Im Westen überstand nur das Papsttum die Zeit der Völkerwanderungen als halbwegs verlässliche, überregionale Ordnungsmacht. Unter Papst Gregor wurde um 600 die Idee entwickelt, Europa solle die Heimat des Christentums werden mit Rom als Hauptstadt, wobei allerdings andere Bewohner - wie Juden, später auch Muslime – nicht mitbedacht wurden. Es war inzwischen auf der arabischen Halbinsel eine dritte monotheistische Religion entstanden. Das Vordringen der davon beflügelten arabisch-berbe­rischen Stämme von Süden nach Norden zerstörte die bis dahin erhaltene mediterran-kulturelle Einheit endgültig. Der Ansturm dieser sog. "Sarazenen" wurde 732 militärisch gestoppt; nur die südlichen Gebiete mussten der Herrschaft arabischer und maurischer Kalifen überlassen bleiben. Ein hübscher Nebeneffekt war, dass die Besiegten begannen, von den „Europäern“ zu sprechen; zuvor war dieser Ausdruck nicht geläufig.

 

Erst jetzt konnte sich unter Führung der fränkischen Karolinger das entwickeln, was wir heute "christliches Mittelalter" nennen. Als gemeinsame Sprache entwickelte sich ein vereinfachtes Latein, der Ursprung der späteren romanischen Volkssprachen. Karls Bestreben (bis 800) war es, durch Expansionspolitik (und durch Zwangstaufen bei sogenannten Heiden) - mit Billigung des Papstes - die getrennten Teile der Christenheit in einem eigenen Reich zusammenzubringen, mit sich als „erhabenem Leuchtturm Europas“. Im blühenden byzantinischen Reich regierte währenddessen eine Frau, Kaiserin Irene, was sich im Westen negativ auf das  Ansehen des Kaisertums als solches abfärbte. Dass aber mit Karl ein "Barbarenfürst" gekrönt wurde, als ob es im Osten nicht Würdigere gäbe, machte dort schlechte Stimmung gegen den Papst in Rom. Karl gelang es 812 zwar noch, die Legitimation durch den oströmischen Kaiser zu bekommen, indem er auf den Rom-Bezug in seinem Titel verzichtete und ihn den Kaisern in Byzanz überließ. Doch das Schisma - die Glaubens- und Reichsspaltung - war angelegt und damit ein verselbständigtes, sich vom europäischen Morgenland entfernendes Abendland.

 

Unter Karl nahmen die Klöster an Bedeutung zu; sie waren wichtige (Agrar-) Wirtschaftszentren, die einzigen Vermittler von Bildung, Pflegestätten einer einheitlichen Schriftsprache und sie trugen durch ihre Regeln ("ora et labora") zu dem bei, was wir heute "Sozialdisziplin" nennen. Man könnte sogar sagen, dass sie durch Einbeziehung der aristotelischen Logik wesentlich zu rationalen Denk- und Lebensformen in Europa beigetragen haben. Die drei Erben Karls konnten die Reichseinheit nicht aufrecht erhalten; bei der Aufteilung in Unterreiche entstanden im Keim die heutigen Nationen Frankreich, Deutschland und Norditalien.

 

Beim jahrzehntelang schwelenden Investiturstreit ging es um die Frage des Rangverhältnisses zwischen Kaiser und Papst, zwischen weltlicher und über-weltlicher Macht. Eine vom Kloster Cluny ausgehende Reformation kirchlicher Verhältnisse hatte zuvor zur inneren Erneuerung und moralischen Festigung des Papsttums beigetragen, so dass Papst Gregor VII. 1075 seinen Machtanspruch überhaupt glaubhaft vertreten konnte: Bischöfe werden vom Papst und nicht vom Kaiser oder von Königen eingesetzt. Zunächst unterwarf sich der Kaiser in Gestalt Heinrichs IV. (1077, Canossa), was seinem Ruf als göttlich Gesalbtem und der westlichen Königswürde abermals insgesamt nicht gut tat. Erst sein Sohn als Nachfolger bekam mit dem Papst im Wormser Konkordat 1122 einen Kompromiss hin. Es wurden Kräfte frei für einen eingespielten Dualismus von kirchlichem Recht und weltlichem Recht, beide eingebettet in das gemeinsam anerkannte römische Recht. Gewaltenteilung (in dieser Urform), systematisiertes Recht und aristotelische Logik im Denken konnten ihren Lauf nehmen. 

 

Eine frühe Form von Massentourismus stellen die Wallfahrten zum Grab nach Jerusalem, zum Stuhl Petri in Rom und nach Santiago di Compostela zum vorgeblichen Grab des Hl. Jakobus dar. Millionen von besser gestellten Pilgern durchwanderten "Europa" kreuz und quer und schufen viele interkulturelle kommunikative Verbindungen. Um diese Stätten und die Wege dorthin zu sichern und den Massen Hilfen anbieten zu können, bildeten sich Mönchsorden, die sich bewaffneten. Das Ärgernis, das von Muslimen besetzte Hl. Grab, wurde 1099 nach einem siegreichen Kreuzzug beseitigt, jedoch nicht dauerhaft. Die im Grunde aberwitzigen Kreuzzüge, anfänglich mit bunt zusammengetrommelten Truppen, können (1190, mit Kaiser Barbarossa an der Spitze) durchaus als ein gesamtabendländisches Unternehmen gedeutet werden.

 

Dass aber die Venezianer im 4. Kreuzzug bei der Einnahme des christlichen Byzanz 1204 die Stadt hemmungslos plünderten, war Verbrechen und Dummheit zugleich. Sie trug erheblich zur Verfestigung und Politisierung des Schismas mit der Orthodoxen Kirche bei - letztendlich zur Schwächung des oströmischen, byzantinischen Reiches und zu dessen Übernahme durch die Osmanen (später im 15. Jahrhundert). Blutig verliefen auch die in unduldsamem Geist und voller Habgier durchgeführten "Kreuzzüge" gegen Häretiker, in erster Linie gegen die Kátharer in Südwest-Frankreich (1200 - 1230, Albi). Die Ausgrenzung von "Ketzern" und anderen Minderheiten begann sich zum Markenzeichen der europäischen Gesellschaften zu entwickeln. Physische Vernichtung drohte aber auch Homosexuellen, Leprösen und immer wieder den Juden.

 

Ein wichtiges, positives Datum für den Westen ist in diesen trüben Zeiten das Jahr 1215. Erstmals in der Geschichte wurde einem König, nämlich dem englischen Johann "Ohneland", mit der Magna Carta Souveränität beschnitten. Die Grundlage dafür war das Feudalsystem zwischen Grundherren und deren Vasallen. Demnach durfte der Herrscher verlangen, dass von seinem Lehen Erträge an ihn zurückfließen und dass der Vasall, in Treue ergeben, auch Kriegsdienste leistet. Die gegenseitige Treuepflicht führte aber auch zur Forderung nach Schutz durch den Herrscher und, davon abgeleitet, zu dessen Beratung und zur Mitsprache. Dieses System einer inneren Staatenbildung führte in seiner Folge zu einer gewissen Kontrolle des bislang über allem erhabenen Königs. Durch eine militärische Niederlage geschwächt, ließ sich der englische König an das bestehende Recht binden und durfte fortan ohne die Versammlung der Kronvasallen (als Vertretung seiner Untertanen im Lande) keine Abgaben mehr erheben oder freie Männer ohne Gerichtsbeschluss gefangen nehmen lassen. Der niedere Adel und die städtische Bürgerschaft profitierten davon.

 

Zur selben Zeit dehnte hingegen der Hohenstaufer Friedrich II. sein Reich und seine souveräne Herrlichkeit bis Sizilien aus (er wurde auch "stupor mundi" genannt - "das Staunen der Welt") und schuf dort ein vorbildliches Staatswesen (1231) mit fast schon moderner Verwaltung. Er lehnte einen Primat der christlichen Kirche ab und pflegte den Austausch mit fremden Kulturen, im Besonderen mit der des Islam. Auch er sprach schon von "Europa" als einer einigenden Formel - wohl auch angesichts der anbrandenden Mongolen/Tataren. Draußen und zurück blieb dabei Russland, das zu der Zeit von diesen Zentralasiaten eingenommen und über 100 Jahre tributpflichtig gemacht wurde; allein durch seinen orthodox-christlichen Glauben war Russland noch mit Europa verbunden.

 

Mit Thomas von Aquin und Meister Eckhart seien - stellvertretend für andere - zwei Dominikanermönche erwähnt. Sie stehen für ein Geflecht von Gelehrsamkeit im frühen Europa um 1250. Sie betonten (aristotelische) Logik bzw. Erfahrungswissen und dies eben gegen einen kirchenautoritären Dogmatismus, der mit Exkommunikation und anderen Strafen drohte. Dennoch wurde 1348 in Prag die erste Universität im Reichsgebiet nördlich der Alpen gegründet. Magister und Scholaren bildeten Lehr-Lern-Gemeinschaften, profitierten von der Zusammenfassung verschiedener Disziplinen an einem Ort und tauschten sich mit Gelehrten unterschiedlichster Länder und Sprachen aus. In diesem Pluralismus konnte sich Widerspruchsgeist entfalten - ein Merkmal der europäischen Kultur.