Meine Frage vom Sommer 2002 „Wenn wir verloren sind, wer hilft uns heraus?“ hat – den spärlichen Rückäußerungen nach zu schließen - nur wenige Leser beunruhigt. Wegen fraglich qualifizierter parteipolitischer Alternativen darf die alte Regierung auch weiter wursteln; wir haben die Regierungen, die wir verdienen. Jeder sucht in seinen Kreisen seine Chancen zu nutzen, als wenn er welche hätte; ans Großeganze, von dem Chancen abhängen, denkt jeder erst zuletzt.
Mich selbst lässt das Thema jedoch nicht los und ich ändere es ab in „Was hilft uns, um nicht verloren zu gehen?“ Dahinter liegt die Überzeugung, dass uns kein einzelner Mensch, auch kein personifizierter Herrgott oder Gottvater heraus hilft, sondern – allenfalls – wir uns gegenseitig. Ich sehe auch nach wie vor, dass die Menschheit vor der Selbstvernichtung steht, aber ich gebe ihr auch noch eine - zwar winzige - aber doch reelle Chance.
Durch Literaturhinweise von Hans Degenhart habe ich mich in einige meiner im Sommer angesprochenen Themen weiter vertiefen können. Diese Lesefrüchte möchte ich heute in drei Abschnitten weiter geben. Sie basieren auf englischsprachigen Veröffentlichungen der Evolutionsbiologin Elisabet Sahtouris. Irgendwann – wenn mich Zuspruch dazu ermutigt – hoffe ich alle verschiedenen Gedankensplitter zu einem gegliederten Ganzen zusammenfügen zu können... Wer mein Schreiben vom Sommer nicht mehr hat, kann es gerne von mir anfordern; wenn unsere (!) Gedanken etwas mehr gereift sind, stelle ich sie auch gerne ins Internet auf meine Homepage.
Das Bewusstsein, dessen wir menschliche Wesen uns heute grossomodo erfreuen muss nicht unbedingt das Endprodukt der Evolution des Lebens auf dieser Erde sein, es könnte auch am Anfang gestanden haben. Dies dann, wenn das ganze Universum mit Bewusst-Sein gleichgesetzt werden kann. Solche Vorstellungen von einem nicht lokalisierbaren Bewusstsein oder von einem Bewusstsein als Energieform, die nicht an Raum und Zeit gebunden ist, tun sich schwer, sich gegen einfachere durchzusetzen; und doch entwickeln Vordenker der modernen Physik dazu analoge Modelle. Soviel ist schon in das Allgemeinwissen über gegangen, dass elektromagnetische Energie als Materie gesehen werden kann und dass Korpuskeln auch als Strahlung erscheinen (Unschärferelation). Erhärtet ist auch die Vorstellung, alle Information, die je im Universum produziert wurde, sei überall existierend („zero point energy“) Verstehe das, wer kann!
Vielleicht hilft auch die nicht-wissenschaftliche, die innere Schau? Gott als „Alles-was-ist“ kann vom Standpunkt eines individuellen Bewusstseins aus als „Ich-bin“ und zwar „einig mit Allem-was-ist“ wahrgenommen werden, insbesondere in meditativen Situationen. Dann nehmen wir nicht nur die Einheit mit Gott wahr, sondern vermögen unser örtliches Selbst zu übersteigen, wir erkennen uns als „Gott“. Ich hoffe nicht, dass wir uns da sehr täuschen! Die ganze Natur hat Bewusstseinsqualitäten und steht in Verbindung mit dem Nicht-Raum-Zeitlichen, ist ein Aspekt des Göttlichen. Kann eine Eichel den Baum „kennen“, der aus ihr entstehen wird? Haben wir Menschen in unserer westlichen Kultur uns von der „Großen Konversation“ abgetrennt, die alle lebenden Teile mit sich selbst und mit dem Über- oder Nebengeordneten führen? Wie könnte unser Leib existieren ohne eine solche Kommunikationsmöglichkeit jeder Zelle mit jeder anderen?
Das Universum kann als „lernendes“ Universum aufgefasst werden – auch Gott lernt! Zu dieser Vorstellung gelangt, wer im Universum alle Möglichkeiten gleichzeitig nebeneinander in unvorstellbarer Komplexität begriffen sieht. Das heißt, dass alles was geschehen kann, auch geschieht. Und dies ist Voraussetzung für den „Improvisationstanz“ der Evolution, in dem erfolgreiche Schritte beibehalten, andere verändert werden. Alles, auch unpassend Erscheinendes, wird ausgespielt und dem evolutiven Lernen unterzogen. Obwohl Gott eine ewige Einheit verkörpert, ist er doch unvorstellbar ausdifferenziert und komplex geworden. Wenn wir Menschen unsere wahre Natur vergessen, spielt Gott mit uns (spielen wir mit uns) das gefährlichste aller Spiele. Einziger Trost: Es muss gespielt werden, um alle Möglichkeiten auszuprobieren. Die Menschheit ist nun mal eine juvenile Spezies, von der – typischerweise - große Gefahr für sich selbst, vor allem aber für ihre Co-Evolutionisten ausgeht.
Und das Heil, wo ist es zu suchen, der Gottesdienst, wie mag er aussehen? Noch wenig ist dazu entwickelt worden. Wir könnten in Konsequenz zum oben Gesagten versuchen, uns bei Gelegenheit als „schöpferischen Saum Gottes“ zu betrachten, uns vorstellen, dass Gott durch unsere Augen schaut, über unsere Hände wirkt, mit unseren Füßen geht – und dann zu beobachten, ob und wie sich das auf unsere Angelegenheiten auswirkt. Dieses Bild, das uns Sahtouris berichtet, scheint nicht allzu weit vom „Tempel des Herrn“ entfernt zu sein, auch das innewohnende „Fünkchen des Heiligen Geistes“, das uns Meister Eckehardt, das mittelalterliche Denken sprengend, predigte, passt hier gut dazu.
Wir können noch hoffen, dass alle Religionen die Bedeutung von beidem anerkennen – die Einmaligkeit jeder Biographie und die Einheit von Allem-was-ist. Ablassen sollten ihre Vertreter allerdings von der Auffassung des Priesteramtes als Türsteher zu Gott statt als dessen (also auch des Menschen!) Assistenz. Nicht dogmatische Bindungen werden gesucht, sondern dringend befreiende Rück-Bindungen zu unseren Quellen.
Die Vertreter der Wissenschaft, als moderne Priesterschar, definieren uns „wie die Dinge liegen“, so oder so. Ihnen und uns ist zu wünschen, dass sie bald realisieren, dass Geist und Materie in einem als lebendig und intelligent verstandenen Universum untrennbar sind, dass es so und so sein kann, je nach Betrachtungsweise. Der Subjekt und Objekt trennende Erkenntnisansatz von Descartes muss ergänzt werden durch eine heilsame Gesamtsicht auf die uns erscheinende Wirklichkeit. Indigene Völker haben diese Sichtweise nie verlassen. Von ihnen, falls welche überleben konnten, kann noch gelernt werden; sie haben in Übereinstimmung zu leben versucht mit dem „Großen Geist“, haben sich und ihre Umwelt respektiert. Sie hatten „Medizinmänner“, die heilen (ganz machen) konnten, wir müssen uns immer mehr als leichtfertige „Zauberlehrlinge“ begreifen lernen, die sich gegenseitig ausrotten und die ihnen anvertraute Erde verwüsten.
Die Menschheit führt sich auf dem Hintergrund der Evolutionsgeschichte wie ein „newcomer“, wie ein instinktloser Neureicher auf, betrachtet sich mit noch nie da gewesenem Egoismus als die „Krone der Schöpfung“. Als neueste Hervorbringung der Evolution werden wir aber nun auf Tauglichkeit geprüft...
Als Rechtfertigung für menschliche Rücksichtslosigkeit dient oft die offenbare Grausamkeit der Natur, insbesondere im Tierreich: Der Stärkere frisst den Schwächeren – popularisierter Sozialdarwinismus. Gibt es Grausameres und Unbarmherzigeres als die Natur? Diese Argumentation vergisst, dass Lebewesen sich von anderen Lebewesen ernähren müssen; auch Vegetarier brauchen lebende Pflanzen auf. Und auch Pflanzen ernähren sich – unseren Augen verborgen – von abgestorbenen Lebewesen, die durch bakterielle Tätigkeit zu organischem Humus aufbereitet wurden.
Jedes Lebewesen sucht aus Selbstinteresse sein Leben so lange wie möglich zu erhalten, doch kann sich das Lebensprinzip auf der Erde („Gaia“) nur im gesunden, ökologischen Gleichgewicht erhalten, indem es seine individuellen Geschöpfe ersetzt. Welche Arten dabei besser zum Zuge kommen, unterliegt in unserer Natur einem feinen System der Austarierung. Gelingen kann dieses Gesamtwerk nur, wenn jedes Lebewesen für sich nicht mehr herausnimmt, als es braucht; nur in diesem Fall trägt es zum Wohl des Ganzen bei. Jedes Lebewesen – nur eben der Mensch als juvenile, experimentelle Spezies nicht. Er führt sich auf wie ein Berserker und klagt dabei noch die Natur wegen ihrer Grausamkeit an! Mehr noch, er rechtfertigt seine eigene Rücksichtslosigkeit mit angeborener Aggressivität. Das Leben sei nun mal ein blutiges Schlachtfeld im Kampf um knappe Ressourcen.
Dieses Bild ist insofern einseitig und verzerrt, da der Mensch als junge, noch unreife Art zum allgemeinen Maßstab genommen wird. Als solcher okkupiert er so viele Territorien mit ihren Ressourcen und pflanzt sich darin fort wie er nur kann. Nur die Interaktion mit anderen Spezies lässt ihn und das ganze Ökosystem reifen. Die beste Lebensversicherung für jede Spezies besteht darin, hochwertige Produkte für andere Mitbewerber um Raum und Ressourcen im Handel abzugeben. Der Kern einer ökologischen Ehtik ist darin zu sehen, dass das gesunde Selbstinteresse eines jeden Lebewesens wohl ausgedrückt, aber auch am Wohl des übergeordneten Lebensrahmens relativiert werden muss. Um wirklich – und das heißt langfristig - unseren Interessen dienen zu können, müssen wir die Interessen unserer uns umgebenden Lebenswelt wahrnehmen und anerkennen. Die Natur ist eben nicht menschliches Eigentum, die man kurzfristig profitabel ausnutzen kann. Wir haben von dieser alttestamentarisch insinuierten Verstiegenheit wieder herunter zu kommen und einzusehen, dass wir, wie die restliche Natur zu einer ausbalancierten Wiederverwertungs-Ökonomie finden müssen.
Freiwillige Einfachheit könnte ein Weg dahin sein, sich nur so viel herauszunehmen, wie man wirklich braucht, all den Schrott und Trödel weg zu lassen, der menschliches Leben zumüllt und unsere Lebensgrundlagen schwächt. Richtschnur für unser Handeln könnte sein, nach bestem Wissen das zu tun, was der eigenen Spezies frommt, für andere Spezies und für unsere Umwelt aber mindestens harmlos ist.
Als inspirierende symbolische Führungsgestalten wurden in der Geschichte unserer Kulturen und Zivilisationen bisher die Große Mutter, dann Gott Vater verehrt und zuletzt in grandioser Selbstüberschätzung das Ich-Selbst gefeiert. Durch globale Krisen sind wir „Zauberlehrlinge“ nun zum Umdenken und zu einer spirituellen Neuorientierung veranlasst, die E. Sahtouris in „Earthdance“ am Ende von Kap. 18 so beschreibt:
„Jetzt, mehr gereift, können wir erkennen, dass unsere frühesten Intuitionen die gültigsten waren. Die Quelle, aus der wir geschöpft wurden, ist in der Tat ein inspirierendes Wesen, weit größer und weiser als wir selbst – ein Gaia-Wesen, das uns genährt hat und uns zu einer besseren Lebensweise geleiten kann. Gaia, unsere lebendige Erde, ist kein supermenschlicher Elternteil, sondern der noch nicht fertige und doch wunderbar gehaltvolle Planet, von dem wir ein Teil sind. Diese wiederum ist selbst Teil eines größeren Wesens, einem begeisteten Kosmos (Conscious Cosmos). Haben wir die Reife erlangt, um diesen Quellen unseres Seins zu vertrauen und sie zu hüten und uns von ihnen führen zu lassen?“
Die Bildung einer globalen menschlichen Gemeinschaft, so viel wird aus der Evolutionsbiologie deutlich, wird nicht im trivialdarwinistischen Sinne gelingen (homo hominem lupus etc.), sondern nur durch Kooperation, durch Austausch dessen, was jeder wirklich braucht. Ziel müsste sein, dass die menschliche Art in Harmonie mit anderen Arten zu leben kommt. Dieser Reifungsschritt für die menschliche Art ist nicht einfach, hat sie doch gerade noch in ihrer für juvenile Arten typischen Weise (man kennt das auch von den Bakterien in Urzeiten) Muster „feindseliger Kreativität“ gepflegt. Wir werden jedoch in einer gleichsam globalen Gemeinde kooperieren lernen müssen – oder wir werden in zunehmendem Elend leben und vielleicht in nicht allzu ferner Zeit ausgelöscht werden.
Übrigens jährt sich gerade zum fünfzigsten Mal die Zündung der ersten Wasserstoffbombe... Zwei oder drei davon reichen aus, die ganze Biosphäre der Erde – die Menschheit nicht ausgenommen – blitzartig auszulöschen. Die ganze Biosphäre? Unter einem Felsen in Südpatagonien überlebt womöglich ein widerspenstiger Stamm von Asseln... (Aber es werden leider die Cartoonisten fehlen, die deren Abenteuer unseren Kindern zur Unterhaltung und Erbauung aufzeichnen werden.)
Gegenwärtig sind es nicht mehr die kolonisierenden Imperien, die uns an den Rand des Abgrundes führen, sondern multinationale Konzerne, die in Konkurrenz zueinander dafür sorgen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr anwächst und dass die Ökosysteme, der sprichwörtliche Ast auf dem wir sitzen, zerfallen. Die Selbstmord-Ökonomie mehrt Gewinn auf Kosten des Lebens. Schön, wenn es auch hier zu einer Metamorphose käme! Raupen fressen kurz vor ihrer Verpuppung ohne Rücksicht auf Verluste alles in sich hinein. Wenn sie dann einsetzt, trotzt das Immunsystem anfänglich noch den Veränderungen, doch sobald sich die neuen Schmetterlingszellen kooperativ(!) verbinden, fällt das alte Immunsystem zusammen, der Puppenkörper versuppt innerlich, woraus wiederum die Vervollständigung des Schmetterlings unterstützt wird.
Es ist keineswegs sicher, dass wir an diesen Abgründen nochmals vorbeischrammen werden. Hoffnung allein gibt die Besinnung auf einen allgemeinen Sachverhalt: Gesunde und gereifte (s.o.) lebende Systeme – seien sie Zellen, Körper, Gemeinschaften oder Ökosysteme - sind auf jedem Organisationsniveau im Stande, ihr Selbstinteresse innerhalb des Ganzen, in dem sie leben, zu „verhandeln“. Ressourcen werden so verteilt, dass auf allen Ebenen gesunde Funktionen gewährleistet sind und es gibt ein „Bewusstsein“ darüber, dass jede Ausbeutung eines Teils durch einen anderen Teil das Ganze gefährdet. Daraus lässt sich das Mandat ableiten, „echte“, nicht nur auf Ökonomie beschränkte Globalisierung zu fördern, die gleichzeitig auf gesunden lokalen Subsystemen aufbaut (s.u.)
Fundamentalismus und Dogmatismus, oft aus ökonomischer Deprivation und geistig unfreien Verhältnissen heraus gespeist, stellen eine zunehmende Bedrohung dar. Dazu gehört auch die Auffassung vom Leben als Nullsummen-Spiel: Es muss Gewinner und Verlierer geben. Demgegenüber könnte helfen, dass es zur Erklärung der Welt und des Lebens nicht eine, sondern mehrere Geschichten gibt und diese gleichberechtigt nebeneinander belassen werden können. Die Anerkennung von wenigen Grundwerten – Beispiel Goldene Regel – ist jedoch Voraussetzung. Hoffnung gibt dabei die Beobachtung, dass religiöses und wissenschaftliches Verstehen sich füreinander öffnen und es zu dialogischem Austausch kommt.
Es kann nicht übersehen werden, dass ein tyrannischer Mechanismus die allein angemessene Verantwortlichkeit gegenüber Mensch und Planet Erde untergräbt, der ständige Wettstreit darum, wer von den inzwischen – insbesondere auf dem Energiemarkt - multinational organisierten Konzernen die höheren Profite erzielen kann. Dies führt zu haarsträubenden ökonomischen Ungleichheiten auf der Erde, führt zu kriegerischen Auseinandersetzungen und zerstört unsere Lebensgrundlagen. Demgegenüber hilft die Besinnung auf z.B. alternative Energiequellen und auf das alternative mentale Konzept des „globalen Dorfes“, das in Frieden mit sich und mit allem Anderen leben möchte. Wirtschaftliche Teilhabe am Ganzen, als Voraussetzung und als Ziel, ist dabei entscheidend. Hilfreich könnte auch sein, dass Reisen, Transport und (Fern-)Kommunikation jederzeit auch für kooperative Zwecke genutzt werden können. Das World Wide Web hat das Potential in sich, Menschen, die den friedlichen Austausch pflegen wollen, einander näher zu bringen. Diese werden sich lokal organisieren, um global wirken zu können. Es gilt also, solche Initiativen zu unterstützen, die „fairgehandelten“ Kaffee anbauen, die Produkte des Umlandes vor Ort vermarkten, unabhängige Buchläden als Lernzentren einer Gemeinde gründen, „grüne“ Geschäftsverzeichnisse zusammenstellen usw.
Während die Idee der Demokratie weltweit angepriesen wird, gehen Nationen in denen demokratische Revolutionen früh schon stattfanden, dazu über, demokratische Rechte ihrer Bürger zu beschneiden oder Souveränitätsrechte an Organisationen abzugeben (WTO, Europäische Kommission – ja, die auch!), die – weiß Gott – mit Demokratie (einem Mindestschutz gegen Machtwillkür) eher wenig am Hut haben. Bedenklich erscheint, dass alte imperiale Systeme in einem Abwehrkampf erstarren, ihre Ökonomien gegen evolutionäre Bewegungen zu schützen und man doch weiß, dass frühere Imperien aus eben dieser Unbeweglichkeit heraus untergehen mussten. Demgegenüber gewinnen die Vereinten Nationen zusehends an Gewicht und an Format in Richtung einer Weltregierung, die das Ganze im Auge behält und die Einzelinteressen darauf zu beziehen sucht. Auch das (teils „leider“, teils „Gottseidank“) nicht beherrschbare Internet erfüllt immer besser seinen Zweck, Menschen in ihren Angelegenheiten („tua res agitur!“) in direktem Dialog zueinander zu bringen.
Diese betrübliche Lamentation, zart durchwirkt von Hoffnungsschimmer, könnte noch fortgesetzt werden. Ich bin’s aber müde nun und will mich meinen auslaufenden beruflichen Verpflichtungen wieder widmen, die mich nach wie vor fordern. Dies eben ist ein Problem: Wie ist jeder freigesetzt, sich über Familie und Beruf hinaus zu engagieren? Was bleibt noch an Wach-Zeit, wenn man aufgeräumt, eingekauft, gejoggt, die wichtigsten Nachrichten gehört oder gelesen, wenigstens die eine oder andere Sendung zur Unterhaltung und Bildung gesehen oder einfach auch ein bisschen gedöst hat – was bleibt als noch für die Erhaltung unserer politischen Substanz, über die wir uns austauschen und die wir gemeinsam dort einbringen müssen, wo man uns verwaltet und über uns bestimmt?
Verregnete Allerheiligen/Allerseelen 2002
Volker Gold