Kurzgefasste Geschichte der Idee Europas

 


Europa ist kein eigener Kontinent, sondern der westliche Ausläufer des russisch-asiatischen Festlandes. Man bekommt keinen richtigen Begriff von Europa, ohne seine Anfänge zu bedenken in der griechischen Philosophie (Sokrates, Platon, Aristoteles) und in der römischen Zivilisation. Sogar der Name ist von einer Prinzessin abgeleitet, von der die griechischen Mythen erzählen (Zeus verliebte sich in sie und raubte sie in Gestalt eines Stiers). Allah sei Dank, erfuhren wir von den antiken Schriftstellern durch arabische Übersetzungen (Ibn Ruschd/Averroes). Das Römische Imperium, von Vergil auch als „heilig“ bezeichnet, umfasste fast ganz Europa und die Ländereien rund um das Mittelmeer und es setzte Maßstäbe für den Gebrauch politischer, technologischer und militärischer Mittel und Systeme, von denen wir zum Teil heute noch zehren. Konstantin adoptierte das Christentum als Staatsreligion und trug so zu dessen Popularisierung mit dem Ergebnis bei, dass seine Werte in breiten Schichten immer noch lebendig (wenn auch etwas verbraucht) sind. Als das Römische Reich 395 in eine östliche und westliche Hälfte aufgeteilt wurde (Orient und Okzident) ließ der westliche Teil in seiner Ausbreitung die heutige Form Europas (mehr oder weniger) schon erkennen.

 

In der Zeit der Völkerwanderung blieb das Papsttum als einzige halbwegs verlässliche Machtinstanz übrig. Um 600 wurde aus ihm heraus die Idee geboren, Europa sollte die Heimat des Christentums werden mit Rom als Hauptstadt, wobei allerdings andere Bewohner - wie Juden und Muslime – nicht mitbedacht wurden. Das Vordringen arabischer Stämme von Süden nach Norden wurde 732 militärisch gestoppt mit dem Nebeneffekt, dass die Besiegten begannen, von den „Europäern“ zu sprechen. Bis ungefähr 800 brachte Karl I. („Der Große“) durch seine Expansionspolitik (und durch Zwangstaufen bei den so genannten Heiden) die getrennten Teile der Christenheit in einem ausgedehnten Reich, mit sich selbst als „erhabenem Leuchtturm Europas“, zusammen. In ähnlicher Weise versuchte Otto III. um 1000 wieder ein Christenreich herzustellen, einschließlich der Baltischen Länder, Polens und Ungarns, mit Rom als Hauptstadt. Zweihundert Jahre später setzte Friedrich II. neue Pflöcke für die Außengrenze des Okzidents - ohne Primat der christlichen Kirche und bei mehr Austausch mit fremden Kulturen.

 

Nachdem diese Ideen unter den Fittichen der spätmittelalterlichen christlichen Kirche geschlafen hatten oder darunter versteckt wurden, erfuhren sie bekanntlich eine Wiedergeburt in der Renaissance. Auch die militärische Abwehr gegen die osmanische Expansion, die mit dem Fall von Konstantinopel 1453 virulent wurde und erst mit der glücklichen Verteidigung Wiens 1683 endete, schuf einen gewissen Integrationsprozess zur Festigung der Idee Europas. In dieser Zeit wurden erstmals Ideen zu einem europäischen Recht (Völkerrecht) auf der Grundlage des Vertragsgedankens vorgetragen. Dank Martin Luther setzte sich gleichzeitig die Überzeugung durch, dass der Glaube eine ganz persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen sein sollte. Dennoch versuchten sich Könige und Fürsten wie schon immer so darzustellen, als ob ihnen ihre Macht direkt von Gott selbst gegeben worden sei und sie entscheiden könnten, welche Glaubensrichtung in ihrem Einzugsgebiet toleriert werden kann und welche nicht. (Diese hochfahrende Haltung war auch am Werke, als Europäer die neu entdeckten Ländereien in Amerika, Afrika, Indien und Asien ausbeuteten.) Andererseits trug – auf der Ebene eines dichten, persönlichen Beziehungsnetzes – die Heiratspolitik dieses europäischen Hochadels teilweise zum Entstehen eines europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls bei.

 

Inzwischen wurde die Idee eines allein über die Religion definierten Europas weitgehend aufgegeben. Stattdessen kam in den Hauptstädten der europäischen Nationalstaaten der philosophische Rationalismus (Descartes) auf und die Naturwissenschaften (Erfahrungswissen vor Glauben) breiteten sich in den gebildeten Kreisen (auch im neuen Bürgertum) aus. Dennoch brauchte es noch viele blutige Kriege und eine lange Zeit bis zur Französischen Revolution, 1789, in der die Ideen der Menschenrechte, der Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz ausgerufen wurden und neue politische Verfahren in Gang gesetzt wurden (geheime Wahlen und demokratische, rechtsstaatliche Regierungsformen nach dem Prinzip der Gewaltenteilung). Wie auch immer, in diesem Prozess gegen das Gottesgnadentum der Könige wurden – England und die Niederlande vorneweg – in Europa relativ stabile Nationen als parlamentarische Republiken oder konstitutionelle Monarchien geformt. Im 18. Jahrhundert breiteten sich die Aufklärung und romantische Ideen vom Glücksanspruch so weit aus, dass es Rousseau genügte, „sich als Europäer zu fühlen“. Liberalistische Ideen wurden aber auch weiterhin von religiösen, politischen und ökonomischen Macht-Konservativen bekämpft. Davon unbeschadet gab es im 19. Jahrhundert gute Voraussetzungen für Kapitalinvestitionen, Industrialisierung und eine fortgesetzte Dynamik für materielle Entwicklung, mit Rückwirkungen auf die Wissenschaften, die Technologie und (ein wenig auch) auf die humanistische Kultur.

 

Um 1800 kursierte eine Reihe von Vorschlägen, namentlich von Bentham, Kant oder Saint-Simon, wie souveräne Staaten zum gegenseitigen Vorteil zusammenarbeiten könnten. Sie schlugen eine Föderation freier Staaten auf der Grundlage des Völkerrechts oder eine Körperschaft der europäischen Völker vor, ohne Verlust der eigenen nationalen Unabhängigkeit. Leider aber obsiegten nach dem Durcheinander, das Napoleon angerichtet hatte, die restaurativen Kräfte (seit dem Wiener Kongress, 1815) für viele Dekaden. Obwohl viele Männer, die voraus denken konnten, Vorschläge für eine Art von Europäischer Union machten (Mazzini, Hugo, Proudhon), ließen sich die Realpolitiker davon nicht berühren, sondern zogen eine Entwicklung vor, die in imperialer Konkurrenz letztlich zum Deutsch-Französischen Krieg (1870) und zu Koalitionen führten, die den 1. Weltkrieg nicht verhindern konnten. Jetzt erst, mit Hilfe der US-Amerikaner, die sich in alteuropäische Angelegenheiten eingemischt hatten, wurden der Völkerbund und einige pan-europäische Organisationen gegründet.

 

Inzwischen waren aber, unterstützt durch Schriften von Marx und Engels, sozialistische und kommunistische Bewegungen, nicht zu vergessen auch die der Frauenrechtlerinnen, in ganz Europa entstanden, die bei ihren Anhängern den Internationalismus stärkten. Gleichzeitig formierte und verstärkte sich die kapitalistische Reaktion in menschenverachtenden, faschistischen Regierungen in fast ganz Europa (katholische Staaten des Südens, aber auch Österreich und Ungarn). In Deutschland fiel das Volk in eine fatale Abhängigkeit vom „Führer“, der „europäisch“ an Blutsgemeinschaft (als Heimat der „Arier“) festmachte und der durch den Angriff auf Polen (mit seinen Juden) und auf das slawische Russland, den 2. Weltkrieg verursachte. Nach seiner Beendigung, 1945, wurde Europa durch den „Eisernen Vorhang“ geteilt und bis 1989 in die Zange genommen. Neben einer ungleichen Entwicklung in West und Ost kam es auch zu einer Schwächung der europäischen Position gegenüber den USA, Russland und den asiatischen Großmächten.

 

Immerhin wurde nach dem Krieg der Europäische Rat gegründet (1949), der auch einige andere Vereinigungsorganisationen auslöste wie NATO, EWG, EG -1967 - und schließlich die Europäische Union (EU). In ihr gründeten die Beitrittsländer Institutionen, wie z.B. das Europäische Parlament in Straßburg, die Europäische Kommission in Brüssel und den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Die konföderative Dynamik führte zur gemeinsamen Währung und zur eigentlich abenteuerlichen Einladung an einige ost- oder südost-europäische Länder zu einer nicht nur kulturellen, sondern auch ökonomischen Integration. Übrigens spielen die skandinavischen und baltischen Staaten eine europäische Rolle seit den Zeiten, als die Wikinger getauft wurden (ca. 1000), einige Städte an der Ostsee dem Hanse-Bund als Handelsunion beitraten (um 1300) und sich militärisch mächtig im Dreißigjährigen Krieg engagierten. Beim Bestreben, einige dieser „Ostblockländer“ in die EU zu integrieren, kam es freilich zu Irritationen im Verhältnis mit Russland, das sich nicht östlich abdrängen lassen will.


Entscheidend für den starken Europagedanken nach 1945 war die Vermeidung eines weiteren europäischen Krieges und die Stärkung des Bewusstseins, aus derselben Vergangenheit, Tradition und Wertordnung zu kommen. Dabei wurden auch alte Symbole bemüht (z.B. Aachen und der Karlspreis). Auch die Blockbildung gegen die USA und China sind starke Beweggründe für einen engeren Zusammenschluss. Nur wenn Europa seine Polyphonie bündig zusammengefasst vortragen könnte, hätte es eine Chance im Konzert mit anderen Weltmächten mitzuspielen, die sich noch von der Idee eines großen Imperiums leiten lassen. Andererseits sprechen aufmerksame Beobachter (Sloterdijk) Europa nur dann Erstarkungschancen zu, wenn es Formen des Imperialismus meidet, die nachweislich zu den Weltkriegen geführt haben. Nicht durch Kompaktheit, sondern durch Differenziertheit sollte es versuchen, zum Mitspieler auf der Bühne einer Weltinnenpolitik zu werden.

 

Im Moment sind wir jedoch noch nicht so sehr damit beschäftigt, sondern machen uns Sorgen wegen jener „global players“, die, von keinem Staat mehr kontrollierbar, finanzstärker wurden als jede einzelne Nation oder auch ein Nationenzusammenschluss (reicher auch als die EU?) und so direkt die Menschen-, Geld- und Waren-Märkte und indirekt die Sozialpolitik dominieren. Momentan misstrauen Europäer Ausdrücken wie „global village“, die zu Lasten der regionalen Verwurzelung, einer gewissen sozialen Absicherung und des Wohlfahrtsversprechens gehen, das ihnen von ihren demokratisch gewählten Regierungen bis auf den heutigen Tag gegeben wurde.

 

Europäer wären gut beraten, ihre Geschichte in Erinnerung zu bewahren, weil sie Ideen abwirft, wie man mit neuen Herausforderungen auf eine Art umgehen kann, die begangene Verbrechen und Fehler vermeidet und mit mühsam erprobten, wünschenswerten Traditionen weiterfährt. Eine von diesen Traditionen, so sagt Le Goff, war die auf die Griechen zurückgehende offene Geisteshaltung. Diese Ressource sollte letztlich auch Lösungen finden lassen bei der Suche nach einem neuen, nicht-ausgrenzenden spirituellen Halt und als notwendiges Gegengewicht gegen einen hier grassierenden konsumistischen Materialismus („Ich will alles sofort zum Schnäppchenpreis“), der uns als europäische Menschen schlecht aussehen lässt. Eine Fundamentalisierung des Christentums als Kurzschlussreaktion auf die Bedrohung durch den politischen Islamismus ist wohl nicht mehr wünschenswert; eine Erneuerung unter den Voraussetzungen des beginnenden dritten Jahrtausends wäre beiden Religionen dennoch zu gönnen. Breit genug ist mittlerweile doch das Fundament, auf dem Europa heute seine Stärke außerdem entfalten kann: Das Erbe der Antike, eine lange gemeinsame Geschichte, die Grundideen der Aufklärung, die Menschenrechte und die attraktive Errungenschaft einer freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaatlichkeit.