König Afonso VI ist geschwächt
Schomberg bei Tisch
"In Reih' und Glied"
"Kein sel'ger Tod ist..."
Missglückte Kampagne 1961
Schomberg reicht's jetzt!
Eine Glanztat in Defensivtaktik
Schomberg als tanzfester Mars
Schomberg in delikater Mission für die Königin
Schomberg im Spiegel seines Gegners (Fiktion und Kommentar)
Und noch Schomberg in Calvins Himmel! (Karikierender Kommentar)

König Afonso VI ist geschwächt

Unser König ist nicht nur wegen seiner Jugendlichkeit ohnehin ein besonderer Fall; er ist gerade erst 17 Jahre alt geworden und ihm spielen – mit Verlaub – nun auch die jugendlichen Körpersäfte besonders übel mit. Seine Mutter Dona Luisa de Guzman, aus dem andalusischen Hause Medina-Sidonia, tut als Regentin, was sie kann, doch fürchte ich, dass sie mit ihrer Erziehung bei ihrem jetzt ältesten Sohn keinen Schritt weiter kommt. Auch Padre António Vieira, der sie geistlich berät, scheint mit seinem Latein am Ende zu sein. Vielleicht hat man zu ausschließlich in den Kronprinzen D. Teodósio investiert und erst nach dessen Tod in die beiden anderen Prinzen. Fehlende Bildung des Geistes, des Herzens und unterlassene Übung von Tugenden können so schnell nicht aufgeholt werden.

Nun möchte man zwar D. Afonso seine Krankheit zu Gute halten, die seine Physis, seinen Verstand und sein Gemüt nachhaltig beschädigte. Damit hätte man leben können, da der Infant bei guter Zuwendung ansprechbar war und sich immer wieder als gutmütig erwies. Es hätte durchaus eine Basis gegeben, ihn auch gegenüber anderen Höfen Europas präsentabel zu erhalten. Doch zeigten die Feldzüge der Spanier gleich nach der Ernennung des 13-Jährigen zum König, das war Ende 1656, dass sie eine personale Schwäche im wiedererlangten Königtum sahen und prompt versuchten, uns unsere Grenzstädte abzunehmen. Ich werde Ihnen später noch darlegen, dass unsere Hofgesellschaft auch im Inneren durch die Schwäche des Königs verunsichert und zerrissen ist und leidet; auch die nötige innere Ordnung ist keineswegs wieder hergestellt. (Auszug von S. 21)

Schomberg bei Tisch

Bei Tisch fand Schonberg bestätigt, dass auch die Portugiesen der gehobenen Gesellschaft zum Einzelplatz mit Porzellanteller und Messer und Gabel übergegangen waren, ganz so, wie dies auch in Paris bei Hof schon länger Mode war. Nach einigen abgekochten, sehr frischen Riesengarnelen, die er auch schon kannte und mit Appetit essen konnte, auch wenn er die Mahón-Soße vermisste, wurde eine Suppe vorgesetzt, die gänzlich trübe war, aber angenehm gemüsig duftete und – wie man ihm versicherte –nebst feingeschnittenem Kohlgemüse auch schon gekochte Bataten, fein püriert, enthielt. Danach wurde ein gegrillter Fisch serviert, vermutlich eine Dorade, die mit Kopf, aber gänzlich nackend daher kam. Sein Tischnachbar bemerkte seine suchende und abwartende Haltung, wünschte auffordernd guten Appetit und machte sich grobschlächtig über seinen gegrillten Meeresbewohner her. Als Schonberg fragte, ob nicht noch etwas hinzukäme, wurde ihm versichert, dass Portugiesen Fisch so am meisten liebten. Überhaupt sei es portugiesische Art, ergänzte seine Tischnachbarin, die Gemahlin des Conde de Soure, D. Francisca de Noronha, Hauptspeisen einfach und ohne Dekoration oder gar Gemüse zuzubereiten, nämlich ganz auf die Frische des Fisches oder des Fleisches vertrauend und dessen Eigengeschmack suchend. Ob er diesen Vorzug schon realisiert habe? Gewiss, so Schonberg höflich, doch meine er im Fisch, den er inzwischen schon sachgerecht zergliedert und einige Bissen in den Mund geführt hatte, dennoch entgegen dieser erklärten portugiesischen Sitte etwas scharfen Lauch entdeckt zu haben. Während dessen war Weißwein nachgeschenkt worden, von dem der charmante Gast aber nur wenig verkostete und sich offenbar aus guten Gründen an das Wasser in der porösen Tonkaraffe hielt. Er nahm sich inwendig vor, ein solch kühlendes System, eine púcara, auf seinen Reisen im Alentejo mitführen zu lassen. (Auszug von S. 38)

"In Reih' und Glied"

Für das Gelingen des Kampfes in fester Ordnung war viel Exerzieren notwendig. Die Männer, die sich mit dem Ellbogen seitlich berührten, bildeten zur Front hin ein Glied, die Männer, die jeweils hinter dem ersten Mann im Glied standen, bildeten eine Reihe. Der Abstand in der Reihe betrug zwei Schritte, also eineinhalb Meter. Vorne wurde „geführt“, an den Seiten „gedeckt“ und hinten „geschlossen“ bzw. auch mal „geöffnet“. Verbreiterte man das Glied zu Lasten der Reihentiefe, nannte man das Dupplieren. Weitere Grundmanöver einer solchen Aufstellung waren das Alignement (in gleicher Linie mit den anderen bleiben), die Schwenkung (Bewegung um einen der Flügel herum) oder die Drehung (Bewegung um den Mittelpunkt der Formation herum). Kolonnen (eher tiefe als flache Aufstellung, bevorzugt für den Marsch) waren anfällig für Artillerie-Feuer von vorn und sie konnten leicht umfasst werden, so dass sich immer mehr die gefechtsbereite Aufstellung in breiter Linie durchsetzte.

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M Musketier/ Arkebusier
P  Pikenier
L  Leutnant
F  Fähnrich
H  Hauptmann

 1. Glied
2. 
3.
4.
5.
6. Glied

↕ Reihen ↕

 

 

Wenn die Ladedauer für die Musketen insgesamt zwei Minuten (120 Sekunden) dauerte, konnte bei einer sechsgliedrigen Reihe alle zwanzig Sekunden von den jeweils Vornestehenden gefeuert werden. Die Salvenabgabe der Pelotons (der Zugeinheiten) erfolgte nur auf koordiniertes Kommando der Offiziere von den Flügeln zur Mitte hin kurz nacheinander. So war die Regel, die jedoch im „Eifer des Gefechts“ oft zum unordentlichen Schießen verkam. Gefechtslärm, Sehbehinderung durch Pulverqualm, Unachtsamkeiten, Nervosität bei zunehmender Bedrängnis und eingetretenen Verlusten sind nur zu natürliche Ursachen dafür. Nur maschinenhafter Drill konnte dem abhelfen. (Auszug von S. 51/52)

"Kein sel'ger Tod ist..."

Kein sel’gerer Tod ist in der Welt, / als wer vorm Feind erschlagen, / auf grüner Heid, auf freiem Feld / darf nicht hörn groß Wehklagen.
Im engen Bett einer allein / muß an den Todesreihen, / hier aber findet er Gesellschaft fein, / falln mit wie Kräuter im Maien.
Ich sag ohn Spott: / kein sel’gerer Tod / ist in der Welt, / als so man fällt / auf grüner Heid / ohn Klag und Leid!
Mit Trommelklang / und Pfeifeng’sang / wird man begraben! / Davon tut haben / unsterblichen Ruhm / mancher Held frumm, / der zugesetzt Leib und Blute / dem Vaterland zu Gute! (Jakob Vogel, 1626; Schluss eines längeren Schlachtliedes; später von F. Silcher wieder aufgegriffen) (Auszug von S. 59)

Missglückte Kampagne 1961

Durch Intrigen seiner Gegenspieler in Madrid und mangelnde Unterstützung von dort im Juni noch irritiert, eröffnete D. Juan José nun im Juli dennoch erneut eine Kampagne, diesmal gegen Arronches, das relativ offen da lag und leicht eingenommen werden konnte. Schonberg schaffte es trotz Widerstände, alle Truppen in Estrémoz zusammenzufassen und mit diesen 13.000 Mann rechtzeitig gen Arronches zu ziehen. Der angriffslustige Schonberg wollte wie schon im Juni – trotz Sommerhitze - oberhalb des Flusses Caia (an der heutigen EN 371; der Fluss ist heute angestaut) Position beziehen, um den Rückzug der Spanier und ihre Kommunikation untereinander abzuschneiden. Da der eifersüchtige Atouguia in allem weiterhin vehement gegen den ausländischen General opponierte, verlor man viel Zeit mit diesen Uneinigkeiten. Zum Beispiel mussten alle obersten Generäle separat ihre Vorschläge, was zu tun sei, schriftlich an den König und Staatsrat in Lisboa senden. Und so merkten die Portugiesen kurz vor Arronches, dass sich die Spanier inzwischen in aller Ruhe über den Fluss Xévora zu ihren Erholungs- bzw. Sommerquartieren zurückzogen hatten. Arronches blieb aber spanisch, da es wegen der raschen Aufrüstungsarbeiten nicht mehr eingenommen werden konnte. Doch Schonberg setzte den Sommerfrischlern nach und lagerte zwischen Elvas und Badajoz, wo es zu Auseinandersetzungen vor der Caia-Brücke kam, ehe die Portugiesen dann ebenfalls Mitte August unweigerlich ins Sommerquartier einrücken mussten. Immerhin waren ihre Soldaten schon arg heruntergekommen und viele waren krank. Einige Soldaten wurden nun in die zu verstärkenden Städte geschickt, wo Schonberg mit ihnen weiterhin die neuen Taktiken (Marschieren und Absitzen, Lagern in Schlachtordnung nach dem Vorbild Turennes und anderes) üben ließ und für bessere Disziplin sorgte, was die portugiesischen Offiziere irritierte, denn auch sie waren Sommerpausen gewöhnt. Außerdem sperrten sie sich mehrheitlich immer noch gegen taktische und disziplinäre Reformen. Atouguia jedoch, dies war nun auch bei Hof nicht mehr zu übersehen, hatte durch seine Inaktivität und sein Verzögern großen Schaden verursacht. - Gegen Jahresende holte sich D. Juan José d’ Austria noch leicht Alconchel südlich von Olivenza zurück, das schlechte Verbindungen zu Portugal westlich des Guadiana hatte.

Schonberg war im September und Oktober am Hof. Ein Jahr nach seiner Ankunft teilte er dort seine Beobachtungen mit, die zur besten sozialen Diagnostik eines Heeres der damaligen Zeit gehören. Darin wird das militärische Effizienzprinzip (hierarchische Organisation, Befehl- und Gehorsamskette, unmittelbare Bestrafung) über das vom gesellschaftlichen Umfeld her verständliche Prinzip persönlicher Beziehungen gestellt. Er plädierte für Beförderung nach Eignung und nicht nach Gunst oder dem Ältestenprinzip. Er erörterte auch den rechten Umgang mit Überläufern und er ging all diese Punkte eigens für alle Waffengattungen durch. Der Bericht zeigte allerdings auch die Kluft zwischen portugiesischer Realität und zeitgemäßen Normen auf, die es weiterhin zu überwinden galt. Schonberg ließ sich dennoch von seinem Auftrag so leicht nicht abbringen. (Auszug von S. 66/67)

Schomberg reicht's jetzt!

Doch Schonberg hatte die Nase voll, ihm reichte es jetzt. D. Juan José de Austria hingegen konnte nun ungehindert seine terrorisierenden Streifzüge fortsetzen. Er hätte zu dieser Zeit leicht auch den gesamten Algarve einnehmen können, über den dessen Gouverneur intern berichtete, dass diese portugiesische Provinz, eigentlich ein „Parallelkönigreich“, mit seinen 30 Wegstunden offener Küste in keinem verteidigungsfähigen Zustand sei. Auf dem Weg zurück nach Badajoz mit all seiner Beute fiel ihm durch Verrat auch noch Ouguela in die Hände. Marialva ermittelte und bestrafte die dortigen Verräter, ehe er sich als Militärgouverneur mit ziemlichen Ansehensverlusten nach Lisboa zurückzog, der Hitze im Alentejo Tribut zollend. Man beachte, dass dort Temperaturen über 40° C an der Tagesordnung waren und auch heute noch sind. Er wurde aber auch zurückberufen, da man ihn bei den Zeremonien der Thronbesteigung D. Afonsos VI. benötigte. 

Die einen feierten und kamen sich bei Hof wichtig vor, doch wo blieb Schonberg? In höchster nationaler Not hatte der portugiesische Sonderbotschafter in Frankreich ihm das Versprechen auf den militärischen Oberbefehl im Alentejo gegeben. Nun erwies sich jedoch, dass es eine ständige Quelle von Verdruss darstellte, wenn er auf dieses Versprechen pochte. Konnte er dies für die gesamte Dauer des Aufenthalts in Portugal aushalten und würde dies für das Gastland und seine zerstrittene Generalität nicht zur Schwächung der militärischen Schlagkraft führen? Die heimische Generalität fürchtete, dass der Ruhm, der Schonberg vorausging, die Anstrengungen, Eigenwerte und den Heroismus der nationalen Offiziere verdunkeln könnte; all das, was sie in dieser Hinsicht vollbrächten, würde unbesehen diesem „deutschen Offizier“ angerechnet werden. Neid und Eifersucht mögen durchaus eine Rolle gespielt haben, jedoch auch innerhalb der ausländischen Truppenteile, wie der Fall Chauvet noch zeigen wird. Dass Schonberg nach Marialvas Abberufung nun nochmals übergangen werden sollte und statt ihm der Conde de Vila Flor an oberster Stelle vorgesehen war, gab ihm endgültig den Rest. Seine „Bezugsperson“, der Conde de Soure konnte nun auch nicht mehr weiter helfen, denn dieser war ja unter dem neuen starken Mann, Castelo Melhor, selbst in die Bredouille geraten.

Am 6. August schrieb Schonberg noch von Estrémoz aus einen vorläufig letzten Brief an den König. Er informierte über eine Herbstoffensive, von der er über Gefangene erfahren hatte, die... (Auszug von S. 77/78)

Eine Glanztat in Defensivtaktik

Noch schlauer oder gar schon hellsichtig ging nun aber Schonberg vor. Als er mitbekam, dass der gegenüber liegende Feind eine Artillerie-Batterie aufbaute, um das kunstvoll errichtete Lager zu bombardieren, erkundete er die Umgebung und fand ein Ersatzlager ungefähr einen Kilometer entfernt. Mit Beginn der Dämmerung ließ er die Biwak-Feuer im ursprünglichen Lager entzünden und nach Einsetzen der vollkommenen Dunkelheit den alten Lagerplatz so rasch und unauffällig wie möglich räumen, so dass die Spanier nichts davon mitbekamen. Kaum war dies geschehen, setzte der Beschuss des alten Lagers ein, der nur für die Ohren lästig war, aber nicht schadete. Erst in der Helle des Morgens merkten die tüchtigen Kanoniere, dass sie ihr Pulver unnötig verschossen hatten. Nun ließ sich der Gegner nicht mehr bremsen, selbst über den Degebe zu setzen, aber eben an den beiden Punkten, die auch die Portugiesen schon benutzt hatten. Auf diese Stellen aber hatte der Artillerie-General D. Luis de Meneses schon seine Batterien bestens ausgerichtet. Dies entmutigte die Spanier so sehr, dass sie flussaufwärts einen geeigneteren weil ungefährdeten Übergang suchten, den ihre Kavallerie auch fand. Aber weil auch D. Luis de Meneses das Gelände vorausschauend schon erkundet hatte, gelang es ihm, ohne große Verzögerung, fünf mittlere Stücke (Kanonen) auch dort in Position zu bringen, später folgten die anderen nach. Als die ersten Kastilier die Flusspassage tapfer erstritten hatten, empfing sie am anderen Ufer die portugiesische Reiterei und kurz darauf war der Übergang unter starkem Beschuss. Die wenigen, die es geschafft hatten, suchten den Rückzug, nachdem sie gemerkt hatten, dass das Gros ihnen nicht folgen konnte oder wollte. Die Spanier erlitten in allen Waffenarten empfindliche Verluste, verloren einige Offiziere und D. Juan hatte vor allem den Tod seines Artilleriegenerals D. Gonçalo de Cordova zu beklagen, Sohn des Herzogs von Cesa. Der Übergang über den Degebe war verhindert, eine Glanztat gut koordinierter Verteidigungsstrategie, die es verstand, die Geschütze flink zu bewegen und erkannte Geländevorteile für sich optimal zu nutzen. Und der Gegner war so deprimiert, dass er vermutlich den Rückzug suchte, um sich jenseits der Grenze wieder zu verstärken. (Auszug von S. 92)

Schomberg als tanzfester Mars

Als die Sprache aufs Menuett kam und nicht klar war, ob es zum aktuellen Anlass schon gefordert werden könnte, da am portugiesischen Hof doch noch wenig Übung darin bestünde, erwähnte Schonberg beiläufig, er sei damals zufällig dabei gewesen, als Louis, es müsste so ums Jahr 1656 gewesen sein, ihn mit seiner Maitresse zum ersten Mal tanzte. Lully habe dann viel dazu beigetragen, diesen kleinen Bauerntanz bei Hof gängig oder gar zum Höhepunkt eines Festes zu machen. Die Figuren seien etwas kompliziert in der Weise, dass der jeweils gegenüberstehende Partner, aber eben dies auch noch in Formation mit allen anderen, S- oder Z-förmig umkurvt werden müsse und man dabei Avancen, dann aber auch wieder Retiraden machen solle. Wenn er ein wenig aufwärmende Übung gehabt haben würde, sollte es ihm nicht schwer fallen, sich wieder hinein zu finden, sei es doch – auch aus Analogie zu taktisch-militärischen Manövern - sein Lieblingstanz gewesen, und, wie gesagt, ein Prüfstein für höfisches Betragen.

Da ein Üben mit Dame mangels einer solchen für ihn in seinem Stadtquartier nicht möglich war, besuchte er einen Vorbereitungskurs, wo er dann gleichzeitig auch einiges dazu beitragen konnte, dass die vielen Teilnehmer im Menuett sicherer wurden. Und tatsächlich sollte dann auch bei der zweiten Suite jeden Abends das Menuett in deutscher, also etwas langsamerer Manier zwischen Sarabande und Guigue angesagt und auch immer mehr verlangt werden. Inzwischen – so dachte sein Tanzmeister bei sich - war diesem Schonberg doch einiges zuzutrauen. Da spielte er, das musste man nun endlich doch zugeben, eine entscheidende Rolle für den militärischen Durchbruch gegenüber den Kastiliern und bei deren vernichtenden Niederlagen, da hatte er auch seine Finger im Spiel bei diversen hochrangigen Eheanbahnungen und nun auch noch dies, eine strahlende Figur, die sich auf festlichen Parketten aufs feinste und zierlichste zu bewegen wusste und ein gesuchter Unterhalter war er zudem. Kein Wunder, dass man nun auch noch versuchte, seine Haarpracht als Perücken nachzubilden, seinen französischen Rock wie er anzulegen und seine Art, sich den Seidenschal locker um den Hals zu schlingen, zu imitieren. Und dabei musste man immer noch die Bilder hinzunehmen, die aus den Kämpfen glaubhaft berichtet wurden, wie dieser Mann unerschrocken im Kugelhagel von einem Brennpunkt zum nächsten eilte, um hilfreiche Kommandos zu erteilen und wie er sich selbst unter seinem verwundeten Pferd herauswand, um das nächste zu besteigen und weiter zu kämpfen… Einfach enorm!

Lisboa erlebte ein triumphales Freudenfest, das auch nach dem damaligen Weltmaßstab seinesgleichen suchte. Für den Mercúrio Portuguêz war es ausgemacht, dass die zurückliegenden Erfolge alle der Liebe und Freude der Portugiesen zuzuschreiben waren, mit der sie ihrem natürlichen König dienten. So dauerte das Fest auch noch bis in den Oktober hinein, indem auf dem Terreiro do Paço phantastische Aufbauten errichtet wurden, um zum Beispiel die Eroberung einer Festung zu simulieren und sie am Ende in Flammen aufgehen zu lassen. Andere spektakuläre Ereignisse waren Stierkämpfe (unter persönlicher Beteiligung des Conde da Torre), internationale Trachtenschauen und Feuerwerke, die die Nacht zum Tag machten. Auch wurden auf dem immer gesprengten Staubboden des Platzes Tänze aufgeführt, Musik gespielt und gesungen. (Auszug von S. 143/144)

Schomberg in delikater Mission für die Königin

„Die Königin empfing eines Abends einen vierseitigen Brief von mir, worin ich mich auf ihr dringliches Nachsuchen über die mir von der Königin mitgeteilten, intimeren Details ihres Verhältnisses zum König ausgelassen hatte. Da es schon spät in der Nacht war, ließ sie sich Licht vor ihr Bett setzen und alle Personen ihres Gefolges unter dem Vorwand von sich entfernen, dass sie noch besondere Andachtsübungen zu verrichten hätte. Sie legte sich hierauf nieder, las den Brief und schlief ein. Ehe sie des anderen Morgens aufgestanden war, sagte man ihr, der König wäre bereits in die Kapelle gegangen. Da sie gewohnt waren, miteinander der täglichen Messe in dem nämlichen Betstuhl beizuwohnen, ließ sie sich eilends ankleiden, kam aber doch nicht mehr vor der Wandlung an Ort und Stelle und sie musste folglich eine andere Messe abwarten, wogegen der König, dessen Gottesdienst verrichtet war, die Kirche wieder verließ.

Kaum befand sie sich allein, fiel ihr ein, mein Briefbündel auf ihrem Bette vergessen zu haben. Diese Erinnerung war nachhaltig dazu angetan, ihre Andacht auf eine sehr unangenehme Weise zu unterbrechen. Sie entdeckte ihre Fahrlässigkeit dem nahe bei ihr knienden Beichtvater. Dieser nahm es auf sich, den zurückgelassenen Brief in Sicherheit zu bringen. Er eilte sogleich nach ihrem Schlafzimmer, hörte aber zu seiner größten Bestürzung, dass sich der König schon darin aufhielt. Da es dem Beichtvater eigentlich nicht erlaubt war, in Abwesenheit der Königin in ihr Zimmer zu gehen, lauscht er ein wenig an der Tür und hörte, dass der König mit großen Schritten auf- und niederging und mit der Gräfin von Castel Melhor (der Oberhofmeisterin der Königin und Mutter des ersten Ministers) in einer ziemlich hitzigen Unterredung begriffen war. Mit dieser betrüblichen Nachricht kam der Beichtvater wieder in die Kapelle zurück. Jetzt schickte die Königin eine ihrer Damen mit dem gleichen Auftrag los. Als aber diese in dem Schlafzimmer ankam, war die Sache noch schlimmer. Der König selbst hatte sich auf das Bett seiner Gemahlin gelegt.

Auf diese zwei Schreckensbotschaften hin blieb der Königin nichts anderes übrig, als in eigener Person ihr Heil zu versuchen. Jedoch die Messe war noch nicht beendet und es hätte großes Aufsehen verursacht, wenn sie die Kapelle vor der Zeit verlassen hätte. Der Beichtvater hatte dann den glücklichen Einfall, ihr ins Ohr zu flüstern, dass sie sich krank stellen müsste. Also fiel die Königin in Ohnmacht und wurde in diesem Zustand aus dem Betstuhl gehoben und zurück ... " (Auszug von S. 150/151)

Schomberg im Spiegel seines Gegners (Fiktion und Kommentar)

Nun, da wird er mir ja gemeldet. Schluss mit den Gespenstern der Vergangenheit. Wir stehen im April des Jahres 1668 und Schonberg kommt, sich zu verabschieden. Wie schmuck er mit seinen gut 40 Jahren noch aussieht…“ (Portugiesisches, windungsreiches Begrüßungszeremoniell)

Schonberg war auch gekommen, um eine der letzten Möglichkeiten zu nutzen, einige offene Fragen an den Marquês zu richten, von denen er für sich persönlich noch eine Klärung erhoffte. So richtete er an ihn das Wort in der Weise, er könne es nicht glauben, dass so ein geläufiger Affekt wie Neid allein dazu geführt habe, ihre wichtige Beziehung als führende Generäle so spannungsreich und sperrig zu machen. Die Befürchtung, dass er, Schonberg, alle Lorbeeren für militärische Erfolge alleine davontragen könne, sei als Motiv ja schon allein dadurch relativiert, dass dieser, Marialva, solche Lorbeeren seit Elvas schon längst gut sichtbar und unverrückbar auf dem Haupte trüge. Ob er am Ende so gefällig sein wolle, bei sich noch weiter nachzuforschen und ihm zurückzuspiegeln, wie ungünstig er sonst noch auf ihn gewirkt haben mag.

Marialva erwiderte, er wolle aus besonderem Anlass seines Gesprächspartners Impertinenz nicht allzu kritisch bewerten und könne ihm durchaus in bescheidener Weise für seine Selbsterkenntnis behilflich sein. Sei es doch für einen rechtgläubigen Katholiken seines Schlages ein Gebot der Nächstenliebe, dem Reuigen, aber auch dem bloß Suchenden die Hand zu reichen und ihm auf seinem Weg dienlich zu sein. Schonberg meinte darauf, er müsse sich nicht inkommodieren und zu weit ausholen, insbesondere brauche er sich, was sein Seelenheil betreffe, nicht über die Maßen engagieren. Es genüge, an Situationen zurückzudenken, wo er, Schonberg, ihn verdrießlich stimmte.

Marialva entgegnete, es seien nicht einzelne Ereignisse gewesen, gewiss, solche auch, doch eher die gesamte Art, wie er auf fremdem Terroir sich dargestellt und seine Arbeit verrichtet habe. Diese sei ihnen selbst äußerst befremdlich oder gar ganz unverständlich. Man habe bei ihm – trotz gewandter Umgangsformen bei Hof und in der Gesellschaft - immer den Eindruck gehabt, er wolle eine bessere Art von Menschsein vorleben und eo ipso die portugiesische Art zu Leben und den Dienst zu versehen, wenn vielleicht auch nur indirekt, diskreditieren. Wo Portugiesen ihren Charakter geradezu versprühen und auch den Glanz nicht verbergen wollen, den sie fürs Vaterland eintragen, wo diese sich recht spontan und mit ganzem Herzen in die Bresche werfen oder in die Linien des Gegners ritten, kostete es auch ihr Leben, da habe er, Schonberg, immer noch stets kontrolliert, analytisch abwägend und zäh sein Ziel verfolgend, gewirkt. Auch in der Lagergemeinschaft sei aufgefallen, wie er sich abends zeitig in sein Zelt zurückgezogen habe, um über Plänen zu brüten, wo andere noch länger frohgesinnt sich der Festigung von Kameradschaft hingegeben hätten. Nicht Fleiß und Arbeitseifer würden hier hochgeschätzt, sondern der hohe Mut und die Freude, das Leben zu leben, aber auch hinzugeben, irgendwie eher eine verschwenderische Art des Seins. Ob er denn nachvollziehen könne, dass es recht bedrückend sei, nebenan einen Gesellen seiner Art zu haben, der nur nach Rationalität und Nützlichkeit vorginge, der keine Zeit, die es doch auch gibt, vergeuden wolle und nur noch in der Arbeit den Zweck des Lebens sehe. Zum Beispiel habe er auch nie Einladungen zur Jagd angenommen. Das Ganze sei ihm, Marialva, zu sauertöpfisch vorgekommen – als solches aber immer noch hinnehmbar erschienen – wenn er diese, seine Art, den Dienst zu versehen, nicht so penetrant gegen ihn und andere patriotischen Portugiesen ausgespielt hätte. Er bitte um Nachsicht, wenn er sich nun doch habe von seinen Affekten davontragen lassen.

Schonberg dankte ihm hingegen für seine Offenheit und den Eifer, mit dem er sich mit seiner Person befasse, merkte auch an, dass er einiges von dem Geschilderten durchaus auf sich beziehen könne, dass er aber in den von ihm geübten Tugenden nichts Verwerfliches sehen könne, die im Verbund ja auch unleugbar zu gewissen Erfolgen für Portugal geführt hätten. ... (Auszug S. 165/166)

Und noch Schomberg in Calvins Himmel! (Karikierender Kommentar)

Der erste Prüfpunkt wird aufgerufen und der aufrechten Sünderseele Schonberg vom Englischen Anwalt (auszugsweise für seine Zeit in Portugal) zu Gehör gebracht. Man wolle näher erfahren, was es mit dem Ehrbegriff auf sich habe, den er bei seiner grobschlächtigen Arbeit immer schützend und etwas bemäntelnd – wie es scheint - vor sich hergetragen habe…

Die Schonbergseele wendet sich direkt in Richtung Gott, der, kaum sichtbar, aber doch ahnbar, etwas erhaben und gleichzeitig etwas zurückgesetzt in der Mitte des Halbrunds seiner Berater, Beisitzer und Protokollanten sitzt. Sie trägt recht sicher und klar, ungefähr wie zu Lebzeiten wie folgt vor: Nur wegen ihrer Läuterung von der leiblichen Hülle anlässlich seines Todes gerate sie bei einer Unterstellung in Fragen seiner und auch immer noch ihrer Ehre nicht in Wallung. Im Einzelnen verweise sie darauf, bei allen Wechseln von einem zum anderen Arbeitgeber immer die Etikette beobachtet zu haben. Dazu gehörte, niemals ein Engagement aufzukündigen, ehe der Feldzug nicht ganz beendet und man dadurch entbehrlich geworden sei.[1] Der innerhalb des Militärstandes gepflegte Ehrbegriff sei ihm immer heilig gewesen, so heilig wie die Treue zu seiner Religion. Ein General, so habe er bei einem Gespräch mit dem französischen König, 1685, gesagt, der seine Religion um der Karriere oder des Mammons wegen verrate, könne auch in den Augen eines Königs nicht mehr geachtet werden. Die Treue zur Religion sei für ihn immer auch eine Ehrensache gewesen. (Anerkennendes Raunen in der Kommission; die Schonbergseele hat offenbar einen guten Einstand).

Ihr Englischer Anwalt[2] trägt vor, in Bezug auf seinen Einsatz in Portugal und den Vorwurf der „Grobschlächtigkeit“ liege ein Gutachten vor. Er bitte darum, dieses vor dem himmlischen Gremium in seine Ausführungen einflechten zu dürfen, was abgenickt wird.

„Schonberg war noch nicht ganz der Offizierscharakter, den es später brauchte, als das klare Ziel bestand, den Feind im Krieg möglichst ganz zu vernichten. Man kann natürlich schon einige Anzeichen bei unserer Schonberg-Seele erkennen, einer militärstrategischen Logik konsequent zu folgen, der eine taktische folgt. In diesem Denken war er schon weiter fortgeschritten
als der für den Krieg politisch verantwortliche portugiesische Staatsminister. Der habe zwar die Provinz Andalucia verschonen wollen, wäre dafür aber bereit gewesen, ganz Galizien militärisch zu unterwerfen. das mit Portugal nicht weniger kulturverwandt ist. So eine Willkür verstehe wer wolle. Schonberg hingegen plante solche Kriegshandlungen aber auch nur, insoweit die Mittel dafür ausreichten und in einer offenen (immer auch auf der eigenen Seite verlustreichen) Feldschlacht nur, wenn diese nicht mehr zu vermeiden wäre. Ein unbedingter Vernichtungswille kann daraus nicht abgelesen werden.

Begrenzte Zwecke, wie die Einnahme einer Grenzbefestigung, benötigten keinen unbedingten Willen, den Feind zu vernichten. Ein kriegerisches und blutiges Kräftemessen war es gleichwohl, doch immer unter dem Diktat der „militärischen Ehre“. Der unterlegene Kommandant und seine Führungsmannschaft mussten zwar den Platz räumen, aber sie durften erhobenen Hauptes abtreten, wenn sie bei der Abwehr Tapferkeit, Können und Beharrlichkeit gezeigt hatten – Eigenschaften, die übrigens auch einen wahren Calvinisten auszeichnen. Das übliche „Nachhauen“ nach einer verlorenen Feldschlacht ist zwar schon eher mit der Kategorie der Vernichtung in Zusammenhang zu bringen, doch ging es dabei zu dieser Zeit eher noch darum, leichterhand nützliche Gefangene zu machen, die für Wiederaufbauarbeiten gebraucht wurden und generell natürlich um eine Präventivmaßnahme gegen das Wiederauftreten des Feindes. Und schließlich: Die gefallenen Kameraden sollten nicht dadurch posthum beschämt werden, dass man dem Gegner, der sie zu Fall brachte, ein leichtes Spiel einräumte. (Auszug S. 194/195)

[1] In Bezug auf die Zeit von Schonbergs Erdenwallen benutzt seine Seele immer die dritte Person Singular in den Beugungsformen „er“, „seiner“, „ihn“, „ihm“ usw.
[2]
Eine Mischung aus Verteidiger und Ankläger mit der Aufgabe, zur Differenzierung der anstehenden causa beizutragen. Eigentlich ein Mediator, der nicht durch Vereinfachung, sondern durch Ausdifferenzierung zu Lösungsvorschlägen kommt.