Ich, wir und die anderen -
Visionen vom friedlichen Zusammenwirken
(leicht überarbeiteter Text meiner Rede beim Neujahrsempfang der SPD Landsberg
am 28.01.2001)
1 Einleitendes
Zum Jahres-, Jahrhundert- und Jahrtausendwechsel waren jüngst vermehrt Appelle
zu hören oder zu lesen, sich einander wieder menschlich anzunehmen, auch oder
gerade wenn wir verschieden oder uns gar fremd seien. Solch frommer Rede
befleißigen sich Johannes Rau ebenso wie der Patriarch von Lissabon, D. José
Policarpo, um nur zwei hervorragende Prediger zu nennen. Das Oberhaupt der
portugiesischen Katholiken rief in sehr feiner Abstufung nicht nur die Christen
untereinander, sondern auch die Gruppen der Christen, Muslime und Juden zu
geschwisterlicher Einheit auf und ging sogar noch so weit, auch die
Ein-Gott-Gläubigen mit den nur Irgendwie-Gott-Gläubigen in einer
menschlich-verbindenden Sphäre vereint sehen zu wollen. Dann setzte er etwas
hinzu, was man hierzulande selten zu hören bekommt: „Allen, die ohne das
Geschenk des Glaubens den erhabenen Sinn des Lebens suchen und auf Frieden,
Brüderlichkeit und Gerechtigkeit aus sind, (m)einen brüderlichen Gruß. Allen
sage ich: Christus ist für alle geboren, starb für alle und er liebt und kennt
alle.“ Eine gewaltigere Integrationsklammer als dieses ersehnte Eintreten in
eine mystische Einheit aller Menschen als Geschöpfe eines großen Meisters ist
kaum denkbar.
2 Ich – Wir – die
Anderen: Grundsätzliches
2.1 Wir-Bezogenheit
Wir sehen im ernüchternden Vergleich mit der Realität: Integration ist unter
der Hand zu einem durchaus wohl und anspruchsvoll klingenden Zauberwort
geworden. Es besagt und bewirkt Einreihung in eine Gemeinschaft, die gemeinsame
Normen und Vorstellungen teilt. Diese werthaltigen Kategorien ermöglichen Verständigung
und formen menschliche Kultur. Die Anerkennung von Normen bindet in eine
Gemeinschaft ein und geteilte Normen geben ein Gefühl für Sicherheit und
bewirken, dass gegenwärtige Beziehungsmuster erhalten bleiben. Integration als
Zauberwort spricht die Seite in uns an, wo wir uns von anderen nicht abheben
wollen, wo wir so sein wollen wie alle anderen. Die Schattenseite von
Integration ist, dass sie im Widerspruch steht zu dem gleichzeitig vorhandenen
Wunsch in jedem von uns, so zu sein, wie kein anderer und dass Normen Menschen
automatisch auch ausgrenzen.
2.1.1 Stabilität und Machterhalt
Appelle zur Integration sind nicht neu; ihrer bedienten sich früher gerne
Stammeshäuptlinge und Sippenälteste, aber auch heute noch die Repräsentanten
bestimmter Länder und der Nationalstaaten, kurz, alle, die für die Mehrheit
einer Bevölkerungsgruppe stehen und ihre Macht durch Mehrheit legitimieren
wollen. Wenn sich alle unter ihren Normen und Vorstellungen versammeln, so die
Rechtfertigung, gibt dies ein stabiles Gefühl und macht stark zum Handeln. So
lässt sich im Zweifelsfall dann sagen „Mir san mir“ oder „Mir san immer no’ de
Mehreren“, rhetorisch auch „Ja, wo samma denn?“ oder bis 1998 „Wenns aich bei
uns net basst, dann geht’s doch rüber in die DDR“. Kommen diese anderen aber zu
uns mit unserem urgesunden Wir-Gefühl, sollten sie schon vorher einmal
symbolisch einen Hut grüßen oder sich wenigstens mit unserer Leitkultur
einverstanden erklären. So einfach geht das.
2.1.2 Ein- und Ausschließen als Erkenntnisfunktion
Solches Herrschaftsgebaren trifft sich mit einem weit verbreiteten
Ordnungsdenken, das Vorfindliches und Gegebenes nicht einfach in seiner bunten
Vielfalt und Vieldeutigkeit belassen will, sonder immer entscheiden möchte, ob
es in eine bestimmte Kategorie, sprich Schublade, gehört oder eben nicht, ob es
eingeschlossen werden kann, oder ausgeschlossen bleiben muss. Dies ist aber im
Grunde ein Gewaltakt, den man an der vielgestaltigen und vieldeutigen Welt
verübt. Die Gewalttäter haben sich jedoch zu früh gefreut; auf sie lauert ein
Teufelskreis.
2.1.3 Herrschen durch Ordnen – Chaos schaffen
Je mehr sie durch Ordnungsanstrengungen herrschen wollen, um so mehr müssen sie
zwangsläufig ausschließen. Je mehr darauf hin verstärkt Einordnungsversuche
erfolgen, immer nach dem dümmlichen Problemlösungsprinzip „Mehr vom Selben“, um
so größer wird die Unordnung, ja das Chaos. Ein Gärnter, der nur bestimmte, von
ihm gewünschte Pflanzen hochziehen möchte, erntet nicht nur diese, sondern hat
auch viel Abfall in seinem Sinne, das er „Unkraut“ nennt. Den Abfall bei enger
ideologischer Ausrichtung nennt man „Dissidenz“, den von Glaubensvorgaben
nannte man „Häresie“ und verbrannte ihn. Den Abfall bei der durchwegs
gewaltsamen Errichtung der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts in Europa nennt
man „Fremdheit“, Fremdheit, die bis heute noch Völkerschaften und regionalen
Gruppen zu schaffen macht.
2.2 Ich-Bezogenheit
Kommen wir zum Gegenstück von Wir-Bezogenheit, zur Ich-Bezogenheit, zum
gleichzeitig vorhandenen Wunsch, so zu sein, wie kein anderer, eben ganz
einmalig in unserer Persönlichkeit und unseren Verhältnissen. Auch dazu gibt es
ein rührendes christliches Wunschbild: Gott, der einen jeden von uns mit Namen
gerufen habe. Immerhin kann aus diesem transzendenten Bezug die Würde des
Menschen (letztlich aber auch jeden Rindviehs) abgeleitet werden.
2.2.1 Dialektik von Selbstannahme und Annehmen können
Dabei erscheint es heilsam, an einen weiteren Zusammenhang zu erinnern, der uns
alle ein Leben lang umtreibt. Er wurde den ersten Christen schon mit auf den
Weg gegeben und er wurde von der modernen psychologischen Bindungsforschung
vielfach bestätigt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ will besagen, „Nimm
dich selbst an, dann wirst du auch die dir Nächsten lieben können“, - wobei es
dann bis zur Feindesliebe immer noch genug heroische Selbstentwicklungsarbeit
geben dürfte. Wie ich mich selbst und zwar ganz annehmen kann, also in meiner
ganzen Widersprüchlichkeit, wenn ich nicht zuvor die basale Erfahrung machen
durfte, dass andere mich so wie ich bin angenommen haben und weiter annehmen,
ist die große, die entscheidende Frage. Doch ist jedem einsichtig, dass es sich
angesichts desolater Verhältnisse in vielen Familien eher um eine Gnade, ein
Geschenk, oder ein Massel handeln dürfte. Mindestens eines stummen Zeugen
bedürfte es, um aus einem abgelehnten und vernachlässigten Kind keinen
ablehnenden und andere vernachlässigenden Erwachsenen werden zu lassen.
2.2.2 Das Selbstwertgefühl und seine Kompensationsformen
Bei der Analyse der Täterprofile von rechtsextremistischen Jugendlichen ergeben
sich immer wieder übereinstimmende Muster. Der einzelne Jugendliche, meist
männlich, in allem ein wenig zu kurz gekommen und im sozialen Prestige weiter
unten rangierend, hat ein schlechtes Bild von sich selbst, traut sich wenig zu
und fürchtet aus leidvoller Erfahrung, wenig wert zu sein. Dieses fürchterliche
Unwertgefühl wird typischerweise überspielt, indem er sich an Gruppen und deren
Idolen aufbaut, die dem Großes versprechen, der sich kritiklos einreiht und am
Großen mitarbeitet. Das einzige, womit sich so ein Mensch noch von anderen
Menschen glaubt abheben zu können, ist die Tatsache, ein Deutscher zu sein –
und andere eben nicht. Es ist das bleibende Verdienst von Alfred Adler, auf
biografische Schicksale dieses Minderwertigkeitsgefühls hingewiesen und dessen
vielfache, oft schädliche Kompensationsmöglichkeiten erkannt zu haben.
Das beginnt beim oft noch harmosen Bad im Hexenkessel eines „richtigen“ Fußballstadions,
hat zu tun mit dem Aufsaugen der vielen rücksichtslosen Gewaltfiguren in den
schamlosen Bildmedien und endet manchmal in kollektiv begangenen Gewalttaten.
2.2.3 Individualisierung als Chance und Gefahr
Unsere autoritäre, obrigkeitsstaatliche und faschistische Geschichte des 20.
Jahrhunderts hat – sattsam bekannt – viel Leid über die Menschen gebracht und
bietet heute eine Menge Stoff und Anlass für jugendliche Provokationen. Die
meisten von uns haben jedoch eingesehen, dass alte Sprüche verbraucht sind wie
„Du bist nichts, dein Volk ist alles“, „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, oder
auch „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Da ärgert es schon sehr, wenn
1980 Geborene sich ermutigt fühlen, solchen Unsinn immer noch auf ihre
nachgebastelten Reichsfahnen schreiben, durch die Straßen zu skandiern oder in
die Leserbriefspalten oder Homepages des Internets hineinzustellen.
Ist aber, so ist zu fragen, der heute aus verschiedenen Quellen gespeiste
blanke Individualismus, der Nutzen abwägende Blick, das marktkonforme,
aalglatte Verhalten eine attraktive Alternative für unsere Jugend? Der
gewaltige Schub an Wachstum und Wohlstand der Nachkriegszeit – eine
selbstverständliches Element für diese wie das Wasser für den Fisch – fördert
andere Werte zu Tage als in Zeiten von Krieg und Nachkriegsnot. Wir beklagen
heute das Anspruchsdenken, die Konsumhaltung und die vielen Ego- und
Ethnozentrismen, derer wir nicht mehr Herr werden können. Aber es war auch das
Versprechen auf gleiche Zugangschancen und auf wachsenden Wohlstand, mit dem
sich der junge westdeutsche Staat die Loyalität seiner Bürger und ihrer
Gruppierungen erkauft hat. Nun erweist sich ein Mangel an echten
Identifikationsangeboten, wenn den alten Versprechungen der Boden entzogen ist.
Man sollte sich über die vielen genannten „Ismen“ nicht moralisch entrüsten,
sondern einsehen, dass sie einer inneren Ausrichtung der Menschen entsprechen,
mit denen unser Wirtschaftssystem am besten fuhr und fährt. Nur noch wenige
finden eine Reklame abstoßend, bei denen ausgerechnet ein Schwarzer mit
Bürstenhaarschnitt groß den Mund aufreißt und ausstößt „Ich will alles –
sofort!“. Aber es ist auch niemand mehr zu Konsumverzicht bereit im Zeitalter
der Schnäppchenjäger, Glückslos-Ritter und Einkaufsparadiese auf der Wiese vor
der Stadt.
2.3 Die rechte Balance von Einreihen und Ausscheren
2.3.1 Integration muss und kann nicht zu weit gehen
Ehe wir uns emotional vergaloppieren: Es kommt, wie bei so Vielem immer auf die
rechte Balance an, auf ein situationsangepasstes Mischungsverhältnis an
So-sein-wollen-wie-alle-anderen und So-sein-wollen-wie-kein-anderer. Eine
solche ausbalancierte Identität kann innerhalb einer Person immer wieder
gelingen, aber auch misslingen und Probleme bereiten. Ähnliches lässt sich auch
zu unserem Thema der sozialen Integration sagen. Überzogene
Integrationsbemühungen stoßen - man möchte sagen glücklicherweise - an
natürliche Grenzen. Sehen Sie: Auch die Menschen in einer Wir-Gruppe sind
untereinander verschieden. So kann man dann auch nicht verlangen, dass
Personen, die in eine Gruppe neu integriert werden sollen, hinterher zu den
Alteingesessenen weniger Unterschiede aufweisen, als diese vorher schon
untereinander hatten. Ein Japaner braucht das „r“ der hochdeutschen Sprache
nicht besser sprechen können als „ne Kölsche Jung“. Es würde an Heuchelei heran
kommen, wenn von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen mehr und Besonderes
verlangt würde als das, was eingesessene Deutsche zu geben und zu leisten
bereit wären: Viele Deutsche erlernen ihre Muttersprache nie richtig, ihre
politischen Führer können nicht immer mit dem Grundgesetz unterm Arm
herumlaufen, ausgeprägte Toleranz konnte man Deutschen auf breiter Grundlage
noch nie bescheinigen und mehr als Lippenbekenntnisse zur „christlich-abendländischen
Wertordnung“ sind nicht zu erwarten; wer richtet sich in seiner konkreten
Lebenskultur schon bewusst danach...?
2.3.2 Pendelmechanismus Integration – Desintegration
Jede Zunahme an Ausdifferenzierung in einer Gruppe oder Gesellschaft (Lebensstile,
Arbeitsteilung, Vielfalt der Meinungen, Dezentralisierung von
Verwaltungseinheiten usw.) verlangt andererseits mehr Integrationsmaßnahmen. Je
größer und komplexer soziale Gebilde sind, um so prekärer wird die Austarierung
des Pendels zwischen notwendiger Integration und erwünschter Desintegration.
Man kann an der Integrationsschraube zu viel drehen. Je mehr das funktionale
Optimum überschritten wird, um so mehr kann es zu Absetzbewegungen kommen, zu
autonomen Abspaltungen, Regionalkulturen und Sonderwegen. Man erinnere sich
nur, was die Bemühungen um eine vereinheitlichte neue Rechtschreibung in
unserem Lande zum Vorschein gebracht hat – vom Verhältnis Aufwand und Ertrag
ganz zu schweigen. Wer an Selbstverständlichkeiten rührt, weckt schlafende Hunde
...
2.3.3 Integration bedeutet Wandel auf beiden Seiten
Sowohl aus der Perspektive der Aufgenommenen als auch des aufnehmenden Systems
ist mit Integration sozialer und kultureller Wandel angesagt. Einstellungen und
Verhaltensgewohnheiten können weder bei den Integrierten noch bei den
Integrierenden so beibehalten werden wie zuvor. Hat sich früher noch Gerhard
Polt über „Leberkäs Hawaii“ als unstatthafte Zubereitungsvariante bayerischer
Traditionskost mokieren können, so denkt sich heute – letztlich auch im
Zuge der BSE-Krise – kein gestandener Bayer mehr etwas dabei, seine Freundin in
ein Sushi-Lokal einzuladen oder schon gar nicht, seine Kinder mit
US-amerikanisch geprägtem Fastfood – Variante Chicken Nuggets - zu erfreuen.
Seltsam berührt auch, dass Deutsche als Weltmeister des Ferntourismus
„Eintauchen in fremde Länder, andere Lebensstile und Kulturen“ (Studiosus),
beim Auftauchen deren Angehöriger bei uns zu Lande jedoch in Panik verfallen
und „Ausländer raus“ schreien. Jedenfalls könnten Reisekontakte, wenn sie nicht
nur so halbherzig gemeint und so folkloristisch banalisiert und entschärft
wären, eingefleischte Gewohnheiten aufweichen. Reisen galt vor längerer Zeit
den gehobenen Schichten, aber auch den Handwerksburschen, als die Form der Bildung
im Sinne der Anverwandlung von Welt. Und: Der Fremde im eigenen Land genoss
schon einmal heiliges Gastrecht, wurde behandelt, als ob, der Legende
entsprechend, der Herrgott selbst in Menschengestalt durch die Lande zöge und
die Herzen prüfte.
2.4 Die prinzipielle Lösung: Toleranz und multiple
Persönlichkeit
Das Zauberwort, das aus dem zuvor geschilderten Dilemma und den beklagten
Verhängnissen herausführt, heißt „Toleranz“, denn Toleranz heißt Eingliedern,
also Integrieren, aber Integrieren unter Zulassung von Verschiedenheit.
Toleranz heißt somit auch, die damit verbundenen Spannungen aushalten zu können
und Geduld mit Konfliktlösungen zu haben, die kreativer sein sollen als
bisherige, oft unzulängliche Versuche.
2.4.1 „A und B“ statt „A oder B“
Um dies besser zu begründen, müssen wir nochmals auf die Wirksamkeit von Normen
zurückkommen. Im zwischenmenschlichen Umgang treten die eigenen Normen mit
denen des anderen in Beziehung. MARGARETE: Nun sag, wie hast du's mit der
Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub, du hältst nicht
viel davon. FAUST: Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut ... Wenn
solchermaßen die eigenen Normen in Frage gestellt werden, kann dies Angst
auslösen, was wiederum zur Abwehr – aber nun eben nicht nur dieser Angst,
sondern gleich der ganzen angstmachenden Beziehung führen kann. Durch
Manipulation des Beziehungspartners wird dann versucht, im eigenen
„Normgleichgewicht“ zu bleiben. Der andere soll dazu gebracht werden, durch
Angleichung seines Normsystems an das eigene die Bedrohung und Angst
aufzulösen. Ablesbar ist dies an fixierten Rollenzuschreibungen, gegenseitigen
Schulzuweisungen, projektiven Feindbildern oder eben auch überhöhten Idealen,
Idolen.
Eine große Herausforderung an unser tradiertes Denken steht uns ins Haus, einem
bisherigen Denken in sich ausschließenden Gegensätzen, „A oder B“. Bisher
konnte gesagt werden „Fremde erkenne ich daran, ob sie von mir verschieden oder
gleich sind“. Nun könnte sich ein Denken durchsetzen, das konstatiert, dass
Fremde „ teilweise von mir verschieden und teilweise mit mir übereinstimmen“.
Würde sich dieses glecih-gültig gelten lassende „und“-Denken noch mehr
verbreiten können, könnten sowohl „rassistische“ (Unterschiede betonende,
ethnozentrische) als auch „scheinliberale“ (Unterschiede verneinende,
multikulturelle) Extrempositionen in den öffentlichen Debatten eingedämmt
werden.
Erst die Relativierung und Infragestellung eigener Normen führt zu
Beziehungswachstum, ermöglicht „Ich und Du“ zu sagen und bietet Schutz durch
Aufgenommensein. Nicht durch angstvolle Abwehr der Beziehung sondern durch
Beziehungsaufnahme und mutige Selbstöffnung kann dieses Ziel am besten erreicht
werden.
2.4.2 „Ich kann so und so sein“ statt „Ich bin so und nur so“
Bemühen wir uns also zusammen um ein Verständnis, das man kosmo-politisch
nennen könnte. Der entscheidende Unterschied zum alten, ausgrenzenden Denken
oder zum extremen Gegenteil, einer „Multi-Kulti-Euphorie“, sollte verstanden
werden. Jeder einzelne von uns muss und kann gleichzeitig Mitglied
verschiedener Gruppen und Lebensbezüge sein. Jeder ist in seiner Person Teil
verschiedener sozialer Einheiten und dort jeweils ein Eigener, nämlich aus
seiner Herkunftsfamilie heraus, in seiner Partnerschaft und Familie, die er selbst
gründet, bei seinen verschiedenen Loyalitäten Arbeitgebern gegenüber und in
wechselnden politischen Bezügen. Ein solcher Mensch könnte ohne weiteres zu
sich sagen „Ich bin Viele“ ohne gleich an einer Persönlichkeitsspaltung leiden
zu müssen.
Demgegenüber ging der alte Denkansatz vom Kollektiven aus, das dem Individuum
gewissermaßen vorgelagert oder übergestülpt sei. Dieser soziologische
Grundansatz orientierte sind an Gruppen, die, ob verschiedenartig oder
gleichartig, in jedem Fall aber gegeneinander abgegrenzt gedacht waren und die
einzelnen Personen einbinden. Eine Verbindung zu anderen Individuen in anderen
Verbünden konnte danach nur im „Dialog“ über die jeweiligen Gruppengrenzen
hinweg aufgenommen werden.
Versammelt der Einzelne nun aber im von mir bevorzugten Verständnis
verschiedene Identitäten in sich, kennt er sie als Verschiedenheit in sich, ist
ihm Verschiedenheit außerhalb seiner selbst auch nichts Befremdendes oder gar
Bekämpfenswertes mehr. Er hat im Umgang mit sich gelernt, im Konfliktfall
Brücken zu schlagen, statt abzubrechen, Verschiedensprachiges zu übersetzen,
statt zu verstummen, wenn er sich in Konfliktfeldern bewegt. Nochmals, mit
anderen Worten: Selbstannahme als sich selbst teilweise Fremder und seine ganze
innere Gestalt erst noch Suchender ist Voraussetzung zur Annahme des Anderen
mit seinen mir teils fremden, teils vertrauten Eigenheiten.
3 Zur Integrationsbalance der Kommunen
Haben wir uns jetzt verplaudert oder hat das bisher Gesagte etwas mit
Kommunalpolitik zu tun? Lassen sich daraus Wünsche und Anregungen an die
Politik ableiten?
Mir scheint, Kommunalpolitik sei das Feld, auf dem sich Menschen tummeln, die
alle so sein wollen, wie kein anderer auf der Welt und die es zu tun haben mit
anderen Menschen, die sich ebenfalls gerne als Unikate sehen, dass
Kommunalpolitik aber nicht anders kann, als Menschen in Interessengruppen
einzuteilen, innerhalb derer jeder so ist, wie die anderen auch.
Kommunalverwaltungen jedenfalls arbeiten nicht mit Einzelfällen, sondern mit Fallklassen.
Und wer welche einer Klasse zuordnet, - das haben wir gesehen – schließt andere
von dieser Klasse aus. Verdruss ist vorprogrammiert. Gewählte Politiker müssen
nun aber auch noch versuchen, möglichst beide Seiten, die Ein- wie die
Ausgegliederten, für sich als Klientel zu gewinnen, sich für sie wichtig zu
machen und ihnen Lösungen bei den anstehenden Konflikten schmackhaft zu machen.
Sie müssen versuchen, durch eigene Entscheidungen auseinanderklaffende
Bevölkerungsteile zu integrieren, den Mantel des sozialen Friedens über alle zu
breiten.
3.1 Zerrform Kirchturmpolitik
Können unsere Kommunen, unsere Städte zumal, die Aufgabe des
Spannungsausgleichs zwischen Eingegliederten und Ausgegliederten aushalten und
produktiv damit umgehen oder bescheiden sich unsere Kommunalpolitiker, sowieso
immer knapp bei Kasse und somit vermeintlich ohne reale Chancen, innerhalb
ihrer Ortsbindungen mit engem Kirchturmdenken und trösten sich mit
Geselligkeiten in geschlossenen Honoratiorenkreisen? Dann entsprächen sie noch
dem lang-überlieferten und weit verbreiteten Bild eines Kommunalpolitikers, wie
sie einst in der Figur des Josef Filser von Ludwig Thoma oder – wieder aktuell
- des Max G. Froschhammer von Dieter Hanitzsch und Herbert Riehl-Heyse
karikiert wurden?
3.2 Voraussetzungen fehlen
3.2.1 Autonomie der Kommunen
Voraussetzung dafür, dass Kommunen ihre Bürger sowohl in Programme einbinden
als auch für sich machen lassen können, ist ihre politische Autonomie und sind
die Mittel, ihren daraus entspringenden Willen umzusetzen. Betreiben aber die
Städte wirklich noch sozialen Wohnungsbau in nennenswertem Umfang, haben sie
Einfluss auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, gestalten sie denn noch ihren
öffentlichen Raum bürgerfreundlich, beispielsweise ihren Hauptplatz oder die
Wohn-Siedlungen in der Peripherie?
Die Tendenz ist allenthalben, dass sie Entscheidungen an übergeordnete
staatliche Instanzen abtreten oder den Marktmechanismen überlassen. Hier liegt
aber die Gefahr: Werden die politischen Entscheidungen von den Kommunen nicht
mehr selbst getroffen und verantwortet, sondern eher nur noch verwaltet, haben
die dabei notwendig Ausgegrenzten nur noch die Risiken der Ausgrenzung zu
tragen und werden um ihr entwicklungsförderliches Potential gebracht, das im
regionalen Maßstab rückwirken könnte, im überregionalen jedoch verpufft.
Insbesondere ethnische Minderheiten fühlen sich dann benachteiligt,
stigmatisiert und ohne Perspektive.
3.2.2 Bürgerliches ortsständiges Unternehmertum fehlt
Im Zuge der Internationalisierung, Globalisierung und des Übergangs von der
Industrieproduktion zur Dienstleistung international operierender Konzerne –
Vorgänge, von denen wir Bürger zu wenig Ahnung haben - , verlieren die Kommunen
mehr und mehr das lokal eingebundene und vor Ort bisher verantwortliche
bürgerliche Unternehmertum. War dieser Unternehmer bisher im günstigen Fall
Bauherr, Ratsmitglied, Vereinsvorsitzender und überhaupt lokalpolitisch
interessiert, so bleibt an seiner Stelle nur noch der Stadtnutzer und Stadtkonsument,
der dort wohnt und arbeitet, wo er die besten Angebote erhält. Klar ist auch,
dass er Dienstleistungen, Infrastrukturen und Wohnbedingungen nach
internationalen Spitzenstandards erwartet. Versuchen die Städte nun, dieser
neuen, anspruchsvollen Klientel gerecht zu werden, fördern sie zwangsläufig
neue Ungleichheiten und säen neidvolle Zwietracht. Nebenbei gesprochen: Auch
insofern lässt sich die Absage von BMW an Landsberg als Standort für eine neue
Fertigungsstraße für Pkws durchaus verschmerzen.
3.2.3 Die städtische Bevölkerung wird auf soziale Einbrüche
mit Ablehnung von „Fremdem“ reagieren
Wird eine städtische Bevölkerung ein Weniger an Wohlstand, Chancengleichheit
und Optionen hinnehmen? Bisher verhielt sie sich – in Großstädten mehr noch als
in Kleinstädten - in der Weise integriert, dass sie Konflikte vermied durch
eine Art „akzeptierende Gleichgültigkeit“, so eine Art anonymen Schleier
gegenüber allen anderen Stadtbewohnern. Gemeinschaftsgeist, emotionale Nähe,
Vertrautheit und soziale Verpflichtung spielten bei den Städtern bisher
eigentlich keine Rolle; sie ließen sich eher durch Nutzenkalkulationen
bestimmen. Diese prekäre Balance des halbwegs aufgeklärten städtischen
Bewusstseins wird in Zukunft nicht mehr gut zu halten sein. Man fürchtet – und
es gibt Anzeichen dafür - , dass sich die Waage verschieben wird in Richtung
Ablehnung und Ausgrenzung von Fremden oder ganz allgemein von „Anderem“.
Darin werden sich eigene Statusunsicherheiten, Abstiegsängste, Konkurrenz um
knappe Güter u.a. wiederspiegeln und sich in Ablehnung, Feindseligkeit und
Aggression äußern.
4 Kommunale Ausgleichspolitik ist erschwert
4.1 Verspätete Anerkennung von Realitäten durch die Politik
Die bisherige, seit den 60er-Jahren von unseren christlich-konservativen
Regierungen politisch gewollte Arbeitsimmigration – der Vertrag mit der Türkei
stammt zum Beispiel von 1961 - diese Politik hat u.a. in der gesamten
deutschen Bevölkerung zu allgemeinem Wohlstand und zu einer qualitativen
Anhebung der beruflichen Karrieren geführt, unterschichtet allerdings mit
ausländischem, billigem Arbeitspotential. Es erwies sich letztlich als
blauäugig, junge, meist männliche Arbeitskräfte auf nur fünf Jahre befristet
für den Bau und die Montage gewinnen zu wollen, sie schlecht unterzubringen,
einmal im Jahr auf Urlaub zu ihren Familien zu schicken, um sie nach Ablauf der
Frist spurlos und schadlos für uns Deutsche wieder los haben zu können. Dieser
unmenschliche Plan ging nicht auf; von den Folgen einer verfehlten
Ausländerpolitik sind wir heute alle betroffen.
4.2 Probleme mit der zweiten/dritten Generation der
Arbeitsimmigranten?
Seltsamerweise hatten es die ersten radebrechenden Italiener, Türken und
Jugoslawen in gewisser Weise besser als ihre sprachlich geschulten und schulisch
gebildeten Söhne und Töchter heute. Die Väter hatten – so lange sie gesund und
arbeitstüchtig waren – ihren Job sicher; ihre Kinder müssen mit den Kindern der
Einheimischen um Jobs und Partner konkurrieren und kommen dabei unter aggressiv
machenden Druck, da sich viele einheimische Arbeitskräfte momentan
Abstiegsgefahren gegenüber sehen – in den neuen Bundesländern mehr als in den
alten.
4.3 Die misslungene Integration der Ex-DDR schuf eine
gefährliche Gemengelage
Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland hat eine zusätzliche,
bisher kaum bewältigte Gemengelage an Problemen geschaffen. Die Analysen der
Fachleute stimmen darin überein, dass in der alten DDR die weltweit erzwungene
Modernisierung nur halb gelang. Auf der objektiven Seiten wurde zwar
modernisiert (es gab Bildungsreform, Verstädterung, Industrialisierung u.a.m.),
auf der subjektiven Seite – in den Köpfen der Menschen - wurde aber versäumt,
den entsprechenden Wertewandel zu forcieren. Die Werte ihrer Alltagskultur, die
durchaus zum Zusammenbruch des Unrechts- und Überwachungsstaates dort mit
beigetragen haben mögen, werden nun im „vereinten“ Deutschland nicht gebraucht
und anerkannt. Dies deshalb, weil der Beitritt in einem Moment der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland erfolgte, in der diese selbst einen nur schwer
bewältigbaren Modernisierungsschritt tun musste, um im weltweiten ökonomischen
Wettbewerb mithalten zu können. Auf die Anarchie dieser Märkte und auf das
rasante Tempo der Veränderungen auch in ihren Gemeinden waren unsere „Brüder
und Schwestern“, nun kurz und abschätzig „Ossis“ genannt, innerlich nicht
vorbereitet. Dort, wo der Wandel verlangsamt oder wie in strukturschwachen
Randlagen gar nicht gelang, haben wir heute den größten Ärger und die meisten
Probleme mit unzufriedenen, regressiv oder aggressiv reagierenden jungen
Erwachsenen. Die Prügelknaben sind – der Einfachheit halber – die Anderen und
die Fremden, von Weitem leicht erkennbar an der Hautfarbe.
5 Realismus im Umgang mit Anderen und Fremden
5.1 Statistiken lesen – Hysterie dämpfen
Wie aufgeregt mutet die Diskussion um Ausländer an, wenn wir uns nur einmal
ganz schlicht die Zahlen aus der neuesten einschlägigen Erhebung vorhalten: Der
durchschnittliche Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung in Bayern
betrug 1998 9,2% und 1999 9,2%. In der Großen Kreisstadt Landsberg verzeichnet
der Bericht des Bayer. Arbeits- und Sozialministeriums im Oktober 2000 10,8%,
ebenso viel hat beispielsweise die Gemeinde Bad Wiessee, Buchloe hat etwas weniger
(9,3%), Füssen etwas mehr (14,8%). Erst ab 15% beginnt die „kritische Masse“
und sollte man sich dann auch explizit um Integrationsmaßnahmen bemühen. Zu den
einfachsten zählen Ausländerbeiräte, Ausländerbeauftragte (wie hier in
Landsberg) oder speziell besorgte Stadtratsmitglieder für Integrationsfragen.
Sie kümmern sich zumeist um eine angemessene Wohnungspolitik, um Angebote zum
Spracherwerb, um Jugendarbeit und um schulische Belange.
5.2 Migration als Dauerphänomen anerkennen
Es steht jetzt an und anständig wäre es, zunächst einmal die Problemsituation
hierzulande genauer zu beschreiben, statt Ängste, die ja nicht ganz und gar
unberechtigt erscheinen mögen, zu schüren oder sich gar eingegrabener
Vorurteile zu bedienen, die gegen Tatsachen sowieso immun sind. Unsere in der
Verfassung reklamierten Grundwerte sollten es uns verbieten, mit
Ausländerproblemen parteipolitische Süppchen zu kochen und die eigenen Wähler
damit abzuspeisen, abzulenken und damit zu beruhigen.
Auf den Tisch gehört, dass es weltweit, insbesondere auch in Europa, schon
immer Bevölkerungsbewegungen, sogenannte Migration gab und auch weiterhin geben
wird, ja, dass dieser Trend in modernen Gesellschaften im Zuge der nicht mehr
aufhaltbaren Globalisierung noch zunehmen wird. Übersehen wird in diesem
Zusammenhang aber auch gerne, dass Migration meist pendelförmig abläuft, also
nicht nur Zuwanderung, sondern auch Abwanderung einschließt. Derzeit gibt es
bei uns mehr Fortzüge als Zuzüge. Solche Zurückwanderer bewegt nicht in erster
Linie Misserfolg hier oder Heimweh nach dort, wie so oft kolportiert wird. Sie
sind vielmehr getragen von der Hoffnung auf weiteren sozialen Aufstieg, ein gut
nachvollziehbares Motiv bei allen Menschen der westlich-zivilisierten Welt. Sie
könnten – so meine ich – auch gut Botschafter für ihr bisheriges Aufnahmeland
sein, wenn wir sie nur fair genug behandeln wollten.
Warum wird Migration jetzt aber als Bedrohung aufgefasst? Vielleicht spielen
uns hier unsere eigenen Phantasien von der Wagenburg, von der Festung Europa,
von einer Wohlstandsoase, von dem vollen Boot einen Streich? Je mehr wir uns
abschotten wollen, um so großmächtige werden Vorstellungen möglicher Feinde.
Haben wir ganz vergessen, dass halb Europa noch bis ins 19. Jahrhundert hinein
an einer nicht enden wollenden Kette von Kriegen, an Hungersnöten und Willkür-
und Gewaltherrschaften zu leiden hatten und dass viele unserer Vorfahren ihr
Heil in anderen Kontinenten verzweifelt suchten? Wir müssen einfach einsehen,
dass Mitteleuropa wieder zu dem zurück kehrt, was es vor der nur 50 Jahre
währenden Erstarrung der Welt in zwei Blöcke schon immer war – eine Drehscheibe
im internationalen Wanderungsgeschehen.
Wer allerdings nur Migration aus der „Dritten Welt“ nicht haben möchte, dem
steht schon immer eine Vorsorgemaßnahme offen: Einstellung von Waffengeschäften
mit wild gewordenen Stammeshäuptlingen, Fossilien verfehlter europäischer
Kolonialpolitik, Einstellung auch von anderen zweifelhaften Geschäften der
Agrarindustrie und der Pharmakonzerne, Bezahlung angemessener Preise für
primäre Energieträger, Metalle, Genussmittel wie Kaffee, Kakao, Bananen usw.
usf. Damit wird nur strukturelle Armut dort erzeugt, um es hierzulande besser
zu haben. Was hindert die Bewohner dort denn sonst daran, ihre Existenzen bei
uns gründen zu wollen, wo man es besser hat? Würden wir uns an ihrer Stelle
anders verhalten?
5.3 Niveauvoller Umgang mit Anderen und Minderheiten
Zurück zu uns und zu dem, was wir im Sinne friedlichen Zusammenwirkens
günstiger gestalten könnten. Dazu gibt es nun zwei Minikurse. Der eine heißt
„Mir san mir“, der zweite „Mir san die mehreren“. Dabei stütze ich mich wieder
mehr auf mein Fachgebiet, die Psychologie.
5.3.1 „Mir san mir“ – ein sozialpsychologischer Grundkurs
Je größer der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe, um so unterschiedlicher sind
die Wahrnehmungen von Angehörigen der beiden Gruppen. Selbst wenn klar
ersichtlich ist, dass die Zuteilung zur einen oder anderen Gruppe rein
willkürlich erfolgt, werden die Mitglieder der „eigenen“ Gruppe günstiger
behandelt als die der „fremden“. Dazu müssen die Mitglieder nicht einmal in
Kontakt zueinander treten oder gar einen Wettstreit austragen. Der Neigung,
Fremdgruppen grundlos abzuwerten, unterliegen eher unzufriedene Personen mit
geringem Selbstwertgefühl; ist letzteres bedroht, neigen solche Personen dazu,
Fremdgruppen abzuwerten oder gar deren Mitglieder zu misshandeln.
Vollends zu Vorurteilen und diskriminierenden Handlungen kommt es immer dann,
wenn bei den Betroffenen das Gefühl aufkommt, benachteiligt oder gar betrogen
zu werden. Da lebensnotwendige oder begehrte Güter stets rar sind und bei den
Kämpfen darum immer einige erfolgreicher als andere hervorgehen,
Verteilungskämpfe in der Gesellschaft also an der Tagesordnung sind, gibt es immer
„Verlierer“, neuerdings „Modernisierungsverlierer“, die enttäuscht werden und
mit neidvollen Gefühlen reagieren.
Wenn auch Vorurteile wegen des bekannten Gruppenegoismus nie ganz ausgeräumt
werden können, kann man üblen Diskriminierungen von Angehörigen anderer Gruppen
doch entgegenwirken. Die älteste Überlegung dazu, Mitgliedern verschiedener
Gruppen häufige Begegnungsmöglichkeiten zu eröffnen, recht nach neueren
Erkenntnissen, z. B. bei der Aufhebung der Rassentrennung in den USA, jedoch
nicht ganz aus. Auch Erfahrungen mit Städtepartnerschaften dürften dies lehren.
Hinzu kommen muss u.a. die Bedingung, dass sie sich als gleichwertige Menschen
begegnen. Integrierend wirken lösbare Aufgaben, vor denen beide Gruppen stehen,
die jedoch nur gemeinsam gelöst werden können und auch wirklich Erfolg haben,
indem jeder Teilnehmer einen Beitrag leistet (gemeinsame Daseinsvorsorge,
Bekämpfung eines gemeinsamen Notzustandes usw.)
5.3.2 „Mir san die mehreren“ – Ein Grundkurs in politischer
Klugheit
Mehrheiten entscheiden im demokratischen Prozess. Neben den bekannten Vorteilen
des Mehrheitsprinzips, dass Entscheidungen z.B. rascher fallen können, werden
jedoch in der Ideologie der Mehrheitsparteien oft zwei Nachteile übersehen.
Mehrheiten können ihren Angehörigen bisweilen die soziale Wirklichkeit falsch
vordefinieren, sie können also ein Bild der sozialen Wirklichkeit suggerieren,
das nicht ganz den Tatsachen entsprechen muss. Noch gravierender ist, dass die
nützliche Rolle der Opposition, der Minderheiten oder auch der sog. „extremen“
Standpunkte nicht mehr gesehen wird, oft aus Unsicherheit über den eigenen
Standpunkt. Man fürchtet, wenn man diese „Aufweichung“ zuließe, die bequeme
Macht der Mehrheit zu verlieren.
Von daher sind Manöver verständlich, Außenseiter erst einmal zur Aufgabe ihres
Standpunktes zu überreden. Erweist sich dies als aussichtslos, werden
Außenseiter ignoriert oder gemieden. Von da ist der Weg nicht mehr weit,
Außenseiter als unsympathisch abzulehnen. Je attraktiver die Mitglieder in der
Mehrheitsgruppe sich untereinander finden (je mehr gegenseitiges
Schulterklopfen vorherrscht), um so kleinere Meinungsunterschiede reichen aus,
um den Anderen die Sympathie zu entziehen.
Wir brauchen aber abweichende Meinungen wie die Hefe im Brotteig oder im
Brausud; jede Kultur würde erstarren, wenn sich die Menschen nur noch in dem
bestätigten, was sie momentan annehmen und meinen. Deshalb ist die Frage so
wichtig, wie Mehrheitsmeinungen von Außenseitern oder Minderheitsgruppen
verändert werden können. Viele Persönlichkeiten und Gruppen unserer Geschichte
hatten den Mut, gegen Mehrheitsmeinungen aufzustehen. Zu ihrer Zeit erfreuten
sie sich meist keiner großen Beliebtheit, doch erweist sich später oft, dass
sie es waren, die die Entwicklung im Gemeinwesen voran gebracht haben.
Die verfassungsgeschichtliche Sondersituation, dass in Bayern eine Partei seit
Jahrzehnten unangefochten im Regierungssattel sitzt, wirft entsprechend viele
Beispiele dafür ab, dass Eingaben von Minderheiten besser beachtet worden wären.
Nennen wir aus aktuellem Anlass die Biermösl-Blosn, die schon Anfang der
80er-Jahre das „Land der Baywa“ auf die Schippe genommen haben oder im
„Erntedank“-Lied die Agrarchemie und Zuschüsse für „Benezilingöckal im
Henakazett“ auf ihre Schippe nahmen. Als Hias Kreuzeder aus Bayern,
Abgeordneter der Grünen im Bundestag, 1990, fünf Jahre nach Aufkommen der
BSE-Fälle in Großbritannien das Verfüttern von Tiermehl verbieten lassen
wollte, die offene Deklaration von Tierfutter und ein BSE-Forschungsprogramm
forderte, wurde dieser Antrag abgelehnt. Noch Ende 1999 wollte die
Mehrheitspartei nichts von Gefahren und Gefahrenvorsorge wissen und im Jahr
2000, als es ringsum schon stark kriselte, war die Bayerische
Gesundheitsministerin die eifrigste, andere für übertriebene
Maßnahmenforderungen zu tadeln. Der Schwur eines jeden Ministers bei
Amtsantritt enthält aber wesentlich den Satz, mit ganzen Kräften Schaden vom
Volk abhalten zu wollen. Welche höherwertigen Interessen halten unsere
gewählten Politiker bloß so nachhaltig davon ab, dies auch einfach zu tun?
Fragen wir uns nach solchen Erfahrungen also: Wie muss man vorgehen, um mit
notwendiger Zivilcourage auch erfolgreich sein zu können? Minderheiten sollen,
um wirksam werden zu können, einen bestimmten Verhaltensstil pflegen, sie
müssen sich gut überlegen, wie sie etwas vorbringen, während die Macht der
Mehrheit eben nur aus ihrer Überzahl besteht und argumentieren und agieren
kann, wie es ihr gerade gefällt. Als erstes müssen sie sich Gehör verschaffen
und zur Kenntnis genommen werden; dafür sollten offene parlamentarische Formen
und letztlich auch hellhörige und sauber recherchierende, unabhängige Medien
die Gewähr geben. Sodann muss die Mehrheit in ihrer Annahme erschüttert werden,
eine allseits geteilte Auffassung zu vertreten; erst dadurch werden Mehrheiten
motiviert, sich mit Minderheiten überhaupt zu beschäftigen. Eine
Sollbruchstelle liegt darin, dass Mehrheiten ihre Mitglieder oft zu
öffentlichen Bekenntnissen zwingen können, die jedoch nicht immer in Übereinstimmung
mit persönlichen Überzeugungen stehen müssen. Der Fraktionszwang lässt grüßen.
Schließlich müssen Außenseiter Standpunkte konsequent und beharrlich vertreten,
sie dürfen keinen Selbstzweifel erkennen lassen und sollten möglichst als
Einheit auftreten. Sie dürfen allerdings auch nicht den Bogen überspannen,
sonst wirken sie penetrant und stur; die Mehrheitspartei sollte von ihnen den
Eindruck geistiger Beweglichkeit bekommen. Dann ist es wohl weniger
ehrenrührig, auch einmal etwas Vernünftiges von der Oppositionsseite
aufzugreifen.
6 Was dürfen und können wir von unseren Politikern in Stadt
und Land in Zukunft fordern?