„Nun denn, lieber Mensch,
was schadet es dir, wenn du Gott vergönnst, dass Gott Gott in dir sei?“
(aus der 6. Predigt des Meisters Eckehardt)

 

Das Folgende sind im Wesentlichen Lesefrüchte aus W. Jäger „Die Welle ist das Meer“ (Herder: Freiburg, 2000), die man unter das Motto stellen könnte „Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen“ - und nicht umgekehrt. Ich danke Robert Auberger für den Literaturhinweis. Obwohl ich ein vorsichtig prüfender Mensch bin, was Mystik und New Age betrifft, hat mir das aufgeklärte und doch auch auf ganz alten Quellen beruhende Weltbild von W. Jäger imponiert, vielleicht auch deshalb, weil er nicht abhebt, sondern bescheiden bleibt und durch Rückbezug auf den Alltag trotzdem kühn wirkt. Das Interview mit diesem benediktinischen Zen-Meister (neuerdings mit Predigt-Verbot, was denn sonst?) gibt Anregungen zu einigen unserer Punkte aus den bisherigen Rund-Mails. Eingearbeitet sind auch einige andere Anregungen, die mir zu Folge 2 zugegangen sind. Ich habe wiederum versucht, einzelne Gedankenstränge zu verfolgen, ohne jedoch bislang in der Lage zu sein, eine Gesamtschau zu präsentieren. Bei nochmaligem Überlesen kam mir das noch unfertige Ganze wie eine Weihnachtsbotschaft vor, weshalb ich nicht zögere, es rechtzeitig vor Epiphanie frei zu lassen.

 

Mensch und Evolution – Gott entfaltet sich in ihnen

 

Auch in der Debatte um „Menschenzüchtung“, die Sloterdijk angefacht hat, wird von der offensichtlichen Unreife der Species Homo Sapiens ausgegangen. Da bisherige Erziehung – grob gesprochen – es nicht vermocht hat, aus Menschen „Menschen“ zu machen, bekommen Gentechniker und Biochemiker Aufwind. Seit die Menschen mit Geist ausgestattet wurden, sind sie zu Ko-Kreatoren geworden und man sollte die Augen davor nicht schließen; sie können und dürfen (!) in die Evolution eingreifen – doch ob dies mit Sinn und Verstand geschieht oder nur im Sog technischer Machbarkeit, das ist genau die Frage. Wir dürfen „unsere Jungs“ nicht wie an ihren Bomben und Raketen auch an gebärfreudigen Omas einfach herumbasteln lassen. Gesucht wird der Mensch für menschenwürdiges Zusammenleben. Dies wird nicht durch äußere Belehrung gelingen, sondern wohl nur durch die Erkenntnis und Erfahrung der Verbundenheit des Menschen mit allen Wesen.

Religionen müssen dazu ihren Beitrag leisten, indem sie hinderliche Dogmatik aufgeben. Die großen Erzählungen, vor allem die vom Sündenfall und Abfall von Gott gehören revidiert und verantwortlichere Einstellungen zu Gott und der Welt entwickelt. Wir können aus der „Ersten Wirklichkeit“, wie Gott umfassender bezeichnet werden kann, gar nicht herausfallen, wir können höchstens vergessen, dass wir Teil davon sind. Nicht Gott hat von außen die Evolution angestoßen, sondern „Evolution ist der sich selbst entfaltende Gott“ (82). 

Das Strukturprinzip der Evolution – man höre und staune – ist Liebe – Offenheit für alles und jedes, Bereitschaft, sich mit anderen zu verbinden und dabei sich selbst zu übersteigen. „Nur wer seine eigene Identität wahren und gleichzeitig über sich hinausgehen kann, hat in der Evolution eine Überlebenschance.“ (83) Der Tod des Individuums allerdings zählt wenig. Es ist das Strukturprinzip der Evolution, über „Hekatomben von Leichen“ zu gehen.

 

Spirituelles Ungenügen des Christentums – dogmatisch bewirkt

 

Letztlich wäre die Christenheit mit Platon besser gefahren als mit Aristoteles. Letzterer inspirierte zu einer dualistischen Weltsicht und zu einem theistischen Gottesbild (herrlicher, hochgepriesener Gott gegenüber Welt als schmutzigem Jammertal). So war es für Paulus geradezu zwingend, Jesus’ Leben unter Betonung des Sühnetodes am Kreuz zu einer Erlösungstheologie auszudeuten. Auch in anderen Weltreligionen gibt es solche Vergegenständlichungen Gottes. Dies liegt vielleicht auch daran, weil unser Verstand – oft gegen Ahnungen des Gefühls - keinen anderen Zugang zur Wirklichkeit kennt als den dualisierenden.

Mit Platon wird mystische Spiritualität besser bedient, nach ihm ist die Welt nichts anderes, als die Erscheinung des Göttlichen und in diesem Sinn würde Erlösung Erwachen zum wahren Wesen bedeuten. Dies ist auch in der Nachfolge Christi möglich, der nie verhehlt hat, dass er als wahrer Mensch mit „seinem Vater“ eins ist. Heilsgeschichtlich gedeutet ist Jesus (wie auch Krishna) „der Urtypus des aus Gott geborenen und mit Gott in Einheit verbundenen Menschen.“ (91)

Es geht aber auch losgelöst von solchen abgehobenen Betrachtungen – mit Körper-Religion: „Religion ist unser Leben und der Vollzug des Lebens ist die eigentliche Religion. Gott will nicht verehrt, er will gelebt werden“ (24), „Der Alltag sei Gebet“. (28) „Nur aus diesem Grund sind wir Mensch geworden, weil Gott in uns Mensch sein möchte.“ (27) Im apokryphen Thomas-Evangelium heißt es „Spaltet ein Stück Holz, und ich bin da. Hebt einen Stein, und ihr findet mich dort.“ (30) „Das Leben ist eine Feier. ... Ich zelebriere mein Leben als Ausdrucksform des Göttlichen. Gott möchte im Menschen Mensch sein.“ (177) Da haben wir wieder Meister Eckehardt vor uns und eine Menge Anregungen, die Lukas-Geschichte, so liebevoll sie auch ausgestaltet sein mag, einmal anders anzugehen!

 

Transpersonales Bewusstsein, mystische Erfahrung – kein bloßer Schmarren

 

Der Zugang zu einem transpersonalen Bewusstseinsraum kann (im Alltag) erfahren werden, wenn man sich dafür öffnet. Die Tür dazu muss allerdings von innen aufgehen, evtl. angestoßen durch eine Lebenskrise, offen gehalten durch meditative Übungen usw. Unentwickelte Potentiale warten darauf, „im Zuge einer Weiterentwicklung des Bewussteins freigesetzt und aktiviert zu werden.“ (153) Man darf (nach Gebser, Wilber u.a.) annehmen, dass sich das menschliche Bewusstsein im Laufe der Evolution entwickelt hat, dass es archaische, magische, mythische, mentale, transpersonale Stufen durchlief - und es wird sich noch weiter entwickeln. Ganzheitliche Denkstile, so wie sie mehrheitlich von beidhirnhälftig denkenden Frauen gepflegt werden, sind dafür sicherlich förderlich.

 

Mystische Gotteserkenntnis: Leben, Liebe, Evolution – alles austauschbar

 

Gott und die Welt sind also eins. Alles ist „Sohn Gottes“. Gott als „Erste Wirklichkeit“ kann nur in der Erscheinungswelt gebrochen erfasst werden, wie Licht durch ein farbiges Fensterglas oder als Erscheinung des beleuchteten Objekts. Aber nachdem auch Materie nur eine Form von Energie ist, bescheint Licht irgendwie letztlich sich selbst (Taumel erfasst mich...). Der ganze Kosmos, wir selbst eingeschlossen, sind Epiphanie Gottes. „Die Aufgabe des Ich besteht darin, zurückzutreten, um der Ersten Wirklichkeit im Leben Platz zu schaffen – um Gott zur Welt kommen zu lassen“ (vgl. auch Predikt 6 von Meister Eckehardt).

 

Leben nach dem Tod, Jüngstes Gericht, Wiedergeburt, Karma – alles unwichtig

 

Den Tod gibt es in mystischer Sichtweise eigentlich nicht, denn das was stirbt, ist lediglich die Form, in der sich das Eigentliche ausdrückt. Ob dieses noch eine Identität mit früheren Formen hat, erscheint unwichtig, denn es inkarniert sich immer nur die Erste Wirklichkeit, die man Gott nennt, und nicht eigentlich ein früheres Ich. Das Sterben in ein viel Größeres hinein relativiert die Sorge um den Fortbestand der Personalität. Schwer kann es allenfalls dadurch werden, dass das Ich als Organisations- und Funktionszentrum für die irdische Existenz eingerichtet wurde darüber zu wachen, dass das individuelle Leben erhalten wird. Es erfüllt nur brav seine Funktion, wenn es uns das Verscheiden schwer macht. Nur diesem Ich ist (nach W. Busch) „hinderlich wie überall ... hier der eigne Todesfall“.

Die Mystik des Ostens und die des Westens kennt keine Wiedergeburt; wiedergeboren wird nicht ein Ich sondern immer nur das göttliche Urprinzip. Nicht Dort und Dann, sondern „Hier und Jetzt ist der zeitlose Augenblick Gottes“ (48). „Gott vollzieht sich als Hier und Jetzt“, in unserem konkreten, alltäglichen Leben. (93) „Das Jenseits ist nichts, was irgendwann im Laufe der Zeit einmal kommen wird, sondern es ist das Jenseits der Zeit: die Zeitlosigkeit.“ (93)

Der Wunsch nach einem Fortleben über den Tod hinaus ist ein Produkt des Ich, das von sich selbst nicht lassen will (s.o.). Religionen bedienen diesen Wunsch mit ihrem ins „Jenseits“ projizierten Heilsversprechen (182); lediglich ein wenig Purgatorium (Fegefeuer) sei zuvor hinzunehmen.

Auch die Vorstellung vieler Wiedergeburten erscheint seltsam. „Wenn dieses eine Leben meiner Existenz keine Sinn zu verleihen vermag, werden tausend Leben das auch nicht schaffen.“ (183) Man kann sich fragen, ob wir in unserer Sinnsuche nicht oft auch zu hohe Ansprüche entwickeln und uns an perfekt glückende Lebensentwürfe – wo gibt es die schon? – hängen. Selbst Goethes Leben als (in Eisslers Analyse) vielbewundertes Gesamtkunstwerk enthält immer noch einige unschöne Beziehungsepisoden (mit Plessing, Lenz und seiner Schwester Cornelia), in denen Goethe moralisch gesehen „alt ausschaut“. Nach allem, was ich mir als Neuling auf dem Feld der Seelenwanderung vorstellen kann, stoße ich mich an dem unterstellten Programm, einer sublimen Pädagogik, die zur Reinigung der Seele von anhaftenden irdischen Resten anhält, obwohl ich diese Metapher schön finde, aber eben auch ganz schön einfach. Herauszuarbeiten wären noch kritische Unterscheidungspunkte, wie ein europäisch sozialisierter Mensch handelt, der Vorstellungen von Reinkarnation pflegt und einer, der von einer einmaligen Verwirklichungschance ausgeht. Was letztlich stimmt, kann ohnehin niemand wissen.

 

Mystik schließt das „Böse“ ein - und wo bleibt die Moral?

 

Wenn die schäbige, buchhalterische Vorstellung eines Richtergottes, einer letzten moralischen Außeninstanz passé ist, befürchtet man allgemein eine Verwilderung von Sitte und Moral. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an ein Wort des aufklärerischen Königs Friedrich II. „Wer kein Gefühl hat, habe Moral, wer keine Moral hat, habe Religion!“ Ersatz für verordnete Staatsreligion fände sich nur in einer allumfassende Liebe, die aus mystischer Schau und Erfahrung entspringt. Liebe ist die wahre Wirklichkeit, heißt, anerkennen, was ist (vgl. „Es ist wie es ist – sagt die Liebe“ von Erich Fried), heißt auch, ko-evolutionär gesehen, abgeben, um sich im Ganzen entwickeln zu können. Doch dahin bewegen wir uns alle erst noch mit vielen Rückschlägen...

Alles, was die Entfaltung des Lebens in diesem Sinne hindert, könnte man mit dem alten Begriff „Sünde“ belegen. Das Leid, das wir erfahren und das wir anderen hinzufügen, all das, was wir „Böse“ zu nennen gewohnt sind, sind ebenfalls Bestandteil der einen und ungeteilten Ersten Wirklichkeit, des evolutionären Geschehen Gottes; man kann es nicht einfach nur dem Versagen des Menschen zuschreiben. Dies ist ein radikaler Gedanke für die bisher ungelöste Frage danach, warum der (vergegenständlichte und hochidealisierte) Gott so viel Leid und Böses zu lässt: Es gehört einfach auch zur Evolution, in der sich das Göttliche zeigt – basta! Evolution ist – etwas roh ausgedrückt - Fressen und Gefressen werden. Erinnert sei auch an Sahtouris (in Folge 2): „Alles, auch unpassend Erscheinendes, wird ausgespielt und dem evolutionären Lernen unterzogen.“ Nur über Unpassendes wird Passendes gefunden; Gott lernt noch hinzu.

Woran wir aber arbeiten können, ist unsere egozentrische Tendenz, die Verweigerung der Selbsttranszendenz, die Weigerung, sich in allumfassender Liebe zu öffnen und dadurch anderes Leben gelten zu lassen. Selbsttranszendenz ist die Grundhaltung des Universums, Motor der Evolution. Es muss etwas absterben, damit neues entstehen kann. Viele rätselhafte Jesus-Worte wären in diesem Sinne neu zu sehen... Maßstab für jedes Lebewesen (als Holon; nach Arthur Koestler) muss sein, zwischen sich selbst als Teil und dem Ganzen ein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Wenn es nicht beides kann oder will, „also seine Identität als Teil und seine Eingebundenheit ins Ganze, vergeht es und zerfällt in seine Bestandteile“ (111), schadet sich also immens selbst.

Solche Überlegungen führen mich zu meinen drei Punkten einer „nicht-transzendental abgeleiteten Ethik unter Menschen“ zurück (in Folge 1; kann nachgefordert werden!), von denen ich jetzt erkenne, dass ihnen sehr wohl eine transzendente, person-überschreitende Qualität zu kommt.

 

Sehnsucht nach einfachen Dingen – „freiwillige Einfachheit“ und Konsumverzicht

 

Die Schüler eines Rabbi wollten das Geheimnis seiner Weisheit erkunden. Als er ihnen antwortete „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich“, waren sie fassungslos darüber, wo in dem, was sie als Nicht-Weise doch selbst schon tun, Weisheit begründet sein soll. Er bestritt dies jedoch und entgegnete „Wenn ihr sitzt, seid ihr schon aufgestanden; wenn ihr steht, seid ihr schon losgegangen; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen.“ (28) Wenn Gott aus meinen Augen die Welt ansieht, wenn Gott geht, wenn ich gehe usw. könnte dies eine Quelle von glücklichem, jedenfalls aber intensivem Erfülltsein darstellen, die mir nichts mangeln lässt. Wen die Angebote einer hysterischen Warenwelt schön langsam anekeln, wer es satt hat, sich von seinen davon dennoch angeheizten (Sehn-) Süchten nach außen tragen zu lassen, richte sich einen kleinen Sakralraum in seiner Wohnung ein und begnüge sich mit dem All-Eins-Sein mittels Nur-Still-Sitzen (Za Zen). Die Konsequenzen dieses Innehaltens auch für die Außenwelt wären unabsehbar... Auf seinem Heilsweg asketisch leben braucht dennoch niemand; es genügt, „all das auszuschalten, was daran hindert, zu einer umfassenden Erkenntnis und Erfahrung zu gelangen.“ (146) Gegen das Gerümpel des Alltags lässt sich Feng Shui einsetzen (rororo 60813). In diesem Zusammenhang: Meine strenge Enthaltsamkeit beim rituellen Austausch von Weihnachtsgeschenken ist in meiner Familie und bei meinen Freunden bekannt, ja schon gefürchtet...

 

Was hilft uns, um nicht verloren zu gehen? – Erste Antworten

 

Rüdiger Kebe aus Berlin (er macht auch wunderbar gefühlige Musik[1]) schreibt, er brüte über einem Buch, dem er eine einfache Regel zu Grunde legen möchte: Bildung schützt vor Verlorengehen. Bildung wiederum ist das Ergebnis von Qualitätsmehrung, sprich BesserWissen, nicht zu verwechseln mit Besserwissen. Ich habe das noch nicht ganz verstanden, werde aber dran bleiben.  Was wir jetzt schon in drei Folgen uns schreibend und lesend erarbeiten ist wohl auch ein Stück Bildung, ist Edukation, Hoch- und Herausziehen aus dem Wirrwarr des menschlichen Lebenssumpfes, um Perspektive zum Handeln zu gewinnen. Gemeint kann aber nicht sein, einmal im Schützengraben unter knallendem Granatenhagel – wie einst unsere Großväter im Feindesland – Gedichte memorieren zu können, die einem niemand nehmen kann, wie  „Über allen Gipfeln/ ist Ruh,/ In allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch;/ Die Vögelein schweigen im Walde./Warte nur, balde/ Ruhest du auch.“ (Goethe bei Sonnenuntergang am 06.09.1780 allein in einer Jagdhütte auf dem Gickelhahn bei Ilmenau)

 

Gaia – ist unsere Erde ein großes Lebewesen?

 

Meinen Freund aus den 70er-Jahren, Rolf Ullner, erinnert Gaia an C.G. Jungs kollektives Unbewusste. Er hält eine Operationalisierung der Gaia-Erfahrung und damit zusammenhängender Handlungssysteme für notwendig, damit die Gefahr gebannt werden kann, dass aus spiritueller Welt-Erfahrung  eine mystische Welt-Entfremdung sprießt oder gar wuchert. Die Vorstellung von unserer Erde als ein gigantisches Lebewesen übersteigt derzeit auch mein geistiges Vorstellungsvermögen. Ich habe bei F. Capra nachgesehen, der davon schon früher geschrieben und die betreffende Hypothese von Lovelock und der Bakterien-Forscherin Margulis popularisiert hat.

Leider lässt sich Leben von seinen Vorformen nicht ganz scharf abgrenzen, sonst wäre der Fall relativ klar. Für ein Lebewesen werden postuliert: Begrenzung (durch eine Membran), Selbsterzeugung, organisatorische Geschlossenheit und metabolisches Netzwerk (Stoffwechselsystem). Jede Zelle als Grundeinheit für Lebewesen verfügt über strukturbildende Proteine, dafür katalytisch wirkende Enzyme, RNA als Transportmedium für genetische Informationen und DNA als Speichermedium und für die Vermehrung. Kann man sich auf dieser Grundlage die uns tragende und nährende Erde wie eine lebende Mutter vorstellen, Gaia genannt, oder ist damit nur die von Bakterien einheitlich besetzte Oberfläche gemeint?

Ob diese Frage überhaupt so wichtig ist, wäre ebenfalls zu fragen. Für ökologisch-ethisches Handeln ist der Rückgriff auf so kühne Annahmen vielleicht gar nicht nötig, entspringen vielleicht eher dem romantischen Bedürfnis, unsere gegen-ständliche, verdinglichte Welt wieder zu verzaubern (vgl. Morris Berman)... Mir ist der Grundsatz lieber, zur Erklärung unserer Welt nur so viele Annahmen zu machen, wie unbedingt nötig sind.

 

Wo haben wir uns hindiskutiert – worum ging es mir eigentlich?

 

Im ersten Rundbrief ging es mir um

·         eine feste, breit geteilte Gegenposition zu skrupelloser Marktmacht und schierem Materialismus

·         Handeln nach gemeinsam geteilten Werthaltungen (jenseits von dogmatisierenden Staatsreligionen und unaufgeklärtem Fundamentalismus)

·         eine realistische Integrations- und Entwicklungsperspektive für real existierende Gewalt, Egoismen, Brutalität, Herzlosigkeit etc.

·         die Frage, ob systemische Ethik weiter führen kann (Verantwortung des Einzelnen für sich selbst und für das Ganze, unbedingte Transparenz für Erfolgs- und Fehlerrückmeldung usw.)

·         Kommunikation der Nachdenklichen und Beherzten untereinander, um nicht „verloren zu gehen“ und im Geiste nicht zu verhungern.

Bis Sommer 2003 möchte ich gerne in diesen Fragen zu einem vorläufigen Resümee kommen...



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