Alentejo-Wein[1]

 

Portugals Süden ist ganz anders als der Rest des Landes, der sich allerdings für den wichtigsten Teil hält. Dies liegt einmal daran, dass die Landnahme der christlichen Ritterheere im 12. Jahrhundert von Norden her erfolgte und am Widerstand der arabisch-muslimischen Völker im Süden schier erlahmte. Dies liegt vor allem aber auch an der Landschaft selbst, die so wunderbar verschieden ist diesseits des Flusses Tejo und jenseits (alem). An seiner breiten Mündung liegt das faszinierende Lissabon. Wer vom zerklüfteten Norden her kommt, fühlt sich im Altentejo versöhnt durch die Weiten der leicht-welligen Landschaft und verwöhnt vom Licht einer Sonne, die gewissermaßen das Abschalten vergessen hat. Kork- und Stein­eichen, weit verstreut, recken sich ihr ebenso entgegen wie der Wein auf seinen sanft geneigten Anbauflächen; und sie werden von Jahr zu Jahr mehr.

 

Wie aber soll aus solch trockener, von der Hitze oft aufgerissener Erde ein guter Wein kommen, so gut, dass er sogar zum Lieblingswein der Portugiesen aufsteigen konnte? Eine Voraussetzung dafür leuchtet unmittelbar ein, es sind die 3000 Stunden strahlende Sonne pro Jahr zusammen mit einem schon leicht kontinental beeinflussten Klima auf die spanische Grenze zu. Hinzu kommen die kargen, unterschiedlich gemischten Böden (meist sehr alte Tonschiefer und Granite) und v.a. die traditionellen und hier angepassten Rebsorten, die in Sachen Personalität vielen anderen Weinen Europas um eine gute Nase voraus sind. Folgt man den Aussagen des bekanntesten Önologen dieser Region, Paulo Laureano, dann ist man dem Geheimnis der wunderbaren Weinvermehrung bei gesicherter Qualität, dann ist man diesem anhaltenden Markterfolg schon ein Stück näher gekommen. Fast 50 Prozent des in Portugal verkauften Weines wurden im Alentejo erzeugt und abgefüllt. Dieses köstliche, schnell zusprechende Nass zeichnet sich im Allgemeinen durch guten Körper und Struktur, reife Fruchtaromen und runde Tannine aus. Man braucht wirklich kein Wein-Analytiker zu sein, um diese Weine bei Tisch mit Freunden genießen und loben zu können. Nach der Parker-Studie über die Anforderungen des Marktes sollte ihm in der Preisklasse 5 – 8 Euro auch eine gute Zukunft beschieden sein.

 

Natürlich gab und gibt es auch noch die gut nachvollziehbare Tendenzen, den wenig gewinnbringenden Sektor von Ackerbau und Viehzucht nun endlich hinter sich zu lassen und auf den prestigeträchtigeren und momentan einträglicheren Wein-Erfolgszug ohne Plan und Ideen aufzuspringen und dabei die Qualität gering zu achten. In den letzten 10 Jahren hat sich der Verkauf fast verdoppelt, auf dem Markt tummeln sich nun 500 Weinmarken von 150 Erzeugern, 200 davon mit DOC-Etiketten, welche letztere von 70 Weinbauern stammen. Ein großer Schaden ist daraus bis jetzt nicht entstanden, eher ein Vorteil für den Konsumenten, denn die vermehrte Konkurrenz zwingt zur Optimierung der Produktion und sorgt für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Aber man tut sich schwer, aus den vollen Weinregalen auszuwählen.

 

Über die Qualität herrscht streng die CVRA (Commissão Vitivinícola da Região Alentejo) mit ihrem ausgeklügelten Zulassungs- und Kontrollsystem und zwar sowohl über DOC-Weine als auch Regionalweine, die oft nur deswegen keine DOC-Plakette bekommen, weil sie Traubensorten verwenden, die in der Region (mit insgesamt 22.000 Hektar Weinanbaufläche) und ihren acht Subregionen offiziell nicht zugelassen sind. Dass die DOC-Kriterien behutsam ausgedehnt werden (müssen), steht auf einem anderen Blatt; die Syrah-Traube wurde inzwischen hier zugelassen. Schon vor der Ernte erscheinen spezialisierte Techniker als Kontrolleure, erfassen das Terroir, den Mindestalkoholgehalt (was aber hier nie zu Problemen führt) und das Produktionsvolumen. Letzteres liegt bei Rotwein bei 50 Hektoliter (ca. 7.35 t) pro Hektar, bei Weißwein 60 Hektoliter (ca. 8 t). Nach der Vinifizierung werden von jedem Tank Proben gezogen, die anonymisiert und an sieben verschiedene Labors gesandt werden. Die Gütesiegel werden dann entsprechend der vorbestimmten Erzeugungsmenge verschickt. Vom verkauften Wein werden stichprobenweise ebenfalls noch Proben genommen, um sie mit dem ursprünglichen Wein zu vergleichen. Da überlegt man sich schon, ob man den Wein im Ausbau noch besonders frisieren möchte.

 

Früher kamen je hälftig Rotwein- und Weißweintrauben in die Kelter. Heute hat sich – wohl nur aus modischen Gründen und wegen lancierter Gesundheitsgerüchte, Rotwein sei gut fürs Herz – das Verhältnis zu Gunsten des Rotweins – wohl nur vorübergehend - verändert (70 %). Wesentlicher als diese Fragen, sind solche nach den Traubensorten, die vermostet werden. Die von manchen als misslich empfundene „Demokratisierung des Weingeschmacks“ ist auch im Alentejo angekommen. Da aber der Alentejo-Wein schon vorher bei den Weintrinkern gut angekommen ist, braucht man hier nur noch die Individualität der hier verwendeten Traubensorten beibehalten. Der Präsident der CVRA, Joaquim Madeira, hat es leicht, mit dem Geschmack seiner Kundschaft zu gehen, so weit eben, dass man dabei nicht das „Rückgrat verlieren“ muss, den besonderen Charakter des Alentejo-Weins.

 

Auch hier werden inzwischen Touriga Nacional, Alicante Bouschet u.a. eher für Mittel- und Nordportugal typische Rebsorten gepflanzt (ebenso die importierte Syrahvarietät). Doch für den genuinen Charakter des Rotweins im Alentejo sorgen vor allem die folgenden Rebsorten:

 

Bodenständige Rebsorte

Äußere Beschreibung

Besondere Eigenschaften

Periquita

(Bezeichnung im Süden üblich, im Norden eher Castelão Francês)

Frühreife Sorte (erste Septemberhälfte). Sehr kleine, pyramidal geformteTrauben mit klein-variierenden schwarz-blauen Beeren. Fruchtfleisch nicht farbig.

Bevorzugte Sorte im Alentejo (mit Ausnahme von Granja /Amareleja). Gibt wenig Farbe, aber viel fruchtiges Aroma, macht den Wein glatt und geschmeidig. Manchmal entwickeln sich goutierbare „Wildaromen“.

Trincadeira

(im Norden: Tinta Amarela)

Austrieb in der zweiten Märzhälfte, trotzdem frühreif. Fäulnisanfällig, aber auch trockenresistent. Braucht besonderen Beschnitt. Große, konisch-längliche Trauben. Runde, kleine, dickschalige schwarz-blaue Beeren.

Zweithäufigste, auch ertragreiche Rebsorte im nördlichen und mittleren Alentejo. Gibt als ehemalige Portweintraube intensive Farbe, fruchtig-kräuteriges Aroma, reiche Tannine.

Aragonêz

(im Douro-Tal: Tinta Roriz, in Spanien: Tempranillo)

Austrieb in der zweiten Märzhälfte, Ernte Anfang September. Würde schnell überreif werden. Wuchs ungefähr wie Trincadeira. Wird im Alentejo gerne reinsortig im Barrique ausgebaut.

Durch verbesserte Weinstöcke im nördlichen und mittleren Alentejo gewonnen. Bringt Frische und volles Aroma in den Wein (wie Cabernet Sauvignon, aber mit weniger Alkoholgehalt). Genügend dunkle Farbe und Tannine.  

Moreto

Spätreifende, ertragreiche Sorte mit wenig Zucker, wird also zuletzt geerntet.

Sehr häufig im Gebiet Granja/Amarelejo, aber auch im mittleren bis südlichen Altentejo. Nie reinsortig, wird immer mit anderen Sorten vermischt.

Alfrocheiro

Einfache portugiesische Rebsorte

für den Verschnitt geeignet, da sie kräftige Farbe und Intensität gibt.

 

Weißwein-Traubensorten (kann ausgelassen werden)

 

Bodenständige Rebsorte

Äußere Beschreibung

Besondere Eigenschaften

Roupeiro

Schnitt in der zweiten Märzhälfte, Ernte in der ersten Septemberhälfte. Kleine länglich-pyramidale Trauben, einheitlich kleine Beeren, gelb und etwas getüpfelt.

Am meisten verbreitete Traubensorte im Alentejo, obwohl eher wenig ertragreich.  Junge, hellfarbene Weine fein-aromatisch,  mit Zitrustönen.

Rabo de Ovelha

Beschneidung in der zweiten März-hälfte, Ernte in der zweiten Septemberhälfte. Große Blätter. Mittlere Traubengröße, schafschwanzartig. Kleine Beeren.

Zweithäufigste Weißweintraube im mittleren Alentejo. Produktion verläuft oft irregulär. Ergibt viel Most, weniger fruchtig, leicht säuerlich.

Antão Vaz

Beschnitt zweite Märzhälfte, Reife zweite Septemberhälfte. Hitze- und dürrevbeständig. Mittlere Traube, sehr kleine Beeren.

Liebling der Önologen. Zweitwichtigste Sorte um Evora und bei Vidigueira.. Ergibt strohgelben bis zitrusfarbenen, frischen Wein, körperreich und harmonisch im Gaumen.

Perrum

Nicht so häufig. Unzuverlässig in der Produktion, doch resistent gegen Schädlinge. Gibt gute Zitrusfarbe, fruchtigen und nachhaltigen Geschmack.

Arinto

Später Beschnitt in der letzten Märzwoche

Bislang noch relativ selten mit ansteigender Tendenz, v.a. bei Évora. Ergibt komplexe Weine mit ausgeprägter Säure und Spritzigkeit; wird deshalb gerne anderen Sorten hinzugefügt.

 

Paulo Laureano, Berater vieler Weinerzeuger im Alentejo, wirkt ebenfalls sehr engagiert in die Richtung, sich von der Mengenproduktion nicht berauschen zu lassen, sondern immer wieder nach Ideen zu suchen, wie man aus der Kombination von Klima, Terroir und Traubensorte vor Ort etwas Einmaliges schaffen kann. Er bläut seinen Klienten den Satz ein, die Produktion selbst sei nur ein Teil der Weinerzeugung. Ohne Zielsetzung, kreativem Plan und leidenschaftlichem Einsatz komme nichts einmalig Gutes heraus.

 

Was im guten Fall herauskommen kann, zeigen zwei stichprobenartige Besuche, die wir im Januar 2006 im südlichsten Alentejo zwei familienbetriebenen Adegas abgestattet haben, die von sich Reden machten. Die Herdade de Malhadinha Nova wurde angesteuert, nachdem bekannt wurde, dass ihr dono, Sr. Soares, nicht nur konsequent auf den Önotourismus setzt, sondern im Herbst 2005 auch bei der „International Wine Challenge“ in London zu glänzen wusste. Die zweite Adega, auf der Herdade Paço do Conde, schon dicht am Guadiana-Fluss und ebenfalls sehr weit im Süden, ist gerade mit ihrem ersten Wein auf den Markt gekommen. Ein guter Moment, um zu vergleichen, denn die Bedingungen sind ähnlich. Man hätte aber ebenso gute Erfahrungen in der Casa Agricola de Santos Jorge, bei Francisco Nunes Garcia oder beim dänisch-californischen Winzerpaar Jorgensen in Cortes de Cima machen können – um nur einige zu erwähnen. Gerade die Erzeugnisse der letztgenannten Adega bei Vidigueira sind umwerfend gut und werden international stark nachgefragt. Insgesamt herrscht in der für Weinanbau früher untypischen Provinz Alentejo eine Aufbruchstimmung wie einst in California. Der Pionier für die qualitative Verbesserung und geschmackliche Neuausrichtung der Weingewinnung im Alentejo war João Portugal Ramos. Alle seine Weine sind kraftvoll und dennoch weich, haben Finesse und gute Fruchtaromen. Neuer Standard sind nun sein „Marquês de Borba“ (auch als hochpreisiger Reserva) und sortenreine Weine. Sehen wir zu, was die Nachahmer zustande bringen…

 

Degustationen bei zwei neu gegründeten Weinherstellern

 

Die Eigentümerfamilie der Herdade da Malhadinha Nova, ist von der Weinkultur seit längerem so eingenommen, dass selbst schon die Kinder auf sympathische Art zur Verzierung der Etiketten beitragen dürfen. Dass Matildes witzige Kuh aufs Weinetikett kam, ist gar nicht mal als so verkehrt anzusehen, da die Produktions-Philosophie auf eine Integration einiger weiterer landwirtschaftlicher Elemente zielt, wie z.B. reinrassige Alentejano-Rinder, die typischen Schwarzen Schweine, Pferde, Schafe, Ziegen und Truthähne. Zur Ernährung des zertifizierten Viehs wurden eigene Futterwiesen angelegt und aus einem großen Wasserteich, in dem natürlich auch Fische geangelt werden können, bewässert. Von Olivenkulturen wäre noch zu reden, doch soll hier eine Konzentration auf den Wein erfolgen, mit dem die Herdade da Malhadinha Nova in London bei der International Wine Challenge 2005 über Blind-Tests zur Auszeichnung „Bester Portugiesischer Rotwein in der Klasse der jüngeren Weingüter“ kam. Den „Malhadinha 2004“ konnten wir nicht mehr verkosten, da er schon im November desselben Jahres ausverkauft war. Was uns blieb, war mit Hilfe des californien-kundigen, jungen Kellermeisters Pedro Garcia noch erstaunlich genug, selbst wenn die Degustation nach ausgiebiger Durchstreifung der zwar großen aber eben auch nicht überdimensionierten, sanft abfallenden Weinhänge an der zu kühlen Präsentation der Rotweine litt – der einzige Punkt, den wir als nicht perfekt registrieren konnten.

 

Der Monte de „Peceguina 2004“ ist ein Wein, dem man hinsichtlich seiner Jugend schon mal gar nichts nachsagen musste, was ja typisch ist für eine Reihe alentejanischer Weine. Wunderbare Farbe, ein ausgesprochen fruchtiges Buket und ein ausgeglichenes Verhältnis von Weichheit und Struktur zeichnen ihn aus (20 €). Der sehr eigene „Aragonêz da Peceguina 2004“ ließ selbst in unterkühltem Zustand tiefgründige Aromen anklingen, was bei längerer Lagerung und gerechter Temperierung zu großen Erwartungen berechtigt. Handgelesen, frisch eingegeben, fußgestampft, 10 Monate in neuen französischen Eichenfässern gelagert – das merkt man den Produkten eben schon an. (16 € in der Normalflasche). Und es gab in gewisser Hinsicht noch eine Steigerung in Gestalt des „Pequeno João 2004“, klein nicht deshalb, weil er in Halb- (20 €), Ganz- und Eineinhalb-Literflaschen zu haben ist, sondern nach dem erstgeborenen Sohn der neuen Generation in der Winzerfamilie. Dieser Wein bezaubert – neben anderem – durch seinen wirklich einmalig intensiven und langandauernden Abgang. Für diesen seltenen Sinnengenuss ist ein glückliches Verhältnis von Aragonês und Cabernet Sauvignon – wieder neben anderem – verantwortlich. Die kargen Böden hier geben eigentlich wenig her, aber was sich dabei z.B. in der Traubenschale konzentriert, ist enorm. Noch nie haben wir, wie hier, das absolute Bekenntnis zur Qualität und zur „Weinpersönlichkeit“ so vehement umgesetzt erlebt. Und dass eine Adega so sauber sein soll, dass sie nicht nach Wein riecht, das nahmen wir als Richtschnur mit.

 

Die Herdade Paço do Conde im östlich von Beja gelegenen Baleizão hat mit der vorbesprochenen Herdade gemeinsam, dass die jetzt wieder in Anspruch genommenen Böden seit bald 50 Jahren brach liegen. Das soll Vorteile bieten, versetzt die Weinbauer jedenfalls aber in Pionierstimmung. In dieser trafen wir den Chef des Familienbetriebes, Sr. Castelo Branco, mit seinem Öno-Techniker auch an. Was hier mit Hilfe des Beraters Rui Reguinga binnen drei Jahren „aus dem Boden gezogen“ wurde, erstaunt sehr. Neben einem fruchtig-trockenen Weißwein, der gut als Begleiter zum Fisch geeignet erscheint, wurde uns der „Herdade de Albernoas 2004“ angeboten, der eine überraschend reiche Nase aufweist, danach auf der Zunge jedoch eher wieder zu einer gewissen Herbheit zurückkehrt (2,50 €). Der „Paço do Conde 2004“ zeigt einen eigenen Charakter, der seine Kanten durch ein Jahr lagern noch verlieren wird (3,50 €). Dort schon angelangt ist das derzeitige Spitzengewächs, die „Herdade Paço do Conde Reserva 2003“ unter hauptsächlicher Verwendung von Syrah und Touriga National mit kleineren Anteilen Aragonêz und Cabernet Souvignon (9 €; alle Preise stellen ein sehr günstiges Preis-Leistungsverhältnis her!)

 

Die besuchten Winzer, die neu auf den Markt gekommen sind, geben gerne zu, dass die Weingewinnung und der Ausbau von allen Mitbewerbern in technologischer Hinsicht ungefähr gleich, nämlich auf hohem, aktuellen Stand erfolgen: Vorsichtige Pressung, Bewegung der Maische bei optimierter Temperatur in Inox-Behältern usw. Was weniger gut kontrollierbar ist, wo es Spielraum oder besser gesagt, das Glück des Tüchtigen gibt, sind die gesunde und reife Qualität des Inputs, der Weintrauben, wie sie von den Rebstöcken geschnitten werden. Unterschiede, die sich letztlich auch im Preisniveau widerspiegeln müssen, entstehen weiter bei den Fragen: Handlese vs. Maschinenlese, Unmittelbarkeit, mit der die Trauben auf das Leseband kommen (oder gleich in die Vermaischung), Schonung bei der Pressung und am Ende noch die Güte der teuren Eichen-Fässer für die Lagerung. Im oft höllisch heißen Alentejo-September (oft über40° C!) muss vor allem auch auf die Wärmeisolierung in den Lagerhallen geachtet werden. Wässern und Düngen ist bei beiden Adegas notwendig, jedoch nicht, wie uns versichert wurde, um die Trauben hochzuziehen, sondern für die Aufrechterhaltung ihres guten Zustandes bei trockenen, kargen Böden. Sorgen machte uns auf der Rückfahrt nur noch die Tendenz der hiesigen Weinbauer, eher höhere Alkoholgrade (bis 15% vol) zu akzeptieren als ihre Weintrauben vor der vollen Reife zu ernten, was ja auch jammerschade wäre. Geschickt gemacht und nicht zu warm getrunken, sind die Alkohole zwar gut versteckt, dennoch würden wir uns mit weniger davon wohler fühlen. 

 

Liebhaber des fruchtig-eleganten und körperreichen Alentejo-Weines, den man immer auch schon jung trinken kann, nehmen sich am besten nacheinander jedes Jahr eine der önotouristischen Teilstrecken vor.[2] Man kann ruhig mit dem bislang am wenigsten bekannten Süden beginnen, da hier die Bedingungen für die Weinbaukunst optimal sind: Einmalig gute klimatisch-geographische Bedingungen zusammen mit Weinkünstlern, die im Sinne von Paulo Laureano zu arbeiten scheinen. Genossenschaften, in deren Händen der Weinbau früher lag, sind nicht mehr viele anzutreffen. Auf jeder einer solchen Route wird man auf Spitzenweine treffen, die den internationalen Vergleich in keiner Weise zu scheuen brauchen.

 

Zu den alteingeführten Spitzenweinen zählen z.B. die von Borba („Montes Claros Reserva“), Estremoz (z.B. ein reintraubiger Touriga Nacional als „Encostas de Estremoz“ von Vinhos D. Joana), Evora („Cartuxa“ oder der sehr seltene „Pera-Manca“ von der Fundação E.A.) Ein Seitensprung nach Westen, in den Distrikt Setúbla, lässt uns auch vom „Periquita“ von José Maria de Fonseca schwärmen. Weiter nördlich in Portel wird der barfüßig gestampfte „Mouchão“ erzeugt. Und wer nach dieser Besprechung gar nicht mehr weiß, was er nehmen soll, der erstehe sich zum Einstieg eine Flasche „Esporão“ (und eventuell gleich eine Reserva davon dazu). Damit ist nichts falsch gemacht, aber das Interesse praktisch geweckt. Liebesbeziehung nicht ausgeschlossen.

 

Volker.Gold@t-online.de



[1] Dieser Bericht fußt im Wesentlichen auf einem Aufsatz von Susana Ferreira „venha daí beber um copo“ in Mais Alentejo, p. 043-062, Nov. 2005 und eigenen Recherchen des Verfassers vor Ort.

[2] Eine Handreichung dafür stellt auch der Meininger Einkaufsführer dar, „Weine und Winzer aus dem Alentejo“, 2005 erschienen. In dieser Broschüre sind die Weingüter nach diesen drei Routen aufgeteilt.