Falls wir verloren sind, wer oder was hilft uns heraus?

 

Die Einsicht nimmt allenthalben zu - man braucht sich ja nur illusionslos dem zu stellen was ist und gerade wird - dass wir als Menschheit unsere Geschicke nicht mehr werthaft und tugendgerecht bestimmen können, sondern von Marktmächten und machtbestimmten globalen Trends bis in unsere Arbeitswelt, in unsere Familien und Freundschaftsbeziehungen hinein, ja, bis in unsere Persönlichkeit hinein bestimmt werden. Hans-Jochen Vogel hat dies in seiner „Kanzelrede“ im Frühjahr 2002 eindrucksvoll dargestellt und belegt. Doch selbst so ein weise gewordener, alter Mann der Politik kann am Ende nur mit Appellen dagegen zu halten versuchen: „breites Engagement möglichst vieler Bürgerinnen und Bürger“, „Weltethos bewusst machen“, „Markt nicht an die Stelle Gottessetzen“ ...

 

Was aber, wenn Gott nichts anderes wäre als ein Prinzip, das vorregelt, was überleben darf und was nicht? Was, wenn einen immer mehr der nihilistische Zweifel plagt, angesichts dessen, dass die Schöpfung eindeutig minder zu bewerten ist als der angenommene, hochgelobte Schöpfer? Zum Leid in der Welt hat es schon viele Erklärungsansätze gegeben, aber keine philosophisch ausreichenden. Warum existiert überhaupt eine Welt mit Übel, warum gibt es überhaupt Leben, wenn es leidend und mängelbehaftet ist? Gott behüte!

 

Natürlich wäre es in unserer Not tröstlich gewesen, wie einem das als Kind glauben gemacht wurde, dass Jesus (also Gott) dich kennt, auf dich persönlich jederzeit achtet und dir vorausbestimmt hat, wann du gute und wann du schlechte Tage haben wirst, auch, wann dein Leben beschlossen sein wird. Gegen diese Annahme spricht jeder Augenschein, jede nüchterne Betrachtung. Wenn dem so wäre, hätten wir es mit einem Scheiß-Gott in Afrika und anderen verelendenden Teilen der Welt, bei mindestens zwei Milliarden zutun. „A un dio senza fiato non credere mai!“ (Fabrizio d’André) Ganz abgesehen davon, dass manche Auswüchse der von materieller Gier bestimmten Segmente unserer westlichen Industrienationen, soweit sie in die Medien gelangen, äußerst unappetitlich erscheinen.

 

Bleibt noch die Annahme, dass Gott sich zwar für dich als Einzelwesen nicht sonderlich interessiert, bist halt hineingeworfen in diese Welt und siehst zu, wie du leben kannst, aber in höchster Not hilft er (oder die Jungfrau Maria) dir doch und wenn auch nur auf dem Umweg, dass du dir selbst hilfst, wie das Sprichwort heißt: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“  Was aber, wenn wir von einergrundsätzlichen Gottverlassenheit ausgehen müssten, gar von einem Grundsatz „Jeder für sich, Gott gegen alle?“

 

Es gibt anscheinend wenige Menschen, die sich trauen, solche weiter greifende Annahmen zu machen. Dabei spricht manches dafür, dass eingöttliches Prinzip hinter der Entstehung des Lebens steht, nicht jedoch eine göttliche Verantwortung für die Folgen des Lebens. Das Leben kann schön sein „La vida e bela“, nicht nur ein Filmtitel, sondern auch der Name eines Computer-Virus in einer .pps-Botschaft, die, falls sie geöffnet wird, mit dem Refrain endet „Zu spät, das Leben ist nicht mehr schön, denn der „Herr des Lebens“ hat sich deiner Festplatte bemächtigt...“ Die andere, oft verleugnete Seite ist, dass das Leben grausam ist. Wir brauchen nur bei Dunkelheit die Wandbeleuchtung unter unserem westlichen Vordach anmachen, um Geckos zur Jagd auf Mücken, Käfer und gar Gottesanbeterinnen anzustacheln. Was vorher noch munter gelebt hat, wird von anderer Seite genüsslich verzehrt, verschwindet immer mehr im Rachen des Kleinreptils. Wir brauchen keine Soaps und keine Horror-Videos, die Natur unterhält uns gut genug. Botschaft: Wer nicht auf der Hut war, geht unter. „A Starker überlebt’s, um an Schwachen is  ned schad!“

 

Dennoch ist zu diskutieren, ob sich Gott, aufgelöst in das göttliche Prinzip, nicht vollständig im Evolutionsgeschehen wieder finden lässt. Gott hat sich einmal, und zwar im Urknall, gezeigt. Vorher und nachher wurde er nicht mehr gesehen. Es war unwahrscheinlich, dass sich für ein astrales Objekt Bedingungen für das einstellten, was wir Leben nennen und ziemlich einmalig sein dürfte. Aber das Leben entwickelte sich dennoch in einem komplizierten Zusammenspiel und entwickelte immer komplexere Formen, bis zur Schar-Intelligenz der Ameise und zur reflektiven, individuellen Intelligenz des Menschen mit seine Sprachfähigkeit (siehe dieses Elaborat und seine Aufnahme beim Leser). Und wie entwickelte sich der Mensch – ich nehme nun einmal an, ohne Determination eines Gottes? Es ist eine Schande, gemessen an unserer humanistischen Vorstellungsgabe, gemessen am an Goethe und Beethoven gewachsenen Menschenideal; und eine „Krone der Schöpfung“ kann er nicht sein, eher hatte die Schöpfung einen in der Krone...

 

Ich riskiere immer mehr den Gedanken, dass die über Jahrmillionen wirksame Evolution, einmalig angestoßen, alles an Göttlichkeit ist, was uns geblieben ist. Sie ist eine Hinterlassenschaft, der wir uns würdig erweisen sollten. Sie zwingt uns aber auch, das Recht des Stärkeren anzuerkennen, den Egoismus der Gene zu akzeptieren, Leid und Unrecht als lebensimmanent mit herein zu nehmen. Stärker, das hat sich in der Menschheitsgeschichte gezeigt, sind nicht Gemeinschaften, in denen sich humanistische Ideale aufs feinste differenziert haben, in denen sich das Gute, das Wahre, das Schöne und Gerechte, in denen sich auch so etwas wie Qualität aufs innigste zu einem stabilen Geflecht verbunden haben, sondern eher solche Gesellschaften, in denen Technik, Waffentechnik zumal, Logistik und Bevölkerungswachstum für sie sprachen. Was solchen Gruppen und Völkerschaften ebenfalls zur Dominanz verholfen hat, war ein Zustand des nicht festgelegt seins, der Anpassungsfähigkeit nach allen Seiten. So wurden schon oft verehrungswürdige alte Kulturen durch ungebärdig junge Zivilisationen glatt überrannt. Nur so konnten die zivilisierten Römer durch die wilden Germanenstämme und nur so konnten die stilsicheren Mauren im al-Gharb durch ungehobelte Ritterburschen abgelöst werden, um bei zwei Beispielen zu bleiben. Mehr als 500 Jahre scheint noch keine Hochkultur Bestand gehabt zu haben.

 

Die „Erbsünde“ des Alten Testamentes kleidet in eine Erzählung, wie der Mensch sich erdreistet (eigentlich kann er als gottgeschaffenes, gottähnliches Wesen gar nicht anders), vom „Baum der Erkenntnis“ zu essen, sich damit vom rein zoologischen Wesen abzuheben und Vernunft an der ihm überlassenen Welt (außerhalb des Paradieses) zu üben. Solchermaßen getadelt wie geadelt sind etliche Epochen in der Menschheitsgeschichte auszumachen, wo vernünftiges Handeln zu schönen Früchten und stattlichen Errungenschaften geführt hat. Unsere momentane Kultur und Zivilisation fußt wesentlich auf der Aufklärung, auf der Unterscheidung von Wissen und Glauben, Denken und Gefühl; mein ganzes Berufsleben in der Ausbildung von Lehrern fühlte ich mich davon beschwingt. Ins Stocken komme ich aber immer mehr dadurch, dass mir bewusst wird: Die Vernunft der Moderne ist ambivalenter Natur, hat auch Monster geboren, KZ-Massenvernichtung, Kernkraftwerke und Überproduktion; unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden werden heute bei Organtransplantationen, gezieltem Klonen u.a.m. schon vereinzelt Grenzen überschritten. Unsere quasi-göttlichen Eingriffe in den Lauf der Dinge stehen aber grundsätzlich in Gefahr, uns als unzulängliche Zauberlehrlinge zu desavouieren. Wie immer fragt man sich dann: Wer trägt die Schäden, wen kann man noch zur Verantwortung ziehen?

 

Sind wir Mitteleuropäer zu Beginn des 3. Jahrtausends mit selbstgemachten Klimaschäden, nicht direkt beeinflussbarer Überbevölkerung, wertloser agrarischer Industrieproduktion und staatlicher Verschwendung dem Untergang geweiht? Sind wir noch in der Lage, und dies meint innere Bereitschaft und äußere Fähigkeiten, den nationalen Unzulänglichkeiten, den europäischen Ungleichgewichten und den globalen Katastrophen entgegen zutreten? Wird unsere Wertbesinnung – von der als Forderung gegen den puren Materialismus und liberalistischen Marktgedanken so oft die Rede ist – wie ein Schwert den Knoten, wenn schon nicht lösen, so doch durchtrennen können? Sind wir, als Voraussetzung zu einer Notwende, in der Lage, auf dem falschen Weg Halt zu machen? Mein Herz will noch hoffen, mein Verstand kann das Lösungskonzept jedoch nicht mehr erfassen. Andererseits ist mir Sich-treiben-lassen und sich mit Spass und Konsum abfinden verhasst.

 

Ich kann auch nicht Lieber Gott spielen und die Not in Afrika – nur als ein Beispiel, wenn auch ein besonders krasses, hoffnungslos stimmendes – lindern, geschweige denn beseitigen. Genau so wenig war den Tagelöhnern und Erntehelfern im Alentejo zu helfen; auch sie können und konnten nicht von ihrer Erniedrigung befreit werden, weder durch die Revolte von 1974 noch durch den Alqueva-Staudamm 25 Jahre später. Greenpeace und Amnesty International mögen über die Jahre auf ihren Gebieten etwas zustande gebracht haben. Nüchtern betrachtet leisten sie jedoch eine unschätzbare Arbeit für die fehlerhaften politischen und wirtschaftlichen Systeme, nicht gegen sie. Würden diese aus Mitgliedsbeiträgen finanzierten Nichtregierungsorganisationen ihre frühen Fehlerwarnungen und ihre hartnäckigen Nachkontrollen nicht durchführen, wären unsere Regierungen und Großkonzerne – wer hat inzwischen unter ihnen eigentlich mehr zu sagen? – im Interesse ihres eigenen Funktionierens und Gewinnstrebens geradezu gezwungen, mit eigenen Mitteln solche Stäbe bei sich zu unterhalten.

 

Ich bin überzeugt, ich kann nur dort helfen, wo ich lebe und wo meine Worte, mit meinem gelebten Leben zusammen gesehen, günstigstenfalls als Glaubwürdigkeitssignal angenommen werden können. Wo bleiben aber all unsere jüngeren und mittelalten Freunde, Verwandten, Kollegen, Mitbürger, Glaubensbrüder und –schwestern, Vereinsgenossen usw., wenn es gilt, im eigenen Hause für Demokratie, Gerechtigkeit und Sozialstaatlichkeit zu sorgen, aktiv dafür einzutreten? Von welchem Geist, welcher gemeinsamen Idee würden unsere Gespräche geprägt sein, wenn sie nur erst einmal zustande kämen? Oder vermeidet man sie, weil es keine Hoffnung mehr gibt in unserer zerstrittenen Nachbarschaft, unserer ungeliebten Schule, unserer verarmten Gemeinde, unserem Löchernotpflasternden Land? War Hoffnung immer an den göttlichen, gut situierten Beistand gebunden, ohne den man es besser gleich lassen kann?

 

Ich hätte schon noch Hoffnung, wenn wenigstens drei Grundsätze beachtet würden, wenn insofern wieder Geist in die Behandlung unserer Angelegenheiten einflösse, wenn wir unsere Politiker, nicht nur im Wahlkampf – denn da sind sie im Bammel um drohenden Machtverlust geistig kaum ansprechbar - in konkreter Form darauf verpflichten könnten. Es handelt sich um systemische Grundüberzeugungen, die auch eine Basis bilden könnten für eine nicht-transzendental abgeleitete Ethik unter Menschen, einer Ethik, die nicht auf Glaubenssätzen basiert, der sich alle vernunftgeneigten Menschen anschließen können:

 

  1. Es gibt eine Macht, die größer ist als wir; als Teil können wir uns logisch unmöglich auf eine Stufe mit dem Ganzen stellen, uns aber auch nicht (als „Ich-AG“) davon lossagen
    Hier könnte man an gute Einsichten der Kommunitarier anknüpfen, auch an die – freilich durchsichtige – preußische Tradition, in der der Chef der „erste Diener“ war; es sollte an den Gesellschaftsvertrag erinnert werden, der alle sinnvoll einbindet und die Lasten regelt, die jeder für die Gemeinschaft zu tragen hat, um individuelle Freiheit genießen zu können; Gewinnstreben, Mammon und Macht sind eigentlich keine Selbstzwecke sondern nur Mittel zu gemeinsam wertbestimmten Zielen usw.
  2. Unsere Gemeinschaft verrottet oder dreht durch, wenn sie unterfordert bzw. überfordert wird; das richtige Maß, eine nur leichte Überforderung, muss im politischen Prozess ständig eingepegelt werden (statt dem Ruf nach dem Staat das Subsidiaritätsprinzip u.ä.)
    In erster Linie geht es wohl erst mal darum, durch alle entstandenen politischen Perversionen hindurch Einsicht und Motivation zu schaffen für „tua res agitur“, und zwar zuförderst in Familie, Schule, Betrieben, Vereinen...; an den Verfassungsanspruch erinnern, auch wenn die Verfassungswirklichkeit ihn als hohles Geschwätz erscheinen lässt; Jugendliche von den Spass-Feldern weg zu attraktiven, ergebnisorientierten Diskussionsforen einladen; die Reformmutlosigkeit der jetzigen Regierung seit nunmehr 18 Monaten anprangern ebenso wie die „Konsensglocke“ unter die alle Parteien Deutschland, Europa und die Welt stellen wollen...
  3. Vertrauen ins Ganze kann man nur haben, wenn ausnahmslos das Verursacher- und Verantwortungsprinzip gilt und gleichzeitig gewährleistet ist, dass Ergebnisse unverfälscht an die Verantwortlichen zurückgemeldet werden.
    Verantwortliche Beamte, Manager und Politiker, die schuldhaft veruntreuen und dem Volk Schaden zufügen, den sozialverpflichtenden Eigentumsvorbehalt im Grundgesetzt negieren usw. konsequent zur Rechenschaft ziehen (Geldstrafen, Gefängnis usw.); Idee der Bürgerbeauftragten (Ombudsmänner oder –frauen) wieder beleben, die Nachfragen für Mandatsträgern und Parlamentariern sammeln; vor Wahlen Checklisten und Bewertungen erstellen und publizieren... Transparenz, Transparenz!

 

Nachdem es mir um eine im weitesten Sinne politisch relevante und wirksame Ethik geht, der möglichst viele zustimmen könnten – also unter Hintanstellung all der vielen nicht überprüfbaren und wie ich meine auch unnötigen  Grundannahmen – wenn sie nur ihren „common sense“ und vernünftige Überlegung bemühten, die jedoch konkreter sein soll als die letztlich auch überfordernde Kant’sche „Goldene Regel“ („...dass die Prinzipien deines Handelns jederzeit als Grundlage einerallgemeinen Gesetzgebung dienen könnten...“) – nach all dem also möchte ich euch um Rückmeldung zu folgenden Fragen bitten:

 

  1. Welchen der genannten Grundannahmen stimme ich zu, welchen nicht? Bei Ablehnungen bitte Begründungen versuchen. Müssen weitere Grundannahmen hinzu kommen? (Bitte das „Occam’sche Messe“ beachten: Diejenige Theorie ist zu bevorzugen, die das selbe erklären kann, dies aber mit weniger Grundannahmen.)
  2. Muss die Menschheit wirklich erst in eine Riesenkatastrophe stürzen, ehe sie zur Besinnung kommt und lernt oder seht ihr in den vorliegenden und eigenen, hinzukommenden Gedanken einen Hebel, den man jetzt noch mit Hoffnung auf Wirkung ansetzen kann? (Bitte beachten, dass auch Peter Sloterdijk, der sich damit befasst hat, von einer Katastrophen-Didaktik für die Menschheit wenig hält und dass das Verelendungsmoment in der Marx’schen Revolutionstheorie degoutant ist bzw. sich historisch nicht erweisen konnte.)

 

Wäre es nicht reizvoll, in dieser Weise bei unseren gelegentlichen Zusammentreffen wieder zu „politisieren“? Dass wir von den drei Grundsätzen und in Anlehnung an unsere Grundbedürfnisse in kreativer Weise versuchen, Forderungen für eine zukunfts- und hoffnungsweisende Politik abzuleiten und dann ganz konkret mit Abgeordneten und anderen Personen des öffentlichen Lebens in Verbindung träten, in Landsberg, Freising, Dresden, Murnau, München, Kempten, Augsburg....?

 

Gebt dieses Schreiben auch an Bekannte weiter, von denen ihr immer noch glaubt, sie könnte davon angesprochen werden!

 

Ich kann’s nicht lassen, noch einen (banalen) Grundgedanken von Erich Fromm drauf zu setzen:

Der Mensch ist eine Einheit, sein Denken, sein Fühlen und seine Lebenspraxis sind untrennbar miteinander verbunden. Er kann in seinem Denken nicht frei sein, wenn er nicht auch emotional frei ist; und er kann emotional nicht frei sein, wenn er in seiner Lebenspraxis, in seinen ökonomischen und sozialen Beziehungen abhängig und unfrei ist.“ (R. Funk)

 

Quelfes/Olhão/Algarve, 20.08.2002 – einen Monat vor der Bundestagswahl

 

Volker Gold