Vom ersten Herzschlag bis zur Bildung der ersten Hirnzellen bzw. von der Überschreitung des Iskar bis hin zur Metaxas-Linie (S. 14-17)
Woche 05; 0308 bis
0314
Und heute, am 22. Schwangerschaftstag beginnt – oh Wunder! – mein Herz, erst
noch unregelmäßig, aber mit 150 Schlägen pro Minute zu arbeiten. Das Organ
ist so winzig wie ein Mohnsame und mein ganzes Körperchen nur so groß wie eine
kleine Bohne. Und doch formen sich schon meine Gesichtszüge. Die zwei
Gewebelappen da werden zum Beispiel später die Ohren. Höchste Zeit, dass mein
Wachstum auch von außen, ich meine von meinen Erzeugern, wahrgenommen und gewürdigt
wird. Auch jüdische Schriftgelehrte werden mich jetzt nicht mehr als „bloß
Wasser“ ansehen.
0308: Übernachtungslager in Wraca, südlich von Bjela Slatina. Überquerung des Flusses Iskar.
0309: Beginn der Überwindung des Celopecene-Gebirges am tiefverschneiten Arabakonak- und Petrohanski-Pass.
In Innsbruck bekommt Klara G. das Gefühl, dass ihre Brüste spannen. Da auch die Periode ausgeblieben ist, konsultiert sie in Innsbruck einen Frauenarzt. Dieser bringt ihr sehr charmant bei, dass sie Mutterfreuden entgegensehen kann. Sie ist überglücklich, doch hält sie es mit diesem süßen Geheimnis nun auch in Innsbruck allein nicht mehr aus, sondern beschließt, zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern in die schwäbische Heimat zurückzukommen. Gestütswart Manz (Marbach), Nachbar und Stammgast im Heimathaus „Krone“, kann ihr vom Gesicht ablesen, dass sie schwanger ist. Ein Feldpostbrief mit der guten Nachricht wird abgeschickt.
Woche 06; 0315 bis
0321
Jetzt beginnt der Körper sich grundlegend zu gliedern. Hierbei bilden sich der
Kopf mit allen Sinnesanlagen, der Rumpf mit den Extremitäten und die
Schwanzanlage. Wer genau hinschauen würde, könnte sogar winzige Fingerchen und
Zehen mit Schwimmhäuten dazwischen feststellen.
0318: Nach fünfhundert Marsch-Kilometern verweilt man in Sofia nur einen Tag lang. Hier wird OTL Rademacher durch OTL Wittmann abgelöst (im Bild beide eingehakt). Es folgt noch eine lange, beschwerliche Etappe bis Sveti Vrac[1] und weiter zum Grenzgebirge zwischen Griechenland, Bulgarien und Makedonien (noch bis 0325).

Unterwegs wird das bulgarische Gebirgs-Bataillon
„Skoda“ übernommen. Auf einem Feld lagert ganz offen eine Unzahl von
Fliegerbomben, auf denen man bequem sitzen kann.

Woche 07; 0322 bis
0328
Das Wachstum erfolgt jetzt immer rascher und vieles differenziert sich aus. Da
ist sogar schon eine hauchdünne Haut schützend und abgrenzend um mich herum
und die Adern werden sichtbar.
0325: Die Truppen stehen am Grenzgebirge zu Belasica-Planina (der bulgarischen Hochburg in Makedonien). Linus G. erreicht endlich die Nachricht von seiner sich anbahnenden Vaterschaft.
Intensive Aufklärung hat ergeben, dass der Festungsriegel an der Grenze viel stärker ist, als angenommen. Die Truppen sind zwar rechtzeitig für einen Angriff an der Grenze zu Griechenland angekommen, stehen nun aber vor der Aufgabe, die als unüberwindbar geltende Metaxas-Befestigungs-Linie überschreiten zu müssen, um die griechischen Stellungen im Norden ihres Landes danach der Reihe nach unhaltbar zu machen. Eine Umgehung ist nicht möglich. Bei dieser befestigten Stellung, die nach ihrem Befürworter Metaxas benannt wurde, handelt es sich um ein ausgeklügeltes Bunkersystem in einer Reihe von Bergrücken, wobei die Bunker bis zu 50 m in den Fels hinein gehauen sind und untereinander in Verbindung stehen. Dieses moderne Befestigungssystem wurde gegen den möglichen Angreifer Bulgarien im Norden des Landes geschaffen. Es galt und gilt noch als uneinnehmbar.
Woche 08; 0329 bis
0404
Ich gerate immer mehr zu einem vollwertigen menschlichen Embryo: irgendwelche
Kiemenspalten, die zu einem Menschen nicht gehören, sind wieder verschwunden,
stattdessen ist das Gesicht ausgeformt und das Innenohr schon ausgebildet. Die
Plazenta unterstützt die Hormonproduktion für mein wunderbares Wachstum als
potentielle Person mit eigener Würde.
Intensivste militärische und logistische Vorbereitungen für einen Direktangriff – es gibt keine Umgehung - auf das als uneinnehmbar geltende Bollwerk laufen an. Besetzt ist es mit ausgesuchten griechischen Soldaten (60 Offizieren und 3.200 Mann). Diese überblicken die einzige, nur zwei Meter breite Staubstraße, die an ihnen vorbeiführt. Dadurch wird klar, dass die Gebirgsgeschütze und die Flak nur bei Nacht herangeschafft werden können. Ohne vorherigen Beschuss mit schweren Waffen mit Unterstützung der Stukas geht gar nichts und bis dahin hält sich die Masse der beiden Regimenter bei Nässe und Kälte in „schusstoten Räumen“ auf. Die gelegten Fernsprechleitungen und Funkgeräte werden nochmals überprüft, die Wachhunde der griechischen Vorposten vergiftet, die Leitungen der Griechen durchschnitten.

Woche 09; 0405 bis
0411
Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen: Ich nehme immer deutlicher menschliche
Züge an! Es bilden sich Nervenzellen im Gehirn. Kopf und Stirn sind überproportioniert.
Nennt man mich noch Embryo? Bei den alten Griechen, zu deren Nachfolgern mein
Vater gerade eindringen will, ist dies der Name für ein neugeborenes Lamm. Ich
messe 3 cm vom Scheitel bis zum Steiß. Nun bin ich ein empfindungsfähiges
Wesen… Die da draußen am Istibei – sind sie diese auch noch oder in verstärktem
Maße?
Nach Ablauf des deutschen Ultimatums an Griechenland, die Engländer des Landes zu verweisen, greifen am 06.04. ab 05:15 Uhr 33 dt. Divisionen (incl. 6 Panzer-Division), also fast 700.000 Mann Jugoslawien und Griechenland an. Es ist dies die 12. Armee unter Generalfeldmarschall Wilhelm List. Bei einem Luftangriff auf den Hafen Piräus wird durch Zufall ein Munitionsschiff getroffen und der Hafen mit vielen anderen Schiffen stark verwüstet; die britischen Truppen bekommen daraufhin unerwartete Nachschubprobleme.
Was nun folgt, wird Ringel später (S. 22) als „soldatische Großtat“ rühmen, die fortleben wird, wenn das Abendland längst seinen Geist an den „Fortschritt“ verraten und somit aufgegeben haben wird…
[1] Der Ort heißt seit 1947 Sandanski und bietet, im Tal südwestlich des Pirin-Gebirges, neben mildem Klima seit alters auch heiße Quellen.
Vom ersten Schluckauf bis zum "Einatmen" von Fruchtwasser bzw. von der Ankunft in Athen bis zur Verladung der beiden "leichten Schiffsstaffeln" (S. 33-36)
Woche 14; 0510 bis
0516
70 g, 10 cm. Manchmal bekomme ich Schluckauf, was mir aber nichts ausmacht. Draußen
in der Welt läuft wohl auch nur scheinbar alles nach Plan.
0513: Man nimmt an, die Griechen würden die Wehrmacht mehr oder weniger freiwillig im Lande dulden. Die deutsche Propaganda stellt den Überfall als Kampf gegen England und dessen griechische Helfer dar. Hitler erklärt, die Briten hätten es verstanden, Griechenland „zu missbrauchen“, er aber habe immer betont, dass „das deutsche Volk keinerlei Gegensätze zu dem griechischen Volk besitzt“. Bereits am 13. Mai verfügt das Oberkommando der Wehrmacht (OKW), alle frontfähigen Verbände aus Griechenland nach Osten abzuziehen, da mit der Entwaffnung der griechischen Armee kein weiterer militärischer Einsatz erforderlich sei. Dies sollte sich sieben Tage später bei der Invasion auf Kreta als eine gravierende Fehlprognose herausstellen (nach Seckendorf). Aber auch in Athen holt Manolis Glesos, als symbolische Tat des griechischen Widerstandes unter den Augen der deutschen Wachmannschaft gemeinsam mit einem Widerstandsgefährten die deutsche Reichskriegsflagge von der Akropolis wieder herunter.
0515: Nach Bekanntwerden des weiteren Kriegszieles Kreta werden die Offiziere wohl auch über die Risiken dieses Einsatzes instruiert. Linus G. schreibt darauf einen „Vermächtnisbrief“ an seine schwangere Frau. Er drückt darin die feste Überzeugung aus, vom Krieg wieder heimkommen zu können.
„Mein einziges
Herzchen!“
(Anfangs steht eine Passage, in der Linus G. die Feldpostbriefe, die er und
seine Frau durchnummeriert haben, registriert; es gibt Lücken bei den Briefen
in beiden Richtungen und viel Ungehaltenheit darüber.)
„Dass ich die Absicht habe, wieder zu Dir zurückzukommen, ist meine
felsenfeste Überzeugung und meine unbeirrbare Hoffnung und mein fester Glaube.
Es können noch harte Tage kommen, die ich aber auch zu überstehen hoffe.
Liebstes, voraussagen kann man im Kriege nichts, da kann man nur hoffen, wünschen
und glauben und sich dem Schicksal fügen. So wie es bestimmt ist, muß man es
nehmen und würdig tragen. Ich weiß, dass Du diese Worte nicht gern hörst,
Liebes, sie müssen aber gesprochen werden, denn wir wollen uns doch gegenseitig
keine Blendkappen aufsetzten. Wie mir es bei diesen Gedanken zu Mute ist,
brauche ich Dir nicht zu schildern, vollends jetzt noch, wo Du meinen ganzen
Stolz, unsere Zukunft und unser gemeinsames Glück in Dir trägst. Dies alles muß
ich doch sehen, also muß ich auch dazu zu meinem allerliebsten Herzchen zurückkehren.
Gesetzt den Fall, das Schicksal hätte anderes mit mir vor. Was dann? Liebstes
nur eine bitte hätte ich dann. Pflege und hüte das keimende Leben in Dir und
sei und bleibe stark. Denke an die vielen anderen Frauen, die das gleiche Los
getroffen hat und das Leben weiterhin meistern müssen. Lasse unser Kind, gleich
ob Bub oder Mädel, etwas lernen und stelle es frühzeitig ins harte und nackte
Leben, damit ihm so manche Enttäuschung, die wir selbst noch mitmachen mussten,
erspart bleiben. Besonders die frühzeitige, richtige Aufklärung. Sollte es ein
Junge sein, so wäre mein Wunsch, dass er Offz. wird (aber nicht Offz.(w)). Dazu
braucht er Abitur (am besten Gymnasium). – 
Vom Beginn der Lichtempfindlichkeit der Augen bis zur
Ausreifung aller Organe bzw. von der Fortführung der Razzien bis zur
Vorbereitung auf den Rücktransport nach Tirol und der sehnsüchtig harrenden
Ehefrau und werdenden Mutter (S. 61-63)
Woche 32; 0913 bis
0919
1.900 g, 44 cm. Eigentlich bin ich jetzt schon fix und fertig entwickelt. Bis
zur Geburt kann ich im Wesentlichen nur noch an Gewicht zulegen. Mein
Sollgewicht von 3.500 Gramm habe ich natürlich noch nicht erreicht. Es ist wohl
besser, dieses hier drinnen zu gewinnen. Da fehlt mir absolut nichts! Meine
Knochen härten ein wenig mehr aus, doch die Schädeldecke bleibt noch weich und
ist noch nicht ganz geschlossen. Habe mich mit dem Kopf nach unten gedreht, das
geht auch ganz gut.
0916: Heute beauftragt Hitler den Wehrmachtbefehlshaber im Südosten, die Aufstandsbewegung rigoros niederzuschlagen und »im Gesamtraum mit den schärfsten Mitteln die Ordnung wieder herzustellen«. Am gleichen Tag erlässt Keitel, Chef des OKW, Richtlinien zur Ausführung des Führerbefehls und erklärt: »Bei jedem Vorfall der Auflehnung gegen die deutsche Besatzungsmacht muss auf kommunistische Ursprünge geschlossen werden« Er fährt fort: »Um die Umtriebe im Keime zu ersticken, sind beim ersten Anlaß unverzüglich die schärfsten Mittel anzuwenden, um (...) einem weiteren Umsichgreifen vorzubeugen. Dabei ist zu bedenken, daß ein Menschenleben in den betroffenen Ländern vielfach nichts gilt und eine abschreckende Wirkung nur durch ungewöhnliche Härte erreicht werden kann. Als Sühne für ein deutsches Soldatenleben muß in diesen Fällen im allgemeinen die Todesstrafe für 50-100 Kommunisten als angemessen gelten. Die Art der Vollstreckung muß die abschreckende Wirkung noch erhöhen«.
Woche 33; 0920 bis
0926
2.100 g, 45 cm. Doch, es gibt schon noch was hinzuzulegen. Jetzt kann ich nämlich
auch noch mit dem Mund Saugbewegungen machen. Wozu man das bloß einmal brauchen
kann? Mein Gehör ist so was von perfekt, ein richtiges Klangwunder. Und Mama
spricht mit mir, verstehe nur nicht, worüber. Klingt das so richtig glücklich?
0922: In Griechenland ist Jagdsaison… Linus G. kauft sich in Chalkis eine Jagdwaffe; er lässt sie sich eben nicht schenken. Man hat ihm als Waffen- und Munitionsoffizier offenbar die Funktion übertragen, Griechen, die zur Jagd gehen wollen, zu begleiten, denn ohne diese Begleitung dürfen Griechen keine Jagdwaffen tragen. Fotos zeigen ihn selbst auf der Jagd auf dem Peloponnes zusammen mit dem Zigaretten-Unternehmer Logotetopoulos und einem anderen „Kollaborateur“ namens Papastratos. Dies ist wohl noch die moderateste und zugleich angenehmste Art, bei der Besatzung mitzuwirken.[1]

Woche 34; 0927 bis
1003
2.400 g, 46 cm. Auch die Nieren und die Leber funktionieren jetzt und sind zu
lebenslanger Leistung bereit.
Die 5. Geb. Div. macht sich für den Rücktransport in die Heimat bereit; andere Truppen werden sie als Besatzer ablösen (auf Kreta ab Juli 1943 dann die 1. Gebirgsdivision und die 22. Inf. Div. unter Müller). General Ringel bekommt von den griechischen Kollaborateuren in Iraklion den Ehrenbürger-Titel verliehen und der schönste Platz der Stadt heißt von nun an (aber nicht bis in alle Ewigkeit) „General-Ringel-Platz“. (207) Ganz im Gegensatz dazu hört man aus Dráma an der Nordgrenze von ersten regelrechten Aufständen gegen die Besatzer.
0927: Einem Kalenderblatt, vorne mit der Erinnerung "1939 Warschau ergibt sich bedingungslos", entnimmt Klara G. auf der Rückseite ein Gedicht von Hermann Löns („Verbotene Liebe“), an dem sie viel herunterweint:
„Weißt du wohl,
als wie wir sind,
Wie das Kornfeld und der Wind,
Wie der Sturm und
das wilde Meer
Das da wallet hin und her;
Aug' zu Auge zärtlich spricht,
Aber uns lieben, das dürfen wir nicht.
[1] Das Jagdgewehr wird in die Heimat mitgenommen und hängt dann lange Zeit noch in der Wohnung von Frau und Schwiegermutter in Uttenweiler und wird erst beim Einmarsch der Franzosen Ende April 1945 an diese abgegeben. Die Voigtländer des Kriegstouristen, wird allerdings in einem Hühnerstall vor den Besatzern versteckt.
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