen. Ich war ratlos. Plötzlich sah ich von Ferne ein Motorrad kommen mit einer Rot-Kreuz-Fahne. Auf dem Motorrad saßeine deutsche Ärztin, welche den Dorfbewohnern zurief, amerikanische Panzer seien unterwegs. Ich atmete erleichtert auf. Es war ½ 2Uhr. Der Zug sollte um 2Uhr Schwabhausen ver­lassen. Durch die Nachricht der deutschen Ärztin ermutigt und gestärkt, ging ich nochmals zum Bürgermeister und erklärte ihm, falls er nicht die bei ihm im Dorfe be­findlichen Häftlinge unter seinen Schutz nimmt und sie verpflegt, und falls er nicht dafür sorgt, dass die Kranken nicht abtransportiert werden sollen, so wird er sicherlich von den amerikanischen Militärbehörden, welche stündlich ins Dorf einrücken können, zur Verantwortung gezogen werden und wohl erschossen werden. "Denn Sie, Herr Bür­germeister, würden das Leben von diesen Häftlingen, falls sie weiter abgeschoben werden, auf dem Gewissen haben.“  Ich klopfte mit der Faust auf den Tisch und befahl ihm, folgendes Dokument zu unterschreiben: "Für die im Dorfe Schwabhausen hinterbliebenen Häftlinge steht mir keine Bewachungsmannschaft zur Verfügung, noch ein verantwortlicher Kommandoführer, noch die nötige Verpflegung, daher kann ich die ausländischen Häftlinge nicht weiter abtransportieren lassen, und nehme sie bis auf weiteres unter den Schutz meiner Gemeinde." Er starrte mich an und wollte das Dokument nicht unterschreiben, in diesem Moment blickte er durchs Fenster auf die Dorfstraße, wo er eine Bewegung der Dorfbevölkerung beobachtete. Er ging ans Fen­ster, rief einen Bauer, flüsterte mit ihm einige Worte und kam dann wieder zurück. Sein Gesicht wurde plötzlich höflich, er bat mich, Platz zu nehmen, und unterschrieb ohne weiteres die paar Zeilen, die ich vorher aufgeschrieben hatte, er drückte auch den Stempel seiner Gemeinde drauf. Mit diesem Zettel lief ich zum Stationsvorsteher und sagte ihm, der Zug bleibt in Schwabhausen. Die deutschen Luftwaffenverbände, die im Dorfe lagen, zogen sich schnell zurück, das Dorf blieb leer von Militär. Ich ordnete die Kranken in den Scheunen ein, wo früher die Luftwaffenverbände lagen. Ein Teil der Kranken suchte Unterschlupf in den Waggons, die an der Station standen, ein anderer Teil ging auf eigene Faust zu den Bauern und blieb dort in Baracken und Ställen. Dr. (Jankel; A.d. V.) Katz und ich suchten den Dorfarzt, Dr. Arnold, auf und wir begannen den Kranken die erste medizinische Hilfe zu geben. Die Verwundeten wurden in einem Platz konzentriert und die ersten Verbände wurden angelegt. Am Abend waren die Amerikaner noch nicht da. Am nächsten Tag zwang ich den Bürgermeister, die Häftlinge, deren Zahl zwischen 400 und 500 war, zu ernähren. Sie bekamen nach langer Zeit wieder Milch und Brot. Der Tag verstrich und die Nacht darauf und die Ame­rikaner waren noch nicht da. Erst am Sonntag, den 29. April 1945 (A. d. V.: Es muss aber Montag, den 30. gewesen sein!) zeigten sich die ersten amerikanischen Panzer, welche durch das Dorf hindurchfuhren. Die nahezu leblosen, leidenden Wesen haben kaum die Kraft aufgebracht, ihre Befreiung zur Kenntnis zu nehmen.“

In der Schilderung des einheimischen Augenzeugen wurden die zum Teil immer noch auf offener Flur und an den Wegen herumliegenden Verwundeten (insgesamt 20 bis 30 Juden) am Samstag mit Rössern und Wagen ins Dorf ge­führt, zuerst zum Lagerhaus, dann in einen beheizten Raum beim Wirt. Dazu wurde die Gaststube völlig ausgeräumt und gut mit Stroh ausgelegt. Die deut­schen und die jüdischen Frauen mussten in der Remise in einem großen Kessel Kaffee kochen und Josef Vogt teilte ihn mit zwei anderen aus. Namen und Natio­nalität der Juden konnten dabei nicht erfahren werden; sprachliche Verständigung war angeblich nicht möglich.

Pünktlich um Mitternacht, vom 29. auf den 30. April kamen, wie angekündigt, amerikanische Posten und kontrollierten, ob die Versorgung geklappt hatte. Später dann kamen diese Verwundeten in die Schule, wo sie richtige Strohsäcke als Unterlagen bekamen und von den Amerikanern weiterversorgt wurden. Von dort aus kamen sie ins Lazarett nach St. Ottilien.

"Das war dann mit den Juden sozusagen für uns erledigt." (1)

Für die Schwabhausener blieb diese Berührung mit den Juden jedoch nicht ganz ohne Folgen. Bei einer Flecktyphus-Epidemie erkrankten einige Dorfbewohner, und es starben - trotz Impfungen durch die Amerikaner - Anfang Juni noch zwei Frauen aus dem Dorf (Monika Holzmüller u. Karolina Walcher) und Ende Mai ein Mann aus Jedelstetten (Sylvester Bader).

 

3.5 Schwabhausener begraben die toten Juden

Der 29. April, ein Sonntag, begann mit einer kurzen Messfeier, bei der auch Pfar­rer Durer, der letzte eigene Pfarrer der Schwabhausener, der Gemeinde ein­dringlich ins Gewissen redete, nun die Toten zu beerdigen. Hauptsächlich rüstige Männer und Frauen (die anderen müssten ja arbeitsteilig die Verwundeten ver­sorgen und verpflegen) machten sich unter der Federführung von Dr. Arnold auf, um für die Toten an Ort und Stelle, nämlich dorfseitig am Bahndamm (auf der heutigen Flur-Nr. 300), drei große, tiefe Gruben auszuheben. Es ist dies die erste waldfreie Stelle vom Zug aus und dorthin hatten die Insassen selbst zum Teil noch die Toten aus den Waggons hinausgeworfen, die an Entkräftung oder durch Beschuss ums Leben kamen. (13) Die nun folgende Arbeit muss schrecklich gewe­sen sein, denn viele Tote waren furchtbar entstellt; einigen waren zuvor die Ge­fangenenkleidungen weggenommen worden und nun lagen sie nackt und vom Ty­phus und Schusswunden verunstaltet da. Zwei Männer, Josef Vogt und Georg Böheim verrichteten die unangenehme Arbeit und trugen mit zwei Stangen und einer Zeltplane die Toten in die Gruben hinein. Hauptlehrer a.D. Kreitmayer stand unten und schichtete je zwei Leichname kreuzweise übereinander. Jüdische Be­stattungsgewohnheiten wurden dabei wohl nicht beachtet. Dr. Arnold organisierte noch Chlorkalk, der über die Toten geschüttet wurde und die Gräber wurden wieder zugeschaufelt.

Im ersten Grab (vom Bahnhof her gesehen) liegen ca. 60 Tote, in den weiteren zwei Gräbern nochmals zusammen 70 bis 80. Diese Toten konnten auch nicht mehr identifiziert werden; Angehörige können nur rekonstruieren und ver­muten, dass einer der Ihren dort liegt. Am mittleren Grab wurde später eine privat erstellte Zusatztafel angebracht, auf der geschrieben steht:

"Unter den 130 heiligen Menschen ist mein Bruder, der junge Mann Joshua, Sohn des Moshe Chaim Herczl aus der Gemeinde Soltvadkert in Ungarn. 14. Jiar des Jahres 5705. Ihr Blut soll nicht vergessen werden."

Dem soll auch die Veröffentlichung eines privaten Photos dienen, das die Familie Herczl im Jahre 1935 zeigt (v.l.n.r.): Josef Jenö (geb. 1927), Mutter Frieda Laufer (geb. 1895), Sándor Joshua (geb. Oktober 1925), Irén (geb. 1924), Vater Joachim Herczl (geb. 1895), Judit (geb. 1928); vorne in der Mitte: Miksa (geb. 1932)

Josef Herczl, einziger Überlebender, der über Zeugenaussagen herausfinden konnte, dass sein Bruder hier begraben sein muss, reiste fast jedes Jahr aus Belgien an, um die Gräber zu be­suchen. Eine Begegnung mit ihm ergab, dass seine Familie zuletzt in Szeged wohnte, von wo sie nach Auschwitz deportiert wurde; am 28. Juni 1944 kamen sie dort an. Sie wurden voneinander getrennt, die beiden jungen Brüder, damals 19 und 17 Jahre alt, wurden zum Arbeiten in Außenlagern für rüstig befunden, Eltern und Schwestern wurden umgebracht. Sándor Joshuas Leben endete am 27. April 1945, Josefs Odyssee endete in Feldafing. Er hatte danach große Schwierigkeiten, für den identifizierten toten Bruder die private Zusatztafel anbringen zu dürfen. Ironie des Schicksals oder typisch für deutsch-jüdische Verhältnisse nach dem Krieg? Er bestellte die Platte unwissentlich bei einem Steinmetz, der 1933 schon nationalsozialisti­scher Stadtrat in Landsberg war...

Insgesamt - mit den in St. Ottilien noch Verstorbenen und im dortigen Friedhof Beerdigten - sind durch die Beschießung des Transportzuges am Tage der Be­freiung über 170 Tote zu beklagen.

 

4. Die Situation in Machelberg

Da sie ihren 8jährigen Sohn Ludwig suchen musste, der von dem Kriegsspektakel um Machelberg herum fasziniert war und ihm nachgelaufen war, wurde eine Frau aus Machelberg (13) Augenzeugin des Geschehens am Bahndamm. Zu dem Zeitpunkt, als sie dort in Begleitung eines polnischen Zwangsarbeiters ankam, standen schon beide Züge durch Fliegerbeschuß blockiert da. Die Soldaten und Flakhelferinnen des Militärzuges waren am Flüchten und jüdische KZ-Häftlinge lagen schon tot herum, ein furchtbares Chaos mit schrecklichen Bildern: Einige Tote lagen nackt, einer kauerte im Schutz der Räder und machte sich über einen Marmeladeneimer her, alle waren durch Hunger, Typhus und alle anderen Stra­pazen grausam zugerichtet.

Der Ortsteil Machelberg hat viel über sich ergehen lassen müssen. Auch hier zogen in den letzten Kriegstagen tausende von ausgemergelten Gestalten durch. Ihnen durfte ebenfalls kein Wasser gereicht werden; sie wurden immerfort ge­schlagen und weitergetrieben. Hier hielten sich auch zwei jüdische Frauen ver­steckt. Ein polnischer Arbeiter nahm es auf seine Kappe, sie auf einem Scheunenboden mit Kaffee und Brot zu versorgen. (Diese Frauen haben überlebt und kamen später als zwei außerordentlich attraktive Frauen wieder, um sich für die Rettung zu bedanken.) Hier kam am Abend auch einmal ein total verschwitzter, typhus­kranker Jude an. Man bot ihm zu Essen an, doch er war so gewitzt, nur warmes Wasser zu erbitten. Man beschrieb ihm den Weg durch den Wald nach St. Ottilien, wo er dank seiner Selbstkontrolle wohl überlebt hat.

Hier hielt mitten im Hof auch ein Militär-Lkw mit Sprengmaterialien aus Kaufering an und das, während der Hof beschossen wurde! Sie hatten die Kauferinger Brücke vor den anrückenden Amerikanern nicht mehr sprengen können. Der Wagen wurde umgeladen und das neue Fahrzeug fuhr weiter nach Stegen, um dort die Amperbrücke zu sprengen. Seltsam dabei ist nur, dass die Offiziere sich zuvor ihre Silberabzeichen und Streifen abmachten, in den Aschenkasten warfen und sich absetzten. Die einfachen Soldaten beklagten sich, dass sie nun ihren Kopf hinhalten müssten.

Hier kam es einige Zeit später, nach der Befreiung, schließlich auch zu schlim­men Erfahrungen mit drei der vier polnischen Zwangsarbeiter. Abgesehen davon, dass sie Wertgegenstände und Wäsche mitnahmen, ehe sie ins für sie geschaffene Lager Igling gingen, kamen sie in jüdischer Häftlingskleidung wieder und überfielen ihre ehemaligen Herrschaften mit Waffengewalt. An der zuvor gestohlenen Wäsche waren sie trotz Tarnung wiederzuerkennen. Wenn nicht zufällig amerikanische Soldaten vorbeigekommen wären, vor denen sie ausrissen, wäre die ganze Fa­milie erschossen worden. Ein gefasster Pole sagte noch: "Meine Mutter starb auch durch deutsche Hand!"

 

5. Die Situation in der Dampfsäge

In der Dampfsäge bei Schwabhausen (die drei Häuser gehören heute zum Weiler Gemeindeteil Geretshausen) wohnten die beiden Familien Fichtel und Hipp. Die drei Frauen, die damals allein die Anwesen betreuten, waren im besonderen Maße von den Wirren der letzten Kriegstage betroffen. Sie lebten in unmittelbarer Nähe der Straße und des nach Beschuss liegengebliebenen Judentransportes. Kaum war die Flak-Einheit im Anwesen Fichtel (heute: Schreinerei Hipp) abgezogen, näherten sich vorsichtig ungefähr 15 noch gehfähige, flüchtende Juden, allesamt Männer, und versuchten, einen Unterschlupf zu finden. Die damals 36-jährige Frau Hipp, Schneiderin von Beruf, brachte es nicht übers Herz, diese armen Gestalten weg­zuschicken und versteckte sie in der "Júche" der Scheune, einem Ort knapp un­terhalb des Dachfirsts, dessen Boden lediglich aus runden Baumstämmchen bestand. Nachts brachte sie ihnen heimlich zu essen; eine Verständigung in deutscher Sprache war möglich, doch gab es kaum etwas zu diskutieren. Es ging ums nackte Überleben nicht nur wegen der Gefahr für beide Teile, entdeckt zu werden, sondern zum Beispiel auch deshalb, weil den Untergeschlüpften die gute Kost nicht bekam; sie mussten sich laufend erbrechen und bekamen Durch­fall. Erst nach dem Eintreffen der Amerikaner wurden diese Juden in die Küche geführt. Man gab ihnen eine Verpflegung mit auf den Weg und sie kamen ins Sammellager St. Ottilien.

Das Eintreffen der Befreier sollte aber erst recht zu einer Zeit furchtbaren Schreckens werden. In mehreren Wellen zogen Mannschaftsteile ohne Führung plün­dernd und vergewaltigend durch die Anwesen. Zuletzt kamen sechs braunhäutige Nordafrikaner der französischen Armee wieder, denen es besonders darauf ankam, die Einwohner zu erschrecken und zu demütigen. Vorgesetztes Essen wurde einfach wieder zum Fenster hinausgeworfen. Wie durch ein Wunder blieb der jungen Frau, die in Todesängsten lebte, das Schlimmste erspart. Im Nachbarort  Ramsach dagegen sei ein Bauernmädchen von solchen Gruppen vergewaltigt worden.

 

6. Dr. Grinberg und die Situation im Kloster St. Ottilien

Es dürfte deutlich geworden sein, dass es sich bei Dr. Zalman Grinberg um eine außerordentliche Persönlichkeit gehandelt haben muss. Dieser Eindruck wird un­terstützt durch eine Würdigung (24) der Biographie und vorausgegangen Aktivi­täten Dr. Grinbergs. Erst daraus erhellt, mit wem die Schwabhausener zu tun hatten. Er wurde am 4.September1912 als Sohn einer angesehenen, talmudischen Familie in Litauen geboren, erhielt seine Medizin-Ausbildung in der Schweiz und war im Juni 1941, als die Deutschen das (durch den Hitler-Stalin-Pakt) russische Litauen einnahmen, Direktor des Radiologischen Instituts des Universitäts-Hospitals in Kaunas. Als alle Juden dort in einem Ghetto zusammengetrieben wurden, wäre Dr. Grinberg von den Deutschen als Spezialist gebraucht worden, man machte ihm Angebote und versprach den Schutz seiner Familie. Er ging aber lieber mit ins Ghetto und half dort eine medizinische Versorgung aufzubauen. Als das Ghetto am 13. Juli1944 liquidiert wurde, kam Dr. Grinberg ins KZ Dachau und zwar ins Kauferinger Außenlager, wo er Zementarbeiten zu verrichten hatte. Aber auch hier avancierte er bald zum wichtigsten Mann für Gesundheitsfragen im Lager und er kümmerte sich um die sekundäre Typhus-Prävention.

Bei seinen Aktivitäten in Schwabhausen ist hervorzuheben, dass er den Mut auf­brachte, allein Schwabhausen zu betreten, erst um Wasser zu holen, dann um – wie schon berichtet - dem Bürgermeister mit seiner Hinrichtung zu drohen, falls er die "politischen Gefangenen" nicht beschützte und ernährte.

Die Umfunktionierung von St. Ottilien durch Dr. Grinberg wird in einem Dokument (24) wie folgt beschrieben:

"Nachdem er sichergestellt hatte, dass der Bürgermeister tat, was man von ihm ver­langte, erkundigte er sich danach, wo das nächste Krankenhaus sei. Nachdem er von dem nur einige Meilen entfernten Hospital in St. Ottilien erfuhr, rief er dessen Direktor an (von Sept. '44 bis Mai '45 war dies Oberfeldarzt Dr. Mayr; A.d. V.) und teilte ihm mit, dass er das Internationale Rote Kreuz repräsentiere und dass er von den herannahen­den amerikanischen Streitkräften delegiert worden sei, Vorbereitungen für das Wohl der ausländischen politischen Gefangenen zu treffen und befahl, dass das Hospital Ambulanzen schickte, um die Verwundeten und Kranken aufzunehmen. Nach einiger Zeit schickte der Direktor drei Ambulanzen und Dr. Grinberg und all die Menschen, die die Ambulanzen einladen konnten, fuhren in Eile zum Hospital und erreichten es, wäh­rend es noch in deutscher Hand war. Etwas später stieß US-Captain Otto B. Raymond, der von seiner Einheit abgeirrt war, zum Hospital und sagte, nachdem er die Lage eingeschätzt hatte, "Ich habe meine Einheit verloren, aber ich werde statt den militäri­schen Orders den Geboten der Menschlichkeit gehorchen.“ Folglich setzte er Dr. Grinberg als Verantwortlichen für das Hospital ein und schickte Militär-Ambulanzen, um die restlichen Dachau-Evakuierten aufzunehmen, die bei Schwabhausen geblieben waren. Raymond war auch behilflich, um Dr. Grinberg die nötige Autorität bei der deutschen Lazarettverwaltung zu schaffen.“

Später wurden die bisher unter deutscher Leitung dort befindlichen deutschen und ungarischen verwundeten Soldaten ausgelagert, und St. Ottilien wurde zum bekanntesten rein jüdischen DP-Hospital in der amerikanischen Besatzungszone. Ende Mai befanden sich dort 550 Juden aus aller Welt (litauische, polnische, ungarische, slowakische und griechische). Zufrieden beendet Dr. Greenberg seinen Bericht nach Genf:

"Im Krankenhaus arbeiten deutsche Ärzte und deutsche Schwestern unter der Kontrolle von drei jüdischen Ärzten. Das deutsche Personal gibt sich Mühe und scheint den guten Willen zu haben. Wir haben eigentlich hier in das Krankenhaus 500 Sterbende gebracht, von diesen 500 Sterbenden sind 35 Menschen gestorben, diese eigentlich nur in der ersten Woche. Die Sterblichkeit hat bedeutend nachgelassen. In der letzten Woche betrug sie Null.“

Dr. Greenberg blieb in St. Ottilien bis Ende 1946, als er nach Palästina auswan­derte. Zuvor avancierte er noch zum Präsidenten des Zentralkomitees der be­freiten Juden in der US-Zone von Deutschland, in Palästina wurde er Vorstand des angesehenen Beilinson Hospital.

7. Reserve-Lazarett und KZ-Friedhof im Kloster St. Ottilien

Am 28. April 1945 zogen die Alliierten mit Einheiten der 7. US-Armee in St. Ottilien ein. Bis dahin war das Kloster seit 1941 rechtswidrig aufgehoben und diente (neben dem Magnusheim in Holzhausen und dem Theresienbad in Greifenberg) als Re­serve-Lazarett für deutsche Wehrmachtangehörige; dazu existierte auch ein Sol­datenfriedhof. Der Schwabhausener Dorfarzt Dr. Arnold hatte mit dem Lazarett im Grunde nichts zu tun, er war lediglich der langjährige "Hausarzt" für die Patres im Kloster. (25)

Die ersten Juden, die sich anschleppten bzw. angefahren wurden und kurz darauf verstarben, wurden zunächst auf dem Soldatenfriedhof mitbeerdigt. Später wurde ein eigener, jüdischer Friedhof angelegt, für den der Platz von der damaligen Klosterverwaltung zur Verfügung gestellt wurde. Dorthin wurden die ersten jüdischen Toten umgebettet und auch die folgenden dort (ohne Beteiligung des Klosters) bestattet.

Auf diesem Friedhof ruhen nun diejenigen Juden, die schon zu schwach oder zu stark verwundet waren, um ihre Rettung am Bahndamm von Schwabhausen zu überleben. Aus den nachträglichen Todesanzeigen der IRO (Preparatory Com­mission) in Bad Wörishofen vom 24. Februar 1949 (mit Religionsangabe), aus der bei der Gemeinde Eresing geführten Gräberliste und aus einer Ortsbegehung des Friedhofs ließ sich ein Verzeichnis derjenigen jüdischen Personen zusammen­stellen, die höchstwahrscheinlich aus dem Bahntransport stammten und in St. Ottilien auch ärztlicherseitsnicht mehr gerettet werden konnten. Fast alle litten an  "Inanition", das heißt vollkommener Unterernährung.

Mögen diese Namen, die den Schreibfehlern nach zu schließen ("Lojosch Worgo" statt Varga, Lajos !)oft nur noch mündlich hingehaucht und weitergege­ben werden konnten, mitsamt den angedeuteten Biographien auch all die am Bahndamm Begrabenen stellvertretend aus ihrer Anonymität befreien!

 

Name,
Geburtsdatum

Beruf,
Herkunft

Sterbedatum,
Diagnose

Unbekannt

 

30.04.45, Hirnstecksplitter,  Hirnhautentzündung

Martel, Lewin

 

01.05.45, Inanition, völlige Erschöpfung, Kreislaufversagen

Weinling, Hasken
1917

 

02.05.45, Erschöpfungszustand, Oberschen­kelschußbruch

Sondermann

 

02.05.45, Inanition, Verfall, Kreislaufschwäche

Tatakosska, Cechiel

 

02.05.45, Herzversagen bei Lungenödem nach Lungendurchschuß

Rosenbaum, Emmerich

Weinhändler
Budapest/H

03.05.45.
Inanition, Weichteildurchschuss

Difilipow, Luigi
08.03.04

Bordeaux/F

03.05.45.
Inanition, Steckschuss im rechten Oberschenkel

Friedemann, Max, Dr., 03.03.98

Moson/H

04.05.45.
Kräfteverfall, Blutarmut, Lungenent­zündung

Lichtmann, Josef 05.12.09

Budapest/H

04.05.45.
rechter Unterarmschußbruch

Haniak, Margaretha 25.11.09

Miskolc/H

04.05.45.
Ellbogendurchschuß, Gasbrandsep­sis

Pollack, Josef
1893

Köszesmehn ?/H

04.05.45.
Oberschenkelschußverletzung, Bruch der Kniescheibe

Schüßler. Feitet
03.02.10

Lodz/P

04.05.45.
Kräfteverfall, Blutarmut, Verdauungsstörung

Schweid, Ludwig 05.02.08

Bredow/ Slowakei

05.05.45.
Inanition, Eiterung der rechten Schulter

Freiberg, Simel
01.02.96

Wlotawa/P

05.05.45.
Inanition mit Hungerödem, akute Darmentzündung

Czöfwek, Elemer
16.09.24

Scherenschleifer
Miskolc/H

05.05.45.
hochgradige Inanition, fieberhafte Bronchitis, Darmentzündung

Mowsowitz. Saly 13.05.22

Schneider
Kowno/Litauen

06.05.45.
Zustand nach Bauchoperation , Tuberkulose, Bauchfellentzündung

Leobowitsch, Ode 05.03.99

Walossuth/H

06.05.45.
starker Erschöpfungszustand, Kno­chen- bzw. Fußnagelgeschwür

Varga, Lajos
15.11.86

Händler
Budapest/H

06.05.45.
Inanition, Kräfteverfall und -schwund

Woycjeschowski, Moritz 08.05.14

Tapezierer
Lodz/P

08.05.45.
Offener Pneumothorax, Wangenzer­reißung rechts

Rafko, Paul
15.06.23

Budapest/H

10.05.45.
Erschöpfungszustand durch Inanition, Darmentzündung

Karosso, Johann
26.12.12

Budapest/H

11 .. 05.45.
Inanition. chronische Magendarmentzündung

Weinstein, Samuel 30.01.96

Apotheker
Ka­nen/Litauen

18.05.45.
Erschöpfungszustand durch Inanition

Lachmann, Jakob 10.10.06.

Lodz/P

22.05.45.
Toxische Magendarmentzündung, Herzschwäche

Kaplan, Leiba
15.09.98

Kenigischki/Litauen

22.05.45.
Fleckfieber, Gehirnblutung, Parkinsonismus

Klein, Ernst
01.06.28 (!)

Schüler
Hydalmecz/H

akute Miliartuberkulose

Weiß, Narziß
01.02.17

Budapest/H

13.06.45.
Herzschwäche

Wolfsohn, David 12.11.99

Kantor
Bordzi/Rosain/P

18.06.45.
Kreislaufschwäche

Miller, Josef
07.06.21

Schlosser
Jurbarkos/Litauen

18.06.45.
Kreislaufschwäche

Eisner, Kurt-Otto Dr.
20.09.92

Arzt
Arnsdorf/D

07.08.45.
Lungentuberkulose

Freilich, Bernhard 23.04.24

Schüler, unge­l. Schneider Bedzin/P

20.08.45.
Tuberkulose, Koronarthrombose

Ferstenberg, Sawel 25.05.93

Warschau/P

01.10.45.
Herzschwäche, Entartung des Herz­muskels

 

 

8. Die Umstellungen nach den Kriegshandlungen

Nach Beendigung der Kampfhandlungen, also ab 30. April konnten die Bauern gleich wieder an die Bestellung ihrer Felder gehen, da es einen Befehl der ameri­kanischen Besatzung gab, auf die Landbevölkerung besondere Rücksicht zu nehmen; man wollte offenbar verhindern, dass es zu Hungersnot und Arbeitslo­sigkeit käme.

Ein Bauer erzählte, wie er einmal auf seine Wiese hinausfuhr, um zwei Ladungen Grünfutter einzuholen. Bei der Heimfahrt sah er nicht, dass oben vom Berg her Lkws mit Besatzungssoldaten herunterkamen. Beide Lkws fuhren ihm aber geduldig hinterher. Erst als er bei seinem Haus ankam, konnten sie überholen. (1)

Zu widersprüchlichen Aussagen kam es über die Situation der polnischen und serbischen Kriegsgefangenen nach der Befreiung. Sie waren damals in fast allen Bauernhöfen zur Zwangsarbeit eingeteilt worden. Einerseits ist - wie am Beispiel Machelberg - bezeugt, dass es nach der Befreiung zu Übergriffen kam, anderer­seits wurde berichtet, dass sie sich geradezu als Fürsprecher ihrer ehemaligen Herrschaften gegenüber alliierten Soldaten verwendet haben (10)

Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 war für alle Deutschen der Höhenflug des "Tausendjährigen Reiches" ausgeträumt und wich einer großen Ernüchterung - ein schmerzhaftes Geschehen für alle, die sich zuvor mit Hitler und seiner Propa­ganda bedeutungsmäßig "aufgepumpt" hatten. Diese schmerzhaften Erkenntnis­se hätten der Beginn eines politischen Heilungsprozesses sein können...

Die Gemeinde zog Bilanz und man sah, wie der Tod eine Schneise durch die Reihe der eingezogenen Männer geschlagen hatte: Zwölf von ihnen waren "gefallen" und fünf weitere blieben vermisst.

Das Leben aber ging natürlich weiter, wenn auch in bescheidenerem Maßstab. Der Verkehr und die Kommunikation waren zusammengebrochen, die Energie­versorgung war gefährdet. Erst im Juli nahm die Post in Landsberg ihren Dienst probeweise wieder auf. Für Reisen brauchte man eine Erlaubnis der örtlichen Militärregierung. Die Reichsmark hatte keinen Wert mehr und so war es kein Wunder, dass der Schwarz- und Tauschhandel (Ware gegen Ware) blühte.

Nach Kriegsende wollte Dominikus Sedlmaier, das hatte er vorher schon ange­kündigt, nicht mehr Bürgermeister sein. Am Sonntagabend, den 16. August kam ein amerikanischer Offizier mit Begleitung zum Bauern Josef Vogt und bestimmte ihn ab 20. des Monats zum ersten Bürgermeister des Ortes. Dies geschah offenbar wieder auf Betreiben von Dr. Arnold und mit der Nötigung der Amerikaner, binnen zweier Tage einen Juden als Gemeindevorstand einzusetzen, wenn sich Herr Vogt weigerte und sich sonst niemand finden ließe. Am Sonntag, den 26. d.M. fand nach der Kirche eine "Gmoa" statt: Vogt gab vor versammelter Gemeinde seine Einsetzung als erster Bürgermeister bekannt und bat um die notwendige Unterstützung. Er dankte auch seinem Vorgänger mit Handschlag für die viele Ar­beit, die dieser während des Krieges geleistet hatte. Erst im Januar 1946 fanden die ersten Kommunalwahlen nach dem Krieg statt. Dabei wurde der bisher nur eingesetzte Bürgermeister Josef Vogt mit 95% der Stimmen zum Bürgermeister gewählt und für 27 Jahre immer wiedergewählt.

Im Herbst 1945 gab es ein großes Wohnungsproblem in Schwabhausen, da sich hier inzwischen 245 Flüchtlinge aufhielten, 25 Sudetendeutsche und 220 aus Ungarn (darunter auch Frau Sommer mit ihren 10 Töchtern). Ein weiteres Problem war, dass alle 14 Tage eine Schar Juden hereinkam, um Lebensmittel zu "organisieren". Da die Bauern aber den Behörden gegenüber abgabepflichtig waren, konn­ten sie nichts erübrigen. Durch des Bürgermeisters resolutes Auftreten und seine Vermittlungsversuche beim Landratsamt, bei der Polizei und der örtlichen Militärregierung kam es aber zu keinem nennenswerten Rauben, Plündern oder Wildern.

Bemerkenswerte Courage bewies die ''Aumüllerin''. Diese Bäuerin widersetzte sich als Einzige hartnäckig der Abgabepflicht und wurde dafür auch vorübergehend nach Buchloe gebracht und eingesperrt. Das Kontrollbüchlein des Milchkontrolleurs hatte sie einfach ins Feuer geworfen! Gegen so viel resolutes Auftreten waren die zuständigen Stellen seinerzeit anscheinend machtlos. Es wurde aber versichert dass sie nicht aus Gewinnsucht handelte, sondern ihre Produkte zu anständigen Preisen verkaufte. (10)

 

9. Zur Vergangenheitsbewältigung und zu den Grabmälern

Die Entnazifizierung lief im Dorf folgendermaßen ab: Jeder Bürger musste die üb­lichen 131 Fragen schriftlich beantworten. Der Bürgermeister sollte begutachten, wie sich jeder einzelne Bürger in der NS-Zeit geführt hatte und ob seine Angaben stimm­ten. Vogt ging aber davon aus, dass er der Bürgermeister für alle sei und dass er keinen Unfrieden säen wollte. So bestätigt er jedem unbesehen seine Angaben mit Amtssigel. Auch Otto Pfab kam glimpflich davon und war dankbar dafür, dass man ihn nicht "hineintunkte". (1)

Allerdings soll der Ortsgruppenleiter zum Schluss noch versucht haben, die Schuld auf den "Ortsbauernführer" Josef März zu schieben, was aber nicht gut ging, da dieser zur fraglichen Zeit in Kriegsgefangenschaft war. (13) Pfarrer Durer soll über ihn zu Schwabhausenern  gesagt haben: "Danket dem Herrgott, dass wir als Ortsgruppenleiter so einen Dummen haben." Andernfalls, das war ihre Überzeugung, wäre es böse ("letz'') ausgegangen.

Die Bauarbeiten für die Grabdenkmäler wurden im Herbst 1945 aufgenommen und im Sommer 1946 beendet; im Mai 1947 fand eine Einweihung statt. Die Inschriften sind auf allen drei Steinen gleichlautend. Ihre Deutung hatte bisher immer Schwierigkeiten bereitet, da von Anfang an einige hebräische Buchstaben teilweise seltsam geformt, teilweise aber auch vertauscht waren. Nach einem neuerlichen Übersetzungsversuch durch eine Spezialistin (8) wird der Betrachter so angesprochen:

"Zum Andenken. Das Auge jedes Vorübergehenden wird Tränen vergießen und fragen, was ist das für ein Denkmal, das du siehst. Es sind die Gebeine von heiligen und reinen Menschen, die nach schweren Folterungen am Tage der Befreiung, am 14. Ijar des Jahres 5705 getötet wurden. Ihre Seelen mögen eingebündelt sein in das Bündel des Lebens."

Danach kam es nochmals zu einem Vorfall, der für Aufregung im Dorf sorgt. Zwei Davidsterne wurden von den Gedenksteinen heruntergerissen und man musste befürchten, dass Juden aus dem DP-Lager Landsberg im Gefühl von Hass und Ra­che plündernd durchs Dorf ziehen würden. Durch einen Hinweis des Leiters des jüdischen DP-Lagers (heutige Saarburg-Kaserne in Landsberg), Dr. Akabast, konnte der Bürgermeister erreichen, dass das Dorf von der Militärpolizei ab­geriegelt wurde.

1948 starb Dr. Arnold, der sich um ein glimpflich verlaufenes Kriegsende in Schwabhausen verdient gemacht hatte und nach dem die Schwabhausner eine Dorfstraße benannt haben.

Die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse normalisierte sich zu Beginn der 50er-Jahre wieder dank der Subventionen im Rahmen des sich abzeichnenden „Kalten Krieges“.  Bald konnte man von einem „Wirtschaftswunder“ sprechen und „wir“ wurden Weltmeister im Fußball. Die Deutschen in der Bundesrepublik kehrten gleich nach der Niederlage altbekannte Tüchtigkeit beim Aufräumen und Wiederaufbau hervor. Die Vergangenheit, vor allem die unangenehme, schmerzhafte Seite daran, drohte aber immer mehr tabuisiert zu werden. Können sie auch stolz darauf sein, innerlich aufgeräumt und Fundamente geschaffen zu haben, die einen Rückfall in die Unmensch­lichkeit der NS-Zeit unwahrscheinlich machen? Es gibt etliche Anzeichen dafür, dass es sich große Teile der Bevölkerung bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit bis in die 80er-Jahre hinein zu leicht gemacht haben. Könnte man auch sagen, dass speziell in Schwabhausen etwas un­aufgearbeitet geblieben ist?

Im Dorf will kaum einer mehr an den alten Wunden rühren - um des lieben Frie­dens willen. Selbst diejenigen, denen von Nazi-Mitbürgern am übelsten mitge­spielt wurde, sind heute am wenigsten bereit, einfach erinnernde Aussagen über die damalige Zeit zu machen. "Wer weiß, was noch kommt ... " (2) Die Meinung herrscht vor, man müsse einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Und doch können einige ältere Personen heute nicht unbefangen genug von der Kriegs- ­und Nazizeit reden; einmal wurde ängstlich gefragt, ob das jemandem "gemeldet" würde, was da an eigenen Beobachtungen und Erfahrungen berichtet würde. Im Dorf ging auch unterschwellig der Streit darum weiter, wer seinerzeit Juden versteckt hat und wer sie hinausgeprügelt hat. Dass Pfarrer Sager, der Vorgänger von Pfarrer Durer, mit den Nazis sympathisiert hat und sich später das Leben nahm, wird nur unter vorgehaltener Hand weitererzählt. Ein hörbares Echo auf die Erstausgabe dieser Schrift gab es bis auf obige Mitteilung bei einem Bierfest nicht.

Der Umgang mit der jüngsten Vergangenheit ist in Schwabhausen aber wohl nicht besser oder schlechter als in anderen Teilen unseres Landes. Nur an einem Umstand wird das Zögern besonders deutlich, das, was sich in Schwabhausen nun einmal wirklich zugetragen hat, auch offen anzunehmen, am Umgang mit den "Judengräbern". Die Bayerische Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen in München führt die "Judengräber" als "KZ-Friedhof Schwabhausen". Ist dies der Bevölkerung hinreichend bekannt und legt sie an den Friedhof an ihrem Bahndamm dieselben Maßstäbe an, die sie an den Friedhof bei ihrer Dorfkirche anlegt?

Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern hat nach der Auflösung des DP-Lagers in Landsberg die praktische Federführung des Land­ratsamtes Landsberg bei der Instandhaltung des Friedhofs anscheinend immer toleriert. Das führte dazu, dass Frau Weber aus Schwabhausen, die mit der Pflege ab 1953 betraut wurde, die Anlage schon in einem völlig verwilderten Zustand über­nehmen musste. Die Brennnesseln standen mannshoch und der ursprüngliche Kiesweg zwischen den Gräbern war, wie auch 1985 wieder, vollkommen mit Gras überwuchert. Die harte Pflegearbeit wurde schlecht bezahlt und darüber hinaus bekam die Frau keinen Dank dafür. Wenn die Auflage gemacht wurde, Wald­kränze anzufertigen, hat man sie hinterher gefragt, warum sie nur so sparsame Kränze gemacht hätte...

Die Arbeiten werden dann wieder vom Landratsamt Landsberg in eigener Regie durchgeführt. Oberster Grundsatz sollte dabei sein, die Denkmäler im Original­zustand zu erhalten. Dies war 1985 sehr schwer zu erreichen, da laufend hebräi­sche Schriftzeichen abgingen oder vielmehr von einigen Jugendlichen mutwillig abgebro­chen wurden. Die Erneuerungsarbeiten zum 40. Jahrestag waren recht kostspie­lig, da jeder Buchstabe einzeln gegossen werden musste und konnten gerade noch rechtzeitig bis Ende April 1985 abgeschlossen werden. 1989 wurden die Denkmäler teilweise mit Kupferblech ummantelt. Die Forderungen des Verfas­sers von 1985 für einen würdigen und jüdische Totenverehrung respektierenden Erhalt der Gedenkstätte in Schwabhausen wurden allerdings nur teilweise erfüllt:

a) 1985 wurde eine bronzene Übersetzungstafel für den hebräischen Text zu­sammen mit Kupferblechverblendungen für alle Gedenksteine angebracht. Eine knappe Erklärung der Hintergründe, wie gefordert, fehlt noch. Dabei könnte nur Information, die Betroffenheit auslöst, gedankenlose Täter von ihrem Zerstö­rungswerk abhalten. Aus diesem Grund wurde diese Schrift 2011 ins Internet gestellt und es wurde versucht, diese Informationsquelle in geeigneter Form in der Nähe der Gräber bekannt zu machen.

b) Schwabhausener haben bisher keine freiwilligen Betreuungsdienste über­nommen. Wer sollte sie auch dazu anhalten, war doch "das ... mit den Juden so­zusagen für uns erledigt"? Die Grabmäler und damit die Toten werden von den Schwabhausenern nach wie vor kaum angenommen. Daran hat auch die öffentli­che Gedenkfeier und Ansprache am 27. 4. 85. nichts geändert, die der Verfasser damals noch für die Bürgervereinigung "Landsberg im 20. Jahrhundert e.V." or­ganisiert beziehungsweise mitgestaltet hat.

10. Gedenkansprache genau 40 Jahre danach

Nach zwei Liedern von Alex Kulisiewicz (Jüdischer Todesgesang, Der Gekreu­zigte), den Gedenkworten des Bürgermeisters, Franz Kerber, den Gedenkworten des 1. Vorsitzenden der Bürgervereinigung, der Kranzniederlegung, einer kurzen Information über das Geschehen hier vor genau 40 Jahren und dem Vorlesen der Inschrift auf der Übersetzungstafel stellte der Verfasser drei Fragen:

1. Woher kamen diese Menschen und wohin sollten sie?

2. Durch welche Situation sind sie konkret hindurchgegangen? Was hat sie "rein" und "heilig" gemacht?

3. Was haben die hier Begrabenen uns hier und heute noch zu sagen?

zu 1.

Diese litauischen, rumänischen, polnischen und ungarischen Juden kamen von Lager IV und I des KZ-Außenkommandos Kaufering, dem sogenannten Kranken­lager voller Flecktypbus-Fälle. Sie hatten zum Teil schon Beschießungen auf dem Weg zu Lager I hinter sich, verbrachten die Nacht teilweise in offenen Gü­terwagen, bevor sie hier, vor dem Bahnhof Schwabhausen stehenblieben. Sie waren für das KZ Dachau bestimmt, das aber zu dieser Zeit schon überfüllt war. Wieweit der Zug am Abend noch gekommen ist, muss noch geklärt werden.

zu 2.

Der Transport wurde mehrmals beschossen ... Wir könne also sehen: Ein Teil starb an Krankheit, Unterernährung und den Strapazen des Transportes, ein Teil wurde von Fliegern und Wachsoldaten erschossen oder so schwer verwundet, dass sie Stunden später starben. Ein Teil der Toten, 130, wurden hier am Sonntag, den 29. April 1945 beerdigt, weitere 40 sind beim Kloster St. Ottilien beigesetzt.

zu 3.

"Wir sind Eure Fremden und muten Euch unser Sterben, Verwundetsein und Flie­hen zu ... Wir würden gerne wissen, ob Ihr unsere Schreie, unser Wimmern und unser Stöhnen noch heraushören könnt bei alt Eurer eigenen Alltagsnot, Euren Ängsten und Euren Sorgen. Wir sind die kranke, leidende, heimatlose, gequälte menschliche Natur und bürden Euch für ein paar Tage unser Schicksal auf ... Lasst bitte nicht zu, dass wir in Vergessenheit geraten! Nehmt uns nach 40 Jahren als Eure Mitmenschen an! Zeigt dies dadurch, dass Ihr Euch dieses Ortes annehmt! Mögen nicht nur die jüdischen Seelen, sondern auch unsere Schwabhausener Seelen eingebündelt sein in das Bündel des Lebens!

Es folgte die Andacht des für den Ort zuständigen Pfarrers Arnold von St. Ottilien. Die Veranstaltung schloss mit zwei Liedern von Hai und Topsy Frankl (Ghetto­lied, Nigunim: "Melodien ohne Worte", nach chassidischer Auffassung das "reine Fließen der Seele zu Gott").

 

11. Gedenkansprache genau 50 Jahre danach

Was kann das Fremde auf unserer Flur uns heute bedeuten?

Auf Schwabhausener Gebiet mit der Flurnummer 300 stehen - unübersehbar - drei wuchtige Denkmäler. Sie wurden nach dem Krieg über Massengräbern errichtet und bergen die 130 to­ten jüdischen Häftlinge, die hier am 27. 04. 45 bei der Beschießung eines Evakuierungstrans­portes von Kaufering in Richtung Dachau ums Leben kamen. Diese drei Gräber bilden den "KZ-Friedhof Schwabhausen", so die offizielle Bezeichnung.

Wer hier begraben liegt, hatte natürlich nichts mit Schwabhausen zu tun, er war fremd hier, und die Schwabhausener, die früheren und die, die heute hier leben, hatten und haben an und für sich nichts mit den Toten zu tun. Diese Toten sind ihnen ebenso fremd. Als fremd wurde damals auch noch die Herrschaft und Kultur der alliierten Siegermächte empfunden, die hier eindrangen. Fremd war vielen Schwabhausenern früher allerdings auch das nationalsoziali­stische Regime. Schwabhausen galt als "schwarzes Nest", was sagen will, dass es traditionell christlich geprägt war.

Aber auch die Minderheit der jüdischen Bürger Deutschlands wurde der christlichen Mehr­heit fremdgemacht. Hier wirkten schon überlieferte Vorurteile, die von nationalsozialistischer Propaganda gleich nach der Machtübernahme 1933, systematisch aber seit 1935 zu wüsten Feindbildern aufgebläht wurden. Die jüdischen Deutschen, die sich in vielem nicht mehr von anderen Deutschen unterscheiden ließen, sei es als Handwerker, Händler, Lehrer, Ärzte und Wissenschaftler, wurden in der nationalsozialistischen Propaganda verfremdend, einseitig und gehässig überzeichnend dargestellt. Dabei bediente man sich einiger Erscheinungsbilder von orthodox-religiösen Juden aus der polnischen Schtetl-Kultur mit der ihr eigenen jiddischen Sprache, die auch nach Ansicht westlich-zivilisierter Juden auf sie fremd wirkten.

Auf dem Lande trug damals auch noch der jahrhundertealte, latent wirksame christliche Vor­wurf gegen die Juden als "Gottesmörder" zur Verfemung der Juden bei und die ausschließli­che Erfahrung vieler Bauern, von jüdischen Viehhändlern und Kreditgebern abhängig gewe­sen zu sein. Brutal entzog man allen Juden allmählich menschliche Züge und Eigenschaften. Aus Nachbarn wurden Volksfeinde. Volksfeinde müssten aus dem "gesunden Volkskörper" ausgestoßen werden. So wurde hier in der Gegend aus dem Kaltenberger Bierbrauer, Herrn Schülein, der "Bierjude Schülein", dessen Gebräu man nicht mehr trinken sollte. Wenn man eines Tages merkte, dass jüdische Nachbarn schon einige Zeit fehlten, dann machte man sich darüber kaum Gedanken oder gar Sorgen. Sie hatten sich wohl davongemacht und - das Bier kam danach aus "arischen Händen".

Die Schwabhausener hatten ihre erste intensive Begegnung mit Juden beim Durchtreiben des Elendszuges von 1.500 evakuierten KZ-Häftlingen auf ihrer Dorfstraße. Kurz danach wie­der, erst mit versprengten Einzelnen, dann mit den Aufgelesen und in einer Wirtsstube als Gruppe von Überlebenden Versammelten. Da waren die Juden längst ihres zivilen Äußeren beraubt, ja man hatte systematisch versucht, ihnen dazu noch ihre innere Würde zu zerbrechen. So begegnete der Dorf­bevölkerung das Fremde in einer Gestalt, die zunächst ratlos und hilflos machte:

Häftlinge in gestreiften Anzügen mit Holzpantoffeln und einer Decke um die Schultern (Mussten sie nicht doch etwas "ausgefressen" haben?),
Ausländer außerdem, die nicht einmal die deutsche Sprache beherrschten,
Darbende Menschen zudem, die total erschöpft, durchnässt, frierend, schmutzig und stin­kend waren,
Schwerkranke, denen man sich nicht gewachsen fühlte, denn diese Fremden waren phy­sisch und psychisch verletzt, sie humpelten und lahmten, sie bluteten aus Wunden und sie waren durch die erlebten Schrecken traumatisiert, standen unter Schock. oder waren auf den reinen Überlebenstrieb reduziert.

Es ist bestimmt einfacher, jener Opfer heute Abend in dieser feierlichen Form zu gedenken als damals ihnen nah zu sein, ihnen tatkräftig zu helfen und das Risiko von Bestrafung oder An­steckung auf sich zu nehmen. Wenn wir all diese Umstände bedenken und zur damaligen Propagandawirkung hinzunehmen, versteht man, warum die einheimische Bevölkerung von Dr. Arnold und dem Dorfpfarrer erst massiv angeschoben werden musste, und wir können dankbar sein, aus zuverlässigen Augenzeugenberichten zu erfahren, dass, vereinzelt und heimlich erst, letztlich dann aber doch offen und planmäßig geholfen wurde, bis die Amerika­ner als eigentliche Befreier und relativ gut ausgerüstete Helfer eintrafen.

Ob man aber danach - mit Worten des Altbürgermeisters Vogt - so einfach sagen konnte "Das war dann mit den Juden - sozusagen - für uns erledigt"? Eine Zeit lang war dieses Wegstecken des Grauenhaften, des Unfassbaren und Unsagbaren für den Normalbürger vielleicht nö­tig, und nicht nur in Schwabhausen wurde der Mantel des Schweigens über diesen Teil der Vergangenheit gebreitet. In ganz Deutschland musste wohl erst die Generation der Täter und der Opfer sterben, ehe Kinder, mehr noch Kindeskinder vorsichtig daran gehen konnten, nach der Wahrheit zu forschen, die der Generation zuvor so schwer zu schaffen gemacht hatte.

Inzwischen ist klar geworden, dass man das Grauen, das von Auschwitz über Kaufering nach Schwabhausen durchsickerte, nicht einfach wegdrücken kann. Der erwünschte Schlussstrich kann nicht und soll auch nicht gezogen werden. Er darf nicht gezogen werden, weil sich die Jungen sonst von der Quelle ihrer Lebendigkeit entfernen würden, von der Erinnerungskraft und von der Zukunftshoffnung. Das Stillschweigen hat Väter und Söhne schon genug ge­trennt, hat den Erzählfluß zwischen den Generationen ausgetrocknet, hat oft nur flachen und unkultivierten Ersatz im öffentlichen Leben zugelassen. Hierzu könnte man Beispiele man­gelnder Sensibilität und Nachdenklichkeit bei manchen Lokalpolititkern aufführen.

Wir Nachkommen haben nun keinesfalls Mitschuld an den Taten unserer Vorfahren, aber wir könnten immerhin Scham empfinden über das, was damals geschehen ist. Neuerdings möchte Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, den Blick wieder mehr in die Gegenwart und Zukunft gerichtet haben, ohne aber gleichzeitig einen Schlussstrich zu ziehen. Wir haben Gelegenheit genug gehabt, das nationalsozialistische Geschehen in allen Schattie­rungen und konkret genug anzusehen und einzuordnen, wir konnten die Bedingungen studie­ren, die damals zur 13jährigen Schreckensherrschaft geführt haben und wir konnten uns überlegen, was uns in Zukunft vor einem Rückfall in die Barbarei bewahren könnte. Eine Si­cherheit dafür gibt es zwar nicht, wie uns Beispiele täglich zeigen, und zwar in unserem eige­nen Haus (denken wir an Brandbomben gegen Asylbewerber oder türkische Einrichtungen) und vor unserer Haustür (Kriegsgreuel in Serbien, Kroatien und Bosnien). Aber wir können und müssen aus dem Erinnerten, aus dem Mitgefühlten, aus dem Nachgedachten, aus dem Durchdiskutierten Verantwortung übernehmen für die Gestaltung unserer Zukunft derart, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen wird.

So bleibt uns, nach 50 Jahren von unmittelbarer, lähmender Betroffenheit teilweise befreit, zuletzt die Frage, was wir aus unserer besonderen Vergangenheit zum Umgang mit dem Fremden und den Fremden heute gelernt haben. Untersuchen wir diesen Lernstoff noch nach einigen Dimensionen!

Psychologisch gesehen kann eine Person sich selbst nicht finden, nicht entdecken, wer sie ist, wenn sie immer nur mit sich selbst und ihresgleichen umgeht. Will sie erfahren, wer sie wirklich ist, braucht sie die Begegnung mit einem Nicht-Ich, einem Anderen, mit einem für sie Frem­den. Der Philosoph Martin Buber hat in seinem Hauptwerk geschrieben: "Der Mensch wird am Du zum Ich." Im Wechsel der Begegnungen mit vielen Du klärt sich das Bewusstsein des Ich, den anderen ein gleichbleibender Partner zu sein; man nennt dies auch Ich-Identität. Je mehr ich mich auf das Abenteuer echter Begegnung mit ganz anderen Menschen einlasse, umso reicher spiegelt sich in mir mein Eigenwesen, mein Besonderssein.

Auch für die Erziehung ergeben sich wertvolle Einsichten und Leitlinien, wenn man begreift, dass Kinder nie Abziehbilder der Eltern, also der nächsten Menschen sein können. Sie brau-chen - ganz im Gegenteil - von Anfang an die Gewissheit, als Eigenwesen angenommen zu werden. Andererseits brauchen sie ein erzieherisches Gegenüber, das es aushält, dass man nicht so sein will wie der Erzieher. Der Hang zu den "Eigenen" und damit verbunden die Angst vor den Fremden wird in der Erziehung grundgelegt, wenn man Kindern nicht genügend Grundsicherheit gibt und sie vom Wagnis der Trennung von den ersten Bezugspersonen und von der Begegnung mit Neuem, von Grenzüberschreitungen abhält.

Es gibt Volksmärchen und fromme Legenden, in denen der Herrgott in Gestalt eines Armen und Fremden durch die Lande geht und die Herzen der Menschen prüft. Wir verstehen jetzt besser, warum dies im Märchen auf diese Weise geschieht. Ein Fremder ist nicht einzuordnen in das glatte Freund-Feind-Schema. Freund und Feind kennen sich in ihrer speziellen Bezie­hung, sind sich in gewisser Weise intim. Es ist ein modernes Missverständnis zu glauben, man könne die uneindeutige Kategorie des Fremden auflösen. Mit dem Fremden müssen wir le­ben lernen oder wir gehen im Chaos neuer Stammesfehden unter.

Moralisch gesehen machen uns die Fremden in unserem Lande, von denen es immer mehr geben wird, Sorgen, denn eindeutige Wertkriterien oder gar Patentlösungen für die zugrunde­liegenden Probleme gibt es kaum. Wichtig erscheint den meisten von uns aber, dass wir uns bei allen berechtigten Tendenzen, das Eigene zu bewahren, auch an eine christliche Grund­botschaft erinnern, an die tätige Nächstenliebe unter uns Menschenkindern. Es ist schon eine Kunst, seine Eltern, Geschwister, Nachbarn, die Menschen im nächsten Ortsteil, also seine Allernächsten zu achten, wahre Seelengröße erweist sich aber erst beim Respekt vor dem Fremden.

Von einem politischen Standpunkt aus kann noch hinzugefügt werden, dass die modernen Nationalstaaten, in denen wir seit ein paar Jahrhunderten zu leben gewohnt sind, typischer­weise Probleme mit Fremden haben. Bei der Bildung von Nationen, also imaginären Gemein­schaften, muss zwangsweise über die ethnische, religiöse und kulturelle Verschiedenheit der Stämme hinweggesehen werden, will man Gleichförmigkeit erreichen. Was nicht "eigen" wer­den will, muss ausgegrenzt werden oder darf später gar nicht hereingelassen werden. Im Na­tionalsozialismus als Nationalismus waren die Juden die prototypischen Fremden. Ausge­grenzt, trotz eigener Assimilationsversuche, wurden sie schon immer, zum wuchernden Un­kraut in gepflegten nationalen Gärten wurden sie schon vorher erklärt. Hitler war der erste, der sie europaweit ausreißen und verbrennen wollte und dies mit entsetzlicher Systematik auch betrieben hat.

Sind wir aber nicht alle auch Fremde in dieser Welt? Ob wir es uns da noch leisten können, zum Beispiel Deutschsein auf Blutsverwandtschaft, auf Abstammung durch Geburt, zu be­grenzen? Der bekannte Münchener Soziologe Ulrich Beck hat neulich einen Satz dazu ge­schrieben, der ans Ende dieser Betrachtung gut passt: "Ein neues, endlich westlich-ziviles Staatsbürger- und Einwanderungsgesetz fünfzig Jahre nach Auschwitz, eine zweifellos über­fällige Tat - und alle Gedenkreden wären glaubwürdiger."

Zum Schluss noch eine Bitte an die Dorfbevölkerung:

Schließen Sie die auf ihrer heimatlichen Flur in die ewige Ruhe eingegangenen Fremden in ihr Gedenken ein! Öffnen Sie nachträglich Ihre Herzen für die fremde Kreatur, die vor 50 Jahren in Ihre Geschichte eingebrochen ist. Die anonymen Toten hier stehen für das Leid in dieser Welt und für das Fremde schlechthin, von dem wir alle auch Teil sind.

 

12. Ansprache zum 27. Januar 2015 in Fürsteneldbruck

Ich will Ihnen am heutigen Holocaust-Gedenktag fünf Gründe nennen und erklären, warum ich mich auch nach 70 Jahren noch an die Ereignisse im Frühjahr 1945 erinnern möchte, ja erinnern muss.

 

Vom Kriegsende habe ich meine ersten bewussten Erinnerungen überhaupt. 3 Jahre und 5 Monate alt, an meine Mutter geschmiegt unterm Fensterbrett kauernd, alle in großer Angst vor dem Unbekannten waren wir in die Szene eingeschlossen, wie die Franzosen mit Panzer- und Infanteriekolonnen durch unser Dorf im Schwäbischen zogen. Gegen einzelne Widerstandsnester wurde geschossen, das Nachbarshaus stand in Flammen. Übrig blieb Zerstörung und Melancholie und spürbar noch mehr Knappheit und Einschränkung. - Im Hochgefühl großdeutschen Bewusstseins wurde ich gezeugt und geboren, in der nationalen Beschämung und im Klima der Leugnung von Mitverantwortung fürs Mittun und Zulassen bin ich aufgewachsen. - Zu meiner persönlichen Identität gehört dieses Erinnern so notwendig wie Atmen und Singen.

 

Zum Zweiten war ich acht Jahre in Schwabhausen ansässig, in dessen unmittelbarer Nähe sich in den letzten Kriegstagen eine unfassbare menschliche Tragödie abspielte. Die KZ-Lager in Kaufering/Landsberg mussten in aller Eile vor den anrückenden Alliierten geräumt werden. Der Abtransport der gerade noch Gehfähigen - wenn auch Ausgehungerten und Kranken - geschah in Marschkolonnen durch Schwabhausen, auch durch Fürstenfeldbruck hier vorbei in Richtung Alling und Dachau. Die Schwerkranken, die vollkommen unterernährt waren und an Fleckfieber litten, wurden in Bahnwaggons wie Vieh auf die Schiene gesetzt.  - Wegen Fliegerangriffen und um die Bahnhöfe vor Schäden zu bewahren, musste dieser Elendszug vor Schwabhausen halten. Gleichzeitig wurde ein mit Flak bewaffneter Materialzug auf dem Parallelgleis abgestellt, evtl. in der fiesen Absicht, den Häftlingszug als menschlichen Schutzschild zu nutzen. Doch viel Federlesens machten die alliierten Soldaten nicht mehr, nachdem bekannt geworden war, wie unmenschlich die Nazi-Deutschen mit Juden und anderen Missliebigen umgegangen waren. Bei zwei Angriffswellen brach unter den Eingeschlossenen und Bewachern ein Riesenchaos aus. - 130 Tote ruhen heute am Bahndamm auf die drei Gräber verteilt, 40 zunächst Überlebende verstarben im Lazarett von St. Ottilien, einigen gelang mit letzter Kraft und Glück, nicht wieder eingefangen zu werden, die Flucht in die Wälder und Scheunen der Umgebung. - Solche Ereignisse kann man nach nur einem Menschenleben nicht einfach vergessen, sie müssen erinnert werden.

 

Als dritter Grund kommt die persönliche Begegnung mit dem Bruder eines im mittleren Massengrab in Schwabhausen Beigelegten hinzu. Durch ausführliche Recherche gelang es diesem nachzuweisen: Hier ruht mein Bruder Joshua Herczl, geb. im Oktober 1925 im ungarischen Soltvadkert, wo man ihn Sándor nannte. Er hat nun als einziger Toter seinen Namen wieder. Auf einem Photo von 1935 sieht man die ganze Familie noch lebend vereint, den frommen Vater Joachim, die tüchtige Mutter Frida, eine geb. Laufer, umgeben von Josef/Jenö, Joshua/Sandor, den zwei Schwestern Irene und Judith und dem erst 1932 geborenen kleinen Miksa. Sie alle - bis eben auf Josef - wurden Opfer der von den Nationalsozialisten industriell betriebenen Vernichtungspolitik. Der Mord an diesen Menschen - vollkommen sinnlos. - So etwas darf nicht mehr geschehen, bei uns nicht und auch nicht anderswo auf der Welt. Und dennoch geschieht es. Das Wachhalten böser Erinnerungen könnte als Vermächtnis der Ermordeten uns ein Schutz sein.

 

Ein vierter Grund hat mit dem aktuellen Flüchtlingsdrama zu tun. Wir erleben heute, wie Flüchtlinge aus dem Nahen Osten unter hochriskanten Bedingungen zu uns fliehen und Schutz suchen - und hoffentlich auch finden, so lange wenigstens, bis ihre zerfallenden Heimatstaaten wieder humane Lebensbedingungen anbieten können. Viele müssen auf den Fluchtwegen ihr Leben lassen, alle, die die Schiffs- oder Landpassagen schaffen, kommen traumatisiert, also mit bösen Erinnerungen bei uns an. - Wir sollten uns nun daran erinnern, dass und wie vor 80 Jahren unsere bis dahin gut integrierten, dann aber zu Fremden gemachten jüdischen Mitbürger, z.B. aus der Stadt Landsberg, mit Schimpf vertrieben wurden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnten selbst die Vernünftigen  und Aufrechten unter unseren Vorfahren den jüdischen Zwangsarbeitern in den KZ-Außenlagern nicht mehr helfen, weil sie selbst Mitgegangene und  Mitgefangene eines menschenverachtenden Systems wurden. Solche Parallelen berühren mich stark; sie könnten Kraft verleihen - jedem nach seinen Möglichkeiten - sich des Elends der heutigen Flüchtlinge anzunehmen, sie zu begleiten und zu betreuen. Erinnern wir uns an den Satz: Überall, außer hier, sind auch wir Fremde. Und selbst hier kann man zum Fremden gemacht werden.

 

Schließlich, fünftens, gibt es leider immer noch fehlgeleitete und verwirrte Geister, die - aus welchen Gründen auch immer - dem Nationalsozialismus und seinem herrischen System nachhängen, die also mit dem Nachkriegs-Geschenk der Demokratie nichts anzufangen wissen, wenn es ihre prekäre materielle und soziale Lage nicht zu verbessern vermag. - Im August 2014 wurden im Landkreis Landsberg, so auch in Schwabhausen, Grabmäler geschändet, indem mit Spraydosen in Leuchtfarbe SS-Symbole und "Scheißdrecksjuden" aufgesprüht wurde. Es hat lange gedauert, bis dieser üble Schwachsinn wieder beseitigt werden konnte. - Um diese etwas entlegenen Gräber mehr ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit zu rücken, biete ich schon seit längerer Zeit auf meiner Internetseite Hintergrundinformationen zum Grauen des Frühjahrs 1945 in unserer Region an und mache mit einem Hinweisschild bei den Gräbern darauf aufmerksam. Wir sollten uns der Gräber der ermordeten Juden außerhalb des Dorfes ebenso annehmen wie die unserer Toten auf dem Dorffriedhof.

 

Ich gebe der heutigen jungen Generation zwar Recht, wenn sie sagen, wir müssten nach vorne blicken. - Wenn wir uns aber über die Vergangenheit nicht informieren und Entgleisungen des Menschlichen damals wie heute nicht zur Kenntnis nehmen, sehen wir vorne in der Zukunft nicht das, worauf es ankommt. Dann sehen wir auch nicht, dass sich der unaufgeklärte und dadurch verführbare Mob wieder organisieren könnte und wir ihm nichts entgegen zu setzen hätten als unhistorische und unpolitische Naivität. Dies hier an meiner Seite ist auch ein Mahnmal für Wachsamkeit im eben erklärten Sinne!

 

Ich danke allen Anwesenden für ihr Gedenken und wünsche, dass Sie es weitertragen mögen!

 

13. Quellenangaben

1.     Zwei Gespräche (eines am 21.11.84.) mit Josef Vogt, dem inzwischen verstorbenen Bürgermeister der Gemeinde von 1945 - 1973

2.     Gespräch mit Frau K., Schwabhausen, am 13. 3. 85

3.     Gespräche mit Herrn J. Esser aus Oberpfaffenhofen am 26.8.84

4.     Gespräch mit Dr. Thomas Mendel, ehemaliger KZ-Häftling, am 3.12.84

5.     Pater Longinus Kapler, St. Ottilien (Übersetzung)

6.     Heimatbuch des Landkreises Landsberg/Lech, ältere Ausgabe

7.     Gespräch mit Frau A. Hipp, Landsberg, am 15. 3. 85.

8.     Frau E. Goldberg, München (Übersetzung)

9.     Herr H. B., Schwabhausen, mündliche Auskunft

10.  Gespräch mit Herrn und Frau H., Schwabhausen vom März 1985

11.  V. G., Landsberg, jetzt bei Frau Barbara F. (Fundgegenstände vom Bahnkörper)

12.  Gespräch mit Frau M. M., Schwabhausen vom 5. 4. 85

13.  Gespräch mit Frau R. März, Schwabhausen, vom 5.4.85

14.  Historischer Atlas von Bayerisch-Schwaben, Verlag der Schwäbischen For­schungsgemeinschaft, Augsburg, 1982 (Karte XV, 1)

15.  Aussage von T. A. vom 6.2.47, dokumentiert im Yad Vashem-Archiv Jerusa1em (M-1/E-790)

16.  Schreiben von H. Grimminger, Augsburg vom 5. 7. 85 und 2.1.90; Dank auch an Herrn Harald Brenner, Schwabhausen bei Dachau, für die Überlassung von Einsatzberichten

17.  Auskunft der Gemeinde Eresing mit Schreiben vom 20.3.52 an die französische Gräberkommission

18.  Herr Drexel, gebürtig aus Machelberg, jetzt wohnhaft in Finning (6. 8. 88)

19.  Persönliche Mitteilung von Frau B. Fenner, Hofstetten

20.  Edith Raim, "Unternehmen Ringeltaube", Dachaus Außenlagerkomplex Kaufering. S. 193-213 in Dachauer Hefte 5, Dachau, Nov. 1989

21.  "Sklavenarbeit im KZ", Dachauer Hefte 2, Dachau, Nov. 1986

22.  Dr. L. Grinberg, Bericht an den jüdischen Weltkongreß Genf vom 31. 5. 45, YIVO, N.Y., Folder 21

23.  Hyman, Abraham S., The undefeated. The story of the Jewish Displaced Persons. Unveröffentl. Manuskript. Standort bei S. L. Haber, N.Y.C.

24.  Aussage von Herrn Sch., Eresing, der ihn noch kannte

25.  Diese Informationen verdanke ich den bereitwillig überlassenen Unterlagen von Herrn G. Roletscheck, Kaufbeuren.