Volker
Gold, Landsberg
Wie
kamen die fremden Juden auf unsere Flur?
Im Januar 1942, ich selbst war gerade zwei Monate alt, war es eine von der nationalsozialistischen deutschen Regierung beschlossene Sache: Die jüdische Bevölkerung Europas - soweit man ihrer in den eroberten und besetzten Ländern habhaft werden konnte - sollte systematisch ausgerottet werden. Eine gigantisch anmutende Verwaltungsmaschinerie wurde aufgebaut, um alle Juden an zentralen Orten wie Auschwitz zu konzentrieren und sie - nach schwersten Demütigungen und Qualen - zu vernichten, sie in Rauch aufgehen zu lassen. Dies ist die wörtliche Bedeutung von Holocaust. Die grauenvolle Bilanz von sechs Millionen ermordeten Juden ist und bleibt unvorstellbar.
Nach
zwei Jahren dieses systematischen Vernichtens gelang es Göring, Himmler
dazu zu bewegen, ein großes Kontingent Juden für seine ehrgeizigen
Rüstungspläne abzuzweigen. Er hatte die Idee, in aller Eile ein
Flugzeug zu bauen, die Me 262, den ersten Düsenjäger der Welt,
und durch die Überlegenheit solcher und anderer "Wunderwaffen" die
drohende militärische Niederlage aufzuhalten und in einen Sieg zu
wenden.
Zum
Bau der gigantischen unterirdischen Fabriken für dieses Flugzeug
bei Landsberg/Lech und Mühldorf/Inn wurden zigtausende von Juden aus
dem KZ Auschwitz eingesetzt. Sie wurden gerade so verpflegt und untergebracht,
dass sie einige Wochen die schweren Zementier- und Bauarbeiten überleben
konnten. Ihre Vernichtung durch diese brutale Schinderei wurde bewusst
in Kauf genommen. In den Lagern um Kaufering und Landsberg starben bis
zum Eintreffen der alliierten Streitkräfte in Landsberg am 27. April
1945 die Hälfte, das sind rund 15.000 jüdische KZ-Häftlinge.
Diese Zahlen sind inzwischen durch zeitgeschichtliche Forschungen untermauert.
Als
nun die Alliierten bei Dillingen die Donau überschritten hatten, wurden
die Lager evakuiert, um das ganze Ausmaß der Scheußlichkeiten
nicht offenkundig werden zu lassen. Nicht transportfähige Juden aus
dem Krankenlager wurden in ihrem Lager verbrannt, ein Teil, der äußerst
schwach war, wurde in einen Güterzug verfrachtet und Richtung München/Dachau
geschickt. Gehfähige KZ-Häftlinge mussten - übrigens durch
Schwabhausen hindurch - zu Fuß ihrem Elend entgegengehen. Von
diesem "Todesmarsch" zeugen heute viele Denkmale entlang der Strecke, die
nach Tirol, zur sogenannten "Alpenfestung" führte.
Der
Evakuierungszug aber, um den es uns hier geht, startete am 26. April, kam
nur mühsam voran und blieb, zur besseren Deckung, im damals beiderseits
der Bahngleise gelegenen Waldstück über Nacht stehen. Man muss
wissen, dass um Landsberg herum einige Tage zuvor der Versuch einsetzte,
russische Kriegsgefangene zu einer Ersatzarmee zu formieren und diese
als letztes Aufgebot Richtung Linz in Marsch zu setzen. Diese Bewegungen
der sogenannten Wlassow-Armee blieben den englischen Aufklärern nicht
verborgen. Deshalb wiesen sie amerikanische Jäger an, auf alles zu
schießen, was sich auf Straßen und Schienen ab einer bestimmten
Größenordnung bewegte. Hinzu kam, dass auf dem zweiten Gleis
ein Flak- und Materialzug stand, der - wie mir scheint - auch Gegenwehr
leistete.
Man
kann sich das Chaos nicht groß genug vorstellen, das hier am Morgen
des 27. April während und nach den Angriffen herrschte. Ich habe nach
Augenzeugenberichten versucht, dieses Geschehen möglichst konkret
festzuhalten und in seinen Zusammenhängen zu rekonstruieren. Jugendliche
heute haben - wie ich erfahren konnte - ein großes Interesse daran,
endlich genau zu erfahren, was in der Großelterngeneration hier geschehen
ist. Auch die wenigen Überlebenden, die diese Woche Gäste der
Stadt Landsberg und der Würmtal-Gemeinden waren, haben endlich den
Mut, den Mund wieder zu öffnen und das grauenhafte Geschehen herauszulassen,
das ihr ganzes Leben bisher festgehalten hat.
Am
heutigen Abend wollen wir uns auf diese völlig unschuldigen KZ-Häftlinge
konzentrieren, die durch Unterernährung, Krankheit und Kälte
schon entkräftet waren, aber doch Hoffnung hatten, durchhalten und
das
rettende Ende noch erreichen zu können. 140 von ihnen starben gleich
am Bahndamm und wurden drei Tage später hier begraben. 30 waren schwer
verwundet, konnten aber noch in die umliegenden Wälder und Ortschaften
fliehen oder wurden aufgelesen, erreichten also noch das Lazarett St. Ottilien,
starben aber dort an den Folgen der zuvor erlittenen Misshandlungen und
Verwundungen. Sie ruhen im dortigen jüdischen Friedhof. 300 wagten
die Flucht, wussten aber nicht wohin, hatten Angst, von Wachen eingeholt
oder von der SS entdeckt zu werden, wussten nicht, wie die Dorfbevölkerung
einzuschätzen ist,gelangten
schließlich auf die "richtige Seite" und überlebten. Zu ihnen
gehört Herr Prusak aus Tel Aviv, der heute Abend hier anwesend ist.
Der Zug mit den restlichen 2000 Häftlingen - tot oder lebend - kam
noch bis Dachau. Die Überlebenden, darunter auch der heute Abend hier
anwesende Herr Aigner aus Oregon, trafen dort glücklicherweise bald
auf die amerikanischen Befreier. Ansonsten war die Aktion "Wolkenbrand"
für sie vorgesehen: Die deutsche Luftwaffe hätte die im KZ Dachau
Zusammengepferchten durch Bombardements mit einem Schlag vernichtet, getreu
der Weisung Himmlers, dass kein Häftling lebend in die Hand des Feindes
fallen sollte.
Fremdes
auf heimatlicher Flur: Was kann es uns heute bedeuten?
Auf
Schwabhausener Gebiet mit der Flurnummer 300 stehen - unübersehbar
- drei wuchtige Denkmäler. Sie wurden nach Kriegsende über Massengräbern
errichtet und bergen 140 tote jüdischen Häftlinge. Sie kamen
hier am 27. 04. 45 bei der Beschießung eines Evakuierungstransportes
von Kaufering in Richtung Dachau ums Leben. Diese drei Massengräber
bilden den "KZ-Friedhof Schwabhausen", so die offizielle Bezeichnung.
Die
Namen der Toten kennen wir leider nicht, sie hatten ja auch nichts mit
Schwabhausen im Sinn, sie waren verschleppt worden und fremd hierzulande.
Auch die heimischen Schwabhausener, die früheren und noch mehr die
heutigen, hatten und haben an und für sich nichts mit den hier zu
Tode gekommenen zu tun, sie sind ihnen ebenso fremd. Als fremd wurde damals
auch noch die Herrschaft und Kultur der alliierten Siegermächte empfunden,
die hier eindrangen. Fremd war vielen Schwabhausenern früher allerdings
auch das nationalsozialistische Regime. Schwabhausen galt als "schwarzes
Nest", was sagen will, dass es traditionell christlich-katholisch geprägt
war.Dass man sich dennoch - bis
auf ganz wenige Ausnahmen - arrangiert hat, ist der andere Teil der Geschichte.
Aber
auch die Minderheit der jüdischen Deutschen wurde der christlichen
Mehrheit fremdgemacht. Hier wirkten sich schon überlieferte Vorurteile
aus, die von nationalsozialistischer Propaganda gleich nach der Machtübernahme
1933 systematisch zu wüsten Feindbildern aufgebläht wurden.Die
jüdischen Deutschen, die sich in vielem nicht mehr von anderen Deutschen
unterscheiden ließen, sei es als Handwerker, Händler, Lehrer,
Ärzte und Wissenschaftler, wurden in der nationalsozialistischen Propaganda
gehässig verfremdend dargestellt. Dabei bediente man sich einiger
Erscheinungsbilder von orthodox-religiösen Juden aus der polnischen
Schtedtl-Kultur mit der ihr eigenen jiddischen Sprache, die auch nach Ansicht
westlich-zivilisierter Juden fremd wirkten.
Hier
auf dem Lande trug damals auch noch der jahrhundertealte, verborgen wirksame
christliche Vorwurf gegen die Juden als "Gottesmörder" zur Verfemung
der Juden bei. Die ausschließliche Erfahrung vielerBauern,
von jüdischen Viehhändlern und Kreditgebern abhängig zu
sein, verstärkte diese ablehnende Haltung. Hier setzte die Propaganda
an und bewirkte, dass man allen Juden allmählich menschliche Züge
und Eigenschaften entzog. Aus Nachbarn wurden Volksschädlinge. Solche
mussten nach dieser perversen Logik aus dem "gesunden Volkskörper"
ausgestoßen werden. So wurde hier in der Gegend aus dem Kaltenberger
Bierbrauer, Herrn Schülein, der "Bierjude Schülein", dessen Gebräu
man nicht mehr trinken sollte, obwohl es schmeckte. Wenn man eines Tages
merkte, dass jüdische Nachbarn oder Geschäftspartner schon einige
Zeit fehlten, dann machte man sich darüber kaum Gedanken oder gar
Sorgen. Sie hatten sich wohl davongemacht und - das Bier floss weiter,
kam danach aus "arischen Quellen".
Ihre
erste intensive Begegnung mit Juden hatten die Schwabhausener beim Elendszug
von 1.500 evakuierten KZ-Häftlingen, derauch
auf ihrer Dorfstraße durchgetrieben wurde.Ein
paar Tage später wieder mit Flüchtenden, die man weiterschickte
oder heimlich aufnahm und dann in einer Wirtsstube als verwundete und kranke
Überlebende versammelte. Da waren die Juden längst ihres zivilen
Äußeren beraubt, ja man hatte versucht, ihnen durch Folterbedingungen
ihre innere Würde zu brechen.So
begegnete der Dorfbevölkerung das Fremde in einer Gestalt, die zunächst
ratlos und hilflos machte:
als
kahlgeschorene Häftlinge in gestreiften Anzügen mit Holzpantoffeln
und einer Decke um die Schultern
als
Ausländer
außerdem, die nicht einmal die deutsche Sprache beherrschten,
als
darbende
Menschen zudem, die total erschöpft, durchnässt, frierend, schmutzig
und stinkend daherkamen,
als
Schwerkranke,
denen man sich nicht gewachsen fühlte, denn diese Fremden waren physisch
und psychisch verletzt, sie humpelten und lahmten, sie bluteten aus Wunden
und sie waren durch die erlebten Schrecken traumatisiert, standen unter
Schock oder waren auf den reinen Überlebenstrieb reduziert.
Es
ist bestimmt einfacher, jener Opfer heute Abend in dieser feierlichen Form
zu gedenken als damals ihnen seelisch-körperlich nah zu sein, ihnen
tatkräftig zu helfen und das Risiko von Bestrafung oder Ansteckungauf
sich zu nehmen. Wenn wir all diese Umstände bedenken und zur damaligen
Propagandawirkung hinzunehmen, versteht man, warum die einheimische Bevölkerung
von ihren Autoritäten erst ein wenig angeschoben werden musste. Um
so dankbarer können wir sein, aus zuverlässigen Augenzeugenberichten
zu erfahren, dass, vereinzelt und heimlich erst, letztlich dann aber doch
offen und planmäßig geholfen wurde, bis die Amerikaner als eigentliche
Befreier und relativ gut ausgerüstete Helfer eintrafen.
Ob
man aber danach - mit Worten des Altbürgermeisters Vogt - so einfach
sagen konnte "Das war dann mit den Juden - sozusagen - für uns erledigt"?
Eine Zeit lang war dieses Wegstecken des Grauenhaften, des Unfassbaren
und Unsagbaren für den Normalbürger vielleicht nötig, und
nicht nur in Schwabhausen wurde der Mantel des verschonenden Schweigens
über diesen Teil der Vergangenheit gebreitet. In ganz Deutschland
musste wohl erst die Generation der Täter, der gleichgültigen
Mitläufer und auch der überlebenden Opfer sterben, ehe Kinder
und Kindeskinder vorsichtig daran gehen konnten, nach der konkreten Wahrheit
zu forschen, die der Generation zuvor so schwer zu schaffen gemacht hatte.
Inzwischen
ist klar geworden, dass man das Grauen, das von Auschwitz über Kaufering
nach Schwabhausen durchsickerte, nicht einfach "abisolieren" kann. Der
erwünschte Schutzanstrich bzw. Schluss-Strich kann nicht und soll
auch nicht gezogen werden. Wenn das Ungeheuerliche nicht bildhaft in die
Menschen eingedrungen ist und immer wieder eingelassen wird, besteht die
Gefahr der Wiederholung. Es darf auch heute noch kein Schlussstrich gezogen
werden, weil sich die Jungen sonst von der Quelle ihrer Lebendigkeit entfernen
würden, von der Erinnerungskraft und von der damit verbundenen Zukunftshoffnung.
Das Stillschweigen hat Väter und Söhne schon genug getrennt,
hat den Erzählfluss zwischen den Generationen ausgetrocknet, hat oft
nur flachen und unkultivierten Ersatz im öffentlichen Leben zugelassen.
Wünschen wir uns wieder mehr wache Aufmerksamkeit und Sensibilität
im öffentlichen Umgang miteinander und einfühlsame Nachdenklichkeit
auch bei unseren gewählten Politikern.
Neuerdings
möchte auch Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden,
den Blick wieder mehr in die Gegenwart und Zukunft gerichtet haben, ohne
aber gleichzeitig einen Schlussstrich zu ziehen. Wir hätten Gelegenheit
genug gehabt, das nationalsozialistische Geschehen in allen Schattierungen
und konkret genug anzusehen und einzuordnen, wir konnten die Bedingungen
studieren, die damals zur 13jährigen Schreckensherrschaft geführt
haben und wir konnten uns überlegen, was uns in Zukunft vor einem
Rückfall in die Barbarei bewahren könnte. Eine Sicherheit dafür
gibt es zwar nicht, wie uns Beispiele täglich zeigen, und zwar in
unserem eigenen Haus (denken wir an Brandbomben gegen Asylbewerber oder
türkische Einrichtungen) und vor unserer Haustür (Kriegsgräuel
in Serbien, Kroatien und Bosnien). Aber wir können und müssen
aus dem Erinnerten, aus dem Mitgefühlten, aus dem Nachgedachten, aus
dem Durchdiskutieren Verantwortung übernehmen für die
Gestaltung unserer Zukunft derart, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen
wird.Das war auch die Sorge des
Philosophen Adorno, selbst ein der Vernichtungsmaschinerie Entronnener.
Er sah in seinen Schriften auch, dass es gesellschaftliche und politische
Voraussetzungen unserer Zivilisation sind, die Barbarei immer wieder ausbrüten.
Da wir diese objektiven Verhältnisse kaum ändern können,
käme alles darauf an, durch Erinnerungsarbeit der möglichen Wiederholung
von Auschwitz subjektiv entgegenzuarbeiten. Schwabhausens Judengräber
mögen uns dabei eine Erinnerungsstütze sein!
Nach
50 Jahren sind wir von unmittelbarer, lähmender Betroffenheit teilweise
wieder befreit. So stellt sich uns jetzt die Frage, was wir aus unserer
besonderen Vergangenheit zum Umgang mit dem Fremden und den Fremden heute
gelernt haben. Untersuchen wir diesen Lernstoff noch nach zwei Richtungen:
1.
Psychologisch gesehen kann eine Person sich selbst nicht finden, entdecken,
wer sie ist, wenn sie immer nur mit sich selbst und ihresgleichen umgeht.
Will sie erfahren, wer sie wirklich ist, braucht sie die Begegnung mit
einem Nicht-Ich, einem Anderen, mit einem für sie Fremden. Der Philosoph
Martin Buber hat in seinem Hauptwerk geschrieben: "Der Mensch wird am Du
zum Ich." Im Wechsel der Begegnungen mit vielen Du klärt sich das
Bewusstsein des Ich, den anderen ein gleichbleibender Partner zu sein.
So entsteht Ich-Identität. Je mehr ich mich auf das Abenteuer echter
Begegnung mit ganz anderen Menschen einlasse, um so reicher spiegelt sich
in mir mein Eigenwesen, mein Sondersein.
Auch
für die Erziehung ergeben sich wertvolle Einsichten und Leitlinien,
wenn man begreift, dass Kinder nie Abziehbilder der Eltern, also der allernächsten
Menschen sein können. Sie brauchen - ganz im Gegenteil - von Anfang
an die Gewissheit, als Eigenwesen angenommen zu werden. Andererseits brauchen
sie ein erzieherisches Gegenüber, das es aushält, dass das Kind
nicht so sein will wie sein Erzieher. Nur so wächst die gewünschte
Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen. Die Bindungskraft
an die "Eigenen" und damit verbunden die Angst vor den Fremden wird in
der Erziehung grundgelegt, wenn man Kindern nicht genügend emotionale
Grundsicherheit gibt und sie vom Wagnis der Trennung von den ersten Bezugspersonen
und von der Begegnung mit Neuem, Grenzüberschreitendem abhält.
Es
gibt Volksmärchen und fromme Legenden, in denen der Herrgott in Gestalt
eines Armen und Fremden durch die Lande geht und die Herzen der Menschen
prüft. Wir verstehen jetzt besser, warum dies im Märchen auf
diese Weise geschieht. Ein Fremder ist nicht einzuordnen in das glatte
Freund-Feind-Schema. Freund und Feind kennen sich in ihrer speziellen Beziehung,
sind sich einander in gewisser Weise intim. Es ist ein modernes Missverständnis
zu glauben, man könne die uneindeutige Kategorie des Fremdenauflösen.Mit
dem Fremden müssen wir leben lernen oder wir gehen im Chaos neuer
Stammesfehden unter.
Die
Fremden in unserem Lande, von denen es immer mehr geben wird, machen uns
Sorgen, denn eindeutige Wertkriterien oder gar Patentlösungen für
die damit verbundenen Probleme gibt es kaum. Wichtig erscheint den meisten
von uns aber, dass wir uns bei allen berechtigten Tendenzen, das Eigene
zu bewahren, auch an eine christliche Grundbotschaft erinnern, an die tätige
Nächstenliebe unter uns Menschenkindern. Es ist schon eine Kunst,
seine Eltern, Geschwister, Nachbarn, die Menschen im nächsten Ortsteil,
also seine Allernächsten zu achten, wahre Seelengröße
erprobt sich aber erst beim achtungsvollen Umgang mit dem Fremden.
2.
Von einem politischenBetrachtungspunkt
aus kann noch hinzugefügt werden, dass die modernen Nationalstaaten,
in denen wir seit 200 Jahren zu leben gewohnt sind,typischerweise
Probleme mit Fremden haben. Bei der Bildung von Nationen, also konkret
kaum fassbaren Gemeinschaften,will
man Gleichförmigkeit trotz Verschiedenheit erreichen.Dabei
muss zwangsweise über ethnische, religiöse und kulturelle Verschiedenheit
der Stämme hinweggesehen werden. Was nicht "eigen" werden will, muss
ausgegrenzt werden oder darf später gar nicht erst hereingelassen
werden. Im Nationalsozialismus als Nationalismus waren die Juden die prototypischen
Fremden. Ausgegrenzt, trotz eigener intensiver Integrationsversuche,
wurden sie schon immer, zum "wuchernden Unkraut in gepflegten nationalen
Gärten" wurden sie schon vorher erklärt. Hitler war aber der
erste, der sie europaweit ausreißen und verbrennen wollte und dies
mit entsetzlicher Systematik und Gigantomanie auch betrieben hat.
Welch
schreckliche Verblendung! Sind wir denn nicht alle auch Fremde in dieser
Welt? Ob wir es uns da noch leisten können, zum Beispiel Deutschsein
auf Blutsverwandtschaft, auf Abstammung durch Geburt, zu begrenzen? Der
Münchener Soziologe Beck hat neulich einen Satz dazu geschrieben,
der diese Betrachtungen selbstkritisch beenden kann: "Ein neues, endlich
westlich-ziviles Staatsbürger- und Einwanderungsgesetz fünfzig
Jahre nach Auschwitz, eine zweifellos überfällige Tat - und alle
Gedenkreden wären glaubwürdiger."
Da
wir aber immer bei uns selbst erst beginnen müssen, füge ich
zu unserer eigenen Glaubwürdigkeit hinzu:
Auf
unserer heimatlichen Flur sind auch Fremde in die ewige Ruhe eingegangenen.Schließen
wir sie in unser Gedenken ein! Öffnen wir nachträglich unsere
Herzen für die fremde Kreatur, die vor 50 Jahren unfreiwillig
in unsere Heimatgeschichte eingebrochen ist. Die namenlosen Toten hier
stehen für das Leid in dieser Welt und für das ungelittene Fremde
schlechthin, von dem wir alle auch Teil sind. Wir wollen das Fremde in
uns und um uns nicht ausschließen. Ganz sind wir nur mit ihm.