Waldbrände in
Portugal
Sommerliche Waldbrände gab es in südeuropäischen Ferienländern schon immer und wird es in gewissem Ausmaß immer wieder geben. Im Sommer 2003 (vom 27.07.-18.08.) nahmen sie jedoch ein so erschreckendes Ausmaß an, dass auch der Sommer-Tourismus davon in Mitleidenschaft zu geraten drohte. Für eine regelrechte Katastrophe musste eine Reihe von Faktoren zusammen kommen: Die ungewöhnliche Hitzewelle (die größte und längste seit den 40er-Jahren), Mängel in der Forstverwaltung und im Frühwarnsystem und gerade im Gang befindliche Umstrukturierungen bei der Feuerwehr, die außerdem mit dem Zivilschutz noch nicht richtig zusammenarbeiten kann… Man könnte auch noch die Abwanderung der Bevölkerung im Landesinneren und die nachlassende Investitionstätigkeit des sparenden Staates hinzufügen, wobei es sich aber eher um Alibis handeln dürfte. Unaufmerksamkeit und Rachegelüste sind die Hauptfaktoren im menschlichen Bereich, auf die man Waldbrände zurückführen kann.
Im Landkreis Nisa (nördlicher Alentejo), der zur Hälfte abbrannte, ging der zündende Funke vom Auspuff einer Reinigungsmaschine (Spindelmäher?) aus. In der Serra de São Mamede war es der Blitz eines Trockengewitters, der auf natürliche Weise den Brand entfachte. Auslöser der Brände im Algarve – exemplarisch für den Ursachenbereich Mensch - war ein 18-jähriger Schäfer, der bald nach der Tat festgenommen werden konnte. Dieser war mit seinem Job unzufrieden und wollte seiner Arbeit die Grundlage entziehen, indem er die Schafweide anzündete; an weitere Konsequenzen dachte er nicht. Brandstifter sind meist psychisch instabil und agieren negative Emotionen (Minderwertigkeits- und persönliche Rachegefühle) gegen Nachbarn, Vorgesetzte oder ein ganzes Dorf auf solche Weise aus. In Isolierung geraten sie durch Arbeitslosigkeit oder berufliche Unsicherheit, unglückliche Familienkonstellationen und Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit. Ausgesprochene Pyromanen oder verbrecherische Organisationen spielen nach Erkenntnissen der Polizei in Portugal eher eine untergeordnete Rolle.
Drei Wochen lang wüteten die Waldbrände in den verschiedensten Regionen Portugals. Über 400.000 Hektar Wald - eine Fläche, die der des ganzen Algarve entspricht - sind vernichtet worden, 12% davon in geschützten Zonen; 15 Zivilisten und 3 Feuerwehrleute kamen ums Leben, 5 wurden schwer verletzt, mit leichteren Verwundungen kamen 181 Feuerwehrleute und 49 Zivilisten davon.
Portugal besaß einmal die größte zusammenhängende Waldfläche in Europa, die 38% des Staatsgebietes ausmachte. In den letzten 10 Jahren verlor es 16% davon und die Waldbestände gehen insgesamt eher zurück, während sie in vergleichbaren Ländern Europas leicht zunehmen.
Nun gibt es ein auch heute noch gültiges Gesetz von 1901, das alles Notwendige enthält, was zum Schutze des Waldes beitragen könnte. Noch im Februar 2003 gab es Vorlagen zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung und zur Prävention von Bränden, nur, weder die alten Gesetze noch die jüngeren Verbesserungsvorlagen wurden umgesetzt. Und keiner der verantwortlichen Minister hat bis heute den Hut genommen. Gesetz ist zum Beispiel, dass im Umkreis von 50 m um ein Haus (also eben nicht insgesamt) der Wald gesäubert sein muss, doch die Umsetzung wird von den lokalen Behörden nicht erzwungen. An wen sollten sie sich auch wenden? Wenn nicht einmal ein offizielles Waldgrundbuch existiert, ist es fast unmöglich, eine bessere Verwaltung und Kontrolle durchzusetzen. Von geschätzten 400.000 portugiesischen Waldbesitzern sind nur 10% in einem lockeren Verband miteinander verbunden, ohne dass staatliche koordinierende Regulierungen darüber hinaus wirksam geworden wären. Zur Prävention von Waldbränden gehören bekanntlich gerodete Brandschneisen, Wasserschöpfstellen, Sauberhaltung der Bodendecke, Beobachtungsstellen mit funktionierendem Funksystem, Aufforstung mit brandresistenten Bäumen usw.
Ein Jahr lang muss abgewartet werden, ob sich angesengte Bäume von selbst erholen; Pinien und Eukalyptusbäume, die am schnellsten abbrennen, kommen auch am schnellsten wieder hoch, benötigen jedoch dafür immer noch 9 bis 17 Jahre. Korkeichen, Steineichen und Kastanien brauchen bedeutend länger. Zur Wiederaufforstung in verbrannten Gebieten ist die Wildkirsche sehr geeignet; sie braucht jedoch 40 Jahre bis sie erwachsen ist. Wer nur an schnellen Gewinn denkt wird mit Pinien und Eukalyptus wieder aufforsten. Angesichts der sich immer klarer abzeichnenden Klimaveränderungen innerhalb der nächsten 50 bis 100 Jahre wäre dies allerdings eine kurzsichtige Maßnahme: Statt der „nur“ 20 Tage pro Jahr in Portugal mit Temperaturen über 35° C werden es bis dahin 100 Tage sein…
Schon im August 2002 berichtete die Presse (z.B. Público vom 18.08.02 auf der ersten Seite), dass die in der ersten Jahreshälfte verbrannte Waldfläche schon 12.000 Hektar mehr beträgt als der Schnitt der letzten fünf Jahre. Schäden bis zu 150 Mio Euro wurden geschätzt. Alles, was 2003 an guten Analysen über Ursachen, Auslöser und Vorbeugemaßnahmen geschrieben wurde, wurde auch schon 2002 geschrieben, auch der schlaue Satz „Waldbrände bekämpft man nicht, sondern verhindert man“. Als gutes Beispiel dafür wurde der waldreiche Landkreis von Mortágua (zwischen Coimbra und Viseu) herausgestellt; gelernt wurde nicht.
Im Sommer 2004 haben wir wieder den selben Schlamassel; die Feuersbrünste, durch extreme Hitze wiederum begünstigt – es gab tagelang Temperaturen weit über 40° C – drangen sogar in die Küstenregionen des Algarve vor und zerstörten Areale, die man gerne in Prospekten vorzeigt. Es ist anzunehmen, dass auch dieser vorhersehbare Rückschlag nicht zu Konsequenzen führt. Die Umsetzung portugiesischer Politik in den Regionen ist gestört; eine energische und konsequente Waldbrandprävention wäre in hohem Maße unpopulär. Dabei wird zwar Rücksicht genommen auf die vielen kleinen Leute, die vom Wald leben, ihre paar Hektar Wald mit Rücksicht auf dann zu zahlende Steuern jedoch nicht angeben. Nicht aber wird Rücksicht genommen auf diejenigen, deren Leib, Hab und Gut durch solche Nachlässigkeit anderer Schaden nimmt. Um eine breit angelegte Enteignungsaktion anonym bleibenden, verwahrlosten Waldbesitzes wird man nicht herum kommen, wenn man die Fortsetzung des Waldbrandelends in der Nähe von Portugals einträglichen Ferienregionen verhindern möchte.
Volker Gold
Autor von „Im Algarve sein“ und „Tavira“