Redetexte zur Gedenkfeier am 29.04.95 in Schwabhausen 

Volker Gold, Landsberg

Wie kamen die fremden Juden auf unsere Flur?

Im Januar 1942, ich selbst war gerade zwei Monate alt, war es eine von der natio­nalsozialistischen deutschen Regierung beschlossene Sache: Die jüdische Bevölkerung Europas - soweit man ihrer in den eroberten und besetzten Ländern habhaft werden konnte - sollte systematisch ausgerottet werden. Eine gigantisch anmutende Verwaltungsmaschinerie wurde aufgebaut, um alle Juden an zentralen Orten wie Auschwitz zu konzentrieren und sie - nach schwersten Demütigungen und Qualen - zu vernichten, sie in Rauch aufgehen zu lassen. Dies ist die wörtliche Bedeutung von Holocaust. Die grauenvolle Bilanz von sechs Millionen ermordeten Juden ist und bleibt unvorstellbar.

Nach zwei Jahren dieses systematischen Vernichtens gelang es Göring, Himmler dazu zu bewegen, ein großes Kontingent Juden für seine ehrgeizigen Rüstungspläne abzuzweigen. Er hatte die Idee, in aller Eile ein Flugzeug zu bauen, die Me 262, den ersten Düsenjäger der Welt, und durch die Überlegenheit solcher und anderer "Wunderwaffen" die drohende militärische Niederlage aufzuhalten und in einen Sieg zu wenden. 

Zum Bau der gigantischen unterirdischen Fabriken für dieses Flug­zeug bei Landsberg/Lech und Mühldorf/Inn wurden zigtausende von Juden aus dem KZ Auschwitz eingesetzt. Sie wurden gerade so verpflegt und untergebracht, dass sie einige Wochen die schweren Zementier- und Bauarbeiten überleben konnten. Ihre Vernichtung durch diese brutale Schinderei wurde bewusst in Kauf genommen. In den Lagern um Kaufering und Landsberg starben bis zum Eintreffen der alliierten Streitkräfte in Landsberg am 27. April 1945 die Hälfte, das sind rund 15.000 jüdische KZ-Häftlinge. Diese Zahlen sind inzwischen durch zeitgeschichtliche Forschungen untermauert. 

Als nun die Alliierten bei Dillingen die Donau überschritten hatten, wurden die Lager evakuiert, um das ganze Ausmaß der Scheußlichkeiten nicht offenkundig werden zu lassen. Nicht transportfähige Juden aus dem Kran­kenlager wurden in ihrem Lager verbrannt, ein Teil, der äußerst schwach war, wurde in einen Güterzug verfrachtet und Richtung München/Dachau geschickt. Gehfähige KZ-Häftlinge mussten - übrigens durch Schwabhausen hindurch - zu Fuß ihrem Elend entgegen­gehen. Von diesem "Todesmarsch" zeugen heute viele Denkmale entlang der Strecke, die nach Tirol, zur sogenannten "Alpenfestung" führte. 

Der Evakuierungszug aber, um den es uns hier geht, startete am 26. April, kam nur mühsam voran und blieb, zur besseren Deckung, im damals beiderseits der Bahngleise gelegenen Waldstück über Nacht stehen. Man muss wissen, dass um Landsberg herum einige Tage zuvor der Versuch einsetzte, russische Kriegsgefangene zu einer Ersatz­armee zu formieren und diese als letztes Aufgebot Richtung Linz in Marsch zu setzen. Diese Bewegungen der sogenannten Wlassow-Armee blieben den englischen Aufklärern nicht verborgen. Deshalb wiesen sie amerikanische Jäger an, auf alles zu schießen, was sich auf Straßen und Schienen ab einer bestimmten Größenordnung bewegte. Hinzu kam, dass auf dem zweiten Gleis ein Flak- und Materialzug stand, der - wie mir scheint - auch Gegenwehr leistete. 

Man kann sich das Chaos nicht groß genug vorstellen, das hier am Morgen des 27. April während und nach den Angriffen herrschte. Ich habe nach Augenzeugenberichten versucht, dieses Geschehen möglichst konkret festzuhalten und in seinen Zusammenhängen zu rekonstruieren. Jugendliche heute haben - wie ich erfahren konnte - ein großes Interesse daran, endlich genau zu erfahren, was in der Großelterngeneration hier geschehen ist. Auch die wenigen Überlebenden, die diese Woche Gäste der Stadt Landsberg und der Würmtal-Gemeinden waren, haben endlich den Mut, den Mund wieder zu öffnen und das grauenhafte Geschehen herauszulassen, das ihr ganzes Leben bisher festgehalten hat.

Am heutigen Abend wollen wir uns auf diese völlig unschuldigen KZ-Häftlinge konzentrieren, die durch Unterernährung, Krankheit und Kälte schon entkräftet waren, aber doch Hoffnung hatten, durchhalten und das rettende Ende noch erreichen zu können. 140 von ihnen starben gleich am Bahndamm und wurden drei Tage später hier begraben. 30 waren schwer verwundet, konnten aber noch in die umliegenden Wälder und Ortschaften fliehen oder wurden aufgelesen, erreichten also noch das Lazarett St. Ottilien, starben aber dort an den Folgen der zuvor erlittenen Misshandlungen und Verwundungen. Sie ruhen im dortigen jüdischen Friedhof. 300 wagten die Flucht, wussten aber nicht wohin, hatten Angst, von Wachen eingeholt oder von der SS entdeckt zu werden, wussten nicht, wie die Dorfbevölkerung einzuschätzen ist,gelangten schließlich auf die "richtige Seite" und überlebten. Zu ihnen gehört Herr Prusak aus Tel Aviv, der heute Abend hier anwesend ist. Der Zug mit den restlichen 2000 Häftlingen - tot oder lebend - kam noch bis Dachau. Die Überlebenden, darunter auch der heute Abend hier anwesende Herr Aigner aus Oregon, trafen dort glücklicherweise bald auf die amerikanischen Befreier. Ansonsten war die Aktion "Wolkenbrand" für sie vorgesehen: Die deutsche Luftwaffe hätte die im KZ Dachau Zusammengepferchten durch Bombardements mit einem Schlag vernichtet, getreu der Weisung Himmlers, dass kein Häftling lebend in die Hand des Feindes fallen sollte. 

Fremdes auf heimatlicher Flur: Was kann es uns heute bedeuten?

Auf Schwabhausener Gebiet mit der Flurnummer 300 stehen - unübersehbar - drei wuchtige Denkmäler. Sie wurden nach Kriegsende über Massengräbern errichtet und bergen 140 tote jüdischen Häftlinge. Sie kamen hier am 27. 04. 45 bei der Beschießung eines Evakuierungstransportes von Kaufering in Richtung Dachau ums Leben. Diese drei Massengräber bilden den "KZ-Friedhof Schwabhausen", so die offizielle Be­zeichnung.

Die Namen der Toten kennen wir leider nicht, sie hatten ja auch nichts mit Schwabhausen im Sinn, sie waren verschleppt worden und fremd hierzulande. Auch die heimischen Schwabhausener, die früheren und noch mehr die heutigen, hatten und haben an und für sich nichts mit den hier zu Tode gekommenen zu tun, sie sind ihnen ebenso fremd. Als fremd wurde damals auch noch die Herrschaft und Kultur der alliierten Siegermächte empfunden, die hier eindrangen. Fremd war vielen Schwabhausenern früher allerdings auch das nationalsozialistische Regime. Schwabhausen galt als "schwarzes Nest", was sagen will, dass es traditionell christlich-katholisch geprägt war.Dass man sich dennoch - bis auf ganz wenige Ausnahmen - arrangiert hat, ist der andere Teil der Geschichte.

Aber auch die Minderheit der jüdischen Deutschen wurde der christlichen Mehrheit fremdgemacht. Hier wirkten sich schon überlieferte Vorurteile aus, die von nationalsozialistischer Propaganda gleich nach der Machtübernahme 1933 systematisch zu wüsten Feindbildern aufgebläht wurden.Die jüdischen Deutschen, die sich in vielem nicht mehr von anderen Deutschen unterscheiden ließen, sei es als Handwerker, Händler, Lehrer, Ärzte und Wissenschaftler, wurden in der nationalsozialistischen Propaganda gehässig verfremdend dargestellt. Dabei bediente man sich einiger Erscheinungsbilder von orthodox-religiösen Juden aus der polnischen Schtedtl-Kultur mit der ihr eigenen jiddischen Sprache, die auch nach Ansicht westlich-zivilisierter Juden fremd wirkten. 

Hier auf dem Lande trug damals auch noch der jahrhundertealte, verborgen wirksame christliche Vorwurf gegen die Juden als "Gottesmörder" zur Verfemung der Juden bei. Die ausschließliche Erfahrung vielerBauern, von jüdischen Viehhändlern und Kreditgebern abhängig zu sein, verstärkte diese ablehnende Haltung. Hier setzte die Propaganda an und bewirkte, dass man allen Juden allmählich menschliche Züge und Eigenschaften entzog. Aus Nachbarn wurden Volksschädlinge. Solche mussten nach dieser perversen Logik aus dem "gesunden Volkskörper" ausgestoßen werden. So wurde hier in der Gegend aus dem Kaltenberger Bierbrauer, Herrn Schülein, der "Bierjude Schülein", dessen Gebräu man nicht mehr trinken sollte, obwohl es schmeckte. Wenn man eines Tages merkte, dass jüdische Nachbarn oder Geschäftspartner schon einige Zeit fehlten, dann machte man sich darüber kaum Gedanken oder gar Sorgen. Sie hatten sich wohl davongemacht und - das Bier floss weiter, kam danach aus "arischen Quellen".

Ihre erste intensive Begegnung mit Juden hatten die Schwabhausener beim Elendszug von 1.500 evakuierten KZ-Häftlingen, derauch auf ihrer Dorfstraße durchgetrieben wurde.Ein paar Tage später wieder mit Flüchtenden, die man weiterschickte oder heimlich aufnahm und dann in einer Wirtsstube als verwundete und kranke Überlebende versammelte. Da waren die Juden längst ihres zivilen Äußeren beraubt, ja man hatte versucht, ihnen durch Folterbedingungen ihre innere Würde zu brechen.So begegnete der Dorfbevölkerung das Fremde in einer Gestalt, die zunächst ratlos und hilflos machte: 

als kahlgeschorene Häftlinge in gestreiften Anzügen mit Holzpantoffeln und einer Decke um die Schultern 

als Ausländer außerdem, die nicht einmal die deutsche Sprache beherrschten,

als darbende Menschen zudem, die total erschöpft, durchnässt, frierend, schmutzig und stinkend daherkamen, 

als Schwerkranke, denen man sich nicht gewachsen fühlte, denn diese Fremden waren physisch und psychisch verletzt, sie humpelten und lahmten, sie bluteten aus Wunden und sie waren durch die erlebten Schrecken traumatisiert, standen unter Schock oder waren auf den reinen Überlebenstrieb reduziert. 

Es ist bestimmt einfacher, jener Opfer heute Abend in dieser feierlichen Form zu gedenken als damals ihnen seelisch-körperlich nah zu sein, ihnen tatkräftig zu helfen und das Risiko von Bestrafung oder Ansteckungauf sich zu nehmen. Wenn wir all diese Umstände bedenken und zur damaligen Propagandawirkung hinzunehmen, versteht man, warum die einheimische Bevölkerung von ihren Autoritäten erst ein wenig angeschoben werden musste. Um so dankbarer können wir sein, aus zuverlässigen Augenzeugenberichten zu erfahren, dass, vereinzelt und heimlich erst, letztlich dann aber doch offen und planmäßig geholfen wurde, bis die Amerikaner als eigentliche Befreier und relativ gut ausgerüstete Helfer eintrafen. 

Ob man aber danach - mit Worten des Altbürgermeisters Vogt - so einfach sagen konnte "Das war dann mit den Juden - sozusagen - für uns erledigt"? Eine Zeit lang war dieses Wegstecken des Grauenhaften, des Unfassbaren und Unsagbaren für den Normalbürger vielleicht nötig, und nicht nur in Schwabhausen wurde der Mantel des verschonenden Schweigens über diesen Teil der Vergangenheit gebreitet. In ganz Deutschland musste wohl erst die Generation der Täter, der gleichgültigen Mitläufer und auch der überlebenden Opfer sterben, ehe Kinder und Kindeskinder vorsichtig daran gehen konnten, nach der konkreten Wahrheit zu forschen, die der Generation zuvor so schwer zu schaffen gemacht hatte. 

Inzwischen ist klar geworden, dass man das Grauen, das von Auschwitz über Kaufering nach Schwabhausen durchsickerte, nicht einfach "abisolieren" kann. Der erwünschte Schutzanstrich bzw. Schluss-Strich kann nicht und soll auch nicht gezogen werden. Wenn das Ungeheuerliche nicht bildhaft in die Menschen eingedrungen ist und immer wieder eingelassen wird, besteht die Gefahr der Wiederholung. Es darf auch heute noch kein Schlussstrich gezogen werden, weil sich die Jungen sonst von der Quelle ihrer Lebendigkeit entfernen würden, von der Erinnerungskraft und von der damit verbundenen Zukunftshoffnung. Das Stillschweigen hat Väter und Söhne schon genug getrennt, hat den Erzählfluss zwischen den Generationen ausgetrocknet, hat oft nur flachen und unkultivierten Ersatz im öffentlichen Leben zugelassen. Wünschen wir uns wieder mehr wache Aufmerksamkeit und Sensibilität im öffentlichen Umgang miteinander und einfühlsame Nachdenklichkeit auch bei unseren gewählten Politikern.

Neuerdings möchte auch Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, den Blick wieder mehr in die Gegenwart und Zukunft gerichtet haben, ohne aber gleichzeitig einen Schlussstrich zu ziehen. Wir hätten Gelegenheit genug gehabt, das nationalsozialistische Geschehen in allen Schattierungen und konkret genug anzusehen und einzuordnen, wir konnten die Bedingungen studieren, die damals zur 13jährigen Schreckensherrschaft geführt haben und wir konnten uns überlegen, was uns in Zukunft vor einem Rückfall in die Barbarei bewahren könnte. Eine Sicherheit dafür gibt es zwar nicht, wie uns Beispiele täglich zeigen, und zwar in unserem eigenen Haus (denken wir an Brandbomben gegen Asylbewerber oder türkische Einrichtungen) und vor unserer Haustür (Kriegsgräuel in Serbien, Kroatien und Bosnien). Aber wir können und müssen aus dem Erinnerten, aus dem Mitgefühlten, aus dem Nachgedachten, aus dem Durchdiskutieren Verantwortung übernehmen für die Gestaltung unserer Zukunft derart, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen wird.Das war auch die Sorge des Philosophen Adorno, selbst ein der Vernichtungsmaschinerie Entronnener. Er sah in seinen Schriften auch, dass es gesellschaftliche und politische Voraussetzungen unserer Zivilisation sind, die Barbarei immer wieder ausbrüten. Da wir diese objektiven Verhältnisse kaum ändern können, käme alles darauf an, durch Erinnerungsarbeit der möglichen Wiederholung von Auschwitz subjektiv entgegenzuarbeiten. Schwabhausens Judengräber mögen uns dabei eine Erinnerungsstütze sein! 

Nach 50 Jahren sind wir von unmittelbarer, lähmender Betroffenheit teilweise wieder befreit. So stellt sich uns jetzt die Frage, was wir aus unserer besonderen Vergangenheit zum Umgang mit dem Fremden und den Fremden heute gelernt haben. Untersuchen wir diesen Lernstoff noch nach zwei Richtungen:

1. Psychologisch gesehen kann eine Person sich selbst nicht finden, entdecken, wer sie ist, wenn sie immer nur mit sich selbst und ihresgleichen umgeht. Will sie erfahren, wer sie wirklich ist, braucht sie die Begegnung mit einem Nicht-Ich, einem Anderen, mit einem für sie Fremden. Der Philosoph Martin Buber hat in seinem Hauptwerk geschrieben: "Der Mensch wird am Du zum Ich." Im Wechsel der Begegnungen mit vielen Du klärt sich das Bewusstsein des Ich, den anderen ein gleichbleibender Partner zu sein. So entsteht Ich-Identität. Je mehr ich mich auf das Abenteuer echter Begegnung mit ganz anderen Menschen einlasse, um so reicher spiegelt sich in mir mein Eigenwesen, mein Sondersein. 

Auch für die Erziehung ergeben sich wertvolle Einsichten und Leitlinien, wenn man begreift, dass Kinder nie Abziehbilder der Eltern, also der allernächsten Menschen sein können. Sie brauchen - ganz im Gegenteil - von Anfang an die Gewissheit, als Eigenwesen angenommen zu werden. Andererseits brauchen sie ein erzieherisches Gegenüber, das es aushält, dass das Kind nicht so sein will wie sein Erzieher. Nur so wächst die gewünschte Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen. Die Bindungskraft an die "Eigenen" und damit verbunden die Angst vor den Fremden wird in der Erziehung grundgelegt, wenn man Kindern nicht genügend emotionale Grundsicherheit gibt und sie vom Wagnis der Trennung von den ersten Bezugspersonen und von der Begegnung mit Neuem, Grenzüberschreitendem abhält. 

Es gibt Volksmärchen und fromme Legenden, in denen der Herrgott in Gestalt eines Armen und Fremden durch die Lande geht und die Herzen der Menschen prüft. Wir verstehen jetzt besser, warum dies im Märchen auf diese Weise geschieht. Ein Fremder ist nicht einzuordnen in das glatte Freund-Feind-Schema. Freund und Feind kennen sich in ihrer speziellen Beziehung, sind sich einander in gewisser Weise intim. Es ist ein modernes Missverständnis zu glauben, man könne die uneindeutige Kategorie des Fremdenauflösen.Mit dem Fremden müssen wir leben lernen oder wir gehen im Chaos neuer Stammesfehden unter. 

Die Fremden in unserem Lande, von denen es immer mehr geben wird, machen uns Sorgen, denn eindeutige Wertkriterien oder gar Patentlösungen für die damit verbundenen Probleme gibt es kaum. Wichtig erscheint den meisten von uns aber, dass wir uns bei allen berechtigten Tendenzen, das Eigene zu bewahren, auch an eine christliche Grundbotschaft erinnern, an die tätige Nächstenliebe unter uns Menschenkindern. Es ist schon eine Kunst, seine Eltern, Geschwister, Nachbarn, die Menschen im nächsten Ortsteil, also seine Allernächsten zu achten, wahre Seelengröße erprobt sich aber erst beim achtungsvollen Umgang mit dem Fremden. 

2. Von einem politischenBetrachtungspunkt aus kann noch hinzugefügt werden, dass die modernen Nationalstaaten, in denen wir seit 200 Jahren zu leben gewohnt sind,typischerweise Probleme mit Fremden haben. Bei der Bildung von Nationen, also konkret kaum fassbaren Gemeinschaften,will man Gleichförmigkeit trotz Verschiedenheit erreichen.Dabei muss zwangsweise über ethnische, religiöse und kulturelle Verschiedenheit der Stämme hinweggesehen werden. Was nicht "eigen" werden will, muss ausgegrenzt werden oder darf später gar nicht erst hereingelassen werden. Im Nationalsozialismus als Nationalismus waren die Juden die prototypischen Fremden. Ausge­grenzt, trotz eigener intensiver Integrationsversuche, wurden sie schon immer, zum "wuchernden Unkraut in gepflegten nationalen Gärten" wurden sie schon vorher erklärt. Hitler war aber der erste, der sie europaweit ausreißen und verbrennen wollte und dies mit entsetzlicher Systematik und Gigantomanie auch betrieben hat. 

Welch schreckliche Verblendung! Sind wir denn nicht alle auch Fremde in dieser Welt? Ob wir es uns da noch leisten können, zum Beispiel Deutschsein auf Blutsverwandtschaft, auf Abstammung durch Geburt, zu begrenzen? Der Münchener Soziologe Beck hat neulich einen Satz dazu geschrieben, der diese Betrachtungen selbstkritisch beenden kann: "Ein neues, endlich westlich-ziviles Staatsbürger- und Einwanderungsgesetz fünfzig Jahre nach Auschwitz, eine zweifellos überfällige Tat - und alle Gedenkreden wären glaubwürdiger." 

Da wir aber immer bei uns selbst erst beginnen müssen, füge ich zu unserer eigenen Glaubwürdigkeit hinzu:

Auf unserer heimatlichen Flur sind auch Fremde in die ewige Ruhe eingegangenen.Schließen wir sie in unser Gedenken ein! Öffnen wir nachträglich unsere Herzen für die fremde Krea­tur, die vor 50 Jahren unfreiwillig in unsere Heimatgeschichte eingebrochen ist. Die namenlosen Toten hier stehen für das Leid in dieser Welt und für das ungelittene Fremde schlechthin, von dem wir alle auch Teil sind. Wir wollen das Fremde in uns und um uns nicht ausschließen. Ganz sind wir nur mit ihm.