Volker Gold

 

Glauben an den christlichen Gott?[1]

 

Mein persönlicher Klärungsversuch

 

Glauben   2

Glauben an Gott   3

Freier Umgang mit einem heißen Thema   4

Wesenszüge des Gottesglaubens  5

Gottesglauben als narzisstische Erlebnisform    6

Christliches Glauben an Gott   8

Narzissmen im christlichen Gottesglauben   9

Ödipaler Gottesglaube   12

Jesus als abnorme Persönlichkeit?  13

Religiöse Erfahrung ohne „main-stream“- Gottesglauben   14

Kohabitation von Glaube und Vernunft  15

Buber – Sölle - Metz: „Gottesrede“ mit dem Gesicht zur Welt  16

Die Stoa: Gelassenheit auch in der Gottesfrage üben   17

Pirsig: Gott als Qualität erfahren im bewussten Tun   18

Zen / Tantra: Gotteserfahrung in der Entleerung und Verschmelzung   18

Meister Eckehart: Das „Fünklein des Heiligen Geistes“ in uns selbst wahrnehmen   19

Bateson: Geist in der Natur und in Systemen erkennen und achten   20

Elisabet Sahtouris: Staunen über den Evolutionsprozess des Lebens  20

Nihilistische Positionen (Besser nichts als „mangelhafte“ Schöpfung)  21

Ein Glaube, den ich mir eben erlaube   22

Eine Ethik als minimale Diätetik (gesunde Lebensweise)  24

Worauf es heute ankommt   25

Resümee   28

 


 „Christentum..., die falscheste, unvernünftigste, absurdeste Religion, die es jemals gegeben hat; eine Liebesreligion, die nichts als Hass kennt; eine Religion der Freiheit, die nur den Despotismus kennt; eine Religion der Menschlichkeit, die nie etwas anderes praktiziert hat als die grausamste Barbarei.“

(Der vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Heinrich Heine 1851 in einem Brief an Alexandre Weill)

 

In dieser kurzen, notwendigerweise nur holzschnittartigen Abhandlung wird nicht nur der Versuch gemacht, die Entrüstung Heines über den christlichen Glauben, so wie ihn die Kirche zu großen Teilen immer noch vertritt, aufzugreifen. Es geht um eine Erhellung der Glaubensfunktion überhaupt. Da wir im „christlich geprägten Abendland leben“, soll ergründet werden, was dieser besonderen Irritation für den halbwegs aufgeklärten Menschenverstand zugrunde liegt. Im Schlussteil werden einige Glaubensansätze zusammengetragen, die einen Glauben erlauben, der sich nicht alles erlaubt, die ihn gewissermaßen wieder in seine Schranken verweisen.

 

Glauben

 

An etwas glauben umschreibt einen psychischen Vorgang, bei dem man aus subjektivem Interesse etwas für wahr hält, dessen objektive Erkenntnis (noch) nicht gesichert ist, ein Vorgang, der Berührung hat zu anderen psychischen Funktionen, verzerrter Wahrnehmung, Wunschdenken, phantasievollem Vorstellungsvermögen, aber auch Hypothesenbildung und Spekulation. Wäre der Gegenstand des Glaubens nicht „verhüllt“, ja, für den Realitätssinn nicht geradezu widersinnig bzw. irrational, bräuchte man auch nicht zu glauben, sondern könnte sich vergewissern. Wissenslücken müssen mit Glaubensleistungen gefüllt werden, wenn eine zusammenhängende Sicht der Dinge erreicht werden soll. Nur zu sagen, „ich weiß es nicht“, genügt den meisten Menschen nicht. Lieber setzen sie sich mit Glauben über eine Unklarheit hinweg oder versetzen damit gar Berge, allesamt Phantasievorstellungen, die menschlichen Narzissmus (s.u.) gut befriedigen können. 

 

In jedem Wahrnehmungsvorgang sind, genau genommen, minimale Glaubensakte enthalten. Bei jeder Wahrnehmung wird etwas hinzu erfasst, was im Wahrnehmungsreiz nicht enthalten ist. Hört man beispielsweise einen Schuss, bewirken tiefere Schichten des Gehirns auch eine Sofortbewertung („gefährlich/nicht gefährlich“), die zusammen  mit in der Hirnrinde gespeicherten Erfahrungen zu einer Urteilsbildung führen können, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben müssen („man verfolgt mich“ statt „aha, das Schützenfest ist eröffnet“). Jeder Wahrnehmende bildet rasch Kategorien, in die er das Wahrgenommene (vorläufig) einordnet, um es mit bisherigen Erfahrungen in Einklang zu bringen. Der Mensch sucht in einem psycho-ökonomischen Sinn nach klaren Konzepten und einfachen Lösungen. Er glaubt gerne, ist „leichtgläubig“, denn die Realitätsprüfung ist nun einmal ein eher hartes Geschäft und zum anderen zeigt die Erfahrung, dass am Ende nicht immer Wunschgerechtes heraus kommt. Es ist für viele demütigend, sich dem Zwang der Realitäten des Alltags beugen zu müssen.

 

Glauben heißt nun aber auch nicht Wissen und schließt, vom Wissensbedürfnis bedrängt, immerzu Zweifel ein. Ein reiner, fester Glaube ist ein Widerspruch in sich selbst[2]. „Reinheit“ des Glaubens, insbesondere im religiösen Feld, ein unerreichbares, wenn auch von vielen heiß herbeigesehntes und in Gebeten erflehtes Ziel. Das verhält sich analog zur Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit des Wissens. Auch die „Einheit im Glauben“, viel beschworen und politisch gut verwertbar, ist eine Schimäre, denn kein Mensch, der über das Hersagen von Katechismen hinaus gelangt ist, gleicht in seinem Glauben dem eines anderen.

 

Glauben ist ein individueller, kognitiv-emotionaler Prozess, in dem eine bestimmte, gewünschte oder befürchtete Sicht von Wirklichkeit aufgebaut wird. Was konstruiert wird, kann begreiflicherweise auch wieder de-konstruiert werden. Glauben wäre insofern eigentlich ein geeignetes Feld für den Habermas’schen Diskurs, der so beschaffen ist, dass er die Legitimation von Aussagen diskursiv, auf demokratische Weise beschafft. Recht besehen ist z.B. am christlichen Dogmengebäude ja auch über fast zwanzig Jahrhunderte hinweg „gebastelt“ worden – nur eben nicht über das von Habermas ausgearbeitete, ideale Verfahren. Der darin dekretierte Gottesbegriff erschließt sich heute nicht mehr jedem bzw. es ist heute lediglich leichter geworden, seinen ungläubigen Dissens ohne starke Ängste auszudrücken; der stigmatisierende Begriff „Ketzer“ wird nicht mehr darauf angewendet und Päpste wenden sich Neuerdings auch schon mal an die im Glauben abseits stehenden, um sie zum „Dialog“ einzuladen. Soll nun daran vertrauensvoll mitgearbeitet werden oder wird am Ende eine Theologie triumphieren, die schon immer „wusste“, wie Gott ist?

 

Glauben an Gott

 

„Grüß Gott“ als süddeutsche Standardform der Begrüßung, „Herrgottnochmal!“ als populärer Ausdruck von Ungeduld oder Ärger,  „Mein Gott!“ bei sich anbahnender Ratlosigkeit oder gar Verzweiflung und anderes mehr zeigen das Eingewurzeltsein eines Gottesglaubens an, der freilich hier in etwas unbedachte bis leichtfertige Rede umgemünzt erscheint.

 

Der Glaube an ein höheres „Wesen“, Gott genannt, ist nahezu universell. Der Anteil der Konfessions- bzw. Religionslosen liegt weltweit bei nur 16 %, ist in Europa allerdings wesentlich höher anzusetzen und im Zunehmen begriffen. Religionen mit dem Glauben an jeweils nur einen Gott, der sich seinen Anhängern offenbart (Judentum, Christentum und Islam) dominieren; während sich Judentum und Islam mit Propheten als Religionsstifter begnügen, soll das Christentum von einem Sohn Gottes, der Mensch geworden ist, gegründet worden sein. Zum Judentum, dem ältesten Monotheismus, bekennen sich nicht einmal 1% der erfassbaren Weltbevölkerung, zum Christentum, das sich aus dem Judentum herausentwickelt hat (Protestanten und Orthodoxe eingerechnet) gut 30 %. Der Islam (20%), der christliche und jüdische Elemente aufgenommen hat, ist, wie die vorgenannten, eine Buchreligion, von einem Stammesführer im 7. Jhdt. gegründet, dem sie in einer Vision diktiert wurde. Hindus mit 14 % Anteil an der Weltbevölkerung verehren mehrere Götter seit uralten Zeiten, ebenso wie die meisten Naturvölker (6%). Hinzu kommen noch die traditionellen, chinesischen Religionen (6%) und – der Vollständigkeit halber – mit weniger als 1% die Sikhs. Nur die Buddhisten mit ebenfalls 6 % Anteil glauben nicht eigentlich an Gott oder Götter, sondern haben eine Bewusstseinsphilosophie entwickelt, die wie eine Religion ausgeübt werden kann.[3]

 

Freier Umgang mit einem heißen Thema

 

Die „Rede von Gott“ (Theologie) wurde und wird außerhalb der vom Klerus gesetzten Rahmenbedingungen immer noch tabuisiert („Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren!“, man soll „Ehrfurcht vor dem Heiligen“ haben) Es gibt eine Konvention, nie­mandem in seinem Glauben zu nahe zu treten; ähnliche Rücksichten werden nur noch in Bezug auf die eigene Sexualität, Geburt und den Tod genommen. Der Anfang des individuellen Lebens, sein Ende und was dazwischen Sinn macht und was danach even­tuell noch kommen könnte, oder gar kommen muss, sind zu sakrosankten Themen geworden. Selbst im persönlichen Gespräch in Familien und mit Freunden erfährt man wenig Hilfe, da man überzeugt ist, jeder müsse damit selbst klar kommen. Es bleibt zu prüfen, ob diese kommunikative Berührungsscheu in sehr frühen Erfahrungen eines menschlichen Wesens wurzelt, das, als „physiologische Frühgeburt“ (beispielsweise im Vergleich mit dem Reh) sich im Leben von Anfang an sehr lange abhängig und un­gesichert fühlen muss und an diese Phase von Verletzlichkeit nicht rühren lassen will.

 

Versuchen wir, die „Heilige Schrift“ einmal nicht ehrfürchtig zu respektieren: Hätte sich um die Sammlung von Märchen und Legenden, wie sie im europäischen Volk erzählt wurden und die von dem Gebrüder Grimm mit „oral history“ - Methoden abgefragt wurden eine der Theologie analoge Wissenschaft mit demselben Aufwand an men, money, material jahrhundertelang gekümmert, ebenso also, wie um das Substrat der Aussagen eines in Palästina lebenden Jesus, das dann zu den weiter ausschmückenden vier Evangelien führte – das Ergebnis wäre sicherlich ebenso eindrucksvoll und bedeutungsschwanger für das menschliche Leben, wie diese dann „heilig“ genannten Schriften. Im Bemühen allerdings, dem Volk die innere Wahrheit dieser Grimm’schen Märchen zu erschließen, wäre am Ende wohl genauso viel oder wenig erreicht worden, wie mit den Jesus zugeschriebenen Äußerungen. Am Ende des Zähmungsversuches stünde doch wieder der Wildwuchs einer trosterheischendeninterpretacion popular“ oder die höllische Zwanghaftigkeit eines Buchstabenglaubens fundamentalistischer Gruppierungen. „Bedroht ist der Glaube überall, und das gehört wohl zu seinem Wesen“, sagt Josef Kardinal Ratzinger und es gebe eben auch „enge und kranke Religionsformen.“[4]So gesehen, wäre es sicherlich besser gewesen, die Gottheit hätte sich öfters und in diversen Kulturen interpretationsresistenter gezeigt oder gar inkarniert; ist dies nicht ein Fall von göttlicher Nachlässigkeit?

 


Wesenszüge des Gottesglaubens

 

Religiöser Glaube birgt in sich ein „teuflisches“ Grunddilemma: Wahrheit der Gottesbehauptungen oder Zuschreibung der benötigten Gotteseigenschaften Güte und Wärme – was geht vor? Die einen suchen Sicherheit in festen Begriffen und Definitionen, die anderen einen Quell der Freude und Anschub zur Überhöhung der eigenen Existenz. Im gar nicht so seltenen Extremfall haben wir dann auf der einen Seite die kalt brennenden Fundamentalisten, auf der anderen Seite die schwärmerischen Pfingstgemeinden und Evangelikalen.

 

Ein wirklich gläubiger Mensch richtet seinen Glauben im Idealfall an eine Gottheit, die im allgemeinen Sinne als eine letzte Realität, als Realität hinter der Realität gedacht wird, transzendent und sinnlich nicht fassbar. Diese Gottheit ist zwar absolut verborgen, zeigt sich offenbar jedoch auch mitunter. In diesem Fall nimmt sie für den Anbetenden personale Gestalt an und wird als „Du“ ansprechbar. Allerdings „raubt“ diese Personalisierung der Gottheit viel von ihrer Tiefe und ihrem Reichtum und viele verkennen den Gleichnischarakter bzw. den  analogisierenden Ausdruck von Offenbarungsformen; Konsequenz ist meist die Ausdörrung der Gottesrede. Wer seinen Gott wirklich sucht, dem dient eine personale Gottesvorstellung lediglich als „pädagogische Vorstufe der reinen Gotteserkenntnis“. Der religionsgeschichtliche Vergleich zeigt darüber stets Kontroversen auf. Im Christentum gab es – vor allem bei den frühen Kirchenlehrern und mittelalterlichen Mystikern  eine starke Tendenz zum Impersonalismus. Thomas von Aquin sprach vom „lauteren Sein“, Meister Eckehart gar von Gott „hoch über allem Sein“ und der Dreifaltigkeitsglauben darf getrost als etwas misslungener Kompromiss in dieser Angelegenheit angesehen werden. Kein Mensch versteht die diesbezüglichen theologischen Auslegungsversuche wirklich;[5] für Albert Schweizer ein Grund, die Theologie an den Nagel zu hängen und statt zu missionieren, in Afrika zu heilen.

 

Demgegenüber stellt Friedrich Heiler[6] in seinem Resümee heraus, dass das Wesen der Religion nicht besteht „in einer bestimmten, rational zu erfassenden statischen Vorstellung des Göttlichen, sondern in einem dynamischen Umgang mit dem Heiligen; Religion ist nicht ein bloßes Denken an oder über transzendente Objekte, sondern ein Handeln“ (Zauberkulte, mystische Heilswanderung, Unterwerfung unter einen göttlichen Willen usw.) Religion in diesem Sinne ist Anbetung des Mysteriums und Hingabe an dieses. Diese zeigt sich in einer der vielen Arten von Opferbereitschaft (asketische Haltung, Darbietung einer äußeren Gabe oder gar von sich selbst, Liebestat am Nächsten usw.) und in einer gewissen Tendenz zur Weltentsagung bzw. –relativierung. Obwohl nun Religion ein Handeln ist, ist sie letztlich nicht Leistung, sondern Gnade. Nicht der Mensch kommt in der Religion zu Gott, sondern Gott zum Menschen. Zwar ist bei der Heilssuche der Mensch wesentlich privat mit seiner Gottheit, doch wird in den meisten Fällen als Endziel der Menschheit und des Kosmos ein „Gottesreich“ verheißen. Es bringt ein Ende der religiösen Opferhandlungen und den Eintritt in die Gemeinschaft mit Gott, die ewig dauert.

 

Zwar hat F. Heiler bei den letzten Gedanken auf die monotheistischen Großreligionen abgehoben, doch war er bemüht, alle Religionskulturen dieser Erde zu berücksichtigen. Alle Religionen, insbesondere die drei monotheistischen, können eigentlich immer nur denselben Gott meinen, doch wird offenbar auf die spezifische Schau des Gottesgeheimnisses eben großer, unterscheidender Wert gelegt. Auch in diversen Kriegen betet jede Seite zuvor darum, dass ihr Gott ihnen den Sieg verleihen solle, obschon sie in friedlichen Zeiten durchaus zugeben, für alle Menschen gäbe es nur einen Gott, vornehmlich jedoch den ihren. Dies allein deutet eigentlich schon an, dass auch noch so viele Menschen sich irren können und zwar seit Menschengedenken.

 

Gottesglauben als narzisstische Erlebnisform

 

Die Psychoanalyse beschäftigt sich auf ermutigende Weise mit der inneren Wahrheit von Menschen. Dazu gehören Glaubensfragen, die, das spürt auch jeder Laie, sehr weit zurück in frühkindliches oder vorgeburtliches Leben reichen. Am Anfang der Entwicklung der menschlichen Psyche steht eine sehr urtümliche Form von narzisstischem Erleben; sie gilt als unvermeidlich und ganz normal. Die psychoanalytische Theorie des Narzissmus knüpft zwar an die antike Sage des schönen Jünglings Narziss an, der nur sein ideal gespiegeltes Ebenbild zuließ und liebte, nicht aber die reale Nymphe Echo, die er, als ein zur Liebe Unfähiger, zurück wies. Mit Selbstliebe wäre dieses heute so verbreitete Phänomen jedoch nur unvollkommen umschreiben. Es handelt sich eher um eine Art von gesteigertem Selbstwertgefühl und dem Drang, sich darin zu zeigen, verbunden jedoch auch mit archaischen Wutausbrüchen oder Zuständen allgemeiner Depression, falls diese narzisstische Darstellung nicht gelingt. (Dafür, dass die Neigung zu religiösen Gefühlen auch schon im Erbgut verankert sein und insofern zu einem evolutionären Vorteil verhelfen könnte, gibt es erste aber noch nicht völlig überzeugende Anzeichen einer wissenschaftlichen Evidenz.[7])

 

Der menschliche Embryo hat im Mutterleib in aller Regel eine Zeit vollkommener Versorgung und ausgeglichener Bedürfnisbefriedigung noch sehr unbewusst erleben dürfen. Die Geburt schränkt dieses glückselige, bisher nicht bedrohte „Paradies“ in gewisser Weise ein und das Neugeborene muss zunehmend Einschränkungen in der Harmonie der Versorgung und im Gefühl des seligen Schwimmens und Schwebens hinnehmen, denn die gegenübergesetzte Mutter ist nun mal nicht immer perfekt verfügbar und zudem kommt der Mensch im Vergleich zu anderen Tieren relativ früh und damit sehr abhängig zur Welt (s.o.). Es entsteht die Notwendigkeit, eine innere Instanz zu entwickeln, die äußere Realität mit vitalen Bedürfnissen regelt und versöhnt und so das Menschenkind langsam reifen lässt.

 

Mit seiner Abhängigkeit ist er durch die nächste Bezugsperson, natürlicher- und normalerweise der Mutter, psychisch extrem verformbar , was dann prekär werden kann, wenn die Mutter selbst noch sehr bedürftig ist und dem Kind signalisiert, wie es gewünscht wird und wie sie es nicht brauchen kann. In seiner Abhängigkeit von der mütterlichen Liebeszufuhr (und einer schrecklichen Angst, fallen gelassen zu werden) wird es einen Teil seines ursprünglichen Selbst abstreifen, um mit dem Rest um so mehr gefallen zu wollen. Die Konsequenzen sind gravierend, denn es waren die besonders vitalen und kreatürlichen Anteile, die das junge Selbst abzulegen gezwungen war. Die „Suche nach dem wahren Selbst“ oder das Hängen am „Paradies-Thema“, beides Untertitel von Büchern der Psychoanalytikerin Alice Miller, bleiben insofern lebenslange Themen.

 

Es ist gut nachvollziehbar, dass der menschliche Säugling diesen vergangenen, besseren Urzustand gegen die als zunehmend einschränkend empfundene, reale Welt in seinem Unbewussten bewahrt und sich bei Gelegenheit eine Wiederbelebung dieser vergangenen Herrlichkeiten herbeisehnt. Er will, könnte man sagen, die einstige narzisstische Erfüllung wieder erlangen. Dieser Urzustand ist natürlich nicht mit präzisen Erinnerungen und inhaltlichen Vorstellungen erfüllt; um so mehr eignet er sich als Matrix für alle Glaubensvorstellungen, auch die an eine transzendente Wirklichkeit, die mit einem Gott besetzt sein kann. Es ist aus dieser Sicht sehr verständlich, dass Menschen einem Gottesglauben anhängen und dass man sie sehr verunsichert, wenn man diesen Glauben in Frage zu stellen versucht. Die anthropologische existentielle Situation als Mängelwesen verlangt geradezu nach einer Jenseitsreligion, die nach dem Leben das verspricht, was man am Anfang des Lebens, noch im Mutterleib und gerade noch in der Mutter-Kind-Symbiose dunkel erahnen durfte. Im bescheidensten Fall diente eine solche Religion jedoch auch als Trostpflaster oder als Betäubungsmittel für die nicht zu verleugnende aber auch schwer zu verkraftende Gewissheit, aus dem Leben wieder ins Ungewisse scheiden zu müssen.

 

Vor allem aber ist der Glaube eine narzisstische Regression, was so viel heißt wie ein Zurückgehen von einem avancierten Entwicklungsstadium zu einem schon überwunden geglaubten früheren, nämlich ganz anfänglichen. Vernunft, Realität, Kausalität, Differenziertheit und gleichzeitige Integration von widersprüchlichen Strebungen werden aufgegeben zugunsten einer intensiveren Emotionalität und einer Vorstellungswelt, die einem grandiosere und erhebendere Entwürfe erlaubt. Und dies alles zu Sonderkonditionen: Der Gläubige braucht sich nicht mehr zu rechtfertigen sondern nur noch auf seinen ganz persönlichen Glauben verweisen. Das Hochhalten eines zusammen geteilten Glaubens ist gar ein Machtfaktor in der zur bloßen irdischen Realität herabgestuften (schnöden) Welt. Nach Grunberger[8] ist dieses Zurückgehen im Glauben der kurze Weg, der die Realität, die Konflikthaftigkeit und den Reifungsprozess vermeidet.

 

Auch T. Moser hat in seiner „Gottesvergiftung“, die noch in der freudianischen Tradition verankert ist, den traditionellen, christlichen Glauben als neurotisierend und in der Neurose festhaltend beschrieben. Inzwischen hat dieser Psychoanalytiker in seiner Arbeit einen Zugang zu einem menschlichen Grundgefühl finden können, das ein wichtiges Fundament von Religion bildet und das er mit „Andacht“ umschreibt. Es ist ein Gefühl des „feierlichen Zusammenhangs“, in das z.B. eine stillende Mutter kommen kann, aber auch der gestillte Säugling. Es kann am ehesten durch starke Bilder, Musik oder andere sinnliche Wahrnehmung angesprochen oder ausgedrückt werden und reicht später bis zu einer geahnten Verbindung von Selbst und Kosmos. Dies ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass Andacht missbraucht werden kann, und das schon früh. Religionen, die mit Machtanspruch auftreten, wissen, dass es darum gehen muss, „das Andachtspotenzial des Kindes früh mit den dogmatisierten oder erwünschten Inhalten zu verknüpfen, und zwar so, dass es quasi vor-sprachlich und vorargumentativ in der Seele verankert wird.“ (S. 26)[9] Diese Andacht und die darauf aufbauende Spiritualität sind nach Moser als kostbare Fähigkeiten des Menschen anzusehen, sich und die irdischen Verstrickungen zu transzendieren. Eine zweite Frage wäre dann, auf welches theologisch ausgearbeitete Gottesbild sich diese Fähigkeiten richten. Sollte dies noch so ein unbarmherzig verfolgerischer Richtergott aus früheren Jahrhunderten sein, dessen man sich nicht mehr entledigen konnte, ist die Entwicklungsprognose ungünstig und sind dann Hilfen notwendig, um das Vergiftete vom Heilsamen zu unterscheiden.

 

Es könnte aber auch im Gegenteil sein, dass ein überidealisierter Liebes-Gott (z.B. in Richtung Herz-Jesu- oder Vaterherz-Mystik) sich als Behinderungen auf dem Weg zu einer reifen Persönlichkeit erweist. Ohnehin erscheint der christliche Gott der bedingungslosen Liebe theologisch schlecht abgeleitet und begründet, obwohl es doch auf ihn zur Unterscheidung von anderen Religionen so ankommt. Eine kühne und tiefe Begründung gibt Biser für die Liebe Gottes: „Er liebt sich selbst in uns“ und wir hätten nun eine Liebes-Bringschuld ihm gegenüber. Klarer kann man eine narzisstische Beziehungskonstellation nicht mehr ausdrücken. Ein weiteres Glaubensprodukt, der biblische Schöpfungsmythos, erinnert ebenfalls an eine gigantische narzisstische Veranstaltung[10] (einem eifersüchtigen Gott geht es in seiner Eitelkeit immer nur um ihn selber) und nach der Erschaffung des Menschen „kann sich der schöpferische Nariss aus vollem Halse sein Selbstlob singen und dessen tausendstimmiges Echo von den Geschöpfen hören.“

 

Christliches Glauben an Gott

 

Das christliche Verständnis von Gott ist vom jüdischen abgeleitet mit der Besonderheit, dass Gott nicht – wie bei den griechischen Philosophen – als ein Prinzip gedacht wird, sondern als ein handelndes Subjekt, das in die Geschichte eingreift bzw. eingetreten ist. Zwar könne Gott grundsätzlich nicht begriffen werden, doch könne man trotzdem von ihm reden, insofern, „daß wir unsere zwischenmenschlichen Erfahrungen als Modell benutzen, um in uneigentlicher Weise – trotz seiner grundsätzlichen Unbegreiflichkeit – von Gott zu sprechen.“[11] Hat er den Juden Gesetze und moralische Vorgaben vermittelt, so fassen Christen grenzenlose Liebe als seine vornehmste Mitgift auf. Und ein Liebesgott muss personal strukturiert gedacht werden - so die vorgetragene Logik. Augustinus hat hier allerdings unschön dazwischen gefunkt und Angst und Nötigung als Bekehrungsmittel gutgeheißen, doch 1962-1965, während des Zeiten Vatikanischen Konzils wurde dem Gewaltirrweg, der „Drohbotschaft“,  ja schon wieder abgeschworen. Das hat L. Lütkehaus wohl nicht mitbekommen, der regelrecht erbost ist, „daß das Chistentum nicht nur seine Liebesbotschaft an die Macht und Herrlichkeit verraten, sondern zwei lebens- und sterbenswichtige Dimensionen des Menschlichen auf lange Zeit verhunzt hat: die Liebe und den Tod.“ ([12], S. 32/33) Es begnüge sich mit einer „Elternmetaphysik“: Das Leben als Geschenk und das Leid als Prüfung oder Strafe (S. 47) und wenn alles nicht weiterhilft, kommt die „Erbsünde“, um die Leidensrechnung aufgehen zu lassen.

 

Zentral steht das Bekenntnis zum im historischen Jesus Christus Mensch gewordenen Schöpfer-Gott. Dieser Gott kennt jeden Menschen und tritt mit ihm in Beziehung (umgekehrt funktioniert das nicht). Was das Christentum noch auszeichnet, ist die Berufung auf die Bibel und die Gesellungsform in Kirchen, in denen ein konfessionell unterschiedlich ausgestalteter sakramentaler Kult betrieben wird, um die Gemeinschaft mit Jesus Christus ständig zu erneuern und seine hinterlassenen Worte auszudeuten. Der christliche Glaube meint den ganzen Menschen und schließt stets eine „Weggemeinschaft“ ein, d.h., man kann ihn schlecht allein ausüben. Christen halten sich eine durch die Liebe Gottes zu allen Menschen begründete Menschenwürde zugute.

 

Eine „Theologie der Zukunft“ macht in Analogie zu Heisenbergs Unschärferelation einen beachtenswerten, in die Mystik weisenden Deutungsversuch von Glauben: „der Glaube ist nicht die Annahme von etwas anderem, das ich mit Müh und Not akzeptiere, sondern der lebendige Mitvollzug, ja sogar die Mitgestaltung des Geglaubten. Umgekehrt heißt das, daß der Geglaubte sich in meinen Glaubensakt einmischt und ihm mit mir zusammen vollzieht.“[13]

 

Narzissmen im christlichen Gottesglauben

 

Narzissmus gibt es, seit es den Menschen in seiner Entwicklungsgeschichte als „selbstdenkende Materie“ verzeichnen können. Es gibt ihn aber auch von der Geburt eines jeden Menschen an und er basiert auf einer bleibenden Spur diffusen Empfindens von Entgrenzung, einer Art von „ozeanischem Gefühl“ analog zum vorgeburtlichen Zustand. Mit Narzissmus kann man eine Krankheit bezeichnen, wenn es einem später nicht gelungen ist, narzisstische Strebungen mit Realitätskontrolle und vitalen Strebungen zu versöhnen und darüber in seiner Ich-Tüchtigkeit und Gesamtperson zu reifen. Sie ist aber grundsätzlich eine positiv zu wertende Lebenskraft.

 

Die narzisstische Liebe, die entfaltet werden kann, ist typischerweise auf sich selbst gerichtet und nicht auf eine reale, gegenübergestellte, als unverbunden angesehene Person mit eigener Identität und abgegrenzter Körperlichkeit. Die Sichtweise auf die eigene Person ist geschönt und formt ein gehobenes Selbstwertgefühl aus. Es gibt ein ständiges direktes, aber auch indirektes und suggestives Bemühen, dieses auch durch andere aufrecht erhalten zu lassen. In aller Regel werden dabei nichtakzeptable Erfahrungen mit sich selbst abgespalten, die vor allem Ausfluss grundlegender Bedürfnisse und Triebregungen sind (Sexualität und Aggression). Diese Nichtbefassung hindert in aller Regel zunächst nicht daran, vor allem im Bereich der Kreativität, Kommunikation und Politik Großes leisten zu können. Die Tendenz zur Selbstausdehnung bringt mit sich bzw. zeigt sich in Perfektion, Ästhetik, Autonomie, Souveränität und gebiert Vorstellungen  von Allmacht, Unendlichkeit, Ewigkeit, Unsterblichkeit, Vollkommenheit oder Einmaligkeit. Die Nähe zum religiösen und ethischen Bereich ist damit schon gegeben. Die genannten Themen gingen auch in die Literatur ein und fanden Gestalt in Werther, Faust, Don Juan und vielen anderen.

 

Wie bei allem anderen auch, gibt es eine eher negativ zu wertende Kehrseite des narzisstischen Formenkreises des Erlebens und Verhaltens. Zu ihr gehört die Nähe zum Irrealen, also zu Phantasmen (wie Gottessohnschaf)t und zum Irrationalen überhaupt, zur Ausbildung von Wunschträumen und der Hoffnung auf ihre Erfüllung. Bei Nichterfüllung kommt es zu drastischen, geradezu archaischen Wutausbrüchen und bei Dauerfrustration zu gehöriger Depressivität, nicht so sehr tief, doch ausgebreitet und nachhaltig. 

 

Bei narzisstisch besetzter Religiosität ist nicht der Glaube an etwas bestimmt, konkret definiert Hohes und Großes, Edles und Feines (z.B. Gottvater) gefragt, sondern der Glaube als solcher. Jesus forderte unablässig den Glauben an ihn und am ehesten wurde er unduldsam, wenn sich einer diesem nicht anschließen wollte. Den christlichen Glaubensvorstellungen ist ihr narzisstischer Erfüllungszweck unschwer anzusehen; hier wird Narzissmus, repräsentiert in einem zum Gott erhobenen Menschen, zum Programm. Das beginnt damit oder endet letztlich darin, dass Glaubensinhalte gegen den Realitätsdruck immun gemacht werden, indem man sie ins Absurde und Phantastische transponiert (Mariä unbefleckte Empfängnis und ihre Himmelfahrt, Dreifaltigkeit des einen Gottes, Auferstehung eines Menschen von den Toten, Unfehlbarkeit einer päpstlichen Lehre usw.) „Credo quia absurdum“ formulierte Tertullian und auch Augustin, der seine Glaubenszweifel erst kurz vor seinem Tod in seiner Taufe zu bannen vermochte, verteidigte den irrationalen Charakter des Glaubens, obwohl er ihn im Prinzip verständlich machen wollte. Augustinus machte bekanntlich ein unglaubliches Drama daraus, sich großer (Kinder- und Jugend-)Sünden zu bezichtigen und riesige Schuldgefühle darüber aufzubauen, gleichzeitig aber hemmungslos für Gott zu schwärmen und sich in der Verschmelzung mit ihm überhöhen zu wollen; Moser hält diesen „Kirchenvater“ in seiner Folgewirkung für ein „Unglück des Abendlandes“. Je weiter entfernt  Glaubensvorstellungen von der Realität angesiedelt werden, um so mehr eignen sie sich für Glaubensakte; je weniger sie von der Realität in Versuchung geführt werden können, um so besser. Grunberger meint, dass es konsequenterweise besser wäre, die Messe auf Lateinisch zu lesen, denn der Glaube wird nicht durch Worte gestärkt, sondern durch das Fluidum, das von ihm ausgeht. Jeder kann auch bei sich nachvollziehen, dass Bilder und Töne (z.B. Schuberts „Ave Maria“ oder seine „Deutsche Messe“) für das Zustandekommen des ersehnte Verschmelzungserlebnis, das mystische innere Glaubensereignis, geeigneter sind als die Begriffssprache. Eine andere Frage ist, wo infantil gebliebene Gefühlsduselei (Sentimentalität) oder emotionale Ansteckung durch Massensuggestion beginnt…

 

Auch das narzisstische Erleben vermeidet die Kontamination durch die herabziehende Realität, versucht seine Vorstellungen rein zu erhalten und saugt Befriedigung aus Wunschträumen, an die niemand rühren darf. Gotteslästerung wurde früher mit dem Tode bestraft und auch heute noch hat man große Hemmungen, Glaubensinhalte einer Disputation auszusetzen. Zu schrecklich sind die Erinnerungen noch an Glaubenskriege in Europa; Tabus wurden errichtet, um die gehegten Vorstellungen gegen eine allgemeine Realitätsprüfung zu schützen. Dies geschah jedoch im Namen von Religionen, die Macht erlangt haben; nur solche verlangen von Andersgläubigen, mit ihren gepflegten Glaubensvorstellungen respektvoll umzugehen und nicht darüber zu spotten. In der Tradition der Aufklärung haben jedoch Religionen, die auch nur ein bisschen am Machtgeschehen Anteil haben, „jedes Recht auf pietätvolle Schonung verwirkt.“[14] Inzwischen ist es aber ohnehin schon so, dass der Staat eher die Spötter vor dem Zorn der Gläubigen schützen muss, als die Gläubigen vor den Spöttern. Hier ist der Darsteller von „Mr. Bean“, Rowan Atkinson, für seinen Mut zu loben, weiterhin spotten zu können: „Es sollte keine Themen geben, über die man keine Witze machen darf.“ Das Recht zu beleidigen könnte für die soziale Hygiene und den Demokratieprozess letztlich wichtiger sein, als das Recht, nicht beleidigt zu werden. Ob vielleicht doch noch das echte Wunder geschieht, dass Papst Benedikt XVI. über seinen Glauben lachen kann? Wie sollte er, wenn über Jesus dergleichen nicht berichtet wird? Sein Mitbruder in Christo, Karl Kardinal Lehmann bekam immerhin schon den Orden wider den tierischen Ernst…

 

Ob Eugen Biser[15] - gewiss nicht in parodistischer Absicht - mit seiner Idee durchdringen wird, die Worte und Aussagen in den heilig genannten Schriften auf ihren Sinngehalt zu erschließen und auf die Adressaten hin immer wieder neu zu sortieren, muss abgewartet werden.[16] Zu gut haben sich die Gläubigen bisher eingebacken gefühlt in einer Kirche, die für sie alles besorgt hat (wenn man sich nur unterordnete) und die zufrieden war, wenn man seinen Katechismus gelernt hatte und die Glaubenssätze hersagen konnte. Die Wege zum selbst verantworteten Erfahrungsglauben dauern aller Voraussicht nach länger als ein Menschenleben; daran wird am wenigsten Papst Benedikt XVI. etwas ändern können – Träger des Ordens wider den tierischen Ernst ist sein Bruder in Christo Karl Lehmann und nicht er.

 

Jede Offenbarungsreligion befriedigt narzisstische Grundbedürfnisse, verspricht Teilhabe an einem großen Ganzen und eine Art von Option auf ein verbessertes Weiterexistieren nach dem hiesigen Leben. Dies ist ein großartiger Prospekt, der die Kleinheit, Zerbrechlichkeit und Endlichkeit irdischer Existenz mit ihrer normalen Alltagsbanalität aufzuheben verspricht. Sie schafft auch einen Rahmen, der ansatzweise dazu herhalten kann, unerklärlichem menschlichem Leid eine Sinndeutung angedeihen zu lassen. Wer sich in einem solchen Kokon aufzuhalten und an seiner Geschlossenheit emsig mitzuarbeiten bereit ist, kann sicherlich existentielle Beruhigung zu den Kardinalfragen schöpfen: Wo komme ich her? Von Gott. Warum bin ich hier? Um Gott zu dienen. Wohin gehe ich? Zu Gott. Bitte schön, wenn die Welt als zu vernachlässigende Größe darüber nicht verkommt. Der „Gottesdienst“ im über Jahrhunderte christlich geprägten Abendland hat das Leben auf der Erde nicht besonders vorteilhaft verändert und keine gesunden Früchte erbracht.

 

Ödipaler Gottesglaube

 

Die älteste Offenbarungsreligion, die jüdische, befriedigt nicht so sehr narzisstische, sondern eher ödipale Grundbedürfnisse bzw. bildet die entsprechenden psychischen Konflikte ab. Dazu gehört z.B. die Auseinandersetzung mit dem Vater und die zwischenzeitliche Identifizierung des Sohnes mit ihm. Religionswissenschaftler sind sich darin einig, die jüdische Variante eine Vater-Religion nennen zu können. Bezeichnend für sie waren und sind das Ringen mit einem Gott, der als Über-Vater vorgestellt werden kann. Ein strenger Richter-Gott, der sein Volk nur dann bevorzugt behandelt, wenn es sich an den Sondervertrag und die daraus erlassenen Gebote hält. Daraus entsteht ein eher rationaler Glaube, der in einem durchaus revolutionären Sinn Gerechtigkeit schon im Diesseits erreichen will, da auf den Glauben an ein ewiges Leben verzichtet wird. Göttlich abgeleitete Gesetze sind dazu da, die Realität zu regulieren und das heißt auch, dass gelernt werden muss, die eigenen Triebregungen zu zivilisieren, sie in einem technischen Sinne im Rahmen der Gesetze als Motor zur Umgestaltung der Verhältnisse des Menschen einzusetzen.

 

Dahingegen kann die christliche Kirche, die sich aus einer jüdischen Teilströmung heraus gebildet hat, als eine Sohnes-Religion mit einer narzisstischen Komponente bezeichnet werden; Jesus kämpft nicht mit seinem himmlischen Vater, sondern ist mit ihm eins und er opfert sich – in der Interpretation von Biser – nicht etwa einem dies brutal  fordernden Vater, sondern er teilt sein vorgeblich göttliches Wesen seiner Gefolgschaft eindringlich mit. Jesus – ohne leiblichen Vater – verharrt in der Einheit mit der Mutter, die durch ihre Jungfräulichkeit (als Würdebezeichnung) den Ausschluss des Vaters symbolisch noch betont. Die Kirche predigt neuerdings verstärkt – mit steten Rückfällen in die Gott-Vater-Symbolik – einen unbedingt liebenden Gott, der sich gerade den Kranken und Schwachen gegenüber barmherzig erweisen soll. In der bedingungslosen, grundlosen Liebe kommt die mütterlichen Komponente gut zum Ausdruck. Sie begründet eine christliche Moral, die wunder-schön und anrührend ist und nur den Nachteil hat, kaum praktisch anwendbar zu sein, nur in Ausnahmefällen oder in geschützten Soziotopen (z.B. Klostergemeinschaften) gelingen zu können. Der christliche Glaube, der katholischen zumal, bedient narzisstische Motive des Verschmelzens mit einer Über-Macht, des Erlebens von  Herrlichkeiten und des Eintauchens in betörende Rituale. Ein perfektes Arrangement für Menschen, die sich mit ihrer Begrenztheit und mit lebenstypischen Widrigkeiten zwar nicht zufrieden geben wollen, in ihre Geschicke und den Lauf der Dinge aber auch nicht mehr eingreifen wollen oder können.

 

In diesem Zusammenhang beklagt Carl Amery[17] den Zustand der christlichen Kirchen, die gegen offensichtliche Fehlentwicklungen auf dieser Erde, vor allem im Bereich der Biosphäre, nicht mutig und konsequent genug vorgehen, obwohl vor allem die katholische Variante gleichsam als „Reichsreligion“ (wie im Jahre 312) das Zeug dazu hätten, gegen die zerstörerische „Markt-Religion“ wirksam zu werden. Vielmehr gibt es Denker (wie Michel Camdessus), die demokratisch gewandete kapitalistische Marktmacht geradezu als Instrument ansehen, das Reich Gottes zu errichten. Solches Denken oder vielmehr Glauben ist auch den Religiösen um George W. Bush affin. Dass dabei die erdumfassende biosphärische Krise unberücksichtigt bleibt, greift Amery auf und ruft dazu auf, die Kirche in dem zu unterstützen, dass sie sich zur einzig denkbaren Gegenmacht gegen die Marktreligion ausrichten kann. Der verstorbene und auch der jetzige Papst haben mit ein paar starken Worten schon mal in diese Richtung gewiesen. Und auch ein SPD-Parteivorsitzender tönt so, wenn er seine fast vergessenen Stammwähler vor einem Wahlkampf wiedergewinnen will. Doch Taten folgten danach noch nie; für einen Widerstand gegen die Totalisierung der Marktmacht braucht es mehr nüchterne Sichtweisen, klarere Sprache und Mut zu einem langwierigen Paradigmenwechsel. Dabei könnte von der jüdischen „Bruderreligion“ auch mal gelernt werden, wo man nie einfach nur gläubig ergeben das Jenseits abwarten wollte. Auch Johann Baptist Metz fordert, die biblisch-messianische Perspektive zurückzugewinnen und insofern „von Gott zu reden mit dem Gesicht zur Welt“. Jesus aber wollte nie Messias sein und sich seine als rein hochstilisierte Gestalt nicht bei irdischen Händeln beschmutzen. Er hob sich nach seinem grauenvollen Tod hinweg und hinterließ den alten Schlamassel.

 

Jesus als abnorme Persönlichkeit?

 

Bei dieser Frage soll nicht auf den historischen Jesus Bezug genommen werden, sondern auf den in den christlichen Schriften überlieferten, so wie er als Begründer ihrer Religion von den diversen Evangelisten und Kirchenvätern zurechtgerückt wurde, so wie er zur gläubigen Verehrung freigegeben wurde. Die 200 Jahre andauernde Suche nach dem historischen Jesus ist interessant, aber auch müßig. Einmal kann jeder, nach­dem historisch so gut wie nichts verbürgt ist, die berichteten Geschehnisse umdeuten und zu anregenden, in sich schlüssigen neuen Bildern gelangen (Jesus als Enkel des Herodes, Jesus starb in Indien, Jesus der radikal-asketische Essener, Jesus und Maria von Magdala als Paar). Zum anderen spricht vieles dafür, sich geistig vom historischen Jesus zum „kosmischen Christus“ (M. Fox) hin zu bewegen (s.u.). 

 

Auf dem Hintergrund der kurzen Darstellung des Formenkreises narzisstischen Erlebens und Verhaltens kommt man nicht umhin, Jesus eine in gewisser Weise besorgniserregende Diagnose auszustellen. Sein in den Evangelien offenbarter Narzissmus hat Krankheitswert. Jesus erscheint als ein Mensch, der gleich nach der Geburt mit seiner Mutter Maria und ihrem älteren Freund Josef Armut und Verfolgung zu erleiden hatte. Dies stärkte die frühkindliche, symbiotische Bindung an die Mutter, ohne dass die Mutter den oralen Wünschen des Kindes gerecht werden konnte. Die Episode mit dem von Jesus zum Verdorren verfluchten Feigenbaum, der eben gerade keine Früchte trug, als Jesus hungrig vorbei kam, ist dafür sehr bezeichnend.

 

Jesus hat die Tatsache, keinen ihm bekannten leiblichen Vater zu haben, was im Judentum einen enormen Makel darstellt, ab Eintritt in die Pubertät in einem phantastischen Szenario verarbeitet, in dem er gar keinen Vater braucht, etwas ganz besonderes sei und ihm eine besondere Mission zukomme. Darin hat ihn wohl seine Mutter Maria bestärkt, die den auf ihr lastenden Makel ebenfalls in einer Phantasie bearbeitete, sie sei von einem höheren Wesen (Hl. Geist, Engel o.ä.) geschwängert worden und was dabei heraus kam, könne als „Gottessohn“ durchgehen. Dieser folie a deux konnte sich kein starker Vater entgegenstellen und einen integrativen Entwicklungsweg begünstigen, der zu einer normalen psychischen Ausreifung zum Erwachsenen geführt haben könnte.[18] Diesen wuchernden Narzissmus trug Jesus in seine jungen Erwachsenenjahre hinein, aus denen nichts bekannt ist, vielleicht weil er sich von allem fern hielt. Viele – auch ernsthafte – Theologen vermuten, dass Jesus 20 „dunkle Jahre“ lang eine Art Hippi-Leben geführt hat, also eine Art Moratorium für sich in Anspruch nahm, um abzuwarten, ob ihm für seine höhere Sendung etwas zufliegt.

 

Als er wieder auftauchte, wurde klar, dass er die phantastische Kompensation für seine existentielle Kränkung weiter ausgebaut hatte. Er war älter geworden, aber nicht gereifter und angepasster an die Realitäten des Lebens. Eine quasi technische Auseinandersetzung mit weltlichen Realitäten ist nirgends bezeugt. Vielmehr behielt er den Gestus des „idealischen Jünglings“ bei. Er gab sich offen als Gottessohn aus, der mit seinem Vater eins sei, stattete ihn jedoch nicht mit väterlichen, sondern mit sämtlichen Eigenschaften einer guten Mutter aus. Die himmlische Verschmelzung mit der Urmutter schließt nach alter Mythologie allerdings auch den Tod ein. Jesus achtete sehr darauf, die Perspektive des reinen Narzissmus nicht zu verlassen und seine erstaunliche Leistung bestand darin, den Leidensweg, den auch heidnische Kulte im Fall eines Gottessohnes vorsehen (Adonis, Ossiris, Attis u.a.) unerbittlich gegen sich selbst bis zum Ende gegangen zu sein. Es ist in den Evangelien bezeugt, dass ihm dies zum Schluss im Garten Gethsemane sehr schwer fiel; ein Zurück gab es für ihn trotz böser Ahnungen zu einem gewissen Zeitpunkt (Einzug nach Jerusalem) jedoch nicht mehr.

 

Hier wird auch deutlich, dass Jesus immer Zufuhr zur Aufrechterhaltung seiner narzisstischen Fiktion benötigte, Zuwendung in Form von Liebe und Glauben an ihn. Der Glaube an ihn, den er geradezu intransigent von anderen abgerufen hat, war Nahrung für seinen Glauben an sich selbst: Er existiere von jeher, habe sich selbst gezeugt und sei eins mit Gott, sein eigener Schöpfer. Er verschmilzt mit der Welt, die er gleichzeitig transzendiert. Die Liebe zu Johannes, die ideale Meister-Jünger-Relation, kann als Beziehungsmuster dienen: Jeder liebt das vom Anderen gespiegelte eigene Ideal-Bild.

 

Die ihm nicht folgen wollen, bringen ihn in Verlegenheiten, die er meist harsch, zornig oder gar seine Widersacher verfluchend auflösen möchte. Er stellt sich ja – in den Urfassungen des NT war dies noch deutlicher - den erstarrten jüdischen Gesetzestraditionen und dem vorherrschenden Vaterprinzip entschieden entgegen; man könnte sich sogar zu der Aussage versteigen, dass Jesus der erste Antisemit war. Seinen jüdischen Mitbrüdern erklärte er deutlich, dass er nicht der Messias sei, sondern mehr als dies, der Herrscher des Universums. Großartig!

 

Religiöse Erfahrung ohne „main-stream“- Gottesglauben

 

Wie könnte ein Weg aussehen, der Religion zulässt, den Menschen also über sich selbst hinaus führt, der aber auch auf narzisstische Glaubensprojektionen auf einen als persönlich zu denkenden oder Mensch gewordenen Gott hin verzichtet? Wie könnte dem Gefühl nachgegangen werden, dass „es da noch etwas anderes geben muss“, ohne dass dieses Andere oder Höhere oder Große-Ganze oder Unerforschliche oder dieser Tragende Grund durch eilfertige Produktion von Vorstellungsbildern verniedlicht oder überhöht, in jedem Fall aber entweiht wird? Gibt es einen Ausweg aus dem von Arnold Schönberg gesehenen Dilemma zwischen Moses und Aaron, dem nicht vermittelbaren, abstrakten Gottesgedanken und dem entgöttlichenden Bilderkult und Tanz ums Goldene Kalb, der jedoch allgemein gut ankommt?

 

Kohabitation von Glaube und Vernunft

 

Darf man seinen Glauben redlicherweise auf etwas lenken, was einem gewissen Wahrheitsanspruch nicht gerecht werden kann? Muss man sich damit begnügen, bei der gefühlten Verbindung mit transzendenten Wirklichkeitsbereichen auf die Vernunft zu verzichten? Eigentlich tut dies auch die „alte Kirche“ nicht, wenn sie sich seit tausend Jahren vorgenommen hat, den Glauben im Lichte des Verstandes zu betrachten und zu befragen. Andererseits wird niemand heutzutage die Errungenschaften einer kritischen Aufklärung überschätzen und wie in der Frühphase der Französischen Revolution die Vernunft als Göttin auf den Thron setzen; zu enttäuschend und auch schrecklich sind die Auswüchse des rational geleiteten Funktionalismus in der Moderne. Gegenwartsphilosophen sehen nun auch ein, dass Kant das „Andere der Vernunft“, die vernunftwidrige Leiblichkeit des Menschen generell wie auch konkret bei sich selbst unterschlagen hat. „Dem Verdrängten der Kantischen Vernunft wäre nur durch eine zweite Aufklärung zu entgegnen. Ohne sie bleibt Moraltheorie ein Aggregat der Macht.“[19]

 

Zugeständnisse hat auch J. Habermas machen müssen, als er 2004 sein nach-metaphysisches philosophisches System mit dem bis dahin stabilen Glaubensbewahrungssystem J. Ratzingers in halböffentlicher Debatte maß[20]. Die Gräueltaten der christlich motivierten Inquisition (Reinheit des Glaubens) sind längst bekannt und inzwischen auch öffentlich bereut, zuwenig jedoch die Auswüchse rationalistischen Denkens in der Moderne und unverhüllter Marktmoral in unserer postmodernen, globalisierten Welt. Da bietet sich die Formel geradezu an, kommunikativ vermittelte Vernunft und (von Wunschphantasien geprägte oder naturrechtlich fundierte) Religion seien korrelierende, aufeinander bezogene Faktoren und zögen als solche eine günstigere Moral nach sich. Solange die Frage der Wahrheit nicht gestellt wird, kann diese Formel ja hingehen, doch will ein traditionell Glaubender seinen Glauben nicht argumentativer Beliebigkeit anheim geben und ein frei-beliebig Glaubender möchte seinen Glauben nicht dogmatischen Festlegungen unterwerfen. Die Kohabitation von nüchterner Vernunft und „besoffenem“ Glauben (ist nicht abwertend gemeint!) bleibt spannungsvoll. Man muss sehen, was dabei heraus kommt. Jedenfalls würde es J. Habermas nach eigenem Bekunden noch am leichtesten fallen, an den Heiligen Geist zu glauben.

 

Buber – Sölle - Metz: „Gottesrede“ mit dem Gesicht zur Welt

 

Martin Buber[21], in der deutschen Philosophie und im jüdischen, vor allem auch chassidischem  Schrifttum gleichermaßen zuhause, führte in das europäische Denken eine bisher vernachlässigte Dimension ein, die Erfahrung von Beziehung in einem Verhältnis, das nicht von der Subjekt-Objekt-Trennung des frühen Rationalismus (Descartes) geprägt ist, sondern von einer Verbindung auf Augenhöhe zwischen zwei Subjekten. Nur in einer solchen erschließen sich die Dimensionen von Einzigartigkeit und Ganz- bzw. Gesamtheit. Nur so ist Dialog und ein echtes Gespräch möglich, in denen sich Menschen ganz angenommen fühlen können. Buber wurde von der jüdischen Orthodoxie dafür gescholten, dass er Jesus in gewisser Weise Messiasqualitäten zugesprochen habe.

 

Das im Anderen erfahrene Du ist nicht nur Quelle und notwendiger Spiegel für Selbsterfahrung, sondern geht auf in „Gott“ als höchstem Du. Das mag auch die gequälte Seele des Dichters und Revolutionärs Erich Mühsam erkannt haben, als er schrieb „Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche, weil ich den Menschen spüre, den ich suche.“  Wenn also das Göttliche ins Spiel kommt, dann als Idealgestalt des Menschen und als Punkt Omega für dessen Weiterentwicklung?

 

Dorothee Sölle[22] als protestantische Theologin griff Vorstellungen auf, in denen versucht wird, ohne einen metaphysisch verbrämten, ja sogar als Person ausgestatteten Gott auszukommen und das Augenmerk mehr auf das Diesseits zu lenken, in dem das immense Leid nicht zu übersehen ist. Sie erkennt an, dass ursprünglicher Glaube über dieser Wahrnehmung in Ethik aufgehen kann oder sogar muss. Dennoch reklamiert sie für einen von ihr modifizierten christlichen Glauben gewisse Vorteile gegenüber einer immanent-humanistischen Haltung, die sich in ihrer Ethik leichter an eine schlechte Wirklichkeit anpassen würde. In ihrem christlichen Menschenbild steht der unveräußerlichte, nicht-angepasste Mensch im Mittelpunkt und soll sein Protestpotential behalten. Dazu verhilft ihm, dass er als Du Gottes gedacht und geglaubt werden kann. Damit ist Gott in jedem Menschen, auch im geringsten, fassbar.

Dieses Plus rechtfertigt einen gewissen Umweg bzw. eine Übertreibung auf dem Glaubensweg gegenüber der „positivistischen Selbstbescheidung, die mit einem an die Stoa erinnernden Ethos vernünftiger Einsicht ins Menschenmögliche einhergeht.“ (S. 91) Der „Traum vom Reich Gottes“, in dem alles Sinnlose sich auflösen möge, wird von Sölle auf eine biologisch-anthropologische Konstante zurückgeführt; zum Menschen gehöre nun einmal das Über-sich-Hinausfragen und eine Transzendenzbereitschaft. Im gleichen Sinne äußert sich ihr katholischer Kollege Eugen Drewermann[23]. „Erst dann … denkt man groß genug vom Menschen, wenn man begreift, dass seine Stirn an die Sterne rührt, dass er in den Nächten von seiner Heimat träumen kann, und das muss er, um auf der Erde ein Stück glücklich zu werden, andernfalls wird er den Staub überfordern und an seinen Enttäuschungen zynisch werden, oder er muss sich selbst die Flügel brechen, er hört auf, ein Mensch zu sein. Ohne narzisstischen Größenrausch ist das Leben wohl nicht lebenswert und geraten die Schätze von Mutter Erde zu bloßem „Staub“, mit Feuchtigkeit zusammen zu Dreck.

 

Johann Baptist Metz[24] ist skeptisch gegenüber einer rationalistischen oder „reinen Vernunft“ und verspricht sich deren Segnungen nur in Anbindung an die Überwindung des Leids in der Welt. Der eigentliche Skandal in der Welt ist das unschuldige und ungerechte Leiden; Geschichte als „Große Erzählung“ ist im Kern Leidensgeschichte, Passion. Gottesdienst könnte insofern bestenfalls verstanden werden als „teilnehmendes Wahrnehmen fremden Leids“ (compassion). Ein solcher religiöser Fokus wäre auch geeignet, die auseinanderdriftenden Religionswelten über eine gemeinsame Weltmoral wieder zusammenzuführen und religiöser Praxis Bezug zur realen Welt einimpfen. Arme und Kranke, Unglückliche und Verzweifelte waren ja auch die Adressaten, an die Jesus seine „Frohbotschaft“ richtete. Metz greift dies in einem gut-jüdisch messianischen Verständnis auf und nicht so sehr mit Verweis auf jenseitige Kompensation.

 

Die Stoa[25]: Gelassenheit auch in der Gottesfrage üben

 

Heißt Christentum nach Sölle, das Unmögliche zu wollen, gegen eine schlechte Wirklichkeit anzugehen, so bescheidet sich die Stoa mit Anpassung an das greifbar Gegebene und unerschütterlicher Haltung gegenüber vermeintlichem Unglück. Die Stoa verdient  jedoch nicht das Etikett „Sklavenmoral“, denn ihre Ethik ist von einer erstaunlich modernen Kosmologie abgeleitet. Natur, menschliches Denken und Handeln werden zusammen geschaut, Gott und Natur sind eins und somit der Mensch auch mit Gottnatur gesehen. Die Gottheit durchdringt alles einheitlich (fein-/grob-)stofflich Seiende mit seinem Hauch, Feuer bzw. Äther, der auch beseelt und mit Vernunft begabt. Umgekehrt hat die Natur mit allen ihren Erscheinungen göttliche Qualitäten (konsequenter Pantheismus). Nach Ablauf einer Weltperiode, eines Äons, löst sich alles wieder in Feuer auf, kehrt zu Gott zurück, damit das selbe wieder von vorne beginnen kann – eine erstaunliche Parallele zu modernen Spekulationen über die Zukunft des uns vorstellbaren Universums. 

 

Nachdem der Kosmos menschliches Erkenntnisvermögen übersteigt, bemüht sich der Stoiker lieber um das, was er selbst verändern kann: seine Haltung gegenüber der Welt und das Streben nach Lebensweisheit als Quelle von Glück. Im klaren Denken, einsichtigen Wollen und vernunftmäßigen Tun treffen sich Sklaven (Epiktet), Lehrer von Herrschern (Seneca) und römischer Kaiser (Marc Aurel). Es ist hier bisweilen frappierend, wie die Schattenseiten des Lebens, Leid, Übel und Unvernunft argumentativ nihiliert werden; insbesondere die Rational-Emotive-Therapie von Albert Ellis hat sich dieses Ansatzes als Technik bedient: Du leidest nicht an der Wirklichkeit, sondern an den Vorstellungen über sie; diese kann man selbst verändern. Dies trifft sich halbwegs mit populärem, demütig-christlichem Denken: Wer weiß, wozu es nicht auch gut ist und was der Herrgott mit mir vor hat? Bizarr und gesellschaftskritisch wird’s im „Hans im Glück“.

 

Pirsig[26]: Gott als Qualität erfahren im bewussten Tun

 

Qualität ist ein faszinierendes Phänomen, wenn man ihr im bewussten Tun oder im hervorgebrachten Werk begegnet. Die Entdeckung von Qualität in allen Bereichen von Kunst, Handwerk und Technik (eben auch in einem Motorrad) ist zutiefst befriedigend („Es gibt sie noch, die guten Dinge!“) In ihrer Schwererfassbarkeit gleicht sie einem „Gott“ in den Verrichtungen und Dingen. Einzelaspekte von Qualität mögen Lebendigkeit, Feingefühl, Klarheit, Brillanz, Genauigkeit, Ausgewogenheit, Geschlossenheit, Tiefe usw. sein. Qualität liegt vermutlich nicht entweder im Objekt oder im Subjekt, sondern am schlüssigsten im Grund der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, eine Sichtweise, die einer systemtheoretischen (nach Bateson, s.u.) verwandt ist. Im Augenblick der Qualitätserscheinung fließen Person und Gegenstand in gewisser Weise zusammen (flow-experience, Trancezustand). Qualität kann mit dem Tao gleichgesetzt werden, dem großen Weltgeheimnis und der Triebkraft aller Religion.

 

Um Qualität erreichen zu können, bedarf es beim Handelnden einiger zuvor einzuübender Tugenden: Seelenruhe (Ataraxie), Liebe, identifizierende Hinwendung zur Sache, Selbstverpflichtung, die altgriechische „Vortrefflichkeit“ (Arete, besser umschrieben mit „Pflicht gegen sich selbst“ oder „Achtung vor der Ganzheit und Einheit des Lebens“) und natürlich die Entscheidung und Ermutigung zur Qualität. In ihr bündeln sich die klassischen hohen Werte der Schönheit (Ästhetik), Gerechtigkeit (Ethik) und Wahrhaftigkeit (Logik).

 

Zen und Tantra: Gotteserfahrung in der Entleerung und Verschmelzung

 

Fruchtbar zeigt sich inzwischen die Verbindung zwischen fernöstlichen, spirituellen Traditionen, den mittelalterlichen Mystikern und einigen gegenwärtigen Physikern und Astronomen, deren Aussagen zum letzten Grund des Seins sich gut kombinieren lassen und Gefühl und Verstand gleichermaßen ansprechen. Christliche Geistliche haben sich dieser Traditionen und Strömungen auch praktisch angenommen; es zeigt sich jedoch, dass einige, wie z.B. W. Jäger[27], für ihre Kirche zu weit weg gegangen sind. Andere, die die „fremden“ Anleihen nicht genommen haben, wie z.B. Eugen Biser[28], in der Tradition von Guardini und Rahner, halten sich recht gut innerhalb des Abwehrwalls der Kirche und sind Trost für ihre spirituellen Restgruppen.

 

Za-Zen[29]: Nur still zu sitzen und zu atmen, dabei eine innere Reinigung vom Schrott einer veräußerlichten Lebensweise in einer vereinnehmenden modernen Welt zuzulassen bis hin zu einer gewissen Leere ist (auch nach Meister Eckehart, s.u.) notwendige Voraussetzung, dass Wesentlicheres sich einlassen kann. Nur so gelangt man wieder zu einfachen Einsichten, tieferen Erfahrungen oder gar zur mystischen Erfahrung des Einsseins mit dem Großen-Ganzen. Das Jenseits im Diesseits, Gott in der Welt, Gott in mir, Bereitschaft zur Selbsttranszendenz sind einige Themen, die in zen-buddhistischer Meditationspraxis (zusammen mit Ernährungsregeln und anderen dienenden Verhaltensmaßstäben) angestoßen werden können.

 

Tantrismus[30]: Etwas komplizierter und exquisiter mutet die Gottessuche in tantrischen Praktiken an, in denen (unter Vernachlässigung der Fortpflanzungsfunktion) das Feuer der sexuellen Vereinigung in göttliche Ekstase umzuwandeln versucht wird. Nach der zugrundeliegenden Theorie handelt es sich um einen Dialog zwischen dem Gott Shiva (als Geistprinzip) und seiner aus sich selbst herausdifferenzierten „Gefährtin“ Parvati. Diese stellt die schöpferische Energie des Lebens dar und mit ihr vereinigt sich der Gott, hält sozusagen Zwiesprache mit sich selbst. „Shakti“, so wird das Prinzip der Geliebten auch genannt, fungiert als Bindeglied zwischen göttlichem, reinem Bewusstsein und der Unbewusstheit der Materie. Der Tantrismus baut auf der Sehnsucht auf, sich mit dem Urgrund wieder zu vereinigen, nachdem man durch Geburt ihm entrissen wurde. Auch das Gelingen der rituellen Praxis („maithuna“) ist nicht ganz voraussetzungslos und hat am wenigsten mit der üblichen triebbedingten, schnellen Abreaktion zu tun. Auf der Schwelle zum gemeinsamen Orgasmus lange Zeit zu verharren, erfordert einen gesunden Körper, ein offenes Herz und einen leeren Geist.

 

Meister Eckehart[31]: Das „Fünklein des Heiligen Geistes“ in uns selbst wahrnehmen

 

Meister Eckehardt, Dominikanerpater, begann um 1300, also in einer Zeit verfestigten, scholastischen Denkens, über die Schöpferkraft Gottes nachzudenken und fand sie in sich selbst wie auch in jedem Menschen. Durch meditative Selbsterfahrung, einfache Introspektion könne jeder das „Fünklein des Hl. Geistes“ in sich entdecken und sich als göttlich begeistetes Wesen auffassen. Nur ein wenig öffnen müsse man sich halt und ihn hereinlassen... Nicht greifen sollte man nach der göttlichen Gegenwart, sondern sich von ihr ergreifen lassen. Dafür muss man sich selbst erst voll gegenwärtig machen, was angesichts unseres Lebens in tausend Räumen, Zeiten, Plänen und Geschäftigkeiten einiger Übung bedarf. Auch soll das Denken an Gott eingeschränkt werden, um ihn unmittelbar erleben zu können. Der Meister der mittelalterlichen Mystik beschreibt sechs Stufen auf dem Weg des Mystikers zu einer Erneuerung und Befreiung zu einem neuen Menschsein[32]. Allerdings wird dieser Weg von den Kirchen als Verwalter alter Offenbarung und eines fernen Gottes wie damals auch bis heute nicht unterstützt; Eckehart starb irgendwo unterwegs, kurz nachdem ihn die Bannbulle des Papstes erreichte und ihn als Ketzer verdammte.

 


Bateson[33]: Geist in der Natur und in Systemen erkennen und achten

 

Der Erkenntnisansatz, der einer Systemtheorie zugrunde liegt, drückt durchaus eine immanente Religiosität aus. Nach ihr ist Geist allem Seienden immanent, wenn es über kausale Kreisläufe nur komplex genug ist und ihm „geeignete Energierelationen“ zukommen. Geistige Systeme reagieren auf Unterschiede, vergleichen, verarbeiten und speichern Information. Sie sind in sich interaktiv und regulieren sich selbst (das Ganze optimierend oder Teile maximierend). Dabei ist ausgeschlossen, dass ein Teil einseitig Kontrolle über den Rest des Ganzen ausübt. Beim Fällen eines Baumes bilden Baum-Augen-Gehirn-Muskeln-Axt-Hieb-Baum ein System, das die Charakteristika eines immanenten Geistes hat. Im System werden immer Unterschiede (z.B. an der Kerbe) abgefragt und umgewandelt. In „normaler“ Betrachtung wird der Geist hingegen auf ein verdinglichtes Selbst des Menschen beschränkt und der Baum als Objekt verdinglicht.

 

Die Theologie mit ihrer Transszendenz-Immanenz-Unterscheidung – von der Stoa stets vermieden - wird sich unter dem Eindruck der kybernetischen Erkenntnistheorie verändern müssen. „Der individuelle Geist ist immanent, aber nicht nur dem Körper. Er ist auch den Bahnen und Mitteilungen außerhalb des Körpers immanent; und es gibt einen größeren Geist, von dem der individuelle Geist nur ein Subsystem ist. Der größere Geist lässt sich mit Gott vergleichen, und er ist vielleicht das, was einige Menschen mit „Gott“ meinen, aber er ist doch dem gesamten in Wechselbeziehung stehenden sozialen System und der planetaren Ökologie immanent.“[34]Angesichts dieser Sichtweise würde sich eine gewisse Demut als angemessen erweisen, durchbrochen allerdings durch das Gefühl von Würde oder Freude, Teil von etwas viel Größerem zu sein. Das Ablassen vom „Ich selbst“ - Denken im Gegenüber von Gott und der Welt ist freilich ein langwieriger Lernprozess, über dessen Gelingen man spekulieren kann. Zusammen mit unserer überaus fortschrittlichen Technologie kann das alte Denken für die Menschheit jedoch durchaus schon sehr bald schlecht enden.

 

Elisabet Sahtouris[35]: Staunen über den Evolutionsprozess des Lebens

 

Betrachtet man das gesamte Universum in Anlehnung an Erkenntnisse der Astrophysik und an alte Mythen (z.B. von Gaia) als ein Bewusstseinssystem, muss man auch nicht mehr unbedingt darauf bestehen, dass unser jetziges menschliches Bewusstsein schon das Endprodukt der Evolution des irdischen Lebens darstellt. Die gesamte Natur hat Bewusstseinsqualitäten und steht in Verbindung mit dem Nicht-Raum-Zeitlichen, Göttlichen. Es soll wohl auch noch eine Energie im (praktisch unmöglichen, theoretisch aber denkbaren) völlig entleerten Raum geben, deren Wirkungsweise erforscht wird, aber noch nicht bekannt ist. Dass alles mit allem verbunden sei, ist nicht mehr schwer vorstellbar, doch fehlt allenthalben noch die Bereitschaft, in diese „Große Konversation“ einzustimmen. Infantilismen aus der frühen religiösen Unterweisung stören dabei und sind nicht so leicht zu überwinden.

 

Ein wichtiger Erfahrungsgrundsatz der Evolutionsbiologie ist, dass alles, was möglich ist, auch geschieht; dass alles vom „Improvisationstanz“ der Evolution miterfasst wird, auch das zunächst unpassend Erscheinende. Die Lebewesen in 50 Millionen Jahren werden aus Mutationen von Lebewesen zusammengesetzt sein, die sich schon heute durch robuste und plastische Eigenschaften auszeichnen. Vom Homo sapiens als relativ junger Spezies auf der Erde geht bei diesem Ausprobieren hohe Gefahr für alle anderen Spezies aus, die sich ebenfalls entwickeln wollen. Momentan mehrt eine Selbstmord-Ökonomie (bei C. Amery das „Bierhefe & Schimpansen-Programm) Gewinn auf Kosten des Lebens. Es bleibt spannend bis zu einem bestimmten, jetzt schon absehbaren Zeitpunkt, zu beobachten, ob sich die Evolution mit uns Menschen etwas Lebensfähiges geleistet hat oder nicht.

 

Was daraus lernen, wie sich verhalten? Richtschnur könnte sein, nach bestem Wissen das zu tun, was der eigenen Spezies frommt, für andere Spezies in unserer Umwelt aber mindestens harmlos ist. Besser wäre noch das Prinzip der Co-Evolution: Hochwertige Produkte für andere Mitbewerber um Raum und Ressourcen abzugeben im Austausch für das, was diese besonders anbieten können. Aber wer will dies lernen und wer kann die richtigen Entscheidungen treffen und Maßnahmen einleiten? Der Einzelne ist zwar zu schwach, aber es gibt nur ihn; die Allgemeinheit könnte das Ruder herumreißen, aber sie lässt sich nicht mehrheitlich organisieren. Ökologisch fundierten Parteien wird gegenwärtig gar das Totenglöcklein geläutet.

 

Satouris als ausgewiesene Naturwissenschaftlerin schlägt vor, uns bei Gelegenheit als „schöpferischen Saum Gottes“ zu betrachten, uns vorzustellen, dass Gott durch unsere Augen schaut, über unsere Hände wirkt, mit unseren Füßen geht – und dann zu beobachten, ob und wie sich das auf unsere Angelegenheiten  auswirkt. Dafür brauchen wir keine „Türsteher“ mehr zu Gott; und anstelle dogmatischer Bindungen werden befreiende Rückbindungen zu unseren Quellen dringend gesucht.

 

Nihilistische Positionen[36] (Besser nichts als „mangelhafte“ Schöpfung)

 

Auf dem normalen Bildungsweg – Familie, Schule, Hochschule – bekommt man dazu in der Regel nichts zu hören und zu lesen. So kann es passieren, dass Georg Büchners Werke oder Shakespeares „Hamlet“ durchgenommen werden, ohne den nihilistischen Gegenstandpunkt zur allgemein verbreiteten Feier des Seins entsprechend zu würdigen. Dabei kann diese Seinsbejahung nur glaubwürdig wirken, wenn zuvor die Abgründe des Nichts ausgeleuchtet wurden. Das Nichts zu denken oder gar definieren zu wollen, ist allein schon eine Leistung. Friedrich Hebbel hielt dazu einprägsam fest „An das Nichts kann man nicht denken, ohne ihm etwas zu schenken…“. Darüber hinaus ist die Frage, die gegen Leibnitz gerichtet ist, recht herausfordernd: Ist das reine Nichts nicht höherwertiger und wünschenswerter als das defekte, unvollkommene Sein? Bei einem Sein, das erduldet und erlitten werden muss ist diese Frage bei Schopenhauer schon bejaht und eine gewisse Sehnsucht nach dem reinen Nichts um so größer. Das Nichts erscheint als verführerische Alternative (nicht nur in asiatischen Religionen). Ob es allerdings auch „nichtet“, nur weil es denknotwendig erscheint, bleibt unklar. Aber allein die Frage ist göttlich: Warum ist Etwas und nicht etwa gar nichts? Abseits solcher ontologischer Spiele bewährt sich mancher Nichtsbejaher als würdiger Humanist. Sowohl Sartre wie auch Camus stehen in ihrem Denken und auch Handeln für ein moralisches Engagement ohne irgendwelche theologischen oder ideologischen Imperative, für die Tugend der Solidarität und die Suche nach Gerechtigkeit, auch wenn eine Belohnung dafür weder in dieser noch in einer anderen Welt zu erwarten ist. Eine Metaphysik des Nichts hat also nichts zu tun mit einem todessüchtigen oder destruktiven Nihilismus. Eher könnte sie dazu beitragen, gelassen das Sein sein zu lassen, da ihm keine Vorzüge gegenüber dem Nichts zukommen und somit auch Lebens- und Sterbensangst zu überwinden.

 

Einige christliche Mystiker haben sich redlich bemüht, Gott und Nichts in einem zusammenfließen zu lassen, dabei jedoch übersehen, dass bei der Vergöttlichung des Nichts es zugleich substantiviert, also nichts-würdig behandelt wird. Dennoch enthalten die überlieferten Zeugnisse vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein interessante Anregungen auch durch die Nähe zu buddhistischem Nirvana-Denken. Meister Eckehart bezeichnet alle Kreatur, den Menschen zu mal, der sich in sein Ich vertrotzt, „lauteres Nichts“. Als solches nur bietet es Eingang für ein göttliches Überwesen als reines Nichts. Der Heilsweg besteht folglich in einem Leerwerden von allem nichtigen Etwas. Angelus Silesius sah „nichts in allem“, weil „Alles Nichts“ ist; er ordnet das gottlose Nichts Gott vor. Spinoza gab die Begründung, dass Gott geradezu nichts sein muss, da in jedem Etwas eine ungöttliche Einschränkung liegt. Mit Hegel konnte man später sagen, dass diese höchste Verneinung einer höchsten Bejahung gleich kommt.

 

Ein Glaube, den ich mir eben erlaube

 

Nach dieser groben Sichtung von transzendenz-vermeidenden bzw. –zögerlichen Alternativen und der Lektüre von Matthew Fox zur mystisch-religiösen Gestalt des Kosmischen Christus[37] (ein wenig auch vermittels Dorothee Sölles und Carl Amery’s Schriften) erlaube ich mir versuchsweise in Grundzügen mit folgendem Glaubensgebäude meine Lebenspraxis zu überhöhen.

 

Es muss ungefähr 1500 bis 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung eine Verschiebung des religiösen Interesses stattgefunden haben, vom Wohl des Kosmos zum Wohl und Wehe des Menschen. Kosmisch-matriarchalische Anliegen sinken seither marginalisiert ins Brauchtum ab. Das Problem dabei ist, dass für den Menschen eine eigene Seelen-Heilsgeschichte vorgegaukelt wird, losgelöst vom kosmo-ökologischen Gesamtzusammenhang (im schlechten Stil von „Macht euch die Erde untertan…“). Im religiösen Schrifttum des Mittleren Ostens und des Abendlandes vermisst man Hinweise, wie das über Moses, Jesus oder Mohamed vermittelte Heilsgeschehen und -versprechen wieder in eine nachvollziehbare Kosmologie eingebettet werden kann. Nun erst, aus der wissenschaftlichen Literatur nach Einstein, entsteht die Frage, wie dieses umwerfende Wissen, dieser Paradigmenwechsel, an alte mystische Denkschulen anknüpfen kann. Einstein selbst hat als wichtigste zu stellende Frage einmal benannt: „Ist das Universum ein freundlicher Ort oder nicht?“ Sind die ordnenden Kräfte (manchmal als „Engel“ bezeichnet) Freunde oder Feinde? Ist Heil noch möglich oder droht allgemeines Chaos?

 

Einen optimistischen Effekt kann in dieser Frage die mystische Figur des Kosmischen Christus auslösen. Mit „Christus“ ist nicht der historische Jesus gemeint, sondern der gekreuzigte und den Tod so oder so überwunden habende Christus („der Gesalbte“), der keineswegs an die Person Jesu (exklusiv in Palästina zur Zeit der römischen Besatzung) gebunden sein muss. Man müsste dabei Jesus relativieren, ihn zurücknehmen auf das Bewusstsein, das in ihm erscheint und was auch in anderen schon erschienen ist.[38] Kosmisch ist diese Gestalt insofern, als sie als Geist-Seele, „Logos“, schon vor der Schöpfung existent gedacht wird, dass sie alles Sein durchdringt und zusammenhält, die verschiedensten Muster verbindet und jeden Menschen dazu auffordert, den Schöpfungsakt, die Bewegung hin zum Leben bei sich selbst und bei anderen (vor allem Mitleidenden) immer wieder zu vollziehen. Dies kraft der panen­the­istischen Annahme, dass Gott in uns ist und wir an seiner göttlichen Schöpferkraft teilhaben.

 

Ein Leben ohne Hintergrund einer solchen oder ähnlichen lebendigen Kosmologie macht Sinnfindung schwer, führt zu der momentanen Verflachung und Veräußerlichung des Lebens in den zivilisatorisch und technologisch entwickelten Erdteilen. Und es lässt die Erde, die uns gute Mutter sein kann, verderben. Dies deshalb, weil das bislang vom vorherrschenden Patriarchat gepflegte rationalistisch-dualistische Denken Zusammenhängendes aufgliedert und getrennt angeht, anstatt die Beziehungen zu sehen, in denen alles mit allem verbunden ist. Aus der Zergliederung folgt zwar Sorge um Einzelnes, nicht aber Respekt und Verantwortung fürs Ganze. In einer lebendigen Kosmologie schaffen Wissenschaft, Mystik und Kunst gemeinsam die nötigen Visionen für das menschliche Dasein.

 

Demgegenüber darf man zuversichtlich sein, dass eine lebendige Kosmologie mit mütterlichem Charme wieder zur Begegnung mit dem Geheimnisvollen (der dunklen Stille hinter allem Sein), zu Abenteuer und innovativen Impulsen führt. Sie erlaubt Visionen und Bilder, die aus der allgemeinen Verhaltenheit und Depression herauszuführen geeignet sind. Der 33-Tage-Papst Johannes Paul I. – mit Finanzskandalen im Vatikan befasst – hatte wohl ansatzweise eine Vision, denn er soll einmal gesagt haben „Gott ist Mutter und Vater. Aber Gott ist mehr Mutter als Vater.“ Man sagt wohl besser „Gottheit“ zu ihr.

 

Quellen und Anspielungen für einen Kosmischen Christus gibt es in großer Zahl in den Schriften des Judentums, in den Hymnen von Paulus und Johannes, in einigen Erzählungen aus dem Leben Jesu, bei den Kirchenvätern und den Mystikern des Mittelalters (von Hildegard über Eckehart bis zu Nikolaus von Kues). In ihnen wird der Kosmische Christus in einer Art Ostermysterium verankert und am Leben, Lehren, Sterben und Wiederauferstehen Jesu exemplifiziert. Der Wunsch nach dieser Heilsfigur ist transpersonal und nicht an Jesus gebunden; es wird aber nachvollziehbar, dass dieser Kosmische Christus in allen wesentlichen Lebensstationen Jesu gegenwärtig und maßgebend war. Es ist ja auch nicht so, dass er für einen etwas gemacht hat, was man dankbar für sich gebrauchen kann, sondern jeder wird aufgerufen, dieses Mysterium in sich selbst immer wieder zu vollziehen. Der Kosmische Christus muss immer wieder und in immer höherem Maße „hervorgebracht“ werden, so dass eine leidende Menschheit und eine verderbende Mutter Erde etwas davon spüren können. Deutlich sagt Eckehart, „dass wir alle Mütter Gottes sein sollen und dass wir alle zur Geburt des Kosmischen Christus in uns und in der Gesellschaft berufen sind“[39] Nur so kommt er in unsere Person, in unsere Kultur zu unserer Zeit.

 

Eine Ethik als minimale Diätetik (gesunde Lebensweise)

 

Und dennoch: Die Geschichte der Ökumene zeigt, wie schwer es ist, seine Mitmenschen auf einer gemeinsamen Glaubensebene zu versammeln, von der via religiöse Rückbindung Vertrauen und Verlässlichkeit in privaten und öffentlichen Angelegenheiten ausgehen kann. Wenn dies nicht  gelingt, brauchen wir dringend ein ethisches Minimalprogramm, das auf einer nicht-transzen­dent hergeleiteten Basis Grundkonsens über das Wahre, Gute, Schöne oder auch Qualität ermöglichen kann. Auch Frieden, Dialog und Mitmenschlichkeit können sich aus anderen als religiösen Quellen speisen. Eine säkulare Gesellschaft befindet sich nicht zwangsweise im Notstand, wenn sie ohne Hilfe des angedienten Glaubens, nur aus einer „ehrlichen Weltlichkeit“ (C. Amery) heraus sich den Herausforderungen der Zeit stellt. Ein wichtiges Gut der Aufklärung ist der Grundsatz, dass jeder nach seiner Façon selig werden darf, solange er dabei keinem anderen Schaden zufügt.[40]

 

Zu nicht weiter hinterfragbaren Annahmen (Axiome) für einen solchen „gottlosen“ Ansatz können folgende gezählt werden:

 

1.         Jeder Mensch will von Anfang an gesehen werden, gewisse Achtung und Fairness erfahren und sehnt sich danach, in der Liebe leben zu können. Er will sich in einer sinnvollen Arbeit verwirklichen und sich gleichzeitig in ihr Welt aneignen, indem er sie umgestaltet.

2.         Menschliche Inkompetenz (physisch, psychisch, sozial usw.) und wenig förderliche äußere Rahmenbedingungen bewirken, dass Menschen konstruktive Wege zu ihrem Glück aufgeben und am Gemeinwohl oder am Großenganzen nicht mehr interessiert sind.  

3.         Macht man sich diese menschlichen Grundverhältnisse bewusst und verständigt sich darüber kommunikativ (z.B. dass Macht und Mammon eigentlich nur Mittel zur Erreichung von Zielen sind), kann um so besser für Ziele gehandelt werden, die prinzipiell von allen geteilt werden – ohne den Umweg über kulturgeschichtlich spezifische Begründungen oder religiöse Bilder und  Geschichten.

4.         Das Liebesgebot, das in seiner radikal jesuinischen Form sogar „Feinden“ gegenüber beansprucht wird, lässt sich auch evolutionsbiologisch ausdrücken: Verdränge deinen Konkurrenten nicht auf unreif-aggressive Art, sondern entwickle dich zusammen mit ihm, indem ihr euch gegenseitig von dem abgebt, was jeder besonders gut kann oder reichlich hat (Ko-Evolution).

5.         Einige lebenssystemische Binsenweisheiten könnten helfen, dass jeder am oft chaotisch erscheinenden Großenganzen als Teil sinnvoll mitwirken kann:
a. Jeder muss an seinem Platz, zu seiner Zeit Verantwortung für eigenes Verhalten übernehmen und Konsequenzen dafür zu tragen bereit sein (Verursacher- und Verantwortungsprinzip)
b. Fehler darf man wohl machen, sie müssen jedoch analysiert und unmittelbar auf adäquate Weise zurückgemeldet werden, damit das System lernen kann; zu Verbesserungen soll ermutigt werden (Feedback- und Ermutigungsprinzip)
c. Alle zusammen können prinzipiell nicht mehr für sich herausnehmen, als im „Topf“ ist, in den jeder nach seinen Verhältnissen eingegeben hat; Nehmen und Geben sind im Einzelfall in einem solidarischen Sinn zu regeln (Austausch- und Solidarprinzip)
d. Eine „moralische Sicherheitsnadel“ hält grob zusammen, dass man anderen nur zumutet, was man auch selbst zugemutet bekommen möchte (Mindestprinzip moralischen Handelns).

 

Auf diese Weise könnten wir – fernab traditioneller, begrifflicher oder bildlicher Glaubensarabesken – schneller zu Verständigung über das konkret-utopische Menschsein kommen, das wir suchen. Wir könnten uns auch so eine heilere Welt aufbauen und darin auch selbst heil werden. Auf diese Weise könnte man auch mit Kindern reden und umgehen, und wenn es einmal keine Antworten aus Wissen und eigener Erfahrung gibt, muss man halt den reinen Wein des Nichtwissens einschenken. Wenn aber beispielsweise der „Liebe Gott“ einmal eingeführt ist, muss man das trübe Geschäft mit gesuchten Zitaten und Welt deutenden Versatzstücken mit einem unerbittlich fragenden Kind weiter betreiben („Meint ihr, Gott kannte mich schon vor euch Eltern?“).

 

Worauf es heute ankommt

 

Starker Staat und starke Kirche, oft im Widerstreit, oft aber auch in Symbiose miteinander befindlich, haben beide zur Zeit gerade ausgedient, ohne sie aber ganz entbeheren zu können. In Worten von M. Drobinski kommt es heute um so mehr auf einzelne Menschen und Gruppen an, die über sich selbst hinaus denken, „auf kleine Propheten in einer Zeit, in der die großen fehlen.“[41] In der allgemeinen Sinn- und Ratlosigkeit auch der Experten gegenüber den Problemen der Zeit (Globalisierungsverlierer, Markt­unmoral, Verteilungskämpfe usw.) können die Menschen sich wieder „die Politik aneignen, die sie schon verloren glaubten.“ In deren Mittelpunkt kann durchaus eine symbolisch-mystische Figur wie der Kosmische Christus gedacht werden, der für die Achtung der Naturumwelt und die Wahrung friedlichen Ausgleichs steht und bei der sich viele treffen könnten, ohne über ihre eigene oder fremde Dogmatismen stolpern zu müssen.

 

In ein Sinnvakuum dringen jedoch auch mit Macht fundamentalistisch ausgerichtete Gläubige ein; sie implementieren ähnliche Methoden, wie sie die Katholische Kirche Jahrhunderte lang mit schrecklichem Erfolg angewendet hat, um Macht über die Gläubigen und Macht mit den Gläubigen zu erlangen. Solche geschlossene, nahezu unangreifbare Systeme können nur mit jener Wirklichkeit konfrontiert werden, auf deren Leugnung sie gründen. Wir verdanken Voltaire die Maxime, „dass man das logisch geschlossene Gebilde nicht bekämpft, indem man sich mit ihm auf Diskussionen einlässt, sondern indem man es mit der Absurdität der Existenz konfrontiert.“[42] Auch schönredender Optimismus kann allenfalls mit schrecklicher Wirklichkeit überwunden werden; in dieser Hinsicht ist die Konstruktion eines allgütigen und allmächtigen Gottes schon längst falsifiziert.

 

Theologen versuchen Unsagbares dennoch zu sagen obwohl man weiß: Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen. Worüber man jedoch sprechen kann, das soll aufs Forum halbwegs geordneter Auseinandersetzung. Intimes darf im privaten Raum bleiben; sobald jedoch privat gehegte (Glaubens-)Überzeugungen auf die res publica einwirken, sind übertriebene Rücksichtnahmen auf als heilig Hochgehängtes nicht mehr angebracht. Spätestens hier zeigt sich die Überlegenheit eines immanenten common sense vor aller Religiosität. Die Renaissance eines von kirchlichen Fesseln befreiten Glaubens mag wichtige Impulse für die Verbesserung unserer Angelegenheiten liefern, in der Begründung und Legitimation von Maßnahmen hat sie jedoch wenig zu suchen.

 

Woraus lässt sich dann der erwünschte Optimismus für die Regelung öffentlicher Angelegenheiten und für die Bewährung des Menschen im Evolutionsprozess schöpfen? Diese Frage ist aktuell virulent, da sich die Technologien rasant vermehren, mit denen evolutive Prozesse zum angeblichen Vorteil des Menschen bewusst gesteuert werden können – nach dem Bild vom Zauberlehrling aber auch schlimm daneben gehen können. Wenn Klonen möglich ist, wird auch geklont werden; wie dies ethisch verantwortlich geschehen kann, dafür hat noch niemand einwandfreie Kriterien, auch eine Kirche nicht. In ihr Lehrgebäude passt es nicht, im Leben geschieht es jedoch unaufhaltsam. Stures Bewahren wird keine Dauerlösung sein können.

 

Dass wir in allen öffentlichen Angelegenheiten so viel wie möglich Vernunft walten lassen sollten, eine moralisch geleitete, Frieden und Gerechtigkeit sichernde Vernunft, dies sei Ratzinger/Benedikt unumwunden zugestanden. Schwer genug ist es jedoch, unter konkreten Umständen abzuschätzen und sich zu vereinbaren, was genau, im Hier und Jetzt zu entscheiden,  dem Frieden dient und Gerechtigkeit herbeiführt. Wie viel Aufwand wir hingegen in Glaubensangelegenheiten betreiben sollten, bleibt eher unbestimmt, jedem persönlich anheim gestellt, auch wenn mit Ratzinger/Benedikt eingesehen werden kann, dass tradierte Glaubensbestände im Lichte neuerer Interpretationen auf den Glauben hin durchaus zur Klärung politischer Vernunft und der ihr zugrunde liegenden Werte dienen könnten.

 

Vielleicht hilft bei theologischen Konzepten ein alter scholastischer Grundsatz, den Wilhelm von Ockham formulierte: „entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem“. Man soll Sachverhalte nur in soweit aufspalten/komplizieren, als es notwendig erscheint; wenn eine einfache Erklärung etwas erklären kann, ist diese einer komplexen mit mehr zu machenden Annahmen vorzuziehen. Niemand nötigt einen heute mehr zur Übernahme kompliziertester theologischer Gedankengebäude und schon gar nicht werden diese benötigt, um zu einer persönlichen Glaubenserfahrung zu gelangen.

 

Man kann dies als Chance für die notwendige Ökumene in Glaubensfragen begreifen. Das Insistieren auf Unterschieden bei Geringachtung von Gemeinsamkeiten einer möglichen Glaubenspraxis können sich einst einflussreiche Großkirchen eigentlich nicht mehr leisten. Der Streit – um nur ein Beispiel herauszuheben - um die Definitionshoheit bei einem gemeinsamen Abendmahl, ohnehin von jedem einzelnen eigen erfahren und ausgedeutet, erscheint dann doch recht lächerlich (Transsubstantiation, Konsubstantiation, Transsignifikation usw.) und einem gemeinsamen heiligen Tun abträglich. Verborgen bleibt ohnehin, wie jeder Glaubenssuchende sich das Geschehen in seiner Vorstellung ausstattet.

 

Insofern waren auch diese vielen Seiten Text nicht notwendig, um den Glauben an eine christliche Gottheit zu klären. Aber dies lag einfach in der Versuchsbemühung, sich selbst gegenüber intellektuell redlich zu sein und sich zu vergewissern, ob der persönlich gewagte, unsichere Glaubensstandpunkt irgendwelchen vermeidbaren (Selbst-)Vorwürfen ausgesetzt sein könnte. Nach diesem Bemühen stellt sich in der Binnenschau eine Art freudiger Gleichmut heraus (nicht zu verwechseln mit Selbstgerechtigkeit), der vor aktuell-spontanen Aufgeregtheiten und öffentlichen Zwangs-Zurschaustellungen bewahrt. Und nach wie vor gilt eine alte Lebensweisheit: „An ihren Früchten (also nicht an ihren schönen Blüten) werdet ihr sie erkennen!“


Resümee

 

Der Glaube ist ein Lückenbüßer zwischen wackeligen Wissensbeständen, der, auf „Gott“ bezogen, das Leben vieler Menschen offenbar zu überhöhen vermag. Der psychologische Grund und die Attraktivität dafür liegt in der Eröffnung von (narzisstischen) Möglichkeiten, sein Ich-Selbst in etwas phantastisch Größerem aufgehen zu lassen.

 

Dem kommt der christliche Glaube mit seinem Schöpfer-Phantasma und der an sich grundlosen Liebes-(Froh-)Botschaft sehr entgegen, psychoanalytisch betrachtet sogar der Religionsstifter selbst, dessen neutestamentarisch überlieferte Vita einer narzisstischen Karriere verblüffend  gleich kommt.

 

Wer sich diesen Verstiegenheiten nicht anschließen will, seinen Glauben etwas niedriger hängen möchte, hat Orientierungsprobleme in einem weitläufigen Angebot von Metaphysiken, Kosmologien, Systemtheorien u.ä., die aber allesamt durchaus sinnvolles Handeln im Diesseits erlauben.

 

Schließlich bleibt nur noch eine immanent aus common-sense und Menschheitserfahrung begründete Ethik, die auch gute Dienste leisten kann.

 

Was davon sich bewähren wird, ist und bleibt meine bange Frage für die Menschheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Stand: Am Tag Sant’ Antonio de Lisboa, 2005

Kritische Anregungen und notwendige Ergänzungen bitte an Volker.Gold@t-online.de



[1] Angestoßen wurde die Aufzeichnung meiner Überlegungen durch die Nachricht vom Tod des Psychoanalytikers Bela Grunberger am 26.02.05 und durch den medial vermittelten Überschwang der Emotionen beim Tod des letzten und bei der Amtseinführung des jetzigen Papstes. Treibende Kraft ist jedoch das Unvermögen des Verfassers, den bisherigen Weg christlicher Dogmatik auch nur einen Schritt noch weiter zu gehen. Während der Erarbeitung verstarb leider auch Carl Amery, dessen prophetische Analysen mehr Beachtung verdienten.

[2] Tilman Moser zitiert hingegen in „Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott“ (Kreuz, Stuttgart, 2003, S. 49) eine Gruppe evangelischer Pfarrer: „Man spreche auch unter Kollegen nicht sehr frei von den Anfechtungen des Glaubens, und vor der Gemeinde seien diese ohnehin streng zu verbergen.“

[3] Alle Angaben von V. Krech in der SZ vom 29.04.05, S. 15

[4] in „Salz der Erde“, Heyne, München, 2004, S. 147

[5] auch Benedikt XVI. überzeugt mit seiner Bezugnahme auf Augustinus’ Einfaltsbild nicht ganz; vgl. S. 285-288 in „Gott und die Welt“, Knaur, München, 2005

[6] Friedrich Heiler, Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Kohlhammer, Stuttgart, 1979 (S. 559-565)

[7] vgl. den Bericht von Ulrich Schnabel in DIE ZEIT Nr. 20/2005

[8] Béla Grundberger/Pierre Dessuant, Narzissmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung. Klett-Kotta, Stuttgart, 2000 und Grundberger, Béla „Über den Glauben (1979)“ in ders. Narziss und Anubis. Die Psychoanalyse jenseits der Triebtheorie, Bd. 1. Verl. Internat. Psychoanalyse, München/Wien, 1988

[9] vgl. Literaturhinweis in Fußnote 2

[10] L. Lütkehaus in der Besprechung von Günther Anders „Kosmologische Humoreske“, S. 552-554 in FN 12

[11] Richard Heinzmann im Gespräch mit Eugen Biser, S. 23 „Theologie der Zukunft“ WBG, Darmstadt, 2005

[12] Ludger Lütkehaus, Nichts. Zweitausendeins, 758 Seiten über das „Nichts“, nur 9,90 €

[13] Eugen Biser im Gespräch mit Richard Heinzmann, S. 92, a.a.O., vgl. FN 11

[14] Daniel Kehlmann, „Gott begrüßt seine Opfer“ in SZ vom 28./29.05.05, S. 16

[15] Theologie der Zukunft. Eugen Biser im Gespräch mit Richard Heinzmann. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt, 2005

[16] als Benedikt XVI. würde Kardinal Ratzinger wohl dem einfachen Volk – abseits hochgelehrter theologischer Auslegungen – immerhin eine „interpretacion popular“ zugestehen; vgl. S. 285 in „Salz der Erde“, Heyne, 2004

[17] Carl Amery, Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt. btb Goldmann, 2004

[18] Ähnliches geschah Augustinus, dessen christlich-fanatische Mutter Monika nicht abließ, ihn zu bekehren – mit Erfolg, wie er selbst bestätigt: „Ja, die Mutter sorgte schon dafür, dass Du, mein Gott, mir Vater seiest, mehr als der leibliche, und darin standest Du ihr bei, sodass sie obsiegte über den Mann, dem sie, obwohl sittlich überlegen, diente…“ (zit. nach T. Moser, S. 165, vgl. Fußnote 2) Das Band der Mutter hat ihn am irdischen Vater vorbei zum himmlischen Vater geführt. Die langjährige Freundin und Mutter seines Sohnes wurden darob nach Hause geschickt…

[19] Zitat S. 331 in Hartmut  und Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. Suhrkamp, Frankfurt, 1985

[20] Diese Auseinandersetzung ist dokumentiert und kann heruntergeladen werden von der Web-Seite der Katholischen Akademie München.

[21] Martin Buber, Das dialogische Prinzip. Lambert Schneider, Heidelberg, 1979 (4. Aufl.) Hierin vor allem „Ich und Du“. Ein gute Einführung bietet Gerhard Wehr, Martin Buber. Rowohlt Bildmonographien, 1968

[22] Dorothee Sölle, Atheistisch an Gott glauben. Beiträge zur Theologie. dtv, München, 1983

[23] in „Wege und Umwege der Liebe“ S. 136-149 in W. H. Lechler, So kann’s mit mir nicht weitergehen! Kreuz, Stuttgart, 1994

[24] Johann Baptist Metz, Jenseits bürgerlicher Religion, …, 1980 und zusammen mit Jürgen Habermas „Diagnosen zur Zeit“, …, 1994

[25] Epiktet, Handbüchlein der Moral und Unterredungen, Kröner, Stuttgart, 1973

[26] Robert M. Pirsig, Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Fischer, 1978

[27] Willigis Jäger, Die Welle ist das Meer. Mystische Spiritualität. Herder, Freiburg u.a., 2000

[28] vgl. Fußnote 3

[29] Karlfried Graf Dürckheim, Zen und wir. Fischer, 1976

[30] Anand Margo, Tantra, Weg der Ekstase. Die Sexualität des Neuen Menschen. Sannyas Verlag. 1982.

Eine Vergöttlichung, sinnlich-lustvoller Verbindung sich in Liebe aufgetaner Menschen in Anlehnung an frühere matriarchale Kulturen predigt Dieter Duhm und versucht dies auch im Rahmen des „Heilungsbiotop I“ Tamera in Süd-Portugal zu verwirklichen („Die heilige Matrix“, v.a. Kap. 3 u. 4, Synergie-Verl., Belzig, 2001)

[31] Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate. Diogenes, 1979

[32] vgl. die Darstellung von Georg Schmid in „Mystik – Menschsein in reiner Präsenz“ in Walther H. Lechler, So kann’s mit mir nicht weitergehen! Neubeginn durch spirituelle Erfahrungen in der Therapie. Kreuz Verlag, Stuttgart, 1994

[33] Gregory Bateson, Ökologie des Geistes. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1985 und derselbe, Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Suhrkamp, Fftm., 1982

[34] G. Bateson, a.a.O. S. 593

[35] Mir waren bisher nur englischsprachige Artikel und Buchkapitel bekannt, die man aus dem Internet herunterladen konnte, z.B. von 1999 www.ratical.org/LifeWeb/Articles/whatsgod.html. Es gibt aber auch einen deutschsprachigen Zugang zu dieser Evolutionsbiologin: Gaia. Vergangenheit und Zukunft der Erde. Insel, Frankfurt, 1993

[36] Ludger Lütkehaus, Nichts.  Zweitausendeins

[37] Matthew Fox, Vision vom kosmischen Christus. Aufbruch ins dritte Jahrtausend. Kreuz Verlag, Stuttgart, 1991

[38] Dies kann sich – wörtlich – auch Josef Kardinal Ratzinger vorstellen; er kann überhaupt sehr viel fundamentale Kritik an der katholisch-christlichen Lehre und Kirchenverfassung nachvollziehen, doch bewegen, eigene „Wahrheiten“ aufgeben, will er sich nicht (zumindest noch 2004, in „Salz der Erde, S. 144)

[39] nach Fox, S. 204, a.a.O.

[40] Zumindest ist dies die Meinung von N. Biller-Adorno in einem Leserbrief an die SZ vom 29.04.05 angesichts aufgeregter Diskussion um die Verankerung des Begriffes Gott in der Europäischen Verfassung.

[41] „Zeit der kleinen Propheten…“ in SZ vom 27.05.05

[42] Daniel Kehlmann, „Gott begrüßt seine Opfer“, in SZ vom 28./29.05.05, S. 16