Algarve: Menschen und Geschichte(n)

Menhir und Steinkreis von Almendres bei Évora

Vorgeschichtliche Kulturen

Es gibt lockere Spekulationen, die vorgeschichtliche Urbevölkerung habe sich aus Be­völkerungsresten des vermutlich 10.000 bis 7.000 v.Chr. untergegangenen, sagenhaften Atlantis gebildet. Die überragende Intelligenz, Gemeinschaftsleistung und Technik der Megalithkultu­ren sei anders nicht zu erklären. Man lasse das dahingestellt.[1] Diesen losen Spekulationen stehen besser begründete Vermutungen gegenüber, die iberische Urbevölkerung habe sich aus afrikanischen Gruppen gebildet, die auf die Halbinsel übergreifen konnten, als die Straße von Gibraltar (bei niedrigerem Meerespegel) noch durch eine Landzunge mit der iberischen Festlandmasse verbunden war. (Andere Wege von der "Wiege der Menschheit" im äquatorialen Ostafrika nach Europa verliefen über Palästina und über die tunesisch-sizilianische Verbindung.)

 

Bevölkerungs­gruppen

Datierung

Erhaltene Einflüsse

Alt- und Mittel­steinzeitliche Höhlenbewohner

bis 6.000 v.Chr.

Erste Siedlungen und Kulturbildungen z.B. in Gibral­tar, Montemor-o-Novo (Gruta do Escoural)

Jungsteinzeitliche Völkerschaften, u.a. Megalithiker

bis 2.000 v.Chr.

Menhire, Steinkreise, Hügelgräber, ab­strakte Rit­zungen auf Schiefertafeln insbesondere im Alentejo, aber auch bei Peniche (Gruta da Furninha)

 

Reste der Megalithkulturen

 

Man unterscheidet folgende steinerne Zeugen der Me­galithkultur vor ungefähr 5.000 Jahren, die uns heute noch staunen machen:

 

§ Menhire (phallusähnliche, einzeln stehende, behauene und teilweise mit einfachen Symbolen versehene  Felsnadeln, bis zu 6 m hoch aus dem Boden ragend),

§ Steinkreise (cromeleques) und

§ geformte Hügelgräber (antas, dolmen).

 

Solche Steinzeugen sind um Evora herum noch am häufigsten anzutreffen (150 im Umkreis von 20 km; vgl. S. 247-249), aber auch in der Ge­gend von Monsaraz und in den Bergen des nördlichen Algarve (Corte de Ouro, Mealha). Ihre Erforschung ist noch lange nicht abgeschlossen, viele Fragen sind noch nicht beantwortet. Den aktuellen For­schungsstand gibt eine neu erschienene Dokumentation wieder[2].

 

Man stellt sich vor, dass die Megalithiker in zäher Arbeit tonnenschwere Steine (mega-litos) aus dem Granitboden herausgeschnitten haben. Dabei haben sie wohl eine Reihe von Löchern gebohrt, diese mit Holzpflöcken verstopft, die, mit Wasser vollgesogen, die Blöcke entlang der gewünschten Linie sprengten. Der Transport vom Steinbruch zur zukünftigen Bearbeitungs- und Kultstätte erfolgte über freigemachte Straßen, auf Baumstamm-Rollen, durch eine Ge­meinschaftsleistung vieler, die den Stein an Seilen zogen. Am Kultort wurden sie auf andere, kleinere Steine verfrachtet oder auf angeschüttete Hügel. Dies alles vollzog sich wohl innerhalb religiöser Feiern, begleitet von Anrufungen, Gesän­gen, Opferungen und rituellen Mahlzeiten für die große Muttergottheit. Steinkreisen schreibt man heute außerdem noch eine astrologische Funktion zu, sie stehen offenbar im Zusammenhang mit einem Sternenkult. Beim Anta Grande do Zam­bujeiro, einem der größten, drängt sich leicht der Gedanke auf, nur Riesen könnten solche Bauwerke vollbracht haben. Aber so perfekt und für die Ewigkeit sie einmal aufgestellt waren, der Zahn der Zeit nagt jetzt sichtbar an ih­nen. Aufweichung und Erosion gefährden die Stabilität der Steingefüge.

 

Über die Menschen der Jungsteinzeit und ihre Wirtschafts- und Gesellschaftsformen , eine Mi­schung aus sesshaftem Ackerbau und nomadisierendem Viehzüchten, darf man sich keine zu einfachen Vorstellungen machen. Sie müssen über genügend Ressourcen zum Leben und über eine entwickelte Arbeitsorganisation verfügt haben. Man weiß heute, dass um diese Zeit eine rabiate Entwaldung großer Flächen begann. Auch ausgeprägte Kulte muss es gegeben haben, um solche, nach einfachem, modernem Verständnis "unnütze" Dinge zu tun. Wie beim Bau unserer Kathedralen muss es dafür spezialisierte Berufe gegeben haben (Konstruktion, Berechnung, Planung). Man hat auch herausgefunden, dass die Plätze der megalithischen Bauwerke entlang der Transhumanz (des Viehtriebs) vom Alentejo zur Serra Estrela verlaufen und dass sie sogenannten "Kraftlinien" folgen.[3]

 

Zieht man (mit Manuel Calado) eine Linie zwischen dem Menhir von Almendres (höchstgelegen, westlich von Évora) und dem von Xarez (bei Monsaraz (am tiefsten gelegen), kann man feststellen, dass genau auf dieser Linie die allermeisten („männlichen“) Menhi­re liegen bzw. stehen. Im fast rechten Winkel darauf (mit einer Abweichung von 15º nach Süden) verläuft eine Linie mit („weiblichen“) Antas und Cromeleques, die typischer­weise der Granitströmung folgt. Wie hochstehend Kultur und Bewusstsein da­mals gewesen sein müssen, kann man an einem kleinen Umstand erkennen: Der einzige Menhir auf der Halbinsel von Lissabon (Odrinhas bei Sintra) liegt genau in der Verlängerung der Linie Xarez-Almendres.[4]

 

Unter den Gelehrten wird auch diskutiert, wie sich diese Kultur entwickelt und verbreitet hat. Außer in Südindien und Korea findet man die Steinzeugnisse die­ser Kultur an einigen Stellen rund ums Mittelmeer (z.B. Malta und Sardinien), vor allem aber in Frankreich und dem dem Atlantik zugewandten Westeuropa. Aus der Häufung der Megalithfunde in Portugal haben viele auf einen Ursprung dieser Kultur hier ge­schlossen, was wiederum die Atlantis-Theorie unterstützen könnte. Empirisch lässt sich aus dem Nebeneinander so vieler und so verschie­denartiger Fundstätten eine eindeutige Entwicklung rekonstruieren:

 

Alt-Neo­lithikum

ab 6.000 v.Chr.

Kleine, längliche Steinhöhlen für individuelle Begräbnisse, mit wenig Grabbeigaben (polierte Äxte, Mikrolithe wie Pfeilspitzen usw.)

Mittleres

Neo­lithikum

 

Polygonale Grabkammern mit kurzem Ein­gangskorridor, als kollektive Grabstätte, mit zahlreichen Beigaben. Die Keramik ist sehr ein­fach, kugelig oder halbkugelig, mit glatten Oberflächen . Keine Pfeilspitzen und gravierte Schiefer­platten.

Junges

Neolithikum

ab 3.500 v.Chr.

Große Monumente mit hohen, langen und viel­eckigen Grabkammern, zu denen lange Korri­dore führen. Reiche, sehr verschiedene Grabbei­gaben.

 

Das deutsche Forscherpaar Leisner[5] hat durch Grabungen bei Reguengos de Monsaraz jedoch auch plausibel machen können, dass sich hier zwei verschie­dene Kulturfolgen auf der iberischen Halbinsel überlappt haben,

 

a. eine Kultur aus dem östlichen Mittelmeerraum, gekennzeichnet durch Stein­hügelgräber mit "falscher Kuppel", ähnlich den mykenischen "tholoi", also ohne einen mächtigen Monolithen obenauf, sondern mit Lagen von Platten, die ein Gewölbe bilden (diese Menschen trieben Handel mit Gold und Kupfererzen);

 

b. eine hier entstandene, bodenständige Kultur, für die die megalithischen Grabmäler mit den Korridoren charakteristisch sind; diese Menschen waren Wanderbauern eher im Inneren der Halbinsel; der Höhepunkt ihrer kulturel­len Entwicklung war zeitgleich mit dem der Leute der Parallelkultur.


[1] Wer diese Annahme näher nachvollziehen möchte, sei auf das Einführungskapitel verwiesen in J.M. Möller, Geomantie in Mitteleuropa. Aurum Verlag, Freiburg/Breisgau, 1988

[2] Ana Palma dos Santos, Monumentos megaliticos do Alto Alentejo. Bd. 1 der Reihe Guias Arqueologicos de Portugal. Fenda, Lisboa, 1994

[3] Im geomantischen Verständnis Verbindungslinien zwischen Orten auf der Erdoberfläche, an denen Erdstrahlen und andere energetische Phänomene kulminieren. An solchen Orten sollen in vorgeschichtlichen Zeiten bewusst Heiligtümer (später christliche Kirchen) angelegt worden sein. Der ganze Erdball soll mit solchen Kraftlinien überzogen sein; vgl. dazu J.M. Möller, Geomantie in Mitteleuropa. Aurum Verlag, Freiburg/Breisgau, 1988

[4] nach J.V.Monteiro in Sábado vom 14.01.93

[5] Leisner, V. u. G. Die Meglithgräber der Iberischen Halbinsel - Der Süden. Berlin, 1934. (- Der Westen. Berlin, 1956)

 

Vorrömische Stämme

Die vorrömische Zeit war - entgegen mancher Annahmen - keine kulturlose Zeit. Einige der damaligen Völker hatten geordnete Siedlungen, die über Straßen miteinander verbunden waren[1] und verfügten über eine Schriftsprache. Die ersten antiken Geschichtsschreiber wussten von einer Stadt namens Tartessos, die man heute im Mündungsgebiet des Guadalquivir vermutet. Durch Bergbau und Handel mit Metallen kam die Stadt zu unermesslichem Reichtum und zu Machtfülle. Noch im 6. Jahrhundert betrieben sie direkten Handel mit den Griechen. Um 500 v.Chr. war alles zerstört und in Vergessenheit geraten.

 

links: "Ach, da geht Coval"

rechts: "Zarê, vom Stamm der Cineten"

("HB" ist eindeutig später hinzugefügt worden; die Sonne- und Mondsymbole am Ende haben eine religiöse oder soziale Bedeutung.)

 

Bevölkerungs­gruppen

Datierung

Ereignisse/ erhaltene Einflüsse

Ligurer

 

bilden eine Art beständiger, bäuerliche Grundschicht

Iberer

2000 v.Chr.

stammen aus Nordafrika, haben Ähnlichkeit mit den Berbern

Kelten 

Cyneten/
Conier

Turdetanier

Lusitanier

ab 700 v. Chr.

Kelten breiten sich in vielen Stämmen auch nach Sü­den aus, bilden mit vorhandenen Stämmen die Gruppe der Keltiberer. Die Lusitanier, eher weiter nördlich angesiedelt, sind der mächtigste Stamm dieser Gruppe.

 

Auf dem Rocha da Pena, dem markanten Tafelberg nördlich von Loulé, kann man noch die eingefallenen Steinmauern aus einer großen Befestigungsanlage bestaunen. Im Museum von Loulé ist eine Grabsäule aus dem 8.-6. Jahrhundert v. Chr. mit ihren abstrakten Schriftzeichen zu besichtigen. Sie wurde in Ameixial-Benafim gefunden und kann mit den von Strabo (griechischer Geschichtsschreiber) erwähnten Turdetanier oder Cyneten in Verbindung gebracht werden, Urvölkern, die zwischen dem Guadiana und Sagres siedelten.  Ein portugiesischer Altertumsforscher[2] hat Inschriften auf ihren Grabsteinen studiert und kommt bei der Übersetzung (s.o.) zu einem ansprechenden Ergebnis.

   

1] Für den Algarve z.B. die Verbindung zwischen Baesuris und Ossonoba über Cacela und Balsa.

[2] A.J.L. Navarro, Ad. ao Livro "A Escrita Pre-Romana do Algarve e Sudoeste. Faro, 1989